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Marius Hildebrand: Rechtspopulismus und Hegemonie

Cover Marius Hildebrand: Rechtspopulismus und Hegemonie. Der Aufstieg der SVP und die diskursive Transformation der politischen Schweiz. transcript (Bielefeld) 2017. 404 Seiten. ISBN 978-3-8376-3712-0. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.

Kultur und Kollektiv, Band 4.
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Thema

In seiner Dissertationsschrift „Rechtspopulismus und Hegemonie“ beschäftigt sich Marius Hildebrand mit dem Aufstieg der Schweizer Volkspartei (SVP) zu einer der stärksten politischen Parteien in der Schweiz. Dabei analysiert der Autor die Entstehungsgeschichte der Partei, deren internen Veränderungen sowie ihren wachsenden Einfluss auf die Schweizer Gesellschaft. Theoretisch wird der Hegemonie- und Populismustheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe gefolgt. Das Hauptaugenmerk liegt auf den diskursiven und performativen Prozessen, welche eine Transformation der politischen Schweiz erzeugen. Dabei werden diejenigen Prozesse unter die Lupe genommen, welche es der Partei ermöglichen die Deutungshoheit über den Begriff „Sonderfall Schweiz“ zu gewinnen. In diesem Zusammenhang findet auch eine Kritik an den vorherrschenden Konzeptionen (sozialstrukturellen sowie ideologiekritischen) des Populismus statt.

Autor

Marius Hildebrand forscht an der Universität Hamburg, unter anderen in den Themenbereichen Politische Theorie und Ideengeschichte, Sozialtheorie und Hegemonietheorie.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Einführung in den Themenbereich des Populismus in der Schweiz sowie einer Erläuterung der theoretischen Forschungsperspektive. Es folgt ein Theorieteil, welcher das hegemonietheoretische sowie poststrukturalistische Instrumentarium (v. a. Ernesto Laclau folgend) für die im Hauptteil unternommene Analyse des Populismus der SVP bereitstellt. Im Hauptteil der Arbeit wird zunächst das bis in die 1990er Jahre hegemonische konkordanzdemokratische Prinzip der Schweiz erklärt und anschließend die diskursive Transformation des „genuin Schweizerischen“ durch den Diskurs der SVP erläutert (vgl. S. 32). Um diese Transformationsprozesse offenzulegen wählt der Autor vier Kernereignisse aus, welche im Folgenden detailliert betrachtet werden:

  1. Die Abstimmung um das Europäischen Wirtschaftsraum-Abkommen 1992
  2. Die Nationalratswahlen 1999
  3. Die Abwahl von Christoph Blocher (SVP) als Bundesrat 2007
  4. Die Minarett-Abstimmung 2009

Im Schlussteil werden die außerordentliche Kontinuität des SVP-Populismus sowie die Grenzen der Laclauschen Populismustheorie diskutiert.

Inhalt

Im Prolog des Buchs betrachtet Marius Hildebrand das negative Image des Populismus innerhalb der politischen Wissenschaft. In der wissenschaftlichen Auslegung des Begriffes wird dieser meistens als „unnormales“ Gegenstück zu einem „gesunden“ Demokratiediskurs angesehen: er wird als Indikator für gesellschaftspolitische Missstände oder als „schleichendes Gift“ wahrgenommen (vgl. S. 14). Die Einschätzung, dass der Populismus etwas „unnormales“ sei, kann durch die Häufung und Beständigkeit solcher politischer Projekte jedoch nicht gehalten werden. Daher geht es dem Autor im Folgenden weniger darum, den Diskurs der SVP als per se undemokratisch offenzulegen. Stattdessen soll analysiert werden, wie es der populistischen Rechten möglich ist, ein „politisch unbestimmtes gesellschaftliches Unbehagen“ (S. 18) zu bündeln und durch die Konstruktion einer bestimmten Identität (bspw. durch die Konstruktion einer antagonistischen Grenze gegenüber „den Eliten“ oder „dem Ausländer“) politische Stärke zu gelangen.

Folgerichtig heißt es dann auch in der Einleitung über das Ziel der Arbeit, dass nicht der wirklichkeitsverzerrende Moment des SVP-Populismus im Zentrum der Arbeit steht, sondern vielmehr die wirklichkeitskonstitutive Dimension (vgl. S. 24). Im Unterschied zu verbreiteten Populismuskonzepten, welche das „Unnormale“ des Populismus entlarven wollen, folgt Marius Hildebrand dabei Ernesto Laclau, welcher die Konstruktion politischer Identitäten betrachtet. Somit spielen die Prozesse der Fixierung von Bedeutung und Sinn sowie symbolisch-performative Vorgänge eine zentrale Rolle. Dabei soll betrachtet werden, wie eine „Wir-Gruppe“ (bspw. „das Volk“) konstituiert wird, welche erst in einem zweiten Schritt repräsentiert wird (vgl. S. 27). Die Mechanismen der Installation von diversen Freund-Feind-Unterscheidungen steht im Mittelpunkt, wobei heterogene Elemente gegen ein Äußeres gesammelt (und vereint) werden können. Im Fokus der Analyse stehen also „jene Willens- und Identitätsbildungsprozesse, die Populismusforscher/innen in der Regel voraussetzen, die den Erfolgen populistischer Parteien aber insofern zeitlich und logisch vorgeschaltet sind, als sie die politischen Kollektive hervorbringen, die den populistischen Authentizitätsbehauptung Glauben schenken“ (S. 28). In der Einleitung erfolgt außerdem ein Blick auf den Aufbau der Arbeit sowie ein Überblick über bisherige Forschungen zur SVP.

Es folgt der Erste Hauptteil: „Diskurs, Hegemonie, Populismus. Ernesto Laclaus politische Theorie der Gesellschaft“. Dieser Theorieteil führt in die Begrifflichkeiten sowie das theoretische Konzept von Ernesto Laclau ein. Dabei geht es vor Allem um die performative Konstruktion eines „Volkes“ (hier: „das Schweizervolk“), welches durch die diskursive Installation bestimmter Differenzen geschaffen werden kann (bspw. antagonistisch gegenüber „dem Establishment“) und im Folgenden heterogene soziale Akteure vereint um somit „Ungerechtigkeitserfahrungen aus allen Teilbereichen auf einen Nenner zu bringen“ (S. 48). Aufgrund der Komplexität des Laclauschen Ansatzes kann an dieser Stelle keine umfassende Einführung in die poststrukturalistische Denkweise gegeben werden, vielmehr soll jedoch das Vorgehen Hildebrands kurz erläutert werden. Der Autor stellt zunächst den Gelegenheitsstrukturansatz als den führenden Ansatz der Populismusforschung vor und kontrastiert diesen anschließend mit dem Ansatz von Ernesto Laclau. Dabei stehen die Forschungsgegenstände „Identität“ und „Hegemonie“ im Mittelpunkt (vgl. S. 63). Entscheidend ist, dass die Identitäten nicht nur hegemonietheoretisch relevant, sondern vielmehr geformt und erzeugt werden (vgl. S 70). Im Folgenden stellt der Autor wichtige poststrukturalistische/theoretische Begrifflichkeiten vor (bspw. Überdeterminierung, konstitutives Außen, flottierende/leere Signifikanten, Knotenpunkte oder Äquivalenz- und Differenzlogik). Im Mittelpunkt stehen die populistischen Operationen, welche durch die Konstruktion eines äußeren Feindes heterogene Elemente verknüpfen um somit etablierte symbolische Ordnungen zu reartikulieren (vgl. S. 119, 123). Am Schluss des Theorieteils wird der Laclausche Theorieansatz mit einigen Begrifflichkeiten der phänomenologischen Rechtspopulismusforschung verbunden. Exemplarisch soll hier der „heartland“-Begriff von Paul Taggart erwähnt werden. Dieser Begriff „propagiert ein bedrohtes Stammland, das zugleich als Ursprungs- und Sehnsuchtsort fungiert“ (S. 131). Während der Begriff hegemonietheoretisch konzipiert werden kann, weist Marius Hildebrand darauf hin, dass dieser im Gegensatz zum Laclauschen Ansatz für eine Erklärung der stabilisierenden Momente des Populismus hilfreich sein kann (vgl. S. 134). Somit ergänzt der Autor den formalen Ansatz von Laclau an entscheidenden Stellen um ihn für die folgende Analyse des SVP-Populismus nutzbar zu machen

Auf den Theorieteil folgt ein kurzer „Zweiter Teil: Von der Theorie zur Forschungsstrategie“. Der Autor weist hier auf eine entscheidende Schwäche der Hegemonietheorie hin: es gibt kaum methodologische Vorarbeiten und oftmals erscheinen die hegemonietheoretischen Untersuchungen lediglich als Untermauerungen für den starken theoretischen Ansatz (vgl. S. 138). Um diesem Problem gerecht zu werden, ergänzt Marius Hildebrand das Laclausche Konzept durch drei Analysekategorien (diskursive Praktiken, Topoi und Realisierungsformen) aus der Kritischen Diskursanalyse von Ruth Wodak und Norman Fairclough. Somit wird dem deduktiven Vorgehen von Ernesto Laclau eine induktive Dimension hinzugefügt.

Es folgt der „Dritte Teil: Eine Hegemonieanalyse des SVP-Populismus“, welcher den Hauptteil des Buchs einnimmt. In diesem werden die Ausarbeitungen aus dem Theorieteil und der Forschungsstrategie am Aufstieg der SVP in der Schweiz angewandt. An dieser Stelle sollen einige zentrale Ausführungen von Marius Hildebrand dargelegt werden, jedoch hat diese Übersicht keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellt lediglich exemplarisch ausgewählte Kapitel vor. So wird im Folgenden beispielsweise nicht auf die – vom Autor beschriebenen – internen Machtkämpfe innerhalb der SVP eingegangen.

Der erste Teil der Analyse betrachtet zunächst den „konkordanzdemokratischen Sonderfall“ der Schweiz. Marius Hildebrand beschreibt, wie die Konkordanzdemokratie „als spezifisch schweizerische, anderen Ordnungen überlegene politische Ordnung“ (S. 156) bis in die 1990er Jahre die hegemoniale Stellung innerhalb des gesellschaftspolitischen Diskurses der Schweiz innehatte. Zum konkordanzdemokratischen Prinzip der Schweiz gehören auf der einen Seite ein demokratischer Nationalismus, auf der anderen Seite eine Norm des „gütlichen Einvernehmens“, Vorrang individueller Freiheitsrechte sowie die Anerkennung von Diversität (vgl. ibid.). Der realexistierende Sozialismus sowie extremistische Parteipositionen bildeten das antagonistische Außen. Nach innen entwickelte sich eine differenzlogisch organisierte politische Landschaft sowie Lebensweise, mit einer Orientierung an der politischen Mitte.

Erst durch den SVP-Populismus – so der Autor – konnte diese stabile politische Organisation gestört werden. Die durch Christoph Blocher erneuerte SVP durchbrach die differenzlogisch organisierte Ordnung mithilfe einer gegen „das Establishment“ gerichteten Politik und konnte ihren Stimmenanteil bis in das Jahr 2015 (29,4%) sukzessive steigern (vgl. S. 163). Der SVP gelang es einen binären Antagonismus zwischen einem „unschweizerischen, korrumpierten Machtblock“ (= alle politischen Akteure, welchen dem konkordanzdemokratischen Prinzip folgen) und einem „schweizerischen, moralisch integren underdog“ (= die SVP) (S. 164) zu installieren. Das Hauptinteresse der Analyse liegt somit auf den Strategien der populistischen Konstruktion einer Demarkationslinie zwischen der SVP (= Konstruktion: „urschweizerisch“) und den restlichen Parteien (= Konstruktion: „unschweizerisch“).

Wie bereits oben erläutert, werden die Funktionsweisen des SVP-Populismus in detaillierten Tiefenbohrungen an vier zentralen Kernereignisse dargelegt. Dabei stehen die performative Konstitution einer popularen „Wir-Gruppe“ und deren Vernetzung mit den partikular-heterogenen Parteizielen der SVP im Mittelpunkt.

  1. Die erste Tiefenbohrung betrifft die Schweizer Volksabstimmung über den Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1992, welche vom Autor als die Geburtsstunde des SVP-Populismus benannt wird (vgl. S. 202). Die Abstimmung endete mit knapper Mehrheit mit einem Nein zum Beitritt. Während sich die Deutungselite (die stärksten Parteien, der Bundesrat, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, Landeskirchen und die Leitmedien) für den Beitritt eingesetzt hatte, stand nur die SVP einem Beitritt negativ gegenüber. So gelang es der SVP sich als „underdog“ und Vertreter einer politisch entfremdeten Mehrheit zu präsentieren (vgl. S. 203). Die oben erwähnte Spaltung zwischen einem „Wir“ und einem „Sie“ konnte erstmalig installiert werden. Gleichzeitig konnte die SVP nun weitere Elemente (bspw. aus der Drogen-, Asyl- und Verteidigungspolitik) mithilfe dieser Konfliktlinie politisch reartikulieren. Der Autor beschreibt, wie somit eine Äquivalenzkette aus sowohl partikularen als auch universellen Elementen geschaffen werden konnte (vgl. S. 232). Durch das Festhalten der großen Parteien am Ziel der Europäischen Integration der Schweiz, konnte die SVP ein privilegiertes Politikfeld besetzen (vgl. S. 205). Anhand einer detaillierten Analyse der Albisgüetli-Tagung der SVP 1992, zeigt der Autor im Folgenden die performative Erzeugung des antagonistischen Status der SVP auf, welche letztendlich dazu führt, dass „der SVP-Populismus die partikulare politische Differenz ‚pro-oder-contra EWR‘ in eine antagonistische Grenze [transformiert], die zwei unvereinbare Lebensformen voneinander trennt“ (S. 234).
  2. Die zweite Tiefenbohrung betrifft die Nationalratswahlen 1999 bei der die SVP einen sensationellen Stimmanteil von 22,5 Prozent erreichen konnte. Hier steht unter anderem die von FDP, CVP und SP ausgerufene „Koalition der Vernunft“ im Blickwinkel, welche – so der Autor – die Spaltung des politischen Raumes verschärfte (vgl. S. 243). Durch die gleichzeitige Radikalisierung der SVP geriet das Konkordanzprinzip der Schweiz immer weiter in Gefahr. Nicht eine Kultur von Kompromissbereitschaft und Verlässlichkeit, sondern politische Feinde wurden jetzt konstituiert. Im weiteren Verlauf der Tiefenbohrung konzentriert sich Marius Hildebrand auf die Konstruktion eines „heartland“ durch den Diskurs der SVP. Dabei steht die performative Besetzung des Begriffs „Schweizer Sonderfall“ im Zentrum. Durch eine detaillierte Analyse wird dargelegt, wie es der SVP gelingt eine Äquivalenzkette aus primären und sekundären Feinden zu erzeugen (bspw. die Verbindung von politischen Eliten, der EU, dem Faschismus, Intellektuellen und Kulturschaffenden sowie Jüdischen Organisationen innerhalb einer Äquivalenzkette). Der Autor zeigt auf, wie scheinbar heterogene Elemente miteinander verknüpft werden und somit gleichzeitig ein populares „Wir“ (= SVP als Beschützer des Urschweizerischen (heartland-Mythos)) erzeugt wird (vgl. S. 255, 283): „[…] zum Schweizervolk gehören aber nur diejenigen, die das Selbstverantwortungsprinzip gegen die Kolonialisierungstendenzen aus Bern und Brüssel verteidigen und gewillt sind, mit der SVP eine originäre, gerechte, wettbewerbsfähige und von fremden Elementen gereinigte Heimat zu restaurieren […]“ (S. 284).
  3. Die dritte Tiefenbohrung konzentriert sich vor allem auf die zentrale Rolle von Christoph Blocher innerhalb der SVP. Dabei thematisiert der Autor die Abwahl Blochers als Bundesrat und zeigt auf, warum dieser dennoch weiterhin die zentrale Stellung innerhalb der Partei innehaben konnte. Blocher wird hier als idealer Repräsentant eines heterogenen Kollektivs beschrieben; er selbst wird zum leeren Signifikanten, welcher zeitgleich die Rolle des Landwirts, Politikers, Unternehmers oder Kunstsammlers einnehmen kann (vgl. S. 307).
  4. Die vierte Tiefenbohrung – die Minarett-Abstimmung 2009 – beschreibt die Ablösung des Themas der Europäischen Integration durch das Thema der Migration als zentralen Bezugspunkt des SVP-Populismus. Entgegen aller Voraussagen wurde dem Verbot des Baus von Minaretten in einer Volksabstimmung zugestimmt. Marius Hildebrand analysiert, dass innerhalb der SVP im Folgenden der alte Antagonismus Schweiz-EU dem neuen Antagonismus Islam-Europa untergeordnet wurde. Weiterhin wird aufgezeigt, dass der neue Antagonist „Islam“ gleichzeitig jedoch an Bedeutung verliert, denn erneut ist es „das Establishment“, welches durch die SVP als Hauptfeind konstituiert wird: „Das Establishment, der Sekundärfeind der Minarett-Gegner, wird zum Primärfeind; der Islam, die Hauptgefahr der Minarett-Gegner, wird zu einem sekundären Teilaspekt eines internationalen Bedrohungskomplexes“ (S. 328). Diese Beobachtung beruht darauf, dass laut SVP „das Establishment“ versuchte das Minarettverbot auf internationaler Ebene zu stoppen. Darauf aufbauend verweist die SVP erneut auf eine abgehobene Elite, welche den Willen des Schweizer Volkes nicht respektiere und somit die Schweizer Demokratie beschädige. Es wird – so der Autor – somit ein Antagonismus zwischen der SVP und einer angeblich undemokratischen und unfreiheitlichen „staatlichen Obrigkeit“ erzeugt (vgl. S. 332). In diesem Zuge wird auch die direkte Demokratie zu einem zentralen Knotenpunkt des SVP-Populismus (vgl. S. 333).

Im Schluss geht Marius Hildebrand auf die außerordentliche Kontinuität des SVP-Populismus ein und betrachtet die Grenzen der Anwendung der formalen Populismustheorie von Ernesto Laclau. Die generelle Unvereinbarkeit von Populismus und Pluralismus wird hier mit Laclau nochmals zurückgewiesen. Im Gegensatz zu sozialstrukturellen Ansätzen der Populismusforschung stellt Marius Hildebrand fest, dass der Erfolg der SVP nicht primär auf günstige Rahmenbedingungen, sondern vielmehr auf eine stetige Repräsentationsleistung zurückzuführen ist (vgl. S. 341). Durch den SVP-Populismus verschob sich die Deutungshoheit über die Repräsentation des „Sonderfalls Schweiz“. Während die konkordanzdemokratische Hegemonie fundamentaloppositionelle Diskurse als „unschweizerisch“ konstruieren konnte, wird durch den Diskurs der SVP eben diese „fundamentaloppositionelle Praxis des Widerstands […] zum genuin Schweizerischen“ (S. 342). Im Diskurs der SVP wird – so der Autor – ein „heartland“ erzeugt, welches gleichermaßen politisch und anti-politisch wirkt. Während die Hegemonie der Mitte politisch angegriffen wird (d.h. ein Antagonismus gegenüber „den Eliten“, der EU, „den Muslimen“, „den Drogenabhängige“, (…) aufgebaut wird), wird gleichzeitig eine quasi-natürliche schweizerische (Ur-)Gemeinschaft imaginiert. Somit identifiziert Marius Hildebrand eine „anti-politische politische Identität“ (S. 343), welche durch den SVP-Populismus konstituiert wird.

Diskussion

Die Dissertationsschrift von Marius Hildebrand stellt eine exzellente hegemonietheoretische Diskursanalyse des Populismus der Schweizerischen Volkspartei dar. Dies ist insbesondere bemerkenswert, da es nach wie vor an Analysen mangelt, welche die formalen Theorien von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe systematisch in der Praxis anwenden. So stellt beispielsweise Andersen fest: „[Laclau´s approach] has primarily consisted of clarifying and systematising discourse theory; he has not, however, emphasised the development of analytical tools or operational strategies. Rather, his aim has always been a general, political discourse theory“ (Andersen 49). Oder auch Yilmaz: „Laclau and Mouffe rarely get their hands dirty with hands-on analysis of how their theory of hegemony and discourse applies to what is happening“ (Yilmaz 35). Durch die Verbindung mit induktiven Analysebegriffen aus der Kritischen Diskursanalyse gelingt es Marius Hildebrand, die gesellschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Schweiz nachzuzeichnen und hegemonietheoretisch zu analysieren. Dem Problem des sehr langen Untersuchungszeitraumes (über 20 Jahre) begegnet der Autor mit einer detaillierten Analyse von vier ausgewählten Kernereignissen (vgl. S. 145). Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass zwischen den gewählten Ereignissen teilweise mehrere Jahre liegen, welche nur teilweise Beachtung finden. Für das Ziel der Arbeit – den SVP-Populismus hegemonietheoretisch zu betrachten – hat dies durch die sehr gut ausgewählten Beispiele kaum Einfluss, jedoch geraten diese „Zwischenzeiten“ gezwungenermaßen etwas in den Hintergrund.

Die SVP wird vom Autor als ein Vorbild des europäischen Rechtspopulismus vorgesellt. Während viele rechtspopulistische Projekte in Europa erst durch den Aufbau eines Antagonismus gegenüber „dem Islam“ erstarken konnten, macht das Buch deutlich, dass es – Ernesto Laclau folgend – lediglich der Konstruktion „irgendeines“ antagonistisches Außen bedarf („But in any case, and whatever the political orientation through which the antagonism crystallizes (this will depend upon the chains of equivalence which construct it), the form of the antagonism as such is identical in all cases.“ (Laclau/Mouffe 165)), denn – wie Marius Hildebrand zeigt – konnte sich der SVP Populismus eben schon vor dem europäischen Diskurs um „den Islam“ etablieren. Die Analyse, dass das „neue Außen“ („der Islam“) der SVP seit der Minarett-Abstimmung den vorherigen antieuropäischen Schweizer Sonderfalldiskurs unterminiert und somit zunächst eher eine Gefahr für die SVP dargestellt hat (vgl. S. 325 ff.) erscheint in diesem Zusammenhang höchst interessant. Es wird bestätigt, dass der Populismus nicht unbedingt durch einen gelegenheitsstrukturellen Ansatz (der dem Prinzip der Angebot und Nachfrage folgt) analysiert werden sollte. Vielmehr sollten Prozesse der performativen Identitätskonstruktionen sowie Prozesse des Erlangens von Deutungsmacht betrachtet werden.

Marius Hildebrands abschießende theoretische Betrachtungen (insbesondere der Hinweis, dass Ernesto Laclau zu wenig Fokus auf diejenigen Prozesse legt, welche den Diskurs (vorrübergehend) schließen) erscheinen ebenfalls schlüssig. Denn gerade diejenigen Prozesse, welche Schließungen voranbringen, erscheinen als die zentrale Gefahr rechtspopulistischer Parteien. Auch kann nur mit einem Fokus auf die Schließungsprozesse die außerordentliche Kontinuität des SVP-Populismus erläutert werden.

Besonders interessant erscheint das Buch außerdem, da an vielen Stellen Übertragungen zu populistischen Entwicklungen außerhalb der Schweiz möglich erscheinen. Durch die vielfältigen Literaturhinweise und Fußnoten ist es zudem möglich einzelnen (theoretischen) Aspekten vertieft nachzugehen und weitere Anregungen zu erhalten. Die vorliegende Dissertationsschrift kann somit sicherlich auch als Grundlage für weitere Forschungen angesehen werden und Orientierung für andere Arbeiten bieten.

Insgesamt bietet das Buch sowohl eine detaillierte Beschreibung der poststrukturalistischen Hegemonietheorie als auch eine sehr gute Analyse der SVP und ist somit absolut zu empfehlen. Sowohl als detaillierte Informationsquelle über die populistische Entwicklungen innerhalb der Schweiz (und Europa) als auch für Interessenten an Diskurs- und Hegemonietheorie sowie den theoretischen Ansätzen von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe.

Fazit

Die Dissertationsschrift „Rechtspopulismus und Hegemonie“ von Marius Hildebrand bietet eine exzellente Analyse des Aufstiegs der Schweizer Volkspartei zu einer der stärksten politischen Kräfte des Landes. Anhand von vier Kernereignissen (die Abstimmung um das Europäische Wirtschaftsraum-Abkommen 1992, die Nationalratswahlen 1999, die Abwahl von Christoph Blocher als Bundesrat 2007 und die Minarett-Abstimmung 2009) des SVP-Populismus werden die performativen Prozesse offengelegt, welche zu einer Transformation der politischen Schweiz führen. Der Populismustheorie von Ernesto Laclau folgend analysiert der Autor dabei die wirklichkeitskonstituierenden Prozesse, welche es der SVP ermöglichten die Hegemonie des „konkordanzdemokratischen Sonderfalls Schweiz“ zu unterminieren und Deutungshoheit über entscheidende Elemente des Diskurses zu gewinnen.

Quellen:

  • Andersen, Niels Åkerstrøm (2003). Discursive analytical strategies – Understanding Foucault, Koselleck, Laclau, Luhmann. Bristol: The Policy Press.
  • Laclau, Ernesto; Mouffe, Chantal (2001). Hegemony and Socialist Strategy – Towards a Radical Democratic Politics. 2nd ed. London/New York: Verso.
  • Yilmaz, Ferruh (2016). How the Workers Became Muslims – Immigration, Culture, and Hegemonic Transformation in Europe. Michigan: University of Michigan Press.

Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 01.03.2017 zu: Marius Hildebrand: Rechtspopulismus und Hegemonie. Der Aufstieg der SVP und die diskursive Transformation der politischen Schweiz. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3712-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22242.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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