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Astrid von Sichart: Resilienz bei Paaren

Cover Astrid von Sichart: Resilienz bei Paaren. Empirische Rekonstruktion der Krisenbewältigung auf der Grundlage von Paargesprächen und Fotos. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 290 Seiten. ISBN 978-3-8474-0165-0. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Autorin

Astrid von Sichart, Jahrgang 1957 ist Beraterin und Therapeutin. Sie studierte Pädagogik und Psychologie in Tübingen und Paris. Weiterbildungen in Systemischer Beratung, Hypnotherapie und Aufstellungsarbeit. Ab 1984 arbeitete sie als Familientherapeutin in einer Beratungsstelle, später auch als Therapeutin in eigener Praxis. Seit 1990 ist sie tätig v.a. in Coaching, Führungskräfteentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen, Teamentwicklung und Kommunikationstraining.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand als Dissertation im Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie an der freien Universität Berlin. Begleitet wurde die Arbeit von Ralf Bohnsack, einem ausgewiesenen Experten der dokumentarischen Methode.

Fragestellung und Methode

In der qualitativen empirischen Untersuchung geht die Autorin der Frage nach, wie Paare mittels eigener Ressourcen ohne therapeutische Hilfe Krisen überwinden. Dazu werden typische „habituelle Resilienzmuster“ herausgearbeitet.

Das Sample sind 10 Paare, die mindestens 20 Jahre zusammenlebten und keine gemeinsame Paartherapie gemacht haben. Zur maximalen Variation wurden zwei Gruppen kontrastiert: Erstens Paare im Alter um die 80 Jahre, die fast 60 Jahre zusammen waren und zweitens Paare um die 60, die etwa 30 Jahre zusammengelebt haben. Alle Paare stammten aus dem Akademiker- oder Handwerkermilieu.

Die Datengrundlage bilden Interviews mit den Paaren und Fotos, die das Paar jeweils während und nach der Krise zeigen. Das Material wurde mit der dokumentarischen Methode ausgewertet, einer Methode, die in der Tradition der Wissenssoziologie von Karl Mannheim steht.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung entwickelt die Fragestellung im Kontext der gegenwärtigen Forschungslage. Diese wird im ersten Kapitel detailliert beschrieben, insbesondere aus familiensoziologischer Perspektive. Die Autorin stellt u.a. fest, dass Paarforschung im deutschsprachigen, im Unterschied zum angloamerikanischen Raum, bislang wenig entwickelt ist. Die wenigen Untersuchungen, die bislang vorliegen, sind problemorientiert. Deshalb möchte sie in ihrer Untersuchung eine ressourcenorientierte Perspektive einnehmen.

Im 3. Kapitel wird die dokumentarische Methode und die 7schrittige Analyse nachvollziehbar dargestellt. Hier kann man tatsächlich anschaulich lernen, wie die dokumentarische Methode angewendet wird.

Das vierte Kapitel porträtiert die sechs Paare, die bei der Auswertung berücksichtigt wurden. Dabei stehen im Fokus vor allem die Orientierung während der Krisenbewältigung, die Orientierung in der Zeit nach der Krise und die Zusammenfassung der habituellen Resilienzmuster.

Das fünfte Kapitel enthält den Kern der Auswertung, hier wird die sinngenetische Typenbildung vorgenommen.

Im 6. Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst, Impulse gegeben für die Weiterentwicklung der dokumentarischen Methode im Feld der Beratung und Therapie und Anregungen herausgearbeitet für die Professionalisierung von Beratung und Supervision.

Ergebnisse

Aus dem Material rekonstruiert die Autorin drei Resilienztypen. Jeweils zwei Paare werden einem dieser drei Typen zugeordnet.

  1. Der erste Typ orientiert sich an einer Beziehungsordnung: es wird im „antithetischen Modus“ gerungen um Nähe und Distanz, Zuwendung und Normalitätsvorstellungen.
  2. Der zweite Typ orientiert sich an Normalität, Leitdifferenz „vernünftig“ versus „verrückt“. Krisen werden minimiert und im Vordergrund stehen Erzählungen über gelingendes Leben. Hier fühlt man sich als Systemiker unwillkürlich erinnert an das Sprechen über Lösungen, problemfreie Zeiten und Ausnahmen. Es herrscht ein „univokaler Diskurs“ vor, d.h. diese Paare sprechen „wie mit einer Stimme“.
  3. Der dritte Resilienztyp orientiert sich an familiären Generationszusammenhängen. Der Diskursmodus ist häufig divergent. Die Zeit nach der Krise ist gekennzeichnet durch eine „Sphärentrennung“, d.h. jeder Partner hat einen Bereich, für den er „zuständig“ ist.

Diskussion

Ausgewertet wurde nur das Material von 6 der 10 Paare. Vier zeigten den „Habitus der Nichtrealisation von Schwierigkeiten“ (S. 93) und blieben deshalb unberücksichtigt. Das finde ich schade, denn es könnte durchaus sein, dass in diesem Muster eine wichtige Form des (möglicherweise erfolgreichen) Umgangs mit Konflikten liegt. Sie genauer zu betrachten wäre sicher spannend gewesen.

Die habituellen Resilienztypen werden sorgfältig aus dem Interviewmaterial entwickelt und jeweils mit entsprechenden Textpassagen illustriert. Die Trianglulation mit Fotos ist eine interessante Idee, allerdings überzeugt mich die Analyse der Fotos persönlich weniger. Sie erscheint mir oft willkürlich, artifiziell und „an den Haaren herbeigezogen“.

Die „Impulse für die Professionalisierung von Beratung“ (Kapitel 6.2.3, S. 270 – 274), wo die Autorin aus ihrer Untersuchung Konsequenzen für die Beratungspraxis, insbesondere für die Supervision, ableitet, bleiben recht allgemein. Sie sind aus meiner Sicht sehr abstrakt und wenig „griffig“.

Fazit

Wer interessiert daran ist, etwas über qualitative Sozialforschung und insbesondere die dokumentarische Methode zu lernen, wird hier sicher eine Fülle von Anregungen finden. Wer Ideen sucht für die therapeutische oder beraterische Praxis, wird vermutlich eher enttäuscht sein oder das Buch bereits nach dem ersten Durchblättern weglegen.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung


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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 24.03.2017 zu: Astrid von Sichart: Resilienz bei Paaren. Empirische Rekonstruktion der Krisenbewältigung auf der Grundlage von Paargesprächen und Fotos. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0165-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22188.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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