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Jakob Erne: Psychoanalytische Sozialarbeit

Cover Jakob Erne: Psychoanalytische Sozialarbeit. Eine rekonstruktive Aktenanalyse. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 292 Seiten. ISBN 978-3-86388-725-4. 36,00 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch präsentiert nach eigenen Angaben die Ergebnisse einer Rekonstruktion des Orientierungsrahmens der Mitarbeiter/innen des stationären Angebots des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit in Rottenburg und Tübingen, der früh und schwer gestörte Kinder und Jugendliche betreut, die häufig von anderen Institutionen als nicht behandelbar abgewiesen werden. Als Grundlage der Untersuchung, die sich der rekonstruktiven Sozialforschung verbunden sieht, dienen sechs ausgewählte Akten dieser Jugendlichen sowie Gruppendiskussionen, in denen die Arbeit reflektiert wird. Beides wird mit Hilfe der Dokumentarischen Methode ausgewertet. Der Orientierungsrahmen als Teil der verwendeten Forschungsmethodologie fokussiert dabei die impliziten Wissensbestände der professionell Handelnden, ohne dass dieses Wissen explizierbar wäre. Mit Hilfe der formalen Textorganisation des Aktenmaterials soll dessen Alltagssprache analysiert werden, um einen methodisch kontrollierten Zugang zum Gegenstandsbereich zu gewinnen. Die empirische Herangehensweise verbindet schließlich die Ebene der Aktenrealität, die die Wissensebene der Mitarbeiter/innen spiegelt, mit der interaktiven Ebene der protokollierten Gruppendiskussionen.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit, bei der es sich ursprünglich um eine von Rainer Treptow und Ralf Bohnsack betreute Dissertation handelt, ist in drei Schritten organisiert. Auf den theoretischen Input folgt die Präsentation der empirischen Ergebnisse in Form von Falldarstellungen, und am Ende stehen Bilanzierung und Diskussion. Angemerkt sei, dass dieses Projekt ohne die große Bereitschaft der Mitarbeiter/innen des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit, Einsicht in ihre Akten zu gewähren und sich in Gruppendiskussionen zu öffnen, nicht möglich geworden wäre.

Im ersten Teil, der theoretischen Einführung, wird zunächst differenziert Bezug genommen auf die Psychoanalyse. Das Unbewusste und die in der Beziehung auftretenden Affekte, Phantasien, Träumereien (rêverie) sowie Übertragungen und Gegenübertragungen werden herangezogen, und es erfolgt eine historisch basierte Auseinandersetzung mit der Verbindung zu Pädagogik und Sozialarbeit. Insbesondere das Spezifikum des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit mit seinen Wohngruppen für autistische und psychotische Kinder und Jugendliche und der ihnen zu Gute kommenden Beziehungsarbeit wird ausführlich beschrieben. Im Anschluss werden die forschungsmethodologischen Grundlagen der Untersuchung vorgestellt. Danach erscheinen Akten zunächst als prozessproduzierte Daten, wobei diese Produktion von „Aktenidentitäten“ mit dem Wissen und den Ressourcen der Institution abzugleichen sei. In diesem Sinne trügen Akten Wesentliches zur Konstruktion der Identität der Adressat/innen bei. Insbesondere die Dokumentarische Methode, die auf die Wissenssoziologie Mannheims und Garfinkels zurückgeht, wird als Zugang hervorgehoben, der es darum, gehe nicht hinter dem Rücken der Akteure nach Handlungsstrukturen zu suchen, sondern die streng in der Empirie verankert bleibe. Der Autor wendet sich hier dezidiert gegen objektivistische Unterstellungen und die Verabsolutierung des eigenen Standpunkts. Im Mittelpunkt steht die einzelne Akte, also der Aktenfall mit seiner Chronologie, der Rolle der jeweils beteiligten Institutionen, der biographisch bedeutsamen Ereignisse und daraus sich ergebenden diagnostischen Befunderhebungen und therapeutischen Stationen. Aus Sicht des Autors enthalten diese Berichte mit Blick auf das Verhalten und die Eigenheiten der Adressat/innen explizit formulierte theoretische Wissensbestände als auch atheoretische Erzählungen und Beschreibungen der Mitarbeiter/innen. Die ergänzend durchgeführte Gruppendiskussion wurde mit einem Interviewleitfaden strukturiert, der hauptsächlich offen gehaltene Erzählimpulse beinhaltete. Bezüglich der Auswertung des gesamten Materials erfolgt eine Anlehnung an Schützes Narrationsstrukturanalyse mit ihrer Unterscheidung in Erzählung, Beschreibung und Argumentation. Damit soll die lebensgeschichtliche Erfahrungsaufschichtung sichtbar gemacht werden, wobei insbesondere interpretative Verarbeitungen in Deutungsmustern herausgearbeitet werden sollen. In der Folge wird hinsichtlich des forschungspraktischen Zugangs zu den von den Mitarbeiter/innen angelegten Akten differenziert in den Modus einer introspektiven Qualität, die mit der Attributierung von Motiven operiert, und die Verwendung von Orientierungs- und Erklärungstheorien auf der Basis von Weil-Motiven. Damit würden nun von ihnen Persönlichkeit und Verhalten theoretisiert und Kausalzusammenhänge konstruiert. Die anschließende Gruppendiskussion dient der Validierung der Aktenanalyse.

Das Zentrum des zweiten Teils, der Präsentation der empirischen Ergebnisse, bildet die Rekonstruktion des primären Orientierungsrahmens, wie er sich aus der Interpretation des Aktenmaterials erschließt. Wie also sehen Mitarbeiter/innen einer Institution, die sich dem Ansatz der Psychoanalytischen Sozialarbeit verpflichtet sieht, ihre Adressat/innen? Nach einer deskriptiven Einführung in jeden der sechs ausgewählten Fälle erfolgt die Rekonstruktion der „impliziten Wissensbestände“. Generell fällt dabei auf, dass die Reduktion der jeweiligen Persönlichkeitsentwicklung auf die „innerorganisatorische Dimension“ kritisiert wird – eine Formulierung, die in ihrer technizistischen Lesart so gar nicht zu der psychodynamischen Nomenklatur der Einrichtung passen will, wobei sich diese Haltung leider durch die gesamte Textexegese hindurch nicht verflüchtigen will. Zudem verfügten die Mitarbeiter/innen offenbar über ein bestimmtes genetisch-kausales Wissen, das den Adressat/innen nicht mitgeteilt wird, so dass diesen die Möglichkeit einer Einflussnahme verwehrt werde und sie relativ schutzlos einem Urteil ausliefere. Konsequent wird der Vorwurf wiederholt, dass Aussagen über die jeweiligen Jugendlichen einer theoretisierenden Attribution final wirkender pathologischer Eigenschaften gleichkomme, in der die Konstruktion einer Persönlichkeitsentwicklung als Reaktion auf äußere Ereignisse aufblitze, wobei soziale Kontexteinflüsse systematisch ausgeklammert blieben. Nur das zähle als Realität, was von den Mitarbeiter/innen im Sinne eines normativen Vergleichshorizonts als solche anerkannt werde.

In der zusammenfassenden Bewertung überwiegt vor allem die zuvor schon geübte Kritik an der sozialen De-Kontextuierung innerhalb der Einrichtung und die doppelte Attribuierung, womit die Irrelevanz des Erfahrungsraums der Adressat/innen festgeschrieben werde. Mit der Bezugnahme auf die innere Entwicklung ergebe sich zwangsläufig eine Ausklammerung der Ursachen im Bereich der sozialen Kontexte. In der Zuschreibung der Ursachen für auftretende Schwierigkeiten an die Adressat/innen und der Reduktion der Sachverhalte auf deren alleinige Intention wiederum zeige sich die nach innen gerichtete Projektion der gesamten Ursachen-und Entscheidungszusammenhänge. Diagnose und Konstruktion der Persönlichkeit stützten sich lediglich auf die Eindrücke und Erlebnisse der Mitarbeiter/innen innerhalb der Einrichtung. Folglich würden Ihre Normalitätsvorstellungen zur alleinigen Grundlage der Beurteilung, worin sich dann der Basisorientierungsrahmen der sozialen De-Kontextuierung zeige. Der Autor konstatiert, dass die Akten den Orientierungsrahmen der Mitarbeiter/innen im Spannungsfeld zwischen institutioneller Programmatik und subjektiven Auffassungen widerspiegelten, während in der Beleuchtung der leitfadengestützt durchgeführten Gruppendiskussionen eine kontrastierende Erfahrung aufscheine, die auf Grund der mehr privaten Atmosphäre der Diskussion und dem Wegfall von Legitimationsdruck diesen Eindruck etwas korrigiere. Dennoch werden verwendete Begriffe wie „dissozial“ oder „psychotisch“ zum wiederholten Male als Ausfluss pathologisierender Normalitätskonstruktionen begriffen.

Im dritten Teil von Diskussion und Bilanz wird zunächst noch einmal auf die besondere Typologie einer Psychoanalytischen Sozialarbeit mit ihrer Reflexion der dem Bewusstsein verborgenen Motive und Selbstauffassungen und ihrer Form selbstreflexiver Beziehungsarbeit verwiesen. Ob diese psychoanalytische Perspektive in die Formel von der Verwendung theoretisierender Sequenzen einzupassen ist, steht auf einem anderen Blatt. Wird noch bezüglich der Gruppendiskussionen der erweiterte pädagogische Blick hervorgehoben, der den Akten fehle, so bleibt am Ende doch wieder der Vorwurf nach, dass mit der Annahme des Überwiegens der inneren Sphäre zur Erklärung eines Individuums der Dualismus von innerer (psychischer) und äußerer Sphäre (Handlungen) zugunsten der Konstruktion totaler Identitäten verschoben werde. Das Schlusskapitel nimmt Bezug auf das Werk Siegfried Bernfelds, der als einer der ersten das Zusammenspiel von Psychoanalyse und Pädagogik ausgearbeitet hat. In diesem Zusammenhang wird vom Autor darauf hingewiesen, dass die Entstehung des stationären wie ambulanten Angebots des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit auf einen eklatanten Missstand in der Psychiatrielandschaft zurückzuführen ist. Mit Bernfelds lässt sich trefflich argumentieren, dass die Erfahrung einer Kränkung durch ein wenig förderliche Umwelt die zentrale Lebenserfahrung bestimmter Jugendlicher darstellt, so dass psychische Abweichungen eben nicht nur Produkte innerseelischer Konflikte, sondern auch Produkte einer sozialen Konstellation sind. Ob der damit implizit an die untersuchte Institution gerichtete Vorwurf einer unzulässig verkürzenden Dichotomisierung so stimmt, sei dahingestellt. Im Ausblick wird noch einmal das unterschiedliche Setting von Psychoanalyse und Pädagogik bzw. Sozialarbeit gestreift, das im Hinblick auf den Umgang mit Abstinenz und Übertragung nicht zu unterschätzen ist und gerade für die außerklinische Anwendung der Psychoanalyse nach konzeptionellen Anpassungen verlangt. Es wäre wünschenswert gewesen, den in dieser Hinsicht seit Bernfeld ausdifferenziert weitergetragenen Diskurs noch ausgiebiger zu berücksichtigen, als dies geschehen ist.

Diskussion

Da mir persönlich die Arbeit des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit sehr wohl vertraut ist, hat mich der Titel des Buches neugierig gemacht. Leider muss ich gestehen, dass ich sehr schnell ernüchtert worden bin. Denn es geht nicht, oder nur am Rande, um die Reflexion der Praxis einer Psychoanalytischen Sozialarbeit mit psychotischen und autistischen Kindern und Jugendlichen, sondern fast ausschließlich um eine sozialwissenschaftlich-rekonstruktive Analyse. Und schon sitzen wir unentrinnbar in einer forschungsmethodologischen Falle: Wie will man mit den mehr deskriptiv ausgerichteten Möglichkeiten einer der Wissenssoziologie entstammenden dokumentarischen Methode dem Spezifikum einer um unbewusste Prozesse zentrierten Disziplin Herr werden?

Subsumptionslogisch werden im vorliegenden Text alle Darlegungen in den Fallakten einer psychoanalytisch konstruierten Theorie zugeordnet. Auch die dort vorfindlichen sprachlichen Äußerungen der Adressat/innen werden konkretistisch als für sich selbst sprechend genommen. Die tiefenhermeneutische Dimension der aus der Beziehung gewonnenen Einsichten in die (auch) unbewusste Bedeutung des Gesagten, dem ohne Bezugnahme auf die psychische Strukturbildung mit ihren inneren Selbst- und Objektrepräsentanzen keine Evidenz beigemessen werden kann, wird somit überhaupt nicht als notwendige Bedingung des Verstehens erachtet. Die Doppeldeutigkeit des manifesten Inhalts von Sprache bzw. Handeln und dem latenten Sinn, die aus den früh einsozialisierten Verwundungen des Subjekts herrührt und die eine systematische Beschädigung seiner Erlebensstruktur nach sich gezogen hat, lässt sich so per se gar nicht erfassen. Wie schon Lorenzer in diesem Zusammenhang betonte, wird auf diese Weise das Verhalten, weil es die falsche Bedeutung erhielt, unverständlich. Es wurde zu einem Verhalten ohne Bewusstsein. Gleichermaßen ist von diesem Entfremdungsprozess die Sprache betroffen, es kommt zur Sprachzerstörung. Mittels Verdrängung werden Sprachsymbole aus der Sprachkommunikation ausgeschlossen und zu Klischees oder auch leeren Zeichen zurückgebildet. Aufgabe des Psychoanalytikers ist es jetzt, diese privatsprachliche Verfälschung zu erkennen und zu einer Resymbolisierung beizutragen.

Der Vorbehalt des Buches, dass eine Sprachlosigkeit der Adressat/innen konstruiert werde, womit diese nicht mehr als jemand ernst genommen würden, der etwas Sinnvolles zu sagen habe, steht dazu in krassem Gegensatz.

Was uns aber gerade hier bei Lorenzer, der leider nicht zu Wort kommt, als Basis einer gelingenderen Lebenspraxis begegnet, ist der Quantensprung von der Hermeneutik zur Tiefenhermeneutik, mit Hilfe derer, und zwar eingebettet in eine Arbeitsbeziehung, die emotional korrigierende Erfahrungen zur Verfügung stellt, die Persönlichkeitsstrukturen allmählich behutsam umgestaltet werden sollen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir es im beforschten Praxisfeld mit schweren klinischen Fällen zu tun haben. Macht es da Sinn, den Rückgriff auf (psychiatrische) Diagnosen im Stile des sich eingebürgerten sozialwissenschaftlichen Duktus lediglich als pathologisierende Normalitätskonstruktionen abzutun? Und macht es da weiterhin Sinn, sich mit akribisch identifizierten Oberflächenphänomenen zu beschäftigen, wo lebendige menschliche Schicksale eine solche affektisolierte Herangehensweise nicht verdient haben?

Das psychoanalytische Verstehen der unbewussten Reinszenierungen unbewältigter oder gescheiterter Lebensgeschichte wird allein auf jene Theoriesegmente zurückgeschnitten, die im Sinne einer Art Herrschaftswissen zur Konstruktion von Persönlichkeitsstrukturen ge- um nicht zu sagen missbraucht würden, und zwar ohne die Betroffenen davon ins Bilde zu setzen. Selbstredend atmen die metatheoretischen Formulierungen innerhalb der Psychoanalyse den Geist rationalistischer Verfügbarkeit, aber sie bilden nicht das Zentrum ihres Gedankengebäudes. Dass eine psychoanalytisch orientierte Pädagogik ebenso eine explizite Theorie des (beschädigten) Subjekts wie implizites Wissen über szenisches Verstehen oder Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, kurzum: das Konzept vom Unbewusste benötigt, um eine Entwicklungsblockaden überwindende und also Progression ermöglichende Beziehungsarbeit zu ermöglichen, scheint das Undenkbare zu sein. Wohin also sind die Ausführungen über diese anfangs referierten Grundlagen verschwunden? Das szientistische Grundmissverständnis dieser Untersuchung liegt darin, Erklären und Verstehen, manifestes Verhalten und latenten Sinn, rational verfügbares Bewusstsein und wirkmächtiges Unbewusstes nicht sauber trennen, ja, diesen Unterschied gar nicht realisieren zu können, weil es keinen kategorialen Zugang dazu gibt.

Durchgängig die spekulative Beschreibung und Deutung des Verhaltens zu bemängeln oder von verhaltenswirksamen Änderungen zu schreiben, offenbart eine implizite Orientierung an den meinungsführenden, lerntheoretischen Auffassungen über die menschliche Subjektgenese. Sie legt gleichzeitig offen, wie wenig die prinzipielle Differenz zu den psychoanalytischen Konzepten, die innerseelischen Prozesse zu betrachten und darauf Einfluss zu nehmen – so dass sich in einem nachgeordneten, aber zwangsläufigen Schritt manifestes Verhalten ändert –, verstanden wurde.

Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Missverständnis betrifft das szenische Fallverständnis. Gemeint ist wohl eher szenisches Fallverstehen – immer wieder sind es kleine sprachliche Nuancen, die große Wirkungen zeitigen. Das szenische Fallverständnis beruhe auf der Verknüpfung von Beziehungserfahrungen mit anamnestischen Daten. Zunächst wird nicht ausgeführt, was diese Beziehungserfahrungen im Rahmen eines hochaffektiven Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehens präzise einschließt. Aber dieses Junktim hat bereits Lorenzer als unzutreffend charakterisiert. Es geht nicht um kausalanalytisch verursachende Ereigniskonstellationen, sondern um die Erfassung einer konfliktregierten Erlebnisstruktur.

Grundlegende psychoanalytische Elemente wie etwa die Frage der Deutung oder die Arbeit mit der Übertragung werden in die Betrachtung eingestreut, und es wird auch immer wieder die Eigenständigkeit der psychoanalytischen Methode gegenüber anderen erziehungswissenschaftlichen und psychotherapeutischen Modellen betont. Gerade die richtungsweisende und ergo emanzipative Bedeutung des reflektierten Umgangs mit Übertragung und mehr noch Gegenübertragung bleibt aber unerschlossen, wenn die Rede davon ist, dass der Übertragungsbegriff nicht näher erläutert werde, sondern einfach Anwendung als Erkenntnisinstrument fände, nicht zuletzt deshalb, weil die Bezugnahme auf Fachbegriffe die eigenen Maßnahmen legitimierten.

Schließlich ist es einfach falsch, die therapeutische Absicht, Einsicht in die eigene Krankheit zu gewinnen, als die implizite Vorstellung der Mitarbeiter/innen zu definieren, wonach ihre Adressat/innen im Lauf der Behandlung erkennen sollen, dass eine innere Ursache als Grund ihres Verhaltens und ihrer Symptomatik vorliege. Vor einer derartigen vulgärpsychologischen Adaptation der Psychoanalyse hat schon Freud in seinem Texte „Über wilde Psychoanalyse“ gewarnt, und Lorenzer vollendete diese mit seinen ebenso prononcierten wie feinsinnigen Ausführungen über die „Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis“. Nicht die rationale Einsicht in die Ursachen des eigenen Leidens, sondern erst der subjektive Reflexionsprozess des Erlebens unerträglicher Beziehungsstrukturen schafft eine emanzipative Selbstbefreiung.

Allerdings sei bei aller Schelte auch einiges Versöhnliches nicht verschwiegen. Die Rahmung des Buches gefällt mir. Denn am Anfang und am Ende finden sich differenzierte und überaus wohlmeinende Darlegungen zur Geschichte der Verbindung von Psychoanalyse und Pädagogik bzw. Sozialarbeit. Der Autor hegt nicht nur offenkundig eine große Sympathie für diese humanwissenschaftliche Richtung, sondern er bekundet auch einen tiefen Respekt vor der mühevollen Arbeit der Mitarbeiter/innen des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit. Er bietet sie schließlich sogar um Nachsicht für seine zum Teil harsche Kritik. Meine Phantasie ist, dass die Arbeit im Rahmen der sattsam bekannten Strenge eines Dissertationsverfahrens den forschungsmethodologischen Vorgaben prinzipiengetreu gerecht werden sollte. Insofern bitte ich ebenfalls um ein wenig Nachsicht.

Fazit

Anhand einer rekonstruktiven Analyse von sechs Fallakten aus stationären Einrichtungen des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit wird der Habitus der dortigen Mitarbeiter/innen untersucht. Ergänzend werden leitfadengestützte Gruppendiskussionen mit ihnen in die Auswertung einbezogen. Hinsichtlich der Betrachtung der Adressat/innen werden die soziale De-Kontextuierung des institutionellen sowie familiären und außerfamiliären Hintergrunds als auch die attributive Konstruktion bestimmter pathologischer Persönlichkeitsmerkmale als Merkmale des Basisorientierungsrahmens der Mitarbeiter/innen ausgemacht. Leider werden wesentliche theoretische, konzeptionelle und methodische Fundamente der Psychoanalyse verkürzt oder verfälscht verwendet bzw. nicht in ihrer Bedeutsamkeit für eine psychodynamisch ausgerichtete Beziehungsarbeit wertgeschätzt, so dass die Interpretation weitgehend am Kern des vorfindlichen pädagogischen und psychotherapeutischen Tuns vorbeigeht. Der Titel verspricht nach dem ersten Augenschein etwas anderes, als das Buch zu halten imstande ist.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 16.03.2017 zu: Jakob Erne: Psychoanalytische Sozialarbeit. Eine rekonstruktive Aktenanalyse. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-86388-725-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22221.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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