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Daniela Neumann: Das Ehrenamt nutzen

Cover Daniela Neumann: Das Ehrenamt nutzen. Zur Entstehung einer staatlichen Engagementpolitik in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2016. 504 Seiten. ISBN 978-3-8376-3278-1. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Das Buch untersucht die politische Debatte zum Ehrenamt und wie diese zu einer staatlichen Engagementpolitik geführt hat.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk stellt die geringfügig überarbeitete Dissertation von Daniela Neumann dar.

Aufbau

Das Buch hat zwei Teile, die jeweils durch lange Theoriekapitel eingeleitet werden und auf den gleichen Quellenbestand zurückgreifen. Der erste Teil ist eine Diskursanalyse, der zweite Teil will die Umsetzung der Diskurse in die Politik untersuchen.

Mit diesem voluminösen Buch (ca. 500 Seiten) will die Autorin zwei Fragen beantworten, nämlich:

  1. Wie hat sich das freiwillige Engagement in den letzten drei Jahrzehnten gewandelt? und
  2. Wie ist dieser Wandel zu erklären?

Um diese Fragen zu beantworten, wird zunächst eine Diskursanalyse durchgeführt und danach eine Hegemonieanalyse.

Zu 1.

Zunächst wird dargelegt, dass sich freiwilliges Engagement von einem wissenschaftlichen Randthema zu einem viel diskutierten Forschungsphänomen und von einem Thema der Lokalpresse zu einem eigenständigen Politikfeld der Bundespolitik entwickelt hat. Zwischen 1985 und 2009 hat sich ein umfassender Deutungswandel des freiwilligen Engagements ergeben, der zugleich zu institutionellen Veränderungen der Engagementförderung geführt hat. Methodisch soll dieser Wandel mit Hilfe von Gouvermentalistäts-, Diskurs- und Hegemonietheorien (Foucault, Laclau, Mouffe) untersucht werden, deren Grundlage im zweiten Kapitel vorgestellt werden. Das dritte Kapitel, das sich dem ersten Schritt des eigenen methodischen Vorgehens widmet, erläutert die diskursanalytische Herangehensweise, die sich auf einen Textkorpus von ca. 800 Textdokumenten aus Tageszeitungen, Zeitschriften und politischen Publikationen (z. B. Bundestagsdebatten, Kommissionsberichte, Verbandspublikationen) stützt.

Durch den gouvernementalitätstheoretischen Zugriff soll neben der Fremdregierung auch die Selbstregierung der Subjekte in den Blick kommen. Allerdings weist Neumann auch auf die Gefahr hin, dass Gouvernementalitätsstudien zu einer theoretischen Gleichschaltung von Programm und Praxis neigen.

Als Ausgangspunkt der Untersuchung wird der Text „Die zivile Bürgergesellschaft“ von Gerhard Schröder gewählt, der einen zentralen Referenztext für diese Debatte darstellt. Nach diesen Präliminarien werden ab S. 119 im 4. Kapitel die wesentlichen Ergebnisse der Diskursanalyse vorgestellt, die in drei „Storylines“ präsentiert werden, nämlich der Storyline „traditionelles Ehrenamt“ (die als Hintergrundfolie und Ausgangspunkt des Wandels beschrieben wird), der Storyline „Selbstverwirklichung statt Amt und Ehre“ und der Storyline „Freiwilligkeit als gesellschaftliche Produktivitätsressource“.

Zentral ist die Darstellung der letzten Storyline, die mit der Entstehung der staatlichen Engagementpolitik verknüpft wird. Die Storyline „Traditionelles Ehrenamt“ konzentriert sich auf die Wohlfahrtsverbände und die sozialen Milieus, deren Bindungskraft für Freiwillige als immer mehr verschwindend dargestellt wird. Stattdessen trete sei den 1980er Jahren zunehmend die Storyline „Selbstverwirklichung statt Amt und Ehre“ auf, die sich in einer Zunahme an Engagement (neues Ehrenamt) in Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen etc. manifestiere und mit Spaß, Autonomie und Kreativität verbunden sei. Dem Engagement werde auch eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben, so dass dem freiwilligen Engagement einen erheblichen Wert für den individuellen Lebensweg zukomme. Seit Anfang der 1990er Jahre machten Verbände und Freiwilligenorganisationen darauf aufmerksam, dass engagementförderliche Rahmenbedingungen notwendig seien. „Es setzt sich seit Ende der 1980er Jahre folglich zunehmend die Einsicht durch, dass sich Menschen immer weniger aus religiösen Gründen oder aufgrund einer bestimmten Milieubindung engagieren. Zu den zentralen Triebkräften für freiwilliges Engagement zählen stattdessen idealistische Zielsetzungen, wie etwa der Schutz der Umwelt, oder persönliche Probleme […]“ (S. 134). Aufbauend auf dieser Storyline entstehe seit 1994 die Storyline „Freiwilligkeit als gesellschaftliche Produktivitätsressource“.

Diese wird kontextualisiert durch Krisenerzählungen (Ich-Süchtige, Werteverfall, Vollkaskomentalität, Sozialstaatskrise, Gesundheitskrise, Pflegenotstand usw.) einerseits und dem Diskurs über ein brachliegendes Engagementpotential andererseits. Auf diese Weise wird ein Freiwilligenmarkt mit krisenbedingt steigender Nachfrage und nicht aktiviertem Angebot konstruiert. Mit Hilfe von Engagementförderung werde eine Win-Win-Situation realisiert, die die Krisen auf der einen Seite löst und zugleich die Menschen aus der Passivität befreit. Wesentliches Instrument sind etwa Freiwilligenagenturen, die Angebot und Nachfrage zusammenbringen.

Das Leitbild der Bürgergesellschaft wird 1998-2002 etabliert, freiwilliges Engagement hierbei zum Allheilmittel stilisiert. Zugleich wird die Aufforderung zum Engagement mit dem Bürgerstatus verknüpft. Dies impliziert die Exklusion derjenigen, die dem Aktivierungsaufruf nicht nachkommen können oder wollen. Die institutionellen Maßnahmen zur Verbesserung des Freiwilligenanspruchs umfassen Freistellungsregelungen, Freiwilligendienste, Versicherungsschutz, steuerrechtliche Erleichterungen, Aufwandsentschädigungen usw. und beziehen sich somit überwiegend auf die Angebotsseite bei weitgehender Vernachlässigung der demokratischen Dimension von Engagement.

Auch nach dem Regierungswechsel 2002 bleibt die Förderung des Engagements selbstverständliches Politikfeld, wird aber zunehmend auf bestimmte Gruppen (Migranten, Alte, Jugendliche) fokussiert. Ab den 2000er Jahren gibt es aber auch zunehmend Kritik an der Engagementpolitik, die laut Kritikern kein Ersatz für Sozialpolitik werden darf. Auch scheint die Tatsache, dass Engagement weiterhin überwiegend in Vereinen, Kirchen und Verbänden stattfindet, eine geringe Alltagsrelevanz der Engagementförderung zu belegen. Dennoch verschiebt sich im Rahmen der Storyline „Freiwilligkeit als Produktionsressource“ die Grenze zwischen Staat und Individuum, da das Engagement zu einer öffentlichen Angelegenheit wird, was von der Autorin als Element einer neosozialen Gouvernementalität des aktivierenden Sozialstaats gedeutet wird.

Diese Storyline bleibt auch für die Legislaturperiode 2005-2009 prägend und schlägt sich in weiteren Maßnahmen zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements nieder, obwohl die Hoffnung in Bezug auf die Integration von Arbeitslosen und Migranten sich nur begrenzt realisiert. Wichtiger als ökonomische Anreize für Engagement scheinen Anerkennung und alltagspraktische Unterstützung (z. B. in Bezug auf Vereinbarkeit mit dem Beruf) zu sein. Insgesamt wird von der Autorin ein Diskurswandel festgestellt, der Engagementförderung parteiübergreifend als eine natürliche Aufgabe des Staates betrachtet, der auf diese Weise dieses Politikfeld regieren will. Allerdings zeigt sie an wenigen Stellen auch auf, dass die Engagierten selbst sich nur zum Teil diese, den bundespolitischen Diskurs prägende, Storyline zu eigen machen und diese produktivistische Aktivierungsprogrammatik – bewusst oder unbewusst – unterlaufen (S. 278).

Zu 2.

Im zweiten Teil des Buches soll der festgestellte diskursive Wandel mit hegemonietheoretischen Ansätzen erklärt werden. Hierfür untersucht die Autorin die diskursiven Kämpfe unterschiedlicher Diskurskoalitionen. Die Diskurskoalitionen waren auf der einen Seite die liberal-konservative Bundesregierung und die Arbeitgeberverbände und auf der anderen Seite die Dachverbände für Sport, Kultur, Soziales, Sozialwissenschaftler, Freiwilligenvertreter, Fraktionen der SPD, Grünen und der PDS. Zwei weiche Steuerungsmechanismen stehen am Anfang des Diskurswandels:

  1. Diskussionsrunden der Politik mit Dachverbänden für Sport, Kultur und Soziales und
  2. Werbekampagnen zum Thema Ehrenamt.

Weiche Steuerungsmaßnahmen benötigen allerdings einen Resonanzboden, der durch den Einstellungswandel seit den 1980er Jahren bei den Dachverbänden bereitet war (insbesondere durch die Ehrenamtsforschung, das gestiegene Selbstbewusstsein der Ehrenamtlichen und die Deprivilegierung der Wohlfahrtsverbände bei der Erbringung sozialer Dienstleistungen).

Durch die große Interpretationsoffenheit des Ehrenamtsbegriffs war es möglich, eine hohe Resonanz und Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen. Unter Nutzung neuer Forschungsergebnisse wurde eine Steuerung durch Argumente versucht, allerdings bis 1998 ohne Erfolg in Bezug auf die Durchsetzung institutioneller Neurungen. Ab 1998 diagnostiziert die Autorin eine Phase der Diskursinstitutionalisierung mit Bezugnahme auf das hegemoniale Projekt „Bürgergesellschaft“. Der Staat muss die Eigenverantwortungsübernahme durch den Bürger ermöglichen, u. a. durch Aktivierung des Engagements. Hierfür werden Wissensbestände generiert (u. a. durch den Freiwilligensurvey), die die politische Strategie der Engagementförderung argumentativ unterstützen sollen. Auf diese Weise wird es praktisch unmöglich, gegen engagementförderliche Maßnahmen zu intervenieren, die dann sukzessive eingeführt werden und zugleich mit einer subjektbezogenen Anrufungspraxis verknüpft werden.

Die Hegemonie der Produktivitätserzählung des ehrenamtlichen Engagements bleibt aber laut der Autorin auf die Bundespolitik begrenzt und erreicht nur in Teilen die Freiwilligen selbst, die sich nicht als bedarfsgerecht einsetzbare Ressourcen instrumentalisieren lassen.

Diskussion

Insgesamt ist dieses Buch ein ausführlich recherchiertes Buch, das unter Nutzung einer großen Anzahl von Quellen den Wandel des bundespolitischen Diskurses über Ehrenamt nachzeichnet und die daraus folgende Institutionalisierung einer Ehrenamtspolitik auf Bundesebene. Mit diesem Verdienst sind aber auch die Grenzen dieses Werks benannt: Es hat wenig zu sagen über Ehrenamt oder die Ehrenamtlichen, sondern behandelt nur das Reden einer bestimmten politischen Elite über das Ehrenamt. Dass das Reden „über“ mit dem „tatsächlichen“ Ehrenamt nicht immer zusammenfällt, wird an einigen Stellen angedeutet, aber nicht weiter vertieft.

Die angesprochenen ausführlichen Beschreibungen der methodischen Herangehensweise sind für das Verständnis der wissenschaftlichen Ergebnisse kaum notwendig und für Kenner der Methoden schlicht überflüssig. Ebenso erschweren die vielen redundanten Stellen und Wiederholungen den Lesefluss erheblich. Die zentralen Aussagen des Buches hätte man leicht deutlich komprimieren können. Auch die zwar analytisch sinnvolle Trennung der Beschreibung der Ehrenamtsdebatten in Teil 1 und ihrer hegemonietheoretisch entwickelte Durchsetzung in Teil 2 ist für ein Buch, das mit der Thematik der staatlichen Engagementpolitik ein breites Publikum anziehen könnte, ungünstig, da es die inhaltliche Erzählstruktur der wissenschaftlichen Ergebnisse der methodischen Entstehung derselben opfert. Hier hätte der Verlag lektorierend eingreifen können.

Fazit

Insgesamt finden sich in diesem Werk wichtige Erkenntnisse, die uns deutlich machen, auf welche Weise sich die staatliche Engagementpolitik des Bundes in den letzten zwanzig Jahren grundlegend verändert hat – allerdings erfordert die Lektüre vom interessierten Leser bzw. der interessierten Leserin einen langen Atem.


Rezensentin
PD Dr. Bettina Hollstein
Wissenschaftliche Kollegreferentin des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt
Homepage www.uni-erfurt.de/maxwe
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Zitiervorschlag
Bettina Hollstein. Rezension vom 07.02.2017 zu: Daniela Neumann: Das Ehrenamt nutzen. Zur Entstehung einer staatlichen Engagementpolitik in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3278-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22193.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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