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Doris Heinzen-Voß, Heino Stöver (Hrsg.): Geschlecht und Sucht

Cover Doris Heinzen-Voß, Heino Stöver (Hrsg.): Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit gelingen kann. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2016. 230 Seiten. ISBN 978-3-95853-237-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema und Zielgruppe

Die AutorInnen plädieren dafür, geschlechtergerechte Suchtarbeit umfassend und in allen Bereichen der Suchthilfe – die Prävention eingeschlossen – zu verankern:

  • Im Leitbild, Profil und Konzept der Suchthilfeeinrichtungen
  • bei der Qualifizierung der MitarbeiterInnen
  • in der Kommunikation
  • in der Angebotsstruktur
  • bei der Öffentlichkeitsarbeit
  • bei den Rahmenbedingungen und der Steuerung
  • bei der Vernetzung
  • bei Dokumentation und Evaluation
  • und in der Forschung

Das Buch richtet sich an Fach-und Führungskräfte der Suchthilfe.

AutorInnen

Neben den HerausgeberInnen – einer freiberuflichen Trainerin und einem Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung – kommen noch zwölf weitere Fachkräfte zu Wort: SozialarbeiterInnen, Pädagoginnen, PsychologInnen/ PsychotherapeutInnen, Fachärztinnen und WissenschaftlerInnen – insgesamt mehr Frauen als Männer.

Aufbau

Das Buch enthält neben dem Vorwort zehn Kapitel:

  1. Empfehlungen: Genderaspekte in Institutionen der Suchthilfe
  2. Empirische Befunde aus Nordrhein Westfalen
  3. Gendersensible Suchtprävention
  4. Genderbewusste Arbeit bei Suchtstörungen
  5. Eltern-Kinder-Sucht: Anforderungen an die Suchthilfe
  6. Männersensible Elemente in der Suchtberatung und Suchtbehandlung
  7. Drogenkonsum bei Männern, die Sex mit Männern haben
  8. Mann oder Opfer?
  9. Frauen und Substanzabhängigkeit
  10. Geschlechterbezogene Behandlung von süchtigen Frauen mit Traumafolgestörungen

Inhalt

In mehreren Beiträgen werden geschlechtsspezifische Ursachen für Suchtentwicklungen thematisiert:

Neben den Ursachen, die beide Geschlechter betreffen, können psychotrope Substanzen für Mädchen nicht selten die Funktion eines „Schmiermittels“ übernehmen, wenn es um Anpassung (auch an suchtkranke Ehemänner) geht, oder als Mutmacher fungieren. Auch werden Substanzen zur Gewichtsregulierung, zur Steigerung des Selbstwertgefühls und zur Bewältigung sexueller Gewalterfahrungen von Mädchen und Frauen benutzt. Männer hingegen konsumieren im Zusammenhang mit Männlichkeitsritualen und demonstrieren tendenziell stärker mit Hilfe der Substanzen Stärke und Macht; auch Männer konsumieren jedoch psychotrope Substanzen im Zusammenhang mit Gewalterfahrungen, was jedoch nicht immer im Hilfesystem thematisiert wird. Geschlechtsbezogen fallen auch Unterschiede bezüglich der Lebensphasen und Lebensumstände auf: Nur wenige der suchtmittelabhängigen Männer leben mit ihren Kindern zusammen, während Themen von Mutterschaft, alleiniger Erziehungsverantwortung oder Kinderlosigkeit für Frauen wichtige Themen im Rahmen der Therapie sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Vaterrolle kein bedeutsames Thema für suchtbelastete Männer darstellen würde.

In Nordrhein Westfalen wurden im Rahmen einer Studie 555 Einrichtungen der Suchthilfe angeschrieben, um zu erheben, wie sich das landespolitische Engagement zum Thema Gender tatsächlich in der Praxis auswirkt. Trotz landesweit agierender Fachstellen bleibt in der Praxis vieles relativ unverbindlich, so dass noch viel zu tun bleibt.

Im Kapitel „Gendersensible Suchtprävention“ wird ein Best Practice Konzept mit fünf kurzen Spielfilmen, die gemeinsam mit Jungen und Mädchen entwickelt wurden, und ergänzenden schriftlichen Unterlagen dargestellt. Leider sind die Filme selber im Buch nicht (z.B. auf DVD oder mit prominenter Linkempfehlung) enthalten -vermutlich, weil sie auf Französisch sind. An anderer Stelle im Buch werden die jüngeren Erfolge von Verhältnis- und Verhaltensprävention geschlechtsspezifisch thematisiert.

Bei den Ausführungen zur genderbewussten Arbeit bei Suchtstörungen betont die Autorin Christel Zenker, dass Frauen wenig von AA-Gruppen, sondern mehr von strukturierten Gruppen, in denen Gefühle bearbeitet werden, profitieren. Frauen sind tendenziell weniger zufrieden mit ihren Erfahrungen in der stationären Suchttherapie. So werden in den letzten beiden Kapiteln des vorliegenden Buches konkrete Konzeptbausteine und Methoden für die Arbeit mit Frauen vorgestellt.

Männer brauchen verstärkt positive Vorbilder, so dass eine Erhöhung der Anzahl männlicher Berater und Therapeuten hilfreich wäre. Vosshagen betont, dass männliche Therapeuten, die mit Männern arbeiten, eine positivere Einstellung zu ihrem eigenen Geschlecht haben und gleichzeitig eine männerkritische Haltung einnehmen sollten. Skizziert werden Ausschnitte aus dem Manual „Männlichkeiten und Sucht“, das in elf Modulen männerspezifische Gruppenarbeit anleitet.

Ein eigenes Kapitel ist den Kindern aus suchtbelasteten Familien gewidmet: Hier findet sich einiges zur Schädigung des Ungeborenen während der Schwangerschaft, ohne allerdings tiefer auf die konkrete Arbeit mit Schwangeren einzugehen. Im weiteren Verlauf werden die notwendigen Kooperationen mit der Jugendhilfe bei Kindern aus suchtbelasteten Familien thematisiert.

Deimel, Gebhardt & Stöver haben in einer Metastudie 35 internationale Studien über Drogenkonsum bei Männern, die Sex mit Männern haben, ausgewertet und insbesondere die Chemsex Szene analysiert: Hierbei geht es um Sex zwischen Männern unter dem Einfluss von Substanzen, die das Erleben intensivieren und die Potenz steigern. In dieser Szene kommt es sehr häufig zum ungeschützten Analverkehr mit wechselnden Partnern mit entsprechenden Risiken, sich mit HIV oder anderen übertragbaren Krankheiten zu infizieren. Drogenkonsumierende MSM stellen eine spezifische Gruppe dar, die bislang schlecht durch die klassische Suchtkrankenhilfe erreicht wurde. In dieser Gruppe finden sich erhebliche Kumulationen von Belastungsfaktoren. Allerdings stellen Drogenkonsumierende MSM keine homogene Gruppe dar. Schön wäre es gewesen, wenn das QUADROS Projekt (im Auftrag des BMG) noch genauer beleuchtet worden wäre.

Lenz beschäftigt sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive seit über 20 Jahren mit der Verdeckung männlicher Verletzbarkeit als Opfer von biografischen (sexualisierten) Gewalterlebnissen. Er analysiert die blinden Flecken in Forschung und Praxis und beschäftigt sich darüber hinaus mit speziellen Themen wie Beschneidungsritualen, Übergriffen in der katholischen Kirche, Gefängnissen und der männlichen Traumatisierung als Soldat.

Im Gegensatz zu diesem Kapitel sind die beiden letzten Kapitel zu frauenspezifischen Fragen stärker aus dem klinischen Blickwinkel verfasst und enthalten konzeptionelle und methodische Ausführungen zu Behandlung und Rehabilitation aus kognitiv verhaltenstherapeutischer und traumatherapeutischer Perspektive.

Diskussion

Da sich einige Aspekte – wie z.B. Genderspezifische Entstehungsbedingungen – in unterschiedlichen Beiträgen wiederholen, hätte das Buch etwas gekürzt und die Beiträge besser aufeinander abgestimmt werden können. Auch wäre es schön gewesen, wenn dafür an mancher anderer Stelle die Konzepte etwas stärker in die Tiefe gegangen wären. So hätte man z.B. bei der Arbeit mit Eltern und der Suchthilfe mit Schwangeren genauer werden können. Das interessante Kapitel zu MSM hätte bei der Darstellung der zahlreichen Studien noch leserfreundlicher strukturiert werden und mit Bezügen zu aktuellen Qualifizierungsoffensiven versehen werden können.

Positiv hervorzuheben ist, dass AutorInnen gewonnen werden konnten, die größere Studien oder eigene Buchpublikationen erstellt haben. So ist ein guter Bezug zwischen Forschung und Praxis gelungen. Durch die zahlreichen AutorInnen konnte ein breites Themenspektrum mit vielen Bezügen zur klinischen Praxis abgedeckt werden.

Anzumerken sei noch, dass generell die Lektorierung von Büchern weniger Augenmerk auf Tippfehler zu legen scheint: So sind mir – ohne spezielle darauf zu achten – fünf Tippfehler aufgefallen (S. 23, 36, 77, 198 u. 215).

Fazit

Die Bedeutung von gendersensibler Prävention und Suchthilfe wird überzeugend herausgearbeitet, da sich die Entstehungsbedingungen und Bedarfe im Hilfesystem zwischen Männern und Frauen erheblich unterscheiden und daher speziell qualifizierte MitarbeiterInnen sowie entsprechend konzipierte und vernetzte Hilfsangebote und deren Erforschung und Evaluation notwendig sind. Deutlich wird, dass insbesondere im Hinblick auf spezielle Zielgruppen noch ein großer konzeptioneller Bedarf für die Ausgestaltung der Hilfsangebote besteht: Männer, die Sex mit Männern haben, ältere Suchtkranke, MigrantInnen, Väter, (sexuell) traumatisierte Männer und Schwangere beispielsweise.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus - Senftenberg, Campus Cottbus Sachsendorf
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 07.06.2017 zu: Doris Heinzen-Voß, Heino Stöver (Hrsg.): Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit gelingen kann. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2016. ISBN 978-3-95853-237-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22210.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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