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Helmut Kellershohn, Wolfgang Kastrup (Hrsg.): Kulturkampf von rechts

Cover Helmut Kellershohn, Wolfgang Kastrup (Hrsg.): Kulturkampf von rechts. AfD, Pegida und die Neue Rechte. Unrast Verlag (Münster) 2016. 242 Seiten. ISBN 978-3-89771-767-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Der Rechtsruck in Europa und der Vertrauensverlust in die politische Klasse wird nicht nur als Ausdruck einer politischen, sondern auch einer ökonomisch kapitalistischen Krise gesehen, die zu einem ‚Kulturkampf von rechts‘, einem ‚geistigen Bürgerkrieg‘ genutzt wird. Sowohl die ideologischen Aspekte, als auch die Akteure und deren konkrete Aktionen werden untersucht und diskutiert.

Herausgeber

Kellershohn hat Geschichte und katholische Theologie studiert und an einem Gymnasium unterrichtet. Er ist Mitglied des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und sich in Veröffentlichungen mit der Neuen Rechten, dem Neokonservatismus und völkischen Nationalismus beschäftigt.

Kastrup war Studiendirektor für Sozialwissenschaft/Politik- und Erziehungswissenschaft und Lehrbeauftragter an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg und ist ebenfalls Mitarbeiter beim DISS und hat zusammen mit Kellershohn in der Edition DISS, Bd. 36 „Kapitalismus und/oder Demokratie?“ herausgegeben.

Entstehungshintergrund

Das Buch fußt zum größten Teil auf Vorträgen, die auf dem Kolloquium „Rechte Wutbürger im Kulturkampf“ des Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) im November 2015 in Würzburg gehalten wurden und zusätzlichen aktuelleren Texten. Das Ziel ist, über die Untersuchung rechter Protestbewegungen in Zusammenhang mit Krisen der kapitalistischen Ökonomie und kulturellen Veränderungen einen Beitrag zur öffentlichen Diskussionskultur zu leisten.

Aufbau

  1. Der erste Teil befasst sich mit den Auswirkungen des Neoliberalismus, völkischem Nationalismus und der ‚konservativen Revolution‘.
  2. Dem folgt ein Kapitel über die Akteure eines Kulturkampfes von rechts,
  3. deren Themen im 3. Kapitel gesondert bearbeitet werden.
  4. Das letzte Kapitel beschäftigt sich unter dem Titel ‚Was tun?‘ mit entsprechenden Gegenstrategien.

Inhalte

Das Vorwort von Kellershohn und Kastrup (3 S.) beginnt mit einem Bericht über das Kolloquium „Rechte Wutbürger im Kulturkampf“ des Duisburger Instituts für Sprach- und Kulturforschung (DISS) im November 2015 in der Akademie Frankenwarte In Würzburg. Neue Arbeiten kamen hinzu, und der Titel wurde geändert in „Kulturkampf von rechts“.

Teil I: ‚Neoliberalismus, völkischer Nationalismus und konservative Revolution‘ (insgesamt 57 S.) enthält eine Einführung von Kastrup (4 S.), Beiträge von Kellershohn ‚Nationaler Wettbewerbsstaat auf völkischer Basis. Das ideologische Grundgerüst des AfD-Grundsatzprogramms‘ (15 S.) und ‚Autoritärer Liberalismus. Zum Zusammenhang von Neoliberalismus und „Konservativer Revolution“‘ (10 S.) und einen von Kastrup ‚Facetten des Neoliberalismus‘ (27 S.).

Dieser Teil enthält in Auseinandersetzung mit dem Grundsatzprogramm der AfD die Geschichte und Theorien verschiedener Schulen des Neoliberalismus und deren Grundlagen, seine Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit, Marktgläubigkeit (Überlegenheit von Wettbewerb, Privateigentum, freiem Unternehmertum, Deregulierung und Privatisierung) und die Stellung des Subjekts zwischen Freiheit und Zwang, mit einem kritischen Blick auf den deutschen Sonderweg der Sozialen Marktwirtschaft. Die Wandlung zu einem „marktförmigen Extremismus“ und völkischem Nationalismus, z.B. im Programm der AfD (innere und äußere Sicherheit, Mittelstand, Familie, Leitkultur, Sprache, ausgewählte Tradition und kulturelle Identität, werden vorgestellt und analysiert.

Teil II: ‚Kulturkampf von rechts: Akteure‘ (insgesamt 47 S.) enthält eine Einführung von Kellershohn (5 S.) und Beiträge des Sozialwissenschaftlers Alexander Häusler ‚Die AfD und der europäische Rechtspopulismus. Krisensymptome politischer Hegemonie‘ (9 S.), der Politikwissenschaftler Julian Bruns/Katrin Glösel/Natacha Strobl ‚Die Identitären. Der modernisierte Rassismus einer Jugendbewegung der Neuen Rechten‘ (10 S.), Kellershohn ‚Götz Kubitschek und das Institut für Staatspolitikv‘ (15 S.) und des Historikers und Philosophen Mark Haarfeldt ‚Die Rezeption von Pegida in Wissenschaft und Medien‘ (7 S.).

Die verschiedenen rechten Formationen (völkisch-nationalistische, nationalliberale, christlich-konservative bis fundamentalistische und nationalkonservative) werden am Beispiel der AfD, der Identitären Bewegung, des Institut für Staatspolitik und von Pegida, einschließlich ihrer Rezeptionen in der Wissenschaft und den Medien, vorgestellt.

Teil III: Kulturkampf von rechts: Themen (insgesamt 79 S.) enthält eine Einführung von Kellershohn (6 S.) und Beiträge des Literaturwissenschaftlers Jobst Paul ‚Der Niedergang – der Umsturz – das Nichts. Rassistische Demagogie und suizidale Perspektive in Björn Höckes Schnellrodaer Rede‘ (25 S.), des Soziologen Andreas Kemper ‚Geschlechter- und familienpolitische Positionen der AfD‘ (15 S.), des Literatur-, Politik und Theaterwissenschaftlers Rolf van Raden ‚Pegida – Feindbild „Lügenpresse“. Über ein massenwirksames verschwörungstheoretisches Konstrukt‘ (18 S.) und des Politikwissenschaftlers Floris Biskamp ‚Antimuslimischer Rassismus als systematisch verzerrtes Kommunikationsverhältnis. Das Sprechen über den Islam zwischen Befreiung und Festschreibung‘ (14 S.).

Kultur bekommt den Status eines völkischen- oder Rassebegriffs und ist nach Meinung der Neuen Rechten durch Zersetzung und Dekadenz gefährdet, was einen Kulturkampf rechtfertigt. Die rassistischen Thesen von Höcke werden ausführlich kritisch untersucht, ausserdem die Vorstellungen über Familien- und Geschlechterverhältnisse der AfD und deren Auswirkungen auf männlich/weibliche Geschlechterbilder, ihr Generalverdacht (Verschwörung) gegenüber den Eliten, der Presse (unter Hinweis auf historische Kontinuitäten) und dem Islam, letzterer auch speziell unter dem Aspekt von Rassismus und verzerrter Wahrnehmung und Kommunikation.

Teil IV: ‚Was tun?‘ (insgesamt 45 S.) enthält eine Einführung von Kastrup und Kellershohn (5 S.) und Beiträge des Politikwissenschaftlers/Soziologen und Philosophen Richard Gebhardt ‚„Bitte wählen Sie nicht AfD“ – Der hilflose Antipopulismus und die gespaltene Republik‘ (19 S.), Floris Biskamp ‚Don´t believe the Hype‘ (2 S.), Kastrup ‚Der enttäuschte Nationalismus der AfD‘ (3 S.), der Sozialwissenschaftlerin Marvin Chlada ‚Das neoliberale Subjekt und die menschliche Würde. Erziehung zur Autonomie im Angesicht der Barbarei‘ (5 S.), des wissenschaftlichen Mitarbeiters am DISS und Redakteurs Sebastian Friedrich ‚Falsche Alternativen: Warum breite Bündnisse gegen die AfD keine Perspektive für Linke sind‘ (5 S.) und Julia Meier, engagiert in „Aufstehen gegen Rassismus“, ‚Die AfD bekämpfen, bevor es zu spät ist. Eine Replik auf den Beitrag von Sebastian Friedrich‘ (5 S.).

Überlegungen zur Veränderung der politischen Kultur in Deutschland durch den Aufstieg der AfD und eine kritische Differenzierung zwischen berechtigter Kritik am Neoliberalismus und chauvinistischem Rassismus/Antisemitismus. Die Bildung einer ‚Einheitsfront‘ wird diskutiert.

Das Buch schließt mit der Vorstellung der Autoren (3 S.).

Statt eines Gesamtliteraturverzeichnisses finden sich ausführliche Angaben zur Literatur bei den einzelnen Beiträgen.

Diskussion

Das Buch soll durch fundierte Informationen einen Beitrag – deshalb der Titel – zur Förderung einer Debattenkultur geben.

Der erste Teil ist interessant, aber nicht leicht zu lesen für jemand, der sich mit ökonomischen Theorien und den darin enthaltenen politischen Ordnungsvorstellungen nicht auskennt. Der Kapitalismus, missverstanden als Religionsersatz und entsprechend verinnerlicht, zeige seine destruktive Seite in einer neuen Klasse (?) der Verarmten und Ausgegrenzten, die nicht mehr durch gemeinsame politische und soziale Ziele verbunden sind, sondern eher aus gemeinsamen Gefühlen von Enttäuschung, Ärger und Wut, die wie alle Gefühle, natürlich auch andere als nur politische oder soziale Ursachen haben können. Das scheint denen egal zu sein, die aus dieser affektiven Mischung – nach echt kapitalistischer Manier (!) – politisches Kapital schlagen. Neben den ökonomischen Ursachen, die einen breiten Raum einnehmen, haben mir beim Lesen neben der ausführlichen Darstellung im dritten Teil kritische Überlegungen zu den mehr oder weniger intellektuellen Anstiftern gefehlt, denen es – das ist meine Vermutung – weniger um eine Analyse und fundierte Kritik der bestehenden Verhältnisse geht, als um Aufmerksamkeit, Einflussnahme, Ehrgeiz und Macht geht.

Die Teile zwei und drei gehen ausführlicher auf die auch projektiv verzerrten Welt- und Feindbilder rechter Gruppierungen ein, die gebraucht werden, um sich aufzuwerten und zu legitimieren, da sie sich vorzüglich eignen zum Kampf gegen vermeintliche oder auch paranoid gefürchtete, und entsprechend verzerrt wahrgenommene, Gegner. Diese werden entwertet, um sich selbst aufzuwerten und von den eigenen Defiziten abzulenken. Das hat, insbesondere wenn man die Zitate liest, einen mitunter unernsten, fast möchte ich sagen unreifen spielerischen und damit meine ich auch ‚unerwachsenen‘ Charakter, da in einer quasi Adoleszentenpose zwar heftig kritisiert wird, was man nicht will und bekämpft, aber keinerlei Konzepte vorgestellt werden, welche Ziele man konkret und mit welchen realistischen Methoden ansteuern will.

Für mich hat dieses Buch, schon aufgrund der vielen Zitate und Verweise, reichlich Anstoß zum Nachdenken gegeben. Seine im Wesentlichen auf der Kritischen Theorie von Adorno und linken kapitalismuskritischen Ansätzen beruhende Analyse ging ein wenig zu Lasten von sozialpsychologischen Aspekten, z.B. den mobilisierten Affekten in Massenveranstaltungen. Differenzierungen sind immer schwierig, wenn heftige Affekte im Spiel sind, was interessanterweise auch ein Gegensatz zu unserer so affektkontrollierten Kanzlerin ist und mangels einer kritischen und starken Opposition auch nicht selten eine lähmende Langeweile angesichts von Parlamentsdebatten hervorruft. Damit findet eine Polarisierung von Extremen statt, die weder Affektkontrolle durch den Verstand (mit dem Ergebnis zu viel und unkontrollierter Affekt), noch eine Kontrolle des Verstandes durch Gefühle (mit dem Ergebnis zu viel Verstand und fehlende Einfühlung) befördert und zu verzerrten Selbst- und Fremdbildern führt. Die Überlegungen im vierten, relativ kurzen Teil, sich an den gegenseitigen Verketzerungen nicht zu beteiligen, Verständigung zu suchen und ‚alternative Fakten‘ als Irrtümer oder Lügen zu entlarven bauen eine Brücke, die nicht auf gegenseitiger Ausgrenzung beruht und die die erreichen kann, die sich nicht grundsätzlich aus fundamentalistischen Gründen einem Diskurs verweigern.

Fazit

Ein ungemein reichhaltiges, nicht immer leicht zu lesendes, zum Nachdenken und Diskutieren anregendes Buch, das die Schwerpunkte kritisch auf ökonomische, politische und soziologische Aspekte rechter Gruppierungen setzt und diese sehr ausführlich, auch interessanten Fußnoten und Literaturhinweisen, behandelt. Es ist sehr informativ und durch die zahlreichen Autoren vermittelt es auch unterschiedliche und farbige Aspekte, die eine lebendiges und facettenreiches Bild der rechten Szene vermitteln, selbst wenn die sozialpsychologischen Aspekte, und das ist meine Kritik, zu wenig berücksichtigt wurden.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 28.02.2017 zu: Helmut Kellershohn, Wolfgang Kastrup (Hrsg.): Kulturkampf von rechts. AfD, Pegida und die Neue Rechte. Unrast Verlag (Münster) 2016. ISBN 978-3-89771-767-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22196.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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