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Lalenia Zizek: Von der Partnerschaft zur Elternschaft (...)

Cover Lalenia Zizek: Von der Partnerschaft zur Elternschaft - Elternwerden als Lebenslaufkrise. Eine mikroanalytische Untersuchung. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 137 Seiten. ISBN 978-3-86388-700-1. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Die Autorin beschäftigt sich mit dem Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft als Lebenslaufkrise. Auf Grundlage verschiedener Theorien werden Interviews mit zwei Paaren und einer Einzelperson bezüglich derer angewandten Ressourcen zur Überwindung der Krise des Elternwerdens analysiert.

Autorin

Die Autorin Dr. Lalenia Zizek ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und lebt in Frankfurt am Main.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Rahmen der Dissertation der Autorin entstanden.

Aufbau

Nach der Einleitung geht die Autorin in Kapitel 2 auf Fragestellung, Heuristik, Forschungsstand und methodische Reflexion ein. In Kapitel 3 analysiert sie drei von ihr untersuchte Fälle (zwei heterosexuelle Paare und eine Frau). Im folgenden Kapitel 4 transferiert Zizek ihre Analyseergebnisse auf die Theorie der Objektiven Probleme und den individuellen Umgang mit dem Übergang von der Dyade zur Triade. Zuletzt fasst sie in Kapitel 5 ihre Ergebnisse zusammen.

Inhalt

Zizek beschreibt in der Einleitung die Relevanz ihrer qualitativen Untersuchung zum einen auf Grundlage der sich ändernden Ausgestaltung von Familienplanung heutzutage, die vor allem für Frauen eine zusätzliche Belastung im Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft darstellt (10 f.). Zum anderen wurden zu der Frage der Bewältigung des Übergangs von der Partnerschaft zur Elternschaft bisher keine rekonstruktiv-qualitativen, prozessorientierten Untersuchungen vorgenommen. Eine Leerstelle, die Zizek mit ihrer Arbeit füllt.

Im zweiten Kapitel führt die Autorin den Begriff des objektiven Problems in Anlehnung an Ulrich Oevermann ein (12 f.), um spezifische Probleme des Übergangs von der Partnerschaft zur Elternschaft zu benennen, die nicht auf die subjektive Wahrnehmung der einzelnen befragten Personen bezogen werden können. Auf Grundlage der ermittelten objektiven Probleme will Zizek den konkreten individuellen Umgang der Paare und der Einzelperson in Abgrenzung zu den anderen Befragten darstellen und auf den Grad der Angemessenheit untersuchen (13). Als dritten Fokus ihrer Untersuchung benennt sie die Potentiale und Ressourcen der konkreten Praxen (14). Die Autorin definiert den Prozess des Übergangs und der Aneignung der Elternschaft als subjektive Krise und damit als eine veränderte Situation aufgrund derer Handlungsentscheidungen getroffen werden müssen (15 f.). Die Familie wird in ihrer Arbeit im Sinne der strukturtheoretischen Familiensoziologie als eine Beziehungsform verstanden, die von innen anhand ihrer spezifischen Beziehungsqualität definiert wird (16). Ihr Fokus liegt dabei auf der Kernfamilie als diffuser Sozialbeziehung (25). Um Potentiale und Ressourcen der Befragten zu benennen und zu vergleichen, zieht Zizek die Kapitaltheorie Bourdieus heran und ergänzt diese um eine weitere Art, die des leiblich-gesundheitlichen Kapitals (27 f.).

Um neben Schwangerschaft und Geburt einen darüber hinausgehenden zeitlichen Bereich in den Blick nehmen zu können, entwirft die Autorin das Modell der Entzerrung der Aneignung von Elternschaft (29 ff.). Diese Entzerrung verhandelt sie im anschließenden Punkt auch vor dem Hintergrund von Bewährungsfeldern oder -bereichen, die häufig chronologisiert werden sollen – im Sinne der Abfolge Studium, Karriere, Kind. Im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft kann dieser Anspruch Auslöser für eine stärkere Krise sein, wenn diese nicht gut integriert werden kann (31 f.).

Zizek hat sechs Fälle in Form von narrativen Interviews während der Schwangerschaft und nach der Geburt befragt. Drei dieser Fälle hat sie auf Grund deren inhaltlichen Gehalts zur Analyse ausgewählt. Das Material hat sie mit dem Verfahren der objektiven Hermeneutik analysiert und den Beginn der Interviews einer Sequenzanalyse unterzogen. Der Anspruch der Autorin bei der Analyse war, die Modellbildung aus der empirischen Analyse hervorgehen zu lassen (46).

In Kapitel 3 folgt die Darstellung der Sequenzanalysen sowie der darüber hinausgehenden Analyse anhand der objektiven Hermeneutik.

In Kapitel 4 kontrastiert die Autorin die Ergebnisse ihrer Analyse auf eine theoretische Modellbildung hin. Bezogen auf den Umgang mit dem Übergang zur Elternschaft stellt Zizek zusammenfassend fest, dass „es eine Rolle spielt, inwiefern das Paar oder der einzelne werdende Elternteil eine Bereitschaft aufbringen kann, gewohnte Routinen zu verlassen und sich der Offenheit hinzugeben, die diese Krise des Elternwerdens mit sich bringt.“ (120) Sie ordnet in Folge die analysierten Fälle auf einer Skala des reflexiven Umgangs mit dem Übergang zur Elternschaft ein, wobei erhöhte Reflexivität auch eine stärkere Ressource für den Umgang darstellt (ebd.).

Folgend werden die vier von Zizek ermittelten objektiven Probleme anhand der untersuchten Fälle beschrieben, es handelt sich um:

  • die Neuorganisation des Generationenverhältnisses (121 ff.)
  • die Leiblichkeit (124 ff.)
  • die Neuorganisation der Lebens- und Bewährungsbereiche (126 ff.) und
  • die Präsenz des Kindes als eines manifesten Dritten (129 ff.)

In Kapitel 5 stellt die Autorin eine theoretisch verdichtete Zusammenfassung ihrer Ergebnisse dar. In Anlehnung an Bourdieus Kapitaltheorie sieht sie die Ressourcen werdender Eltern als individuelle, fallspezifische Kapitalstruktur an. Eine negative Kapitalstruktur belastet die Beziehungspraxis werdender Eltern (131). Wobei die Qualität der Beziehungspraxis als Kernbedingung für die Aneignung von Elternschaft beschrieben wird, besonders weil die Schwangerschaft und Elternschaft diese Praxis erheblich belastet (131). Dieser Belastung hält eine Beziehung nach Zizek dann stand, wenn „sie in den Strukturmerkmalen diffuser Sozialbeziehung (Affektivität, Vertrauen, Leiblichkeit und dem utopischen Charakter der Unkündbarkeit) lebendig ist“ (131).

Diskussion und Fazit

Das Buch „Von der Partnerschaft zur Elternschaft – Elternwerden als Lebenslaufkrise“ zeichnet sich dadurch aus, dass es anhand qualitativer Interviews sehr lebensweltnah die Herausforderungen und den Umgang mit dem Übergang zur Elternschaft analysiert. Mit dem von der Autorin entwickelten Modell der objektiven Probleme stellt es gleichzeitig allgemeine Rückschlüsse auf diese Lebenslaufkrise dar.

Die Auswahl der Befragten nimmt mit einer alleinerziehenden, sozial benachteiligten Frau, einem Studierendenpaar und einem Paar aus der Mittelschicht bereits verschiedene Familienmodelle in den Blick. Aus Sicht der Rezensentin wäre es interessant gewesen, die Auswahl noch intersektioneller zu gestalten und beispielsweise queere Personen, Personen mit Beeinträchtigungen oder people of color mit einzubeziehen, um den Ansatz der objektiven Probleme durch die größere Vielfalt der Ausgangssituationen zu rechtfertigen.

Das Buch bietet eine gute Grundlage, um sich mit dem Thema des Übergangs zur Elternschaft auseinanderzusetzen. Es könnte einen Ausgangspunkt darstellen, Handlungsmöglichkeiten für professionelle Unterstützungssysteme (Familienhebammen, Sozialarbeiter_innen) herauszuarbeiten oder auch auf einer gesellschaftskritischen Ebene Geschlechterverhältnisse und Aufteilung von Care-Arbeit zu kritisieren.


Rezensentin
Esther Stahl
M.A. Angewandte Sexualwissenschaft
> Lehrkraft für besondere Aufgaben, Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Esther Stahl. Rezension vom 21.07.2017 zu: Lalenia Zizek: Von der Partnerschaft zur Elternschaft - Elternwerden als Lebenslaufkrise. Eine mikroanalytische Untersuchung. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-86388-700-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22191.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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