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Deutsche Kinderhilfe (Hrsg.): Praxisleitfaden Kinderschutz in Kita und Grundschule

Cover Deutsche Kinderhilfe (Hrsg.): Praxisleitfaden Kinderschutz in Kita und Grundschule. Die Würde des Kindes ist unantastbar. Carl Link (Kronach) 2016. 295 Seiten. ISBN 978-3-556-07104-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Sammelband beschäftigt sich mit den vielfältigen Aspekten eines professionellen Kinderschutzes in den Einrichtungen der Bildung und Erziehung im Kindesalter. Der Sammelband verfolgt dabei das Anliegen im Sinne eines Praxisleitfadens für Einsteiger*innen im Kinderschutz zu fungieren – richtet sich gleichzeitig aber auch an erfahrenere Fachkräfte.

Herausgeber und Autor*innen

Die Deutsche Kinderhilfe e.V. setzt sich als staatlich unabhängige Lobbyorganisation aktiv für die Rechte und den Schutz aller Kinder in Deutschland ein.

Im vorliegenden Sammelband sind Beiträge von mehr als vierzig Autor*innen zum Thema Kinderschutz enthalten. Diese beziehen sich auf vielfältige Aspekte des Kinderschutzes. Die Autor*innen gewähren dabei sowohl Einblicke praxisbezogene als auch wissenschaftliche Perspektiven

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist als Ratgeber für die Kinderschutz-Praxis – vor allem im Bereich der Kindertagesbetreuung und der Grundschule – gedacht. Hierbei wurde eine Zusammenstellung von vielfältigen Beiträgen angestrebt, die sich „aktuellen und traditionellen Themen und Fragestellungen angenommen“ (S. 3) und für die Leser*innen „kurze und niedrigschwellige Lösungen erarbeitet“ (ebd.) haben. Zudem ist es ein Anliegen, dass die einzelnen Beiträge in beliebiger Reihenfolge oder auch punktuell herangezogen werden können und damit nicht aufeinander aufbauen – hierdurch soll ein rascher und themenbezogener Zugang ermöglicht werden.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband 295Seiten, unterteilt sich in zehn differenziert aufgebaute Kapitel, enthält zwei Vorworte, Zitat von Kindern aus der Kinderkonferenz sowie Hinweise zur Handhabung. Zudem beinhaltet es ein Autor*innenverzeichnis und eine Abkürzungsübersicht. Literaturverzeichnisse finden sich am Ende eines jeden Beitrages.

Der Sammelband beginnt Vorworten des Herausgebers und Juri Winklers – einem Schüler des Albert-Einstein Gymnasiums in Berlin.

Hieran schließen sich Zitate von Teilnehmenden einer Kinderkonferenz in einer stationären Facheinrichtung zu Fragen der Mitbestimmung und den Kinderrechten an. Es folgen Hinweise zur Handhabung des Sammelbandes: Dieser versteht sich Praxisleitfaden für Einsteiger*innen im Kinderschutz sowie zur thematischen Vertiefung und soll hierbei an den individuellen Interessen ausgerichtet punktuell als Lektüre nutzbar sein.

Das erste Kapitel widmet sich den Kinderrechten. Hier werden der Wandel des Bildes vom Kind skizziert und eine Einführung in UN-Kinderrechtskonvention vorgenommen: Es folgt die Vorstellung der drei Ps der Kinderrechte – protection rights (Schutzrechte), participation rights (Teilnahme- und Teilhaberechte) sowie provision rights (Versorgungs- und Förderungsrechte) – sowie die Erörterung der vier zentralen Grundprinzipien – Diskrimminierungsverbot, Kindeswohl, Recht auf Leben und der Kindeswille. Abschließend wird die Relevanz der Kinderrechte in Deutschland thematisiert.

Im zweiten Kapitel erfolgt die Auseinandersetzung mit Gewalt: Unter Bezugnahme auf die polizeiliche Kriminalstatistik erfolgt ein Blick auf statistische Erkenntnisse zu Kindern als Opfern von Gewalt. Weiter werden Misshandlung und sexuelle Gewalt differenziert betrachtet, ein besonderer Fokus auf Kinder mit Behinderung als Opfer von Gewalt gerichtet, Anforderungen gewaltfreier Erziehung in Kindertagesbetreuung und Schule erörtert und Hinweise zum Erkennen und Verstehen von Gewalt gegeben.

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels steht die physische Gewalt: So werden die Unfalls- und Misshandlungsverletzungen voneinander abgegrenzt und das Schütteltraume als spezifische Gewaltfolge erörtert. Zudem wird ein Einblick in die Arbeit der Kinderschutzambulanz, der Rechtsmedizin und der Polizei gewährt.

Das vierte Kapitel nimmt die psychische Gewalt in den Blick: Zunächst werden körperliche und psychische Folgen von Kindesmisshandlung aufgezeigt und dann Auswirkungen von Partnergewalt auf die miterlebenden Kinder erörtert. Zudem wird die Eltern-Kind-Entfremdung (parental Alienation Syndrome) als eine spezifische und zunehmend zu beobachtende Form der psychischen Misshandlung vorgestellt. Das Kapitel schließt mit der Erörterung erzieherischer Machtasymmetrien.

Der Schwerpunkt des fünften Kapitels stellt die Vernachlässigung dar. Als zentrales Thema der Vernachlässigung wird die mangelhafte Grundversorgung in den Blick genommen. Zudem wird erörtert, welchen Nutzen die Vorsorgeuntersuchungen als Werkzeug im Kinderschutz haben können.

Das sechste Kapitel widmet sich vertiefend der sexuellen Gewalt: Es beginnt mit Grundlagen zur Sexualentwicklung und nimmt dann sexuelle Übergriffe von Kindern sowie sexuelle Gewalt gegen Kinder in den Blick. Weiter wird das deutsche Strafrecht als Instrument zur Bestrafung von Täter*innen erörtert. Ein Beitrag widmet sich sodann der Frage, welche Unterstützung Kindern und Jugendlichen nach sexuellen Übergriffen benötigen. Zudem erfolgt ein geschlechtsspezifischer Blick auf Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt.

Das siebte Kapitel wendet sich der Kinder- und Jugendhilfe zu und nimmt hier den Kinderschutz in den Blick: Neben einer Einführung in rechtliche Grundlagen und dem im Kinderschutz charakteristischen Spannungsverhältnis zwischen elterlicher Verantwortung und staatlichem Wächteramt, werden Basiskenntnisse zu den Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe allgemein und insbesondere im Hinblick auf den Schutz vor und die Abwendung von Gefahr vermittelt. Weiter erfolgt ein Einblick in die Aufgaben des Jugendamts. Aufbauend auf diesen Grundlegungen werden strukturelle Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt aufgezeigt und stationäre Hilfeformen vertiefend betrachtet. Weiter wird der Familienrat als ein Instrument in der Arbeit mit Familien vorgestellt.

Die Kapitel acht und neun widmen sich dem Thema Kinderschutz in gerichtlichen Verfahren: In Kapitel stehen familienrechtliche Verfahren im Fokus der Betrachtung: Es werden Grundlagen zu familienrechtlichen Verfahren aufgezeigt, der Kindeswille und dessen Einfluss auf das Verfahren aufgegriffen, die Funktion der Verfahrensbeistandschaft erörtert und typische Entscheidungsherausforderungen nach Trennung und Scheidung beispielhaft skizziert. Im Fokus des neunten Kapitels stehen sodann strafrechtliche Verfahren: Hier geht es um die Relevanz der ersten Aussage bei der Polizei, den gesamten Verfahrensablauf, Möglichkeiten und Anforderungen psychosozialer Prozessbegleitung für junge Menschen sowie die Potenziale von tiergestützen Hilfsangeboten.

Das abschließende zehnte Kapitel widmet sich der Umsetzung des Kinderschutzes in Einrichtungen: Es beginnt mit einer Ausarbeitung zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Fachkräften und wendet sich dann der Relevanz von individuellen Kinderschutzkonzepten zu. Weiter werden Impulse für die Präventionsarbeit mit Kindern gegeben und der Nutzen von Fortbildungen und Schulungen erörtert.

Der Sammelband schließt mit einem Autor*innen sowie einem Abbildungsverzeichnis.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband greift das komplexe Thema Kinderschutz aus vielfältigen Perspektiven auf. Dies wird vor allem auch an der großen – sowohl im Praxis- als auch im Wissenschaftskontext beheimateten – Autor*innengruppe sichtbar. Hierin liegt zum einen ein besonderer Charme des Sammelbandes, da ganz unterschiedliche Perspektiven angesprochen und auch sehr unterschiedliche Auseinandersetzungsformen ermöglicht werden. Hierdurch ist sicher auch eine große Anschlussfähigkeit für Einsteiger*innen gegeben. Allerdings weisen die einzelnen Beiträge große Unterschiede im Hinblick auf die Aussagekraft und Allgemeingültigkeit ihrer Inhalte auf, was im Hinblick auf die in diesem Themengebiet vorhandenen Unsicherheiten mitunter große Herausforderungen für die Einordnung der Positionen mit sich bringen kann.

Die einzelnen Beiträge sind in sich geschlossen und somit auch einzeln nutzbar. Der Praxisleitfaden wird damit dem eingangs formulierten Anliegen des Sammelbandes gerecht. Beim Lesen aller Beiträge fällt jedoch auf, dass Begriffe nicht einheitlich verwendet werden. Hierdurch können vor allem bei der anvisierten Zielgruppe der Einsteiger*innen im Kinderschutz Verunsicherungen entstehen. Eine einheitliche Struktur der Kapitel würde das Lesen vereinfachen und somit auch den Inhalt besser erfassbar machen.

Die vielfältigen Beiträge verdeutlichen die Komplexität der Arbeit im Kinderschutz. Leider bleibt eine inhaltliche Verbindung der einzelnen Beiträge aus. Dies ist sicher auf das Anliegen, die Beiträge einzeln nutzbar zu machen zurückzuführen und somit auch nachzuvollziehen – für die Herstellung des Gesamtzusammenhangs wäre dies aber – gerade für Einsteiger*innen im Kinderschutz – sicher hilfreich.

Die einzelnen Beiträge geben einen guten Einblick in die vielfältigen Aktivitäten und Themen im Kinderschutz – sowohl in der Praxis als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Eine kritische Reflexion und Diskussion erfolgt leider nur punktuell – diese wäre aber – gerade bei den praxisbezogenen Beiträgen – ausgesprochen hilfreich.

Insgesamt bietet der Sammelband einen guten Einblick in aktuelle und traditionelle Themen und Fragestellungen Kinderschutz für die anvisierten Praxisfelder. Das Potenzial, als Praxisleitfaden genutzt zu werden, trägt er ebenfalls in sich. Im Hinblick auf das formulierte Anliegen, die Voraussetzungen für „kurze und niedrigschwellige Lösungen“ zu bieten, beinhaltet er ebenfalls vielfältige Anknüpfungspunkte. Allerdings handelt sich hierbei nicht (immer) um ausreichend theoretisch sowie rechtlich fundierte Positionen, weswegen die Hinzuziehung weiterer Fachliteratur zur Entwicklung entsprechender Konzepte oder Vorgehensweisen nötig ist.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Verena Klomann
Diplom-Sozialpädagogin/Master of arts in social services administration/Supervisorin (DGSv)
Professur für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der KatHO NRW, Abteilung Aachen
Homepage www.katho-nrw.de/aachen/studium-lehre/lehrende/haup ...
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Zitiervorschlag
Verena Klomann. Rezension vom 23.01.2018 zu: Deutsche Kinderhilfe (Hrsg.): Praxisleitfaden Kinderschutz in Kita und Grundschule. Die Würde des Kindes ist unantastbar. Carl Link (Kronach) 2016. ISBN 978-3-556-07104-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22229.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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