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Baldo Blinkert: Generation 55plus. Lebensqualität und Zukunftsplanung

Cover Baldo Blinkert: Generation 55plus. Lebensqualität und Zukunftsplanung. Das KOSIS-Projekt "Aktives Altern" in den Städten Bielefeld, Freiburg, Karlsruhe, Moers, Villingen-Schwenningen und im Landkreis Mettmann. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. 294 Seiten. ISBN 978-3-643-13567-4. 19,90 EUR.
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Thema

Die Frage „Wie?“ stellt sich angesichts der Tatsache der Lebensverlängerung immer deutlicher. Das betrifft nicht nur Fragen der hauswirtschaftlichen ud gesundheitspflegerischen Versorgung angesichts nachlassender Kräfte der vielen Alternden und Alten, sondern auch die Situation der persönlichen Sicherheit und Integrität, wie viele uns täglich erreichende Meldungen über Straftaten an alten Menschen zeigen. Aber auch die Frage, wie die geschenkten Jahre mit Aktivitäten gefüllt werden können und wie alte Menschen mit den sich ständig weiter entwickelnden neuen Kommunikationsmedien umgehen können, werden immer bedeutsamer.

In diesem Sinn fragt der Freiburger Sozialwissenschaftler Baldo Blinkert in einer groß angelegten Untersuchung in sechs großen Kommunen mit fast 30.000 Einbezogenen über 55jährigen nach dem aktiven Altern in Familie, Erwerbsleben, Ehrenamt, beim Einkommen, im Sicherheitsempfinden, bei Gesundheit, Internetnutzung und in Aktivität für Neues.

Autor

Universitätsprofessor Dr. Baldo Blinkert lehrt und forscht als emeritierter Professor an der Universität Freiburg und leitet das Freiburger Institut für angewandte Sozialwissenschaften FIFAS.

Aufbau und Inhalt

Die Studie zur Kommunalen Selbsthilfeorganisation KOSIS ergründet Näheres zu Chancen und Risiken der verlängerten Altersphase in sechs großen Stadtbezirken von jeweils mehr als 100.000 Einwohnern, um Anregungen für kommunale Anstöße zu geben. Denn die bundesweit auch aus den Altenberichten der Bundesregierung existierenden Globalzahlen zur Altensituation müssen vor Ort auf die kommunale Ebene herunter gebrochen werden. Die Studie ist in vier Abschnitte gegliedert.

In Abschnitt A wird das Design erläutert. Die rund 30.000 Befragten erhielten postalisch einen standardisierten, in etwa 20 Minuten ausfüllbaren Fragebogen mit 50 Fragen. Die erfragten Merkmale und Einschätzungen wurden für eine prozentuale Darstellung auf Größen zwischen 0 und 100 transformiert.

Abschnitt B der Studie umreißt die Chancen für aktives Altern. Das mittlere Haushalts-Monatseinkommen der Befragten lag brutto bei rund 2.500 €. 6 % Befragte besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft. In Freiburg hatten 42 %, in Moers nur 26 % einen Studienabschluss. Das aktive Alter im Sinn selbst bestimmter gesellschaftlicher Teilhabe wurde mit sieben Indikatoren verfolgt (Erwerbsbeteiligung, Fortbildung, Internetnutzung, körperliche Aktivität, Ehrenamt, Pflege-/Versorgungs-Aktivität, persönliche Neugier). An Fortbildungen beteiligten sich mit 52 % gut die Hälfte, wobei berufliche Fortbildung nur noch zu 12 % erfolgte. Das Internet nutzten 56 %, sank aber vom jüngeren Alter mit 80 % Nutzern auf 20 % im hohen Alter. Neugier zeigten immerhin 58 % (Freiburg sogar 65 %). Im Mittel ist aktives Altern unter den Befragten mit einem Index von 46,4 (auf einer Skala bis 100) ausgeprägt. Als relativ altersstabil zeigen sich Neugier und körperliche Aktivität. Förderliche strukturelle Lebensbedingungen und Anregungen in der Kommune müssen zusammen kommen. Dabei übersteigt der gedeckte den ungedeckten Bedarf im Sinn von zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erheblich (im Verhältnis 3 : 1).

In Abschnitt C werden die Risiken ermittelt. 26 % Befragte beklagen schlechte körperliche Beweglichkeit. Als Indikatoren fungieren hier vier grundsätzliche Größen: Grundversorgung (mit Einkaufen, Verkehrsanbindung, Arzt/Apotheke), das Wohnen, die Sicherheit vor einer Straftatenopfer-Situation und die Versorgungssicherheit bei Krankheit/Pflegebedürfigkeit (mit Angehörigen, sozialen Netzwerken, gesundheitspflegerischer Infrastruktur). Die Grundversorgung gilt zu Dreiviertel als gedeckt. Beim Wohnen ergeben sich ungedeckte Bedarfe von einem Drittel (bei eingeschränkter Gesundheit bis gegen der Hälfte). Die Sicherheit Straftaten gegenüber scheint immerhin noch bei 60 % gewährleistet, bei Befragten mit Opfer-Erfahrung kehrt sich das in 60 % Furchtsame und nur noch 40 % Sicher-Empfindende um. Die Erwartungen an gesundheitspflegerische Hilfepräsenz sind hoch: 43,8 % sehen sich in ein erweitertes soziales Netzwerk eingebunden (Indexwert). Interessant ist, daß bei Männern über 80 Jahren die Rate allein Lebender rasch zunimmt. Migranten haben eine geringere Netzwerk-Erwartung. Bemerkenswert ist, daß sich Personen mit einem hohen Indexwert „aktives Altern“ am ehesten eine Betreuung in einem wohngruppenartigen Arrangement vorstellen können. Insgesamt haben die Befragten mit hohen strukturellen Ressourcen das höhere Sicherheitsempfinden; umgekehrt fühlen sich diejenigen mit niederen Ressourcen stärker bedroht.

Abschnitt D geht der Frage nach, was Kommunen positiv für Aktivität und Sicherheit ihrer alten Mitbürgerschaften tun können. Sie können für aktives Altern Anstösse geben zu ehrenamtlicher Betätigung und zur Beteiligung an der Stadtentwicklung. Zum Abbau von Angst, Straftaten-Opfer zu werden, kann eine Erhöhung des Vertrauens in die gesellschaftliche Ordnung verhelfen. Gesteigertes aktives Altern kann auch die Erwartung der Verfügbarkei erweiterter sozialer Netzwerke erhöhen. Die Handlungsfelder sozialer Akteure sollten ausgeweitet werden, um mehr Aktivitäten und ein höheres Sicherheitsempfinden zu generieren. Weitere Kommunen könnten in Wiederholungsuntersuchungen in das KOSIS-Projekt integriert werden, um es zu einem umfassenden kommunalen Netzwerk auszubauen.

Diskussion

Erfreulich spannt Baldo Blinkert in seiner groß angelegten Befragung nach dem Lebensstil von fast 30.000 Personen im höheren Alter einen weiten Bogen von der materiellen über deren kommunikative und psychische Situation bis zur Gesundheitslage und dem persönlichen Sicherheitsempfinden. Der Rücklauf mit gut 10.000 Antworten liegt im Rahmen des Üblichen und darf als zufriedenstellend und die erhaltenen Ergebnisse dürfen als hinreichend sicher gelten. Die Ergebnisse sind so breit referiert, daß man trotz aller übersichtlich-farbigen Drucklegung den Ersteindruck eines Zahlen- und Grafiken-Friedhofs bekommt. In der Tat hemmen die 100 Tabellen und 150 Abbildungen den Lesefluss schon etwas. Das große Din-A-4-Format der Studie ermöglicht optisch dann aber doch einen ganz guten Durchblick. Dafür hat die Studie ihre Ergebnisse in einer 15seitigen Zusammenfassung am Ende noch einmal konzentriert.

Die Auswahl der Befragungs-Kommunen im alten Westdeutschland (und da besonders an der Rheinschiene Freiburg, Karslruhe, Mettmann und Moers) läßt die dünner besiedelte, oft infrastrukturell als unterversorgt geltende Fläche (vor allem den Osten mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) leider doch vollkommen außer acht.

Die Erhebungen von 2015 sollen 2018 wiederholt werden, auch, um Längsschnitt-Ergebnisse zu erzielen. Dabei können auch weitere Kommunen einbezogen werden.

Etwas verwundern kann der Indikator Erwerbstätigkeit für aktives Altern, wo sich doch 62 % der Befragten beim Ausfüllen des Fragebogens bereits im Ruhestand befanden.

Eindrücklich ist die Scherenöffnung für die Sicherung bei Pflegebedürftigkeit bis zum Jahr 2050 mit dem Auseinanderklaffen von Pflegebedürftigkeitsraten (selbst bei mutmaßlichem Wirken der Kompressionstheorie) und Hilfepotential dargetan.

Fazit

Vor Ort in mehreren Kommunen wurden mit der Untersuchung nach dem aktiven Altern und dem Sicherheitsempfinden älterer Menschen wichtige Anstöße für die kommunale Bewusstmachung von der Notwendigkeit sozialen Engagements gegeben. Die Anregungen könnten bei einer Weiterführung auch auf Ostdeutschland ausgedehnt werden.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 06.03.2017 zu: Baldo Blinkert: Generation 55plus. Lebensqualität und Zukunftsplanung. Das KOSIS-Projekt "Aktives Altern" in den Städten Bielefeld, Freiburg, Karlsruhe, Moers, Villingen-Schwenningen und im Landkreis Mettmann. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. ISBN 978-3-643-13567-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22209.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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