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Angela Bergauer, Johann Dvořák u.a.: Zur Entwicklung der Erwachsenenbildung in Österreich nach 1945

Cover Angela Bergauer, Johann Dvořák, Gernot Stimmer: Zur Entwicklung der Erwachsenenbildung in Österreich nach 1945. Strukturen, Zusammenhänge und Entwicklungen. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. 165 Seiten. ISBN 978-3-631-63318-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Geschichte der Erwachsenenbildung in Österreich nur peripher geschrieben und die Erwachsenenbildungsgeschichte eher „eine Subdisziplin der Weiterbildungswissenschaft“ (S. 9), wie Univ. Doz. Dr. Wilhelm Filla, langjähriger Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, feststellt. Dieser Band ruft in Erinnerung, was mit der Engführung ausgeklammert ist. Der Inhalt ist angesichts der dauerhaften Diskussion um die gesellschaftliche Bedeutung des lebenslangen Lernens, der Institutionalisierung und der durch die Digitalisierung angestoßenen Veränderungen ein bewusstseinsbildendes Unterfangen, das zu begrüßen ist.

Verfasser*innen

Die Verfasserin Angela Bergauer ist langjährige Generalsekretärin des Rings Österreichischer Bildungswerke. In dieser Funktion hatte sie turnusgemäß mehrfach den Vorsitz der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ) inne.

Univ. Doz. Dr. Johann Dvořák und Univ. Doz. Dr. Gernot Stimmer lehren am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Fragen der Erwachsenen-(Bildung) in historischer und soziologischer sowie europäischer Betrachtung gehören zu ihren Arbeitsgebieten.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint als Band 2 der von Johann Dvořák herausgegebenen Schriftenreihe „Wiener Moderne“ des außeruniversitären Instituts für Wissenschaft und Kunst (IWK), das 2016 sein 70-jähriges Bestehen mit einer Tagung gefeiert hat. Das IWK hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1946 der wissenschaftsorientierten Erwachsenenbildung gewidmet und ist seit 2015 Mitgliedsorganisation im Ring Österreichischer Bildungswerke.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst sechs Beiträge sowie ein Vor- und Nachwort. Im „Vorwort“ (S. 7-8) hebt Angela Bergauer die entmythologisierende Aufgabe des historischen Zugangs hervor, der u.a. durch die „Heranziehung bisher wenig (oder gar nicht) verwendeter Materialien“ (S. 7) intendiert ist.

Johann Dvořák leistet in seinem Bandbeitrag „Zur Geschichte der Bildungsarbeit mit Erwachsenen in Österreich – eine Skizze“ (S. 9-62) einen kurzen Abriss über einige Strömungen der (Selbst-)Bildungs-Prozesse von Erwachsenen und für Erwachsene und deren Verhältnis zu den Institutionen. Die Bildungsgeschichtsschreibung habe sich lange vorzugsweise auf „Personen und Einrichtungen“ gestürzt. Über die Jahrhunderte hinweg habe man häufig das „außengeleitete“ Lernen favorisiert, der soziale Bezug von Wissenschaft und Bildung als Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe sei verbrämt oder missachtet gewesen. An der Person Otto Glöckel, dem sozialdemokratischen Schulreformer und Unterstaatssekretär für Unterricht in der demokratischen Republik 1918 könne eine Wende für das Volksbildungswesen festgemacht werden. Volksbildung war demokratisch organisiert, innerhalb des Bildungswesens als eigenständiger Bereich betrachtet, mit professionellem Personal ausgestattet und in der Bedeutung mit einem „beamteten bundesstaatlichen Volksbildungsreferenten“ (S. 26) aufgewertet. In der Zeit des „Austrofaschismus und des Nationalsozialismus“ (S. 26) wurde inhaltlich jedwede Form von aufklärender Bildung verhindert. Nach 1945 konnte – anders als vielfach erwartet – nicht nahtlos an die Zeit von vor 1933/34 angeknüpft werden, da die austrofaschistische Beeinflussung schon vorher vieles von dem, was unter Glöckel etabliert worden war, zerstörte. In der Bildungsszene habe sich Widerstand gegen eine Kontinuität von Personen aus der Vorkriegszeit geregt, so dass die Situation der Volksbildung nach 1945 eher mit derjenigen nach 1918 zu vergleichen sei. Die Neuordnungsprozesse der Erwachsenenbildung haben sich weit in die 1960er Jahre hinein gezogen: Wie viel soll staatlich und was frei organisiert werden, wie ist das Verhältnis von Schul-, Berufs- und Erwachsenenbildung, von allgemeiner und beruflicher Bildung, welche Befugnisse sind dem Bund, welche den Ländern zu übertragen? Die 1970er Jahre sind geprägt von der Entstehung der „Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs KEBÖ“ und der Verabschiedung des „Bundesgesetz[es] über die Förderung der Erwachsenenbildung und des Volksbüchereiwesen[s] aus Bundesmitteln“ (S. 47) (siehe nachfolgende Beiträge). Im Vorfeld der Verabschiedung des Gesetzes waren einige verfassungsrechtliche Fragen zu klären, die zu einem Parteiengezänk geführt haben, schlussendlich haben Pragmatik und politischer Wille gesiegt.

Gernot Stimmer konzentriert seinen Beitrag auf „Wege zur gesamtösterreichischen Erwachsenenbildungsvertretung – am Beispiel der Bildungswerke und der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs“ (S. 63-79). Eingangs beschreibt er den „geistig ideologische[n] Hintergrund“ (S. 63) zum Verständnis für die Personen und Positionen der Gründergeneration der zweiten Republik in den ausgehenden 1940er Jahren anhand von vier „biografischen Skizzen“ (S. 65) von Schlüsselfiguren. In einem weiteren Punkt rekurriert Gernot Stimmer auf die „Idee der Bildungswerke“ (S. 66): Sie verstehen sich als Zusammenschlüsse der allgemeinen Bildung und als eine die Vielfalt als Kennzeichen widerspiegelnde Organisationsform, was zugegebener Weise gemeinsames Agieren nicht vereinfacht, aber eine basisdemokratische Legitimation beinhaltet und ein „Durchregieren“ verunmöglicht. Am Beispiel des Rings Österreicher Bildungswerke wird die Skepsis der Basis vor der jeweils nächsten Hierarchieebene deutlich, der man allenfalls „dienende“ (im heutigen Sprachgebrauch wohl Service-) Funktion zugesteht. Das im Laufe der Zeit wachsende Vertrauen, unterstützt durch das „Institut für Erwachsenenbildung“ (gegründet 1960 als Arbeitsstelle für Grundlagenforschung in der Erwachsenenbildung) in Salzburg ebnete den Weg zu einer „gesamtösterreichischen Erwachsenenbildungsvertretung“ (S. 70). Wichtige Stationen waren die „Präsidentenkonferenz der Verbände der Österreichischen Erwachsenenbildung“ (S. 71) ab 1966, ab 1968 die sog. „Hungerburg-Konferenzen“ (S. 72) in Innsbruck, bei denen auch die Berufs- und Wirtschaftsverbände eingebunden waren. Erst nach einem sorgfältigen Abtasten war bei verschiedenen Akteuren die Bereitschaft gewachsen, sich ab 1971 für eine Kooperation in einem Forum bzw. in einer „Konferenz“, die 1972 in die KEBÖ mündete, zu öffnen. Abschließend fasst Gernot Stimmer die Motivationslage des fiskalisch eher armen „Ring Österreichischer Bildungswerke“ zusammen, sich auf die KEBÖ einzulassen und ein Partner auf Augenhöhe mit den anderen zu sein. Alle Beteiligten achteten sehr genau auf eine paritätische Vertretung und gründeten dafür sogar einen neuen Verband.

Die „Rolle der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ) in der Weiterbildungslandschaft“ (S. 81-93) zeichnet Angela Bergauer auf Basis einer von ihr 2012 als Vorsitzende zum 40-jährigen Jubiläum der KEBÖ gehaltenen Rede nach. Nachdem sich ausgehend von den 1950er Jahren die Dachverbände der Erwachsenenbildung in Österreich etabliert hatten, schlossen sich im Jahre 1972 auf Einladung der Abteilung Erwachsenenbildung des Bundesministeriums für Unterricht im Vorfeld um die Verabschiedung des Bundesgesetzes über die Förderung der Erwachsenenbildung und des Volksbüchereiwesens lose zu der „freien Arbeitsgemeinschaft“ KEBÖ (S. 83) zusammen. Nach der Verabschiedung des Gesetzes im März 1973 kann die KEBÖ nach der erstmaligen Erhöhung der finanziellen Förderung „ans Werk“ (S. 83) gehen. Die KEBÖ definierte sich als „unabhängiges Forum“ (S. 84) von selbständigen Verbänden und Institutionen zur Bearbeitung von Aspekten allgemeiner und beruflicher Bildung und zur Vertretung der gemeinsamen Interessen nach außen. In der Erklärung von 1994 wurde die „Forcierung der Grundlagenforschung“ (S. 84) hinzugefügt. Die KEBÖ sah sich anfangs in der Rolle als Beraterin des Bildungsministeriums, im Laufe der Zeit als kooperativer Partner, wobei in regelmäßigen Abständen auf die Unabhängigkeit von ministerieller Einflussnahme betont wurde. Die KEBÖ beteiligte sich seit ihrer Existenz rege an der bildungspolitischen Diskussion: Zentral und stetig ging es um die Stellung und den Stellenwert der Erwachsenenbildung im österreichischen Bildungssystem. Verursacht war die regelmäßige Wiederholung dadurch, dass die Erwachsenenbildung in der Anzahl der Teilnahmen und der Zuständigkeit für die gesamte Phase des nachschulischen Lernens zwar faktisch der größte Sektor war, sich in der realen Umsetzung aber nachrangig behandelt sah. Gemessen wurde dies sowohl am Grad der Aufmerksamkeit als auch an der Zusicherung von öffentlichen Mitteln von Bund und Ländern. Als innovative Idee hat die KEBÖ einen verbandsübergreifenden Grundlehrgang zur Qualifizierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen entwickelt und beteiligt sich an der sog. Weiterbildungsakademie (wba). Das gebührenfreie Nachholen von Bildungsabschlüssen hat die KEBÖ in einer Aktion „Erwachsenenbildung ist MEHR WERT“ ab 2001 und mit der Forderung auf ein „Anrecht auf Weiterbildungszeit“ (S. 91) verfolgt. Ferner hat die KEBÖ in den Jahren 1994 und 2012 mit zwei bildungspolitischen Papieren auf sich aufmerksam gemacht. Als „kooperatives System“ (S. 93) der Erwachsenenbildungsakteure hat sie sich zu einer „verlässlichen Partnerin“ gemausert

Im zweiten Beitrag berichtet Angela Bergauer von der „Erwachsenen-Bildungspolitik 2000 bis 2014“ und spricht von einem „Versuch einer Reflexion“ (S. 95-131). Um die in diesen Zeitraum fallenden bildungspolitischen Impulse auf nationaler Ebene zu verstehen, stellt sie eingangs die Abschnitte der Regierungsprogramme mit Bezug zur Erwachsenenbildung (allgemein und beruflich) vor. Auffällig ist, dass durchwegs von „lebensbegleitendem Lernen“ die Rede ist, das unter verschiedener Nuancierung „ausgebaut“ werden sollte. Unter der Überschrift „Was passierte in den Jahren…?“ (S. 97) berichtet die Verfasserin von „Meilensteinen“ der österreichischen Erwachsenenbildung: Dazu gehören die „Förderungsstellen des Bundes für Erwachsenenbildung“, die mit der Aufgabe der Beratung und Information der Einrichtungen und Personen Einzug in § 10. (1) des Erwachsenenbildungs-Fördergesetzes gefunden haben und 2001 den Ländern übergeben wurden. Das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb), die „zweite Säule der bundesstaatlichen Erwachsenenbildung“ (S. 99), vormalig als „Bürglgut“, später als „bundesstaatliches Volksbildungsheim St. Wolfgang“ bekannt, konnte mithilfe der sogenannten Flexibilisierungklausel erhalten werden. Seither ist es ein „kundenorientiertes Kompetenz- und Seminarzentrum“ mit „Detailbudget und einem vereinbarten Ressourcen-, Ziel- und Leistungsplan“ (S. 103). Ab 2011 ist u.a. die Geschäftsstelle der Weiterbildungsakademie im bifeb lokalisiert. Die föderalen Strukturen der Erwachsenenbildung führten dazu, dass sich neben Bundesverbänden auch Länderarbeitsgemeinschaften etablierten, die nur partiell zu einer Kooperation zusammen fanden. Ein 2012 geschaffener Zusammenschluss ist das sog. „Ländernetzwerk Weiter.Bildung“ (S. 105). Die „Initiative Weiterbildung“ (S. 105) stellte in der Förderperiode 2012-2014 eine Antwort auf die fehlende Grundbildung und die fehlenden Pflichtschulabschlüsse dar. Die Initiative wurde bis 2017 verlängert. Eine erwähnenswerte Besonderheit der österreichischen Erwachsenenbildung ist das sog. „kooperative System“ (S. 110), das von der KEBÖ, dem bifeb und dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) getragen wird. Die Entwicklung der Professionalisierung war ihr ein zentrales Anliegen: Seit 2007 wurde sie mit der Weiterbildungsakademie (wba) konsequent und erfolgreich vorangetrieben. Auch die Vereinheitlichung der Qualitätssicherungsverfahren und die Verständigung auf einen „Qualitätsrahmen für die Erwachsenenbildung“ (Ö-Cert) (S. 113) ist ein weiterer Meilenstein. Jahrelange Vorarbeit war nötig, um 2011 die „Strategie zum lebensbegleitenden Lernen Österreich (LLL:2020)“ (S. 115) für die allgemeine wie berufliche Bildung zu verabschieden. Sie verkörpert die nationale Strategie des von der Europäischen Kommission geforderten Prozesses. Der 2013 vorgelegte Umsetzungsbericht enthält einige Erfolge wie z.B. die Erhöhung der Bildungsbeteiligung, die Leistungsvereinbarungen zwischen Bildungsministerium und KEBÖ, den Aufbau eines anbieterneutralen Netzwerks an Informations- und Bildungsberatung, dem „Portal für Lehren und Lernen Erwachsener“ (S. 121), das Online-Magazin und den Aufbau einer „Berufsvereinigung der ArbeitgeberInnen privater Bildungseinrichtungen (BABE)“ (S. 121). Angela Bergauer beschließt ihre Ausführungen mit einem ausführlichen Zitat aus der Rede von Prof. Dr. Werner Lenz (ehemals Universität Graz) anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der KEBÖ 2012, mit der kritischen Frage: „Auf welcher Seite stehen wir als Bildungsvermittler und mit unserer Bildungsinstitution? Unterstützen wir Befreiung, Emanzipation und Empowerment oder Anpassung, Abhängigkeit und Unterwerfung?“ (S. 125).

Die Wissenschaftlerin und Mitarbeiterin beim Informationsdienstleister Austria Presse Agentur Barbara Litsauer gibt mit ihrem Beitrag „Erwachsenenbildung nach 1945 im Spiegel der Zeitungsberichterstattung – Von der ‚Volksbildung‘ zur ‚Investitionsentscheidung für Unternehmen‘“ (S. 133-147) einen aufschlussreichen Einblick in die Berichterstattung von fünf Printmedien (Der Standard, Kurier, Die Presse, Wiener Zeitung, Arbeiter-Zeitung) über die Erwachsenenbildung zwischen 1945 und 2011. Der Beitrag ergänzt die Innensichten um eine Perspektive auf die Erwachsenenbildung von außen. Die Verfasserin legt jeweils offen, welches Material sie analysiert hat und welchen Umfang der Textkorpus in den jeweiligen Dekaden ab 1955 hatte. Als auffallend stellt sich den Recherchen von Barbara Litsauer zufolge heraus, dass über die Jahrzehnte hinweg ein „Politiker-Bezug“ (S. 133) bei der Berichterstattung über die Erwachsenenbildung zu erkennen sei, während Ankündigungen der großen Akteure oder der Parteien in den ausgewählten Medien kaum erwähnt werden. Vor und nach der Verabschiedung des Erwachsenenbildungsförderungsgesetzes 1973 seien vermehrt Agenturmeldungen übernommen worden. In den 90iger Jahren habe die Erwachsenenbildung inhaltlich insgesamt kaum Beachtung gefunden, sie sei aber in den Fokus gerückt, als arbeitslose Junglehrer in die Erwachsenenbildung „versetzt“ wurden. Budgeterhöhungen oder -reduzierungen für die Erwachsenenbildung seien regelmäßig wiederkehrende Themen, Initiativen zum Ausgleich von Bildungsbenachteiligung, die Anerkennung von informell erworbenem Wissen seien ab der Jahrtausendwende punktuell wahrzunehmen. Häufiger würden die berufliche Weiterbildung und die „Verwertbarkeit des Wissens“ aufgegriffen. Am Beispiel der 2007 gegründeten Weiterbildungsakademie (wba) verdeutlicht Barbara Litsauer, dass von allen an die Presse gerichteten Ankündigungen nur ca. die Hälfte zu einer Reaktion geführt hat. Ähnliches gilt für das Bildungsvolksbegehren oder die Strategie „LLL:2020“. Die Verfasserin schließt deshalb ernüchternd, dass „Bildung für eine kritische Reflexion politischer Ereignisse (…) völlig in den Hintergrund“ (S. 147) trat.

In seinem Beitrag „Sozialwissenschaftliche Exkurse zur Bildungsarbeit mit Erwachsenen“ (S. 149-162) äußert Johann Dvořák unverhohlen, dass er Schul- und Bildungssystem sowie die mit ihm verbundenen sozialen Reproduktions- und Selektionsmechanismen sehr kritisch betrachte. Er holt weit aus und arbeitet heraus, wie Vollbeschäftigung zu einer „Gestaltbarkeit des individuellen und gesellschaftlichen Lebens“ (S. 152) der Jugendlichen führte, Armut und Arbeitslosigkeit den sozialschmarotzenden Arbeitsunwilligen attribuiert wurden und Bildung auf die Herstellung der Arbeitskraft reduziert werde. Der Verfasser moniert die bedingungslose Verknüpfung von Bildungsmaßnahmen und Vermittlungsquoten, sogar in Zeiten der Vollbeschäftigung und für Bereiche, in denen permanent rationalisiert werde und Arbeitsplätze nicht (mehr) vorhanden wären. Anstatt Bildung als „Ersatz für Politik“ (S. 162) zu instrumentalisieren, plädiert Johann Dvořák für eine „hochwertige allgemeine Bildung“, die Individuen befähigen, „die eigene und die soziale Situation“ (S. 162) gestalten zu können.

Das „Nachwort“ von Johann Dvořák trägt die Überschrift „Zur Stellung (und zu möglichen Funktionen) der Bildungsarbeit mit Erwachsenen im Erziehungssystem“ (S. 163-165). Der Verfasser rät der Erwachsenenbildung davon ab, den „verbreiteten Standards“ (Qualitätssicherung, Zertifizierung) des „Regelerziehungssystems“ (S. 163) nachzueifern. Vielmehr sieht er das Ziel des dritten Bildungssystems darin, eine politische und eine demokratische Dimension wieder zu gewinnen, Selbstbildung und „moderne Literarität“ (S. 165) zu verfolgen.

Diskussion

Der Band liefert einen lesenswerten Einblick in die gesellschafts- und bildungspolitischen Strömungen um den Stand und die Perspektiven der Erwachsenenbildung in Österreich bis weit über die Erste Republik hinaus. Vor allem die aufklärerisch-kritische Herangehensweise von Geschichtsschreibung in den ersten beiden Beiträgen eröffnet neue Einblicke fernab der Konzentration auf die Errungenschaften von Personen oder Institutionen. Aus historisch-politikwissenschaftlicher Sicht wird die simplifizierende Auffassung des nahtlosen Anknüpfens an das System der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung in der Zeit vor 1933/1934 widerlegt und nachgewiesen, wie stark Austrofaschismus und Nationalsozialismus bereits Jahre davor die Errungenschaften der Ersten Republik ausgehöhlt und zerstört hatten.

Das Buch profitiert von den bildungstheoretischen, bildungshistorischen und geschichtswissenschaftlichen Grundlagen, die als Folie für die Einordnung der über mehrere Jahre an vielen einzelnen gesellschaftlichen Großgruppen, Institutionen, Verbänden, Gemeinden und öffentlichen Stellen aufkeimenden Aktivitäten dienen. Mit ihrer Hilfe erklärt sich, wieso eine Balance zwischen Bund und Ländern, zwischen allgemeiner und beruflicher Erwachsenenbildung, zwischen Erwachsenen- und Weiterbildung, zwischen großen und kleinen Verbänden in mühevoller Annäherung und unter Beachtung großer Autonomie gefunden werden musste. Mit der genaueren Darstellung des Rings österreichischer Bildungswerke sowie der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs kann der Leserin und dem Leser vermittelt werden, was Pluralität als Strukturmerkmal von Erwachsenenbildung bedeutet.

In diesem Band geht es vorwiegend um die Erwachsenenbildung, die sich als begleitende Lebenshilfe versteht und neben der Volkshochschule angeboten wird und ihre Schnittflächen zur Weiterbildung. An vielen Stellen sind Parallelen zur Entwicklung in Deutschland vorhanden: In der Professionalisierung hat die österreichische Erwachsenenbildung in den vergangenen Jahren das Tempo vorgegeben. Die Printmedienuntersuchung über die Erwachsenenbildung bestätigt, was viele Erwachsenenbildner als „gefühlte“ Realität vermuten; die Resultate unterstreichen den Politiker- und Personen- bzw. Protagonistenbezug: Nicht die Sache selbst ist überzeugend, sondern jemand macht sich stark für etwas. An der einen oder anderen Stelle hätte eine redaktionelle Bearbeitung vor einigen Redundanzen schützen können.

Fazit

Dieser Band demonstriert eine Variante eines „ideengeschichtlichen“ Zugangs zu einem bildungshistorischen Thema, der sehr gelungen ist. Er eröffnet Einblicke in das komplexe Geflecht aus einem historisch gewachsenen vielschichtigen Bildungssektor und Steuerungsaktivitäten eines demokratisch organisierten nationalen Staatsgebildes, umgeben von europäischen Rahmenbedingungen, die Strategien fordern. Zu empfehlen ist der Band allen, die sich für die geschichtliche Entwicklung der Erwachsenen- und Weiterbildung interessieren – der Blick auf den österreichischen Nachbarn lässt sehr viele Parallelen im Aufbau der Erwachsenenbildung nach 1945 in Deutschland erkennen. Einzelne Beiträge können mit unterschiedlicher Zielsetzung in der Lehre eingesetzt werden: So aufbereitete Geschichte entfacht Freude am Lesen – und genau das ist eine Voraussetzung für Bildung und Selbstbildung.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 21.02.2017 zu: Angela Bergauer, Johann Dvořák, Gernot Stimmer: Zur Entwicklung der Erwachsenenbildung in Österreich nach 1945. Strukturen, Zusammenhänge und Entwicklungen. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. ISBN 978-3-631-63318-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22233.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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