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Jürgen Raithel: Jugendliches Risikoverhalten

Cover Jürgen Raithel: Jugendliches Risikoverhalten. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 197 Seiten. ISBN 978-3-531-14366-8. 18,90 EUR, CH: 33,40 sFr.

Reihe: Lehrbuch.
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Einführung in das Thema

Jugendliche leben gefährlich. Stärker als Kinder oder Erwachsene sind sie Risiken ausgesetzt, die sie durch ihr Handeln wissentlich oder unwissentlich heraufbeschwören. Kaum ein Aktivitätsbereich, der davon nicht betroffen ist: Nicht nur das delinquente Verhalten (einschließlich der Verkehrsdelikte) und der als Problemverhalten wahrgenommene Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen gehören dazu, sondern auch solche Verhaltensweisen, die zwar nicht gesellschaftlich gültige Normen verändern, aber dennoch über kurz oder lang die Gesundheit beeinträchtigen können: ungeschützter Geschlechtsverkehr, gefährlicher Freizeitsport, exzessives Sonnenbaden, ungesunde Ernährung und mangelhafte Körperhygiene. Als Gefährdungen gelten sie nicht nur wegen ihrer möglicherweise unmittelbaren Auswirkungen, sondern auch, weil sie als langfristig gesundheitsschädliche Gewohnheiten ins Erwachsenenleben mitgenommen werden können.

So begründet Jürgen Raithel in seinem als "Einführung" charakterisierten Buch seine Absicht, einen systematischen Überblick über die Risikoverhaltensweisen von Jugendlichen zu geben, einige soziologische und psychologische Erklärungsansätze darzustellen und zu integrieren und sich außerdem den Aspekten der Erhebung von Risikoverhalten und seiner Prävention zuzuwenden.

Aufbau und Inhalt

Seinen Ausführungen stellt er eine übersichtliche Charakteristik der Lebensphase Jugend voran, die Leserinnen und Leser mit den Grundpositionen der gegenwärtigen jugendsoziologischen Diskurse vertraut macht, nach denen die verlängerte und zunehmend entstrukturalisierte Jugendphase mit ihren vielfältigen Wahlmöglichkeiten Chancen bietet, zugleich aber auch Risiken des Scheitern beim Übergang ins Erwachsenenleben bereit hält.

Danach werden der Begriff und unterschiedliche Formen des Risikoverhaltens selbst näher beleuchtet. Riskantes Verhalten wird als "unsicherheitsbezogenes Verhalten (charakterisiert), das potenziell zu einer Schädigung führen kann und somit einer produktiven Entwicklung - in Bezug auf die Entwicklungsziele Individuation und Integration - entgegenwirken kann"(S. 27). Obwohl abweichendes Verhalten und riskantes Verhalten keine geringe Schnittmenge miteinander haben, möchte der Autor in seinen Abhandlungen die Abweichungsperspektive der Schädigungsperspektive unterordnen. Ihm geht es mehr um die Gefährdung individueller Entwicklungen als um die Verletzung von Normen. Dabei entgeht ihm jedoch, worauf Foucault hingewiesen hat: Abweichungs- und Gefährdungsperspektive sind in der modernen Medizin als sozialer Medizin eng miteinander verwoben. Gesundheit gilt als Pflicht des einzelnen, die Produktion oder Inkaufnahme gesundheitlicher Risiken ist demnach eine Pflichtverletzung, mithin eine Abweichung (vgl. Lemke, 1997, S. 236). Dabei handelt es sich nicht nur um akademische Spitzfindigkeiten: Immerhin gründet sich das Verbot des Besitzes von Rauschdrogen über Marihuana bis Kokain oder Heroin allein auf ihre vermeintlichen, nicht immer überzeugend nachgewiesenen gesundheitsschädigenden Auswirkungen. Paradoxerweise nötigt erst der Verbotskontext den Konsumenten eine gefährliche Lebensweise auf, sei es durch das Risiko der Kriminalisierung oder durch das Risiko der Gesundheitsschädigung durch verunreinigten Stoff, durch infizierte Spritzen usw.

Aus der von ihm gewählten Schädigungsperspektive subsummiert Raithel vier Verhaltenstypen (gesundheitliches, delinquentes, finanzielles und ökologisches Risikoverhalten) unter dem Begriff des Risikoverhaltens. Erstaunlicherweise findet ein weiterer Bereich des Risikoverhaltens, nämlich die Schulverweigerung, keine explizite Erwähnung, obwohl ihr für die direkte weitere Ausgestaltung des Lebensweges dessen, der sie praktiziert, ein erheblicheres Schädigungspotenzial zukommen dürfte als etwa dem ökologischen Risikoverhalten in Form von unkorrekter Müllentsorgung.

Im 4. Kapital - dem Hauptteil des Buches - werden übersichtlich, verständlich und instruktiv soziologische und psychologische Erklärungsansätze zur Entstehung riskanten Verhaltens ausgebreitet. Die Lektüre bietet zunächst einen lesenswerten Überblick über die Konzepte von Entwicklungsaufgaben und Stress als Grundlagen eines belastungstheoretischen Sozialisationsmodells. Die dann folgende Darstellung der Belastungspotenziale, die das jeweilige riskante Bewältigungsverhalten herausfordern sollen, leidet an manchen Stellen an Pauschalität - etwa wenn ein Zusammenhang zwischen Dauerarbeitslosigkeit der Eltern und Kindesvernachlässigung beschworen wird, für den es in dieser einfachen Direktheit keine empirischen Belege gibt. Auch werden keine empirischen Aussagen über Korrelationen von Risikofaktoren innerhalb der Sozialisationsfelder Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe mit spezifischen Risikoverhaltensweisen angeführt.

Neben dem belastungssoziologischem Ansatz werden Überlegungen zur geschlechtsspezifischen Sozialisation und zum Milieu- und Lebensstilansatz - ebenfalls wieder sehr verständlich und übersichtlich - zur soziologischen Erklärung von Risikoverhalten herangezogen. Aus sozialpsychologischer Sicht diskutiert Raithel erwartungs- und einstellungstheoretische Modelle sowie gruppendynamische Überlegungen. Weiter stellt er das neurobiologisch orientierte Konzept des Sensation Seekings vor.

Er verknüpft die unterschiedlichen Ansätze durchaus sinnvoll zu einem handlungstheoretischem Mehrebenenmodell, das geeignet erscheint, die jeweils disziplinenspezifischen Ausblendungen von strukturellen, kulturellen, situativen und individuellen Faktoren produktiv aufzuheben und zu einem umfassenderen Verständnis des Phänomens Risikoverhalten beizutragen. Bei aller Zustimmung darf aber nicht übersehen werden, dass dieses Erklärungsmodell am Ende schließlich doch bemerkenswert unspezifisch bleibt, wenn es sowohl für exzessives Sonnenbaden als auch für ungesunde Ernährung wie darüber hinaus auch noch für delinquentes Risikoverhalten wie das S-Bahn-Surven verwendet werden sollte. Weitere theoretische Unterscheidungen sind also erforderlich. Sie könnten sich z.B. aus der Wahrnehmung und Bewertung des Verhaltens (oder Unterlassens) durch die Subjekte selbst ergeben:

  • Was wissen sie über bzw. wie verleugnen sie die Risiken ihres Tuns?
  • Wie begründen sie als Akteure ihre Handlungsentscheidungen?
  • Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß oder eher: No risk no fun?

Wie gefährlich leben Jugendliche nun? Zur Erfassung von Risikoverhaltensweisen aus der Sicht der Akteure hat der Verfasser ein eigenes Instrument entwickelt, dass rechtsnormriskante und mehrere Bereiche gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen (z.B. die Bereiche Substanzenkonsum, Ernährungsverhalten, riskantes Sexualverhalten, Hygiene, usw.) hinsichtlich der Ausformung und der Auftretenshäufigkeit, nicht aber hinsichtlich subjektiver Begründungen und Erfahrungen umfasst. Nach faktoranalytischer Untersuchung bilden die gesundheitsriskanten Verhaltensweisen insgesamt fünf Dimensionen des gesundheitsrelevanten Verhaltens Jugendlicher ab, nämlich offenes und verdecktes Risikoverhalten, gesundheitsriskante Sozialkontakte, risiko - konnotative Verhaltensweisen und aktives Gesundheitsverhalten. Das Instrument könnte sich in erster Linie zum Einsatz für Forschungszwecke eignen, müsste dort jedoch mit anderen, stärker am Subjekt und am Lebenskontext orientierten Methoden kombiniert werden.

Abschließend wendet sich der Verfasser noch einigen Grundzügen der Prävention zu. In diesem Abschnitt erhält der Leser einen knappen Überblick über Begriffe, Zielbereiche und einige konzeptionelle Überlegungen von Prävention.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch insbesondere Einsteigern in die Materie einen soliden Überblick über Begriffe und Erklärungsansätze des Risikoverhaltens im Jugendalter. Denkbare Einsprüche, riskante Fragen zum Thema greift es jedoch nicht auf. Dadurch bleibt die Darstellung etwas blass. Das ist nicht untypisch für wissenschaftliche Arbeiten, aber ist es auch typisch für den hier behandelten Gegenstand: No risk, no fun?


Rezension von
Prof. Dr. Christine Köckeritz
Dekanin Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Fachhochschule Esslingen - Hochschule für Sozialwesen
Homepage www.hfs-esslingen.de


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Zitiervorschlag
Christine Köckeritz. Rezension vom 22.02.2005 zu: Jürgen Raithel: Jugendliches Risikoverhalten. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-531-14366-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2221.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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