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Kemal Bozay, Bahar Aslan u.a.: Die haben gedacht, wir waren das

Cover Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay, Funda Özfirat: Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus. PapyRossa Verlag (Köln) 2016. 293 Seiten. ISBN 978-3-89438-614-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Jetzt mal ehrlich, verehrte Leserinnen und Leser, wie intensiv verfolgen sie den NSU-Prozess in München und was erwarten Sie von dem Prozess, der am 6. Mai 2013 eröffnet wurde? Angeklagt sind Beate Zschäpe, die die einzige Überlebende des sogenannten NSU-Trios ist, sowie vier mutmaßliche Helfer und Unterstützer des Trios. Es geht um zehn Morde, Sprengstoffanschläge, schwere Brandstiftung, Gründung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Um die Rolle, das Versagen und bewusste Verschleiern dieser Verbrechen durch Teile der Sicherheitsbehörden geht es in diesem Münchner Prozess nicht. Dazu wurden in verschiedenen Bundesländern Untersuchungsausschüsse gegründet. Nicht nur die Autorinnen und Autoren, auch viele engagierte Bürgerinnen und Bürger kennen die Fakten zu den Terroranschlägen des Netzwerks „nationalsozialistischer Untergrund“, sie wissen aber auch über die Fakes, Unwahrheiten, Vertuschungen und Verfehlungen, die den deutschen Sicherheitsbehörden anzulasten sind.

Das ist alles nicht neu. Neu am vorliegenden Buch ist, dass sich Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund äußern und somit der Öffentlichkeit eine Perspektive präsentieren, die bislang nur unzureichend thematisiert wurde. Eine Perspektive, die notwendig ist, um den Druck zu erhöhen, die Verantwortlichen für die genannten Unwahrheiten und Verfehlungen in den Sicherheitsbehörden und politischen Büros zur Rechenschaft zu ziehen.

Herausgeber/innen

Herausgeber/innen des Buches sind Kemal Bozay (Vertretungsprofessor für Angewandte Sozialwissenschaften an der FH Dortmund und Lehrbeauftragter an der Universität Köln), Bahar Aslan (Sprecherin der LAG Gründe MuslimInnen, Bündnis 90/Die Grünen), Orhan Mangitay (angehender Lehrer und wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Universität Köln) und Funda Özfirat (angehende Lehrerin, Masterstudentin an der Universität Köln.

Einschließlich Vorwort und Einleitung enthält das Buch 41 Beiträge von 40 Autorinnen und Autoren. In alphabetischer Reihenfolge sind das – neben den Herausgeber/innen:

  • Lale Akgün (ehemalige MdB der SPD),
  • Emre Arslan (Universität Siegen),
  • Emine Aslan (Autorin und Bloggerin),
  • Caner Aver (Präsident TD-Plattform e.V.),
  • Naim Balikavlayan (Verein Interkulturelle Bildung und Begegnung),
  • Ali Baş (MdL, Bündnis 90/Die Grünen NRW),
  • Tanil Bora (Politikwissenschaftler an der Universität Ankara),
  • Murat Çakir (Rosa-Luxemburg-Stiftung),
  • Fatih Çevikkollu (Kabarettist aus Köln),
  • Karim Fereidooni (Juniorprofessor für Didaktik der Sozialwissenschaften, Ruhr-Universität Bochum),
  • Firat Tuna (Stellvertretender Bundesvorsitzender AG Migration und Vielfalt in der SPD),
  • Cemile Giousouf (MdB, CDU),
  • Serap Güler (MdL, CDU NRW),
  • Nuran Joerißen (Schriftstellerin),
  • Yilmaz Kahraman (Sprecher und Bildungsbeauftragter der Alevitischen Gemeinde Deutschlands),
  • Yasemin Karakaşoğlu (Professorin für Interkulturelle Bildung, Universität Bremen),
  • Tayfun Keltek (Vorsitzender des Landesintegrationsrates NRW),
  • Ahmet Küllahçi (Journalist der türkischen Tageszeitung Hürriyet, Berlin),
  • Orhan Mangitay (angehender Lehrer und wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität Köln),
  • Irene Mihalic (MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss),
  • Niema Movassat (MdB, Die Linke),
  • Eymen Nahali (Musiker),
  • Yavuz Selim Narin (Rechtsanwalt und Nebenkläger im NSU-Prozess),
  • Miltiadis Oulios (Autor und freier Journalist),
  • Cem Özdemir (MdB, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen),
  • Yücel Özdemir (Journalist, Tageszeitung Evrensel und Yeni Hayat),
  • Funda Özfirat (angehende Lehrerin, Masterstudentin an der Universität Köln),
  • Özge Pinar Sarp (NSU-Watch, Berlin),
  • Ali Şirin (Sozialwissenschaftler, Dortmund),
  • Azize Tank (MdB, Die Linke),
  • Ebru Taşdemir (Neue Deutsche Medienmacher),
  • Ayça Tolun (Leiterin der Türkischen Redaktion bei WDR-Funkhaus Europa),
  • Akdem Ünal (Schüler aus Köln),
  • Haci-Halil Uslucan (Leiter des Zentrums für Türkeistudien, Professor an der Universität Duisburg-Essen),
  • Çağan Varol (Sozialwissenschaftler, Köln),
  • Ibrahim Yetim (MdL, Integrationspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion NRW, Mitglied im parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschuss),
  • Kutlu Yurtseven (Musiker und Schauspieler aus Köln).

Nicht nur wegen der guten gutachterlichen Praxis nennt der Rezensent alle Autorinnen und Autoren. Er, der Rezensent, möchte damit auch darauf aufmerksam machen, dass sich im vorliegenden Buch Opfer und ihre Angehörigen, Personen aus Politik, Publizistik und Wissenschaft, Akteure der antirassistischen Arbeit sowie – wie auf dem Umschlagtext zu lesen ist – „Bekannte und Unbekannte“ Stellung beziehen. Alle Autorinnen und Autoren haben einen Migrationshintergrund. Das ist wichtig, auch wenn der Rezensent diesen Begriff gar nicht mag, weil er Stigmatisierungspotential enthält.

Aufbau und Inhalte

Im Vorwort schreibt Cem Özdemir: „Untersuchungsausschüsse und das in München anhängige Gerichtsverfahren lassen erahnen, welche erschreckenden Fehler bei den Ermittlungen gemacht wurden. Der Verdacht, dass bei der Aufklärung auch aktiv vertuscht wurde und noch immer wird, liegt nahe. Es gibt einfach zu viele unglaubliche Zufälle. Das sind mehr als Erschütterungen, das sind Erdbeben für unseren Rechtsstaat und das Vertrauen in ihn“ (S. 13 f.). Wie die Auswirkungen dieser Erdbeben auf jene noch immer wirken, die durch die Sicherheitsbehörden (und auch durch die Medien) unter Generalverdacht gestellt wurden, kann man im vorliegenden Buch nachlesen. Die Herausgeber/innen wollen mit dem Buch „sowohl an die Opfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt … erinnern als auch aus migrantischer Perspektive ein Zeichen für einen kritischen Umgang mit dem Thema … entwickeln“ (S. 17).

Nach Vorwort und Einleitung folgen fünf Kapitel, in denen es u.a. um folgende Fragen geht: Welche Spuren hinterlassen Rassismus und rechte Gewalt in der migrantischen Community? Wie hat es sich auf die Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße ausgewirkt, dass sie selbst dieser Tat verdächtigt wurden?

Die Beiträge im Kapitel 1 („Rechter Terror, NSU-Komplex und rassistische Kontinuitäten“) liefern die allgemeinen, überwiegend wissenschaftlichen Deutungsmuster, mit denen rechter Terror und Rassismus interpretiert werden müssen. Ohne auf die fünf in diesem Kapitel versammelten Beiträge ausführlich eingehen zu können, erlaubt sich der Rezensent zumindest folgende Hinweise: Der durch zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien in den letzten Jahren diagnostizierte Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft wird im Beitrag von Orhan Mangitay („Rechtsruck der gesellschaftlichen ‚Mitte‘. (Dis-)Kontinuitäten nationalistischer Positionen in Deutschland“) in historische Zusammenhänge eingeordnet und als keinesfalls neues Phänomen, das quasi erst seit zehn Jahren offenkundig zu sein scheint, interpretiert. Auch der Beitrag von Çağan Varol widmet sich diesem Thema („Deutschland 2016: Kultureller Rassismus ist jetzt Mainstream“). Azize Tank („Rechtsterrorismus, rechte Gewalt und institutioneller Rassismus“) verweist in ihrem Beitrag u.a. auf die Kontinuität und Zusammenhänge von „NSU-NPD-Pegida-AfD“. Um „rassismusrelevante Fehler im Zuge der NSU-Ermittlungen“ geht es im Beitrag von Karim Fereidooni. Aus der sozialpsychologischen Perspektive des Rezensenten gibt es eine Menge wissenschaftlicher Literatur über „explicit and implicit racial bias“ (vgl. z.B. Holroyd, 2015). Karim Fereidooni macht allerdings deutlich, dass das mangelhafte „rassismuskritische Wissen“ (S. 46) nicht nur im Falle der „NSU“-Ermittlungen mit fatalen und tödlichen Folgen verbunden war, sondern dass es notwendig ist, sich (auch aus wissenschaftlicher Sicht) noch viel stärker mit diesen rassismuskritischen Mängeln, ihren Ursachen und Folgen in deutschen Institutionen auseinanderzusetzen. Im Beitrag „Geschichten der Nation und des Menschen: Das Mythische und das Erlebte“ von Emre Arslan wird auch an die unterschiedlichen nationalen Mythen erinnert, die Menschen mit und ohne „Migrationshindergrund“ vereint und auch trennen können. Und es gilt Formen zu finden, wie das seit 2014 auf der Kölner Keupstraße organisierte Straßenfest Birlikte, die das wechselseitige Erzählen erlauben und begünstigen.

Das Kapital 2 ist überschrieben mit „Rechter Terror und NSU-Komplex in der politischen Diskussion“. Kemal Bozay eröffnet mit einem grundlegenden Beitrag und der an alle gerichteten Aufforderung „Wer von rechtem Terror und NSU spricht, darf vom Rassismus nicht schweigen!“. Gemeint ist der Rassismus, der in allen gesellschaftlichen Strukturen, Institutionen und Alltagswirklichkeiten zu finden ist. Auch Irene Mihalic („Der Terror des NSU: Ein Gegenwartsproblem“) und Cemile Giousouf („N-S-U- Drei Buchstaben, die ein Land veränderten“) machen auf die alltagsrassistischen Strukturen und Prozesse und deren Folgen aufmerksam. Dass die von Politikerinnen und Politikern und von den Sicherheitsbehörden versprochene vollständige Aufklärung noch immer auf sich warten lässt, ist die Quintessenz vieler Beiträge, so auch in jenen von Serap Güler („Mich überkommt vor allem Scham“), von Ibrahim Yetim („Nach der Aufdeckung des ‚NSU-Trios‘“), von Niema Movassat („Rechten Terror im Keim ersticken!“), Ali Baş („Nach dem NSU-Terror: Warum wir mehr über Rassismus reden und gesellschaftliche Entfremdung verhindern müssen“) oder von Karim Fereidooni („Ungeklärte Fragen in Bezug auf den ‚NSU‘-Terrorismus“).

„Rechter Terror und NSU-Komplex im medialen Blick“, so lautet der Titel von Kapitel 3. Dass die Medienberichterstattung vor der Aufdeckung des „NSU-Trios“ eine z.T. unrühmliche Rolle gespielt haben, indem sie eben lange von „Döner-Morden“ faselten, ist hinlänglich bekannt. Ayça Tolun („Ich und der NSU-Prozess“), die als akkreditierte Journalistin den Münchner NSU-Prozess beobachtet, legt die Finger auf die medialen Miseren und Ebru Taşdemir („So nah und doch so fern – Fünf Jahre NSU-Berichterstattung“) fragt generell, ob und inwieweit Journalist/innen in der Lage sind, die angemessenen Begriffe in der Berichterstattung zu verwenden. Yasemin Karakaşoğlu („Beates Mähne – Polemische Gedanken zu einer schwer erträglichen medialen (Selbst-)Inszenierung“) bezweifelt u.a., ob die regionalen und internationalen Medien, wie die Nürnberger Zeitung, die FAZ oder die Neue Züricher Zeitung aus ihren Fehleinschätzungen überhaupt etwas gelernt haben. Ahmet Küllahçi („Halten Sie Ihr Versprechen!“) erinnert u.a. an das bis heute nicht vollständig eingelöste Versprechen der Bundeskanzlerin, dass „alles bis ins kleinste Detail aufgeklärt wird“. Es ist doch mehr als beschämend, wenn, wie Ahmet Küllahçi berichtet (S. 151), während der Sitzung des Bundestages anlässlich des ersten Jahrestages nach der Aufdeckung des „NSU-Trios“ gerade mal 89 von den 620 Abgeordneten anwesend waren. Sehr polemisch ist der Beitrag von Yücel Özdemir, der u.a. meint, „dass sich die ‚Zwickauer Zelle‘ in den Händen der Geheimorganisationen befand und von diesen geschützt und gedeckt wurde“ (S. 156). Solche Feststellungen bedürfen nach wie vor einer Validitätsprüfung.

Im Kapitel 4 („Rechter Terror und NSU-Komplex im Blickfeld der Betroffenen“). Das ist wohl das Kapitel, das den Rezensenten am stärksten berührt und wütend gemacht hat; wütend vor allem, weil ihm noch einmal eindringlich die schmerzhaften Folgen der Morde und das Versagen von Politik, Medien, Sicherheitsbehörden und der Mehrheitsgesellschaft vor Augen traten. Deshalb verzichtet der Rezensent auf jeglichen Kommentar und listet nur die Beitragstitel und ihre Autorinnen und Autoren auf – verbunden mit der eindringlichen Bitte an die Leserinnen und Leser, selbst nachzulesen: Bahar Aslan („Eingebrannt in die Erinnerung: Solingen, Sivas, NSU“), Haci-Halil Uslucan („Unser Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen“), Özge Pinar Sarp („Trauer und Wut, aber mehr noch die Entschlossenheit: Wir bleiben hier“), Tayfun Keltek („Auswirkungen der NSU-Mordserie auf den Integrationsprozess türkeistämmiger Migranten in Deutschland“), Miltiadis Oulios („Theodoros? Wer war das? Über das Schweigen zum NSU unter griechischen Einwanderern in Deutschland“), Yavuz Selim Narin („Eine düstere Parallelwelt“), Murat Çakir („Der NSU-Komplex aus der Perspektive der türkischen Politik“), Tanil Bora („Moderner ‚Tiefer Staat‘“), Naim Balikavlayan („Gedanken im Zug“), Nuran Joerißen („Einfach so!“), Tuna Firat („Der Rechtsstaat, der NSU-Komplex und die ersehnte Empörung“), Akdem Ünal („Race doesn´t exist. But it does kill people“).

Am 7. Juni 2014 schreibt Der Spiegel, dass seit Bekanntwerden der NSU-Morde rund 700 Tötungsverbrechen durch die Ermittlungsbehörden auf ein rechtsextremes Tatmotiv überprüft werden und fragt in diesem Zusammenhang: „Gab es weitere Mörderbanden nach dem Muster des NSU? Oder gehen womöglich noch mehr Taten auf das Konto der Rechtsextremen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe?“ (Baumgärtner et al. 2014, S. 34). Nach den Recherchen des Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung kamen zwischen 1990 und 2013 178 Menschen durch die Folgen menschenfeindlicher Gewalt ums Leben (Brausam 2015). Die nach dem November 2011 bekannt gewordenen Fahndungspannen, das Vernichten von Akten bei Polizei und Verfassungsschutz, die möglichen rechtsextremen Unterstützerinnen und Unterstützer des Terror-Trios und dessen Kontakte zum Verfassungsschutz beschäftigen noch immer Untersuchungsausschüsse auf Länder- und Bundesebene. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Morde des NSU, seine Vernetzung mit in- und ausländischen rechtsextremen Bewegungen und seine Kontakte zum Verfassungsschutz schließlich noch immer irritieren, verstören, hilflos und wütend machen können. Der NSU war und ist bekanntlich nur die Spitze eines rechtsextremistischen Eisberges, der seit Beginn der 1990er Jahre wächst. Bemerkenswert ist überdies, dass sich auch nach Aufdeckung des NSU im November 2011 das Wachstum der rechtextremistischen Straf- und Gewalttaten fortsetzte. Von den Entwicklungen des Alltagsrassismus und des Rechtspopulismus ganz zu schweigen. Was also tun? Notwendig ist ein konzertierter Widerstand gegen alle Bestrebungen, die Demokratie und ihre Grundpfeiler, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, zu zerstören.

Die Beiträge im Kapitel 5 („Rechter Terror, NSU-Komplex und Widerstand“) widmen sich den Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Widerstands. Funda Özfirat („Döner-Morde? Eine ethische Reflexion über die triviale Etikettierung der rechtsterroristischen NSU-Morde“) fragt am Schluss ihres Beitrages: „Erleben wir die goldene Zeit, in der Menschen sich von der Toleranz verabschieden und Respekt sowie Anerkennung die Essenz zwischenmenschlicher Beziehungen wird?“ (S. 251). Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Lale Akgün („Wem gehört Deutschland“) plädiert für republikanisches Denken. Yilmaz Kahraman („NSU-Morde: Ein kollektives Versagen der Gesellschaft“) fühlt sich als Deutscher mit Zuwanderungsgeschichte und als Angehöriger der alevitischen Religionsgemeinschaft verantwortlich, „auch auf extremistische Tendenzen innerhalb von Migrantenorganisationen aufmerksam zu machen“ (S. 258). Fatih Çevikkollu („Die NSU-Nummer…“) ist Kabarettist und so wundert es nicht, wenn aus seinem Beitrag auch ein gewisser fataler Zynismus spricht. Beispiel: „Der Verfassungsschutz als eine Nachfolgeorganisation der Gestapo und SS: Das merkst Du vor allem daran, dass Du VerfaSSungSSchutz nicht ohne SS schreiben kannst, schon mal aufgefallen? VerFAUNGchutz. Geht nicht. SS ist das A und O des Verfassungsschutzes“ (S. 262). Der Rezensent wundert sich über diesen Zynismus nicht. Fatih Çevikkollu hat doch Recht, wenn er am Ende seines Beitrages den Titel des vorliegenden Buches aufgreift und schreibt: „Genau, sie dachten, wir waren das selber“ (S. 264). Kutlu Yurtseven („Tradition – oder: Denke ich an die Keupstraße“) mahnt u.a., die Morde und die Mordopfer nicht zu vergessen. Und auch der Diagnose von Eymen Nahali („Es läuft auf jeden Fall ordentlich was schief, in good old Germany“) ist kaum etwas hinzufügen. Ebenso sprechen die Titel der Beiträge von Emine Aslan („Wir sind Zeitzeugen“), von Ali Şirin („Ein Land im Unbehagen – Sehnsucht nach Solidarität“) und Caner Aver („Wir fordern Aufklärung!“) für sich.

Fazit

Sicher, manche Aussagen, Anmerkungen und Hinweise wiederholen sich in den verschiedenen Beiträgen. Das ist aber kein Nachteil. Vielmehr wird dadurch eben der vielstimmige Chor der Migrantinnen und Migranten deutlich, die Aufklärung fordern, die noch immer aussteht. Man könnte auch sagen: Verehrte Frau Bundeskanzlerin, lösen Sie Ihre Versprechen endlich ein und machen Sie Druck auf die Sicherheitsbehörden!

Der Rezensent hat viel gelernt aus der Lektüre des Buches und hofft, anderen Leserinnen und Lesern wird es auch so gehen. Vor allem würde sich der Rezensent wünschen, dass es eine Liste mit Pflichtlektüren für Politikerinnen und Politiker gebe. Dieses Buch müsste dann unbedingt auf diese Liste.

Zitierte Literatur

  • Baumgärtner, M., Röbel, S., & Winter, S. (2014). Fundstück im Pappkarton. Der Spiegel, 24, S. 34-36. http://bit.ly/2h52SK3 Zugegriffen: 7. Dezember 2016.
  • Brausam, A. (2015). Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Mut gegen rechte Gewalt. http://bit.ly/2gRuk1d Zugegriffen: 16. Dezember 2016.
  • Holroyd, J. (2015). Implicit racial bias and the anatomy of institutional racism. Criminal Justice Matters, 101(1), 30-32.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 27.07.2017 zu: Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay, Funda Özfirat: Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus. PapyRossa Verlag (Köln) 2016. ISBN 978-3-89438-614-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22206.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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