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Guido Becke, Peter Bleses u.a. (Hrsg.): Zusammen - Arbeit - Gestalten

Cover Guido Becke, Peter Bleses, Frerich Frerichs, Monika Goldmann, Barbara Hinding, Martin K. W. Schweer (Hrsg.): Zusammen - Arbeit - Gestalten. Soziale Innovationen in sozialen und gesundheitsbezogenen Dienstleistungen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 364 Seiten. ISBN 978-3-658-04058-1. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Einrichtungen und Dienste der Pflege- und Gesundheitswirtschaft befinden sich in der demographisch bedingt schwierigen Situation, künftig eine weiter wachsende Nachfrage erwarten zu dürfen, gleichzeitig jedoch auf ein mittelfristig erheblich schrumpfendes Potenzial an Nachwuchskräften blicken sowie eine überdurchschnittlich hohe Ausstiegsquote bei älteren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen verzeichnen zu müssen. Guter Rat ist hier teuer. Eine besondere Problematik ergibt sich noch dadurch, dass nicht wie in anderen Wirtschaftszweigen junge und gut qualifizierte Mitarbeitende über attraktive Löhne akquiriert werden können und die Rationalisierungspotenziale im Sektor der personenbezogenen sozialen Dienste limitiert sind.

Entstehungshintergrund

Mehrere Forschungsprojekte haben sich in einer Fokusgruppe „Demografiemanagement und Vernetzung“ zusammengefunden, um Wege aus der oben beschriebenen Sackgasse zu finden. Das besondere Interesse galt sozialen Innovationen in und zwischen sozialen Organisationen.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Guido Becke und Peter Bleses sind Senior Researcher am Forschungszentrum Nachhaltigkeit (artec) der Universität Bremen.
  • Frerich Frerichs ist Leiter des Fachgebiets „Altern und Arbeit“ am Institut für Gerontologie der Universität Vechta.
  • Monika Goldmann ist Senior Researcher an der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund.
  • Barbara Hinding ist Senior Researcher am Mannheimer Institut für Public Health an der Universität Heidelberg.
  • Martin K. W. Schweer ist Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation beinhaltet 19 Beiträge in sechs Teilen.

Teil 1Zur Einführung“ wird eingeleitet von Guido Becke und Peter Bleses mit einem Abriss zum Themenkomplex der Gestaltung von Zusammenarbeit in sozialen und gesundheitsbezogenen Dienstleistungen. Die gleichen Autoren schließen zusammen mit Monika Goldmann mit Ausführungen zur sozialen Innovation als neue Perspektive für die Arbeitsforschung im Feld der Gesundheits- und Pflegewirtschaft an.

Teil 2 des Bands ist überschrieben mit „Zusammenarbeit in Netzwerken gestalten“ und beginnt mit einem Beitrag von Jens Mayland und Cornelia Tippel zu Kooperation und Vernetzung als institutionelle Logik für die gesundheitliche und pflegerische Versorgung in Südwestfalen. Unter anderem legen sie die in ihrem Projekt leitende neoinstitutionalistische Organisations- sowie die soziologische Innovationstheorie dar. Ebenfalls bezogen auf ein Vorhaben in Südwestfalen berichten Vera Gerling und Anja Gieseking im Anschluss daran über innovative Kooperationsnetzwerke im Gesundheits- und Pflegewesen im Rahmen des Projekts „StrateG!N“. Sie berichten über den Risikoindex Südwestfalen, über Netzwerke im Licht der Theorie soziale Innovationen, über ein konkretes Gesundheits- und Pflegenetzwerk sowie über die Rolle von Kommunen bei der Sicherstellung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung. Soziale Innovation durch sektorenübergreifendes Vernetzung sind, bezogen auf Ansätze der Gesundheitsregion Südwestfalen, Gegenstand der anschließenden Erörterungen von Monika Goldmann, Kerstin Kemma und Kai Urner. Unter dem Leitthema der neuen Versorgungsformen und der Vernetzung im Gesundheitswesen sowie der theoretischen Grundlage der Motive von Adoption nach Rogers werden Ansätze in Südwestfalen dargestellt. Wolfgang Ritter, Sina Lürßen und Stephanie Pöser widmen sich daraufhin sozialen Innovationen durch nachhaltige Vernetzung. Sie berichten von der Etablierung und zur Verstetigung eines lernenden Netzwerks am Beispiel des Projekts „ZUKUNFT:PFLEGE“. Den Abschluss dieses zweiten Teils bildet eine Abhandlung von Janina Evers und Jan Knipperts zur Vernetzung und Kooperation bzw. zu sozialen Innovationen im demographischen Wandel. Dabei geht es insbesondere um die nachhaltige Gestaltung und Steuerung im Lichte des sog. „Transition Managements“.

Die Beiträge in Teil 3 stehen unter der Überschrift „Arbeit in Unternehmen zukunftsfähig gestalten“. Zunächst berichten Peter Bleses und Kristin Jahns vom Ansatz des Verbundprojekts „ZUKUNFT:PFLEGE“. Im Zentrum stehen die Herausforderungen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nachhaltig gesund zu halten und neue Mitarbeitende zu akquirieren. Als Praxisbeispiele werden die Neugestaltung der persönlichen Übergabe sowie der Ausfallplanung beschrieben. Theresa Grüner, Ann-Christin Werner, Frerich Frerichs und Nicola K. Schorn thematisieren daraufhin im Kontext des Verbundprojekts „KoLaGe“ Fachlaufbahnen in der Altenpflege als soziale Innovation. Sie beschäftigen sich mit der Fachlaufbahn im arbeitswissenschaftlichen Diskurs sowie der methodisch-konzeptionellen Entwicklung von Fachlaufbahnen in der Pflege. Dabei werden auch die organisatorische Einbindung und hierarchische Differenzierung sowie Potenziale und Risiken berücksichtigt. Ansatzpunkte zur Förderung innovationsbezogenen Verhaltens von Beschäftigten in Gesundheits- und Sozialberufen behandeln im Anschluss daran Barbara Hinding, Maren Albrecht, Ynaie Bhering Soares und Michael Kastner. Sie skizzieren im Rahmen des Projekts „InnoGESO – Innovations- und Demografiemanagement in Gesundheits- und Sozialberufen“ die Hemmnisse und Ressourcen in Innovationsprozessen mit Konzentration auf innovationsbezogenem Verhalten und Innovationsbereitschaft der Beschäftigten. Im Ergebnis berichten sie, dass eine hohe Bereitschaft der Beschäftigten festzustellen ist, sich an Innovationsprozessen zu beteiligen. Als Hemmnisse werden indes neben der unternehmensinternen Kommunikation vor allem die mangelnde Wertschätzung und die quantitative Überforderung in einigen Einrichtungen ausgemacht. Martin K. W. Schweer und Karin Siebertz-Reckzeh erörtern daraufhin in ihrem Beitrag Vertrauen und Loyalität als Regulatoren in intergenerationaler Zusammenarbeit. Die Ergebnisse ihrer Studie weisen darauf hin, dass „die Bedeutung von Vertrauen und Loyalität als strukturierende Beziehungselemente evident“ ist. Unter dem Motto „Neue Wege beschreiten“ skizzieren Anna Mielich und Cornelia Kricheldorff dann Konzepte von neuer Führung als eine Interventionsmöglichkeit für eine alterns- und generationengerechte Beschäftigung in Pflege und sozialer Arbeit. Im Kern geht es dabei um die flexible Arbeitsgestaltung in unterschiedlichsten Versionen, um Mitarbeitende nachhaltig an die Organisation zu binden, ihre Gesundheit sowie ihre Motivation aufrechtzuerhalten. Generationengerechtigkeit als Schlüssel für betriebliche soziale Innovationen ist das Thema des anschließenden Beitrags von Guido Becke und Raphaela Wehl. Sie betonen, dass die Qualität betrieblicher Generationenbeziehungen die Bereitschaft und die Möglichkeiten dieser Gruppen beeinflusst, jeweilige Wissensbestände in Prozesse der Innovation einzubringen.

Teil 4 des Sammelbandes ist dem Komplex „Personale Voraussetzungen für soziale Innovationen“ gewidmet. Nachdem Marvin Blum, Maren Preuß und Annalena Sohn die Ergebnisse ihrer Studie zu den Potenzialen außerberuflich erworbener Kompetenzen für Fachlaufbahnen in der Altenpflege dargelegt haben, schildern Selda Akca und Christiane Kugler die Möglichkeiten des Empowerments von Pflegenden in Akutkrankenhäusern. Sie betonen im Ergebnis ihrer Untersuchung „die Notwendigkeit Empowerment förderlicher Arbeitsstrukturen und Organisationsgestaltung sowie die Stärkung sozialer Ressourcen für die ‚Provokation‘ entscheidungsfreudigen, verantwortungsvollen und hochkompetenten Pflegeverhaltens“.

Teil 5 richtet die Aufmerksamkeit auf den „Nutzen sozialer Innovationen“. Zunächst thematisieren Liza Wohlfart und Flavius Sturm die demografieorientierte Förderung betrieblicher Innovationsfähigkeit. Ihr Beitrag soll angesichts der unterschiedlichen Potenziale verschiedener Mitarbeitergruppen und betrieblicher Ebenen unter anderem zeigen, „wie innovative Betriebe den demographischen Wandel nicht nur bewältigen, sondern auch als Chance begreifen können“. Entgeltstrukturen und Vergütungsoptionen im Kontext von Laufbahnen in der Altenpflege sind das anschließende Thema von Uwe Fachinger und Marvin Blum. Vor dem Hintergrund diverser Ansätze der Personalentwicklung sowie alternativer Laufbahnkonzepte werden Möglichkeiten der Modifikation von Entgeltstrukturen sondiert. In ihrem differenzierten Resümee schildern sie die Möglichkeiten, aber auch die restriktiven Rahmenbedingungen von Neugestaltungen bisheriger Systeme. Im Mittelpunkt des darauffolgenden Beitrags von Isabella Schimitzeck steht die Transaktionskostentheorie als Ansatz zur Beurteilung von Investitionen in nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit. Im Rahmen des Projekts „ZUKUNFT:PFLEGE“ wurde im Rahmen einer solchen Analyse der „relative Vorteil“ von personalwirtschaftlichen Maßnahmen zur Förderung einer nachhaltigen Beschäftigungsfähigkeit erfasst.

Teil 6 des Sammelbandes soll als „Resümee und Ausblick“ verstanden werden und besteht aus einem Beitrag von Frerich Frerichs, Barbara Hinding und Martin K. W. Schweer. Sie ziehen darin ein Fazit zu den Kernergebnissen und skizzieren den weiteren Forschungsbedarf. In toto zeigt sich für sie ein „ausgeprägtes Gestaltungspotenzial auf intra- und interorganisationaler Handlungsebene, dessen Ausschöpfung aber erst am Anfang steht“. Schritte der Praxisentwicklung müssten flankiert werden durch komplementäre Forschungsarbeiten in den Bereichen Implementation, Wirkung und Diffusion.

Diskussion und Fazit

Die Beiträge dieses Sammelbandes sind durchgehend hoch komprimiert und sehr informativ im Hinblick auf den aktuellen Stand der Forschung zu sozialen Innovationen in Organisationen insbesondere der Gesundheits- und Pflegewirtschaft. Daneben werden viele wichtige Aspekte der interinstitutionellen Zusammenarbeit sowie der Governance von vernetzten Strukturen berücksichtigt. Die Forschungs- und Handlungsansätze der beschriebenen Forschungsvorhaben sind in ihren Darstellungen im Hinblick auf die jeweilige Theoriebasis und die empirischen Ergebnisse stringent, gut nachvollziehbar und anschlussfähig für die weitere Forschung.

Die geschilderten und analysierten Ansätze zeigen anschlussfähige Wege auf, den angesichts der demografischen Entwicklung zu erwartenden Versorgungsengpässen vor allem in ländlichen Räumen zu begegnen. Zu betonen ist allerdings, dass zur Lösung der Problematiken auch sozialpolitische Maßnahmen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene nötig sein werden.

Fazit: Ein instruktiver Sammelband zu den Potenzialen sozialer Innovationen in der Gesundheits- und Pflegewirtschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 06.04.2017 zu: Guido Becke, Peter Bleses, Frerich Frerichs, Monika Goldmann, Barbara Hinding, Martin K. W. Schweer (Hrsg.): Zusammen - Arbeit - Gestalten. Soziale Innovationen in sozialen und gesundheitsbezogenen Dienstleistungen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-04058-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22218.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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