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Karin Bock, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit und Sozialpolitik im neuen Jahrtausend

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 19.04.2005

Cover Karin Bock, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit und Sozialpolitik im neuen Jahrtausend ISBN 978-3-8100-3917-0

Karin Bock, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit und Sozialpolitik im neuen Jahrtausend. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 114 Seiten. ISBN 978-3-8100-3917-0. 16,90 EUR. CH: 30,10 sFr.
Reihe: Blickpunkte sozialer Arbeit - Band 4
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Intention

Der Titel des schmalen Sammelbändchens klingt ein wenig nach Zeitenwende: Soziale Arbeit und Politik vor und nach dem Jahre 2000 nach Christus. Der Eindruck, die Jahrtausendwende werde von den Autoren auch als inhaltliche Zäsur und Markstein für den Beginn eines neuen Zeitalters von Sozialarbeit und Sozialpolitik begriffen, wird verstärkt durch die Überschriften einiger Aufsätze:

  • "Zukunft der Sozialpolitik im neuen Jahrtausend" (Margherita Zander)
  • "Auf dem Weg in das 'zweite sozialpädagogische Jahrhundert'? Anmerkungen zur Zukunft Sozialer Arbeit in der flexiblen Arbeitsgesellschaft" (Michael Galuske)
  • "Soziale Arbeit im Übergang zum digitalen Kapitalismus. Ein Rückblick ins 20. Jahrhundert und eine Aufforderung für die Gegenwart" (Wolfgang Schröer)
  • "Veränderte familiale Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen in Gegenwart und Zukunft" (Rosemarie Nave-Herz)

Allgemeinerer Natur sind lediglich die Einleitung von Karin Bock und Werner Thole ("Sozialstaat im Wandel") und der Beitrag von Rolf Schwendtner ("Gleichheit und Gerechtigkeit im Sozialstaat"). Alle Autoren indes haben "Zukunftsentwürfe und -trends für die Soziale Arbeit im neuen Jahrtausend" (Umschlagtext) im Visier.

Inhalt und Bewertung

Von den sechs Aufsätzen genügen, sieht man von der Einleitung ab (auf die im Folgenden nicht näher eingegangen wird) nur zwei (der Autoren Galuske und Nave-Herz) den Anforderungen an sachliche, empirisch untermauerte Darlegungen. Anschaulich beschreiben sie die Veränderungen des Makrokosmos "Arbeitsgesellschaft" einerseits, des Mikrokosmos "Familie" andererseits, mit jeweils weitreichenden und im Detail noch kaum übersehbaren Folgen für soziale Politik und Arbeit.

Galuske offeriert dem auf sozialen Feldern Arbeitenden ein widersprüchliches Zukunfts-Szenario: "Einerseits dürfte die Nachfrage nach sozialpädagogischen Dienstleistungen angesichts der wachsenden Zerbrechlichkeit des 'teuren Guts' soziale Integration eher steigen. Andererseits (könnte) diese Soziale Arbeit eine andere sein als bislang: Mit höheren ordnungspolitischen Anteilen, unter permanentem, institutionalisiertem Effizienzdruck und einem sich mehr und mehr auf das quantifizierbare Beiwerk pädagogischer Interaktionsprozesse reduzierenden Professionsverständnisses."

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Nave-Herz, vor allem wegen seiner nüchternen, unprätentiösen Machart (eine Seltenheit im vielfach mit soziologischer Hochsprache überfrachteten sozialpolitischen Schrifttum unserer Zeit). Die Familienphase im Leben des Einzelnen, so stellt sie fest, ist zeitlich geschrumpft und nimmt nur noch ein Viertel der Gesamtlebenszeit ein. Ein Viertel des Lebens entfällt auf die Zeit "vor" der Familie und gar die Hälfte des Daseins auf die nachelterliche Phase - schon aus diesem Grunde bedeute die Festschreibung der Frauen auf ihre Mutterrolle, dass sie "ein Viertel ihres Lebens in Erwartung auf das 'eigentliche Leben' (= Familienphase) und ca. die Hälfte ihres gesamten Lebens im Bewusstsein verbringen müssten, dass das 'eigentliche Leben' vorbei wäre." Der Rollenpluralismus der Frauen wird begleitet von einem familialen Wandel, der vor allem durch eine geringere Kinderzahl und ein verändertes Erziehungsverhalten geprägt ist. Das Kind wird zum "kostbaren Gut", dem man möglichst "das Beste" zukommen lassen möchte, was jedoch auch "Verwöhneffekte" erzeugen und zu "Defiziten in seiner Entwicklung" führen könne. Nave-Herz sieht vor allem verstärkt Diskontinuitäten zwischen der zeit- und energieaufwendigen - und überdies zunehmend "relative Werte" vermittelnden - familialen Erziehung und der durch eher "absolute Werte" geprägten Sozialisation in Kindergarten und Grundschule.

Ähnlich sachlich-nüchterne Ausführungen konnte man auch von Margherita Zander erwarten, gehört sie doch seit Jahren als sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" an - nicht gerade ein Gremium, das sich der Spekulation verschrieben hat. Doch die Autorin macht sich stattdessen auf die "Suche nach der Utopie" (so die Überschrift ihres ersten Kapitels) und entdeckt in diesem Zusammenhang fragwürdige Problemzonen, die jedoch nach ihrer Meinung die Zukunftsfähigkeit unseres Sozialsystems entscheidend beeinflussen. Voraussetzung dafür, dass diese wunden Punkte überhaupt erkannt werden, ist laut Zander eine veränderte Sichtweise, die sogenannte "Genderperspektive", die Betrachtung der Sozialpolitik aus "feministischer Sicht". Unter diesem Blickwinkel erscheint Sozialpolitik, vergröbert gesagt, als in erster Linie männliche Veranstaltung, ausgerichtet an der "männlichen Normalbiographie" und der "männlichen Ernährerfamilie", unter gleichzeitiger "Vernachlässigung der Familienarbeit" (S. 27f.) - eine Ausrichtung, die es, so Zander, zu verändern gilt. Ihr Ausgangspunkt ist indes außerordentlich problematisch. In Wirklichkeit orientiert sich die deutsche Sozialpolitik nicht am Geschlecht, sondern am geschlechtsneutralen Beschäftigungsverhältnis, wer immer dieses ausübt. Auch die Rentenformel unterscheidet nicht nach Männlein und Weiblein, allenfalls enthält sie mit den "Kindererziehungszeiten" und der "Rente nach Mindesteinkommen" Bestandteile, die eher Frauen zugute kommen. Wenn Arbeiterinnen und weibliche Angestellte niedrigere Renten als Männer bekommen, so liegt das hauptsächlich an ihren geringeren Verdiensten. Hier eine Egalisierung herbeizuführen ist in erster Linie Aufgabe der Tarifparteien, nicht der Sozialpolitik. Doch beschäftigte Frauen interessiert die "feministische" Sozialpolitik bestenfalls am Rande. Bezeichnenderweise sucht man in dem Beitrag von Zander - wie meist auch in anderen "feministischen Diskursen zur Sozialpolitik" - die Begriffe "Arbeitnehmerin" oder auch nur "abhängiges Beschäftigungsverhältnis" vergebens. Weibliche Beschäftigte kommen schlichtweg nicht vor - passen sie doch so gar nicht zur "männlichen Ernährerfamilie", in der die Apologetinnen der feministischen Sozialpolitik offensichtlich durchweg großgeworden sind. Um es deutlich zu sagen: die Genderperspektive ist in Wirklichkeit die Perspektive höherer Töchter - oder, falls die Nachfahren Simone de Beauvoirs es lieber hören - der "Töchter aus gutem Hause". Es ist eine Lyzeumsperspektive, die zwar nicht gerade die Paläste, keinesfalls aber die Hütten im Visier hat. Ihr scheint entgangen zu sein, dass es seit vielen Jahrzehnten soziale Quartiere, Städte und Landschaften gibt, in denen die Berufstätigkeit von Mann und Frau eine Selbstverständlichkeit und Lebensnotwendigeit darstellt, die "männliche Ernährerfamilie" vielleicht Wunsch, aber nicht Wirklichkeit ist. Es ist die "(groß)bürgerliche Familie", die von der feministischen Sozialpolitik verabsolutiert und für das Ganze genommen wird. An dieser aber hat sich die Sozialpolitik nicht auszurichten. Schon gar nicht hängt von der Bewältigung damit zusammenhängender "Probleme" die "Zukunft der Sozialpolitik im neuen Jahrtausend" ab!

Fordert der Beitrag von Zander zu Widerspruch heraus, so lässt der Aufsatz von Schwendtner den Leser eher ratlos zurück. Man weiß einfach nicht, welche Botschaft der Autor vermitteln will. Treffender hätte der Beitrag mit "Was mir bei dem Wort 'Sozialstaat' so alles durch den Kopf geht" überschrieben werden können - so weitläufig und ungeordnet wird der Stoff ausgebreitet. Auf gerade mal 12 Seiten tauchen mehr als 40 Namen auf, von Bodelschwingh, Anatole France, Hans Kelsen, Max Weber, Vilfredo Pareto und Samjatin über Stalin, Bucharin (?), Orwell und Gramsci bis zu Claus Offe und Klaus Dörner. Nicht zu vergessen so verdiente und bekannte Streiter um den Sozialstaat wie Robert Theobald und Liselotte Wohlgenannt. Auch die Psychoanalyse und der Islam, die "Aktion Sorgenkind" und sogar die kalifornische Energieversorgung sowie die - im sozialpolitischen Schrifttum offensichtlich bislang sträflich vernachlässigte - frühere TV-Krawallsendung "Vera am Mittag" geraten in das offenbar grenzenlose Blickfeld des Verfassers. Fazit: der Aufsatz zeugt bestenfalls von einer gewissen Belesenheit des Autors, nicht aber von seiner Fähigkeit, sich auf Wichtiges und Wesentliches zu beschränken.

Schließlich noch die soziale Arbeit im "digitalen Kapitalismus" des Autors Schröer. Auch hier muss der Rezensent - und hoffentlich auch der Durchschnittsleser! - sich zunächst einmal betrübt eingestehen, dass ihm wichtige Autoren im Umfeld von Sozialarbeit und Sozialpolitik offensichtlich völlig unbekannt sind: weder von Robert Castel noch vom "international bekannten Kultursoziologen" Friedrich Müller-Lyer hat er je etwas gehört, auch Siegfried Kawerau und Adalbert Evers sind ihm unbekannt und selbst bei Friedrich Siegmund-Schultze muss er passen. Dies ist nicht der Fall bei Otto Rühle, Alice Salomon und Gertrud Bäumer, auch Marie Baum, Carl Mennicke, Hans Thiersch und Oskar Negt sind ihm nicht fremd. Man fragt sich nur, was um alles in der Welt diese großenteils bereits schon lange Verblichenen mit "digitalem Kapitalismus" zu tun haben. Da passt der amerikanische Romancier T. C. Boyle, dessen Roman "America" Schröer eine halbe Seite widmet, schon besser in die Zeit. Aber auch hier bleibt unerfindlich, inwiefern ein mexikanisches Einwandererdrama die deutsche Sozialpolitik tangiert.

Fazit

Von der deutschen Sozialpolitik und ihren konkreten gegenwärtigen Problemen ist die Mehrzahl der Autoren dieses Bandes jedenfalls weit entfernt.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 19.04.2005 zu: Karin Bock, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit und Sozialpolitik im neuen Jahrtausend. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-8100-3917-0. Reihe: Blickpunkte sozialer Arbeit - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2222.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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