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Ute Ehlert: Schulabsentismus als Stigmatisierungs­folge?

Cover Ute Ehlert: Schulabsentismus als Stigmatisierungsfolge? Eine Analyse kultur- und migrationsspezifischer Entwicklungsfaktoren bei Roma-Kindern. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. 88 Seiten. ISBN 978-3-8300-9084-7. D: 65,50 EUR, A: 67,40 EUR.
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Thema

Die vorliegende Veröffentlichung greift ein aktuelles Thema der Bildungsbenachteiligung der ‚Roma‘ auf, das sich besonders in der Schuldistanz sowie häufig auch als Schulabsentismus bei Roma-Kindern /-Jugendlichen zeigt. Auch wenn die ‚Roma‘ als ethnische Minderheit keine homogene Gruppe (in Bezug auf Herkunft, Sprache, Aufenthaltsstatus, etc.) in Europa und auch nicht in der Bundesrepublik Deutschland bilden, scheint der Schulbesuch bzw. die Schuldistanz der Jugendlichen ein Thema zu sein, mit dem sich Pädagog*innen zunehmend auseinandersetzen, bzw. auseinander setzen sollten. Die Debatte um die Bildungssituation der ‚Roma‘ hat durch die Migration von ‚Roma-Familien‘ in der Folge der Osterweiterung Europas gegenwärtig weiter an Bedeutung gewonnen. Die Lebens- und Bildungssituation der ‚Roma‘ ist überwiegend von Diskriminierung bzw. Marginalisierung und starken Vorurteilen gegenüber Roma-Familien in Deutschland bzw. in Europa geprägt.

Die Ursachenforschung zu schulvermeidendem Verhalten und Maßnahmen zur Überwindung von Schulabstinenz sind in den letzten Jahren verstärkt worden. Im Hinblick auf Schüler*innen aus Roma-Familien sind jedoch besondere Risikofaktoren bei der Ermittlung der Ursachen des Schulabsentismus zu berücksichtigen.

Aufbau und Inhalt

In ersten Kapitel werden die verschiedenen Faktoren wie (mögliche) Sprachbarrieren sowie eine Auseinandersetzung mit neuen Anforderungen an die Familie erörtert, die im Zusammenhang mit ihrer Migration stehen (können). Die Bildungserfahrungen, die die Familien bereits in ihrem Herkunftsland gemacht haben, nehmen entscheidend Einfluss auf die Bildungsaspiration der Roma-Familien in Deutschland. Bei der Betrachtung der sozioökonomischen Faktoren wird deutlich, dass die Lebensbedingungen der Familien nach der Migration zumeist sehr problematisch sind und für die Eltern die Sicherung des Familieneinkommens Priorität hat. Eine prekäre Lage der Familien bestand oft bereits in ihren Herkunftsländern (die Lebenssituation der ‚Roma‘ in Rumänien wird als Beispiel genannt), ein Umstand, der sie zur Migration nach Deutschland veranlasst hat.

Die Autorin stellt Ergebnisse einer Studie aus Rumänien vor, aus denen hervorgeht, dass die Kinder und Jugendlichen der Roma-Familien auch bereits dort eine Schuldistanz im Vergleich zu Nicht-Roma-Familien aufweisen. Einen wesentlichen Grund für diese verbreitete Schuldistanz sieht sie in einem die Kinder separierenden Schulsystem Rumäniens, in dem Kinder und Jugendliche der Roma-Familien zumeist von den Regelschulen ausgeschlossen werden. Diese institutionelle Abwehr hat eine deutliche Bildungsbenachteiligung zur Folge und ermutigt die Eltern nicht, ihre Kinder / Jugendlichen zur Schule zu schicken, sondern fördert das Misstrauen gegenüber Schulen. Werden diese Kinder / Jugendliche nun in Deutschland mit neuen inhaltlichen und strukturellen Anforderungen der Schule konfrontiert, so stehen sie diesen eher skeptisch gegenüber, zumal ihr sprachlicher Hintergrund für sie eine zusätzliche Herausforderung im schulischen Alltag darstellt.

Die Autorin kritisiert zu Recht den sog. „kulturellen Ansatz“ zur Bildungsbenachteiligung der Kinder. In diesem Ansatz werden die Rolle der Familie, der fehlende Stellenwert der formalen Bildung sowie die Verheiratung Minderjähriger als zentrale Erklärungselemente für die fehlende Bildungsbeteiligung der Kinder benannt. Demgegenüber präferiert die Autorin folgende Überlegung: Aufgrund der schwierigen Startbedingungen der Roma (Sprachprobleme, Diskriminierung, etc.) kann das Phänomen Schuldistanz bzw. Schulabsentismus auch eine Reaktion auf bisher erlebte Diskriminierung sowie die Erfahrung sein, dass höhere Bildungsabschlüsse nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Menschen aus der Roma-Community führen.

Der Ansatz, der die institutionelle Diskriminierung bei Roma-Kindern/-Jugendlichen hervorhebt, nennt drei Kriterien, nämlich fehlende Sprachkenntnisse, das nicht ausgeschöpfte Leistungsvermögen sowie die jeweils besuchte Schule als Hindernis. Da die deutsche Sprache als Zweitsprache von den Kindern erlernt werden muss, ist der Schuleintritt für viele Roma-Kinder eine besondere Herausforderung, da sie meist nicht über ausreichend Sprachkenntnisse verfügen, um dem Unterricht gut zu folgen und so ihr Leistungsvermögen nicht ausgeschöpft wird. Klassenwiederholung oder der Verweis an eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „Lernen“ sind häufig die Folge, woraus sich Schuldistanz /Schulabstinenz entwickelt oder stabilisiert. Folgt man dieser Argumentation, so weist man den Betroffenen die Rolle des Opfers zu. Hier spricht die Autorin von einer „‚Ethnisierung‘ sozialer Verhältnisse (…)“ (S. 37), die das „Anderssein“ der Roma-Kinder /Jugendlichen deutlich manifestiert.

Die Autorin entwirft nun eine weitere Argumentationsstrategie, in dem sie „Schulabsentismus als Stigmatisierungsfolge“ herausstellt. Stigmatisierung ist eine Zuschreibung aufgrund eines neutralen Merkmals, das für bestimmte Personen(gruppen) negativ konnotiert wird (z.B. Geschlecht, Hautfarbe, Ethnie, etc.). Individuen werden ausschließlich durch den Filter des Stigmas betrachtet und erfahren aufgrund dessen eine entsprechende Reaktion oder „Behandlung“. Das Stigma der Roma ist die allgemeine Zuschreibung zu einer Ethnie mit bestimmten Merkmalen. Die Folgen dieser Stigmatisierung zeigen sich auf drei Ebenen. Hier sind die eingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten zu nennen, die sich z.B. in den berufliche Positionen manifestieren. Gleichzeitig bedeutet dies eine Einschränkung der Interaktionsmöglichkeiten mit Nicht-Stigmatisierten. Verhaltensäußerungen der Stigmatisierten werden als abweichend ausgelegt und nur negative Merkmale zugelassen. Die Folge ist, dass ein Stigma über lange Zeit seine Wirkung entfaltet und von Roma-Kindern bereits beim Schuleintritt spezifische Verhaltensweisen (z.B. Schuldistanz oder Schulabsentismus) erwartet werden.

Da die Eltern der Roma-Kinder /-Jugendlichen ebenfalls mit den Stigma behaftet sind, zweifeln sie an der Sinnhaftigkeit einer schulischen Bildung, da sie sich auch selbst in der Rolle der „Bildungsfernen“ sehen. Ihre dauerhafte Diskriminierung trägt außerdem dazu bei, dieser Rolle zu entsprechen und dieses Muster überträgt sich auf ihre Kinder. Gleichzeitig möchten Eltern ihre Kinder vor weiterer Stigmatisierung schützen und halten sie aus diesem Grund von der Schule fern. Unregelmäßiger Schulbesuch führt wiederum zur Bestätigung bei den Betroffenen und entspricht den Erwartungen vieler Akteure in der Institution Schule, die wiederum Roma -Kinder / Jugendliche als Problemschüler*innen einordnen. Damit ist ein Kreislauf der selbsterfüllenden „Prophezeiung“ eingeleitet; das Stigma verfestigt sich. Durch die Aufrechterhaltung dieses Kreislaufs übernehmen die Kinder / Jugendlichen dieses Stigma im Sinne einer „Selbststigmatisierung“ und verinnerlichen diese Zuschreibung. Die Autorin fasst den beschriebenen Prozess prägnant zusammen, indem sie mit dieser Analyse „die Gegenseitigkeit des Stigmatisierungsprozesses bzw. die Aufrechterhaltung der Stigmatisierung auf beiden Seiten (…) als doing stigma“ (S. 59) bezeichnet und damit die (inter-)aktive Konstruktion des Stigmas verdeutlicht.

Diskussion

Die Verknüpfung des Themas „Schulabsentismus“ bei Roma-Kindern / Jugendlichen mit dem Prozess der Stigmatisierung hebt den Aspekt der interaktiven Konstruktion dieses Phänomens hervor und erweitert somit die Sicht auf Schulabsentismus bei dieser Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Die Autorin setzt sich von der kulturalistischen Sichtweise der Bildungsbenachteiligung ab und versucht mit dem Ansatz des „doing stigma“ die gesellschaftliche Konstruktion des Stigmas „Roma“ zu thematisieren und die damit einhergehenden Folgen, nämlich Schulabsentismus zu analysieren.

Fazit

Der Verweis auf die Stigmatheorie sensibilisiert für die Wirkung der Zuschreibungen, die gesellschaftlich gegenüber den Roma stark manifestiert sind und sich auch in institutionellen Kontexten widerspiegeln. Die gewählte Erklärung für Schulabsentismus bei Roma-Kindern und Jugendlichen ist hoch relevant. Einen wesentlichen Beitrag im sog. „doing stigma“ sieht sie darin, dass Stigmatisierung ein wechselseitiger Prozess ist und gleichzeitig eine dynamische Komponente enthält. Die Möglichkeiten und Spielräume für Veränderungen dieser Ausgangssituation bieten damit die Chance, Sichtweisen der Beteiligten zu variieren. Pädagog*innen, die sich der Wirkung des Stigmas gegenüber den Roma bewusst sind und nicht ausschließlich in kulturalistischen Erklärungen verharren, können neue Handlungsoptionen bei der Zielgruppe entdecken und auch ggfs. veränderte Kommunikationsformen mit diesen Schüler*innen und ihren Eltern erproben. Die Autorin hat sich auf der Grundlage der aktuellen Literatur auf den Kern der nachgezeichneten Argumentation begrenzt. Hiermit leistet sie einen überzeugenden Beitrag zur Dekonstruktion kulturalistischer Lesarten und eröffnet zugleich den Horizont darauf, wie auf Schulabsentismus bei Roma Kindern und Jugendlichen in institutionell-struktureller und pädagogischer Hinsicht zu reagieren wäre.


Rezensentin
Dipl. Päd. Claudia Hermens
TH Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung
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Rezensent
Prof. Dr. Andreas Thimmel
TH Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Leiter des Forschungsschwerpunkts Nonformale Bildung
Homepage www.th-koeln.de/angewandte-sozialwissenschaften/for ...
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Zitiervorschlag
Claudia Hermens/Andreas Thimmel. Rezension vom 22.11.2017 zu: Ute Ehlert: Schulabsentismus als Stigmatisierungsfolge? Eine Analyse kultur- und migrationsspezifischer Entwicklungsfaktoren bei Roma-Kindern. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-8300-9084-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22230.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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