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Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessiona­lisieren wir uns!

Cover Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit. transcript (Bielefeld) 2017. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-3554-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Die Soziale Arbeit tut immer gut daran, angesichts neuer Begrifflichkeiten und dem Bedeutungswandel herkömmlicher Begriffe ihr Selbstverständnis zu überprüfen. In dem Maße, in dem sie sich als Profession und Dienstleistung formiert, schafft sie womöglich (erst) Hilfebedürftigkeit und Ökonomisierung.

Herausgeber und Herausgeberin, Autoren und Autorinnen

Reimer Gronemeyer ist em. Professor für Soziologie an der Universität Gießen. Die Sozialwissenschaftlerin Charlotte Jurk ist derzeit Vertretungsprofessorin an der Hochschule Ludwigshafen.

Die anderen Autorinnen und Autoren sind als Pastor (Magdeburg), Hochschullehrerin für Psychologie (Braunschweig/Wolfenbüttel) bzw. Erziehungswissenschaften (Wiesbaden) tätig, mehrere als freiberufliche Publizisten und Erwachsenenbilder vornehmlich in Österreich. W. Arney unterrichtet an einem College im Staat Washington, Gustavo Esteva ist ein mexikanischer Journalist und Gründer eines interkulturellen Zentrums in Mexiko.

Aufbau

Der Band versammelt nach dem Vorwort 32 Beiträge unterschiedlicher Länge, meist einige Seiten lang, maximal zehn, auch mal nur eine Seite umfassend Die Beiträge haben einen Begriff zum Thema und sind wie in einem Wörterbuch alphabetisch gereiht. Manche Autoren sind mit ein oder zwei, manche mit drei Beiträgen vertreten. Diese sind im einzelnen:

  • R. Gronemeyer: Ambient Assisted Living, Inklusion, Prävention, Spiritualität.
  • Haindl: Angebot, Würde.
  • Kerkovius: Angehörigenarbeit, Sterbequalität, Trauerarbeit.
  • Schultz: Basale Stimulation, Sprachkompetenz.
  • Feinig: Behinderung, Coach, Pflegefall.
  • Samerski: Beratung, Case Management, Informierte Entscheidung.
  • Jurk: Biografiearbeit, Qualität.
  • M. Gronemeyer: Hilfebedarf, Innovation, Standard.
  • Jandrisovits: Kompetenz.
  • Zimmermann: Leitlinien.
  • Bartosch: Management.
  • Esteva: Professionalisierung.
  • Arney: System.
  • Brenssell: Trauma.
  • Schandl: Werte.
  • Riehl: Nachwort.

Inhalt

In den insgesamt 32 Beiträgen, offenbar häufig von Ivan Illich inspiriert, finden sich folgende Grundgedanken, hier thesenartig zusammengefasst:

  1. Es gibt „modische Schlachtrufe“, sog. Plastikwörter, die einfach „In“ sind und die sozialarbeiterischen und administrativen Milieus „infizieren“. Dazu zählt insbesondere „Inklusion“ – ein Begriff der wenig Sinn macht, da er ja mit „Einschließen“ zu tun hat.
  2. Ein Muster funktioniert immer: Experten behaupten die Hilfsbedürftigkeit von Menschen, die nur von Experten behandelt werden kann; falls ohne Erfolg, sind weitere Experten hinzuziehen.
  3. Es gibt die menschliche Zuwendung, Begegnung, Hilfe – und diejenigen, die daraus „Arbeit“ machen. Dabei ist gerade so etwas wie „Trauerarbeit“ bizarr, denn Trauer ist nichts anderes als der natürliche Umgang mit einem Verlust.
  4. In der Medizin, zum Teil auch in der Sozialen Arbeit, werden dem Patienten/Klienten statistische Befunde und inhaltlich komplexe Erläuterungen vorgetragen, was bei diesem oft nur den Anschein erweckt oder erwecken soll, selbst eine fundierte Entscheidung zu treffen.
  5. In dem Maße, in dem Pflege, medizinische Behandlung, Soziale Arbeit nur als Dienstleistungen verstanden werden und effizient sein müssen, nehmen Messungen und Dokumentationen so überhand, dass die Behandlung oder Problemlösung gar nicht mehr im Vordergrund steht.
  6. In Industriegesellschaften mit alternder Bevölkerung wird der Mangel an Pflegekräften schon bald durch Roboter ausgeglichen werden. Mit Sicherheit gehört dazu auch die elektronische Überwachung.
  7. Keineswegs nur im Bereich der Konsumartikel, auch im sozialen Bereich wird der Kunde dazu angehalten, sich mit den vielfältigen Kurs-, Gesprächs-, Beratungs- oder Therapieangeboten auseinanderzusetzen und an Wahlfreiheit zu glauben.In der „Beratungsgesellschaft“ gibt es jede Menge Beratungsrituale, die Selbstbestimmung vorgaukeln.
  8. Wenn die sog. Biografiearbeit nur ein Punkt ist, der auf der Liste der standardisierten Pflegeleistungen abgehakt werden muss, oder lediglich Methode ist, werden Zuwendung und Begegnung gerade nicht ermöglicht, sondern verhindert.
  9. Wer das Gesundheitswesen managen will, ersetzt die therapeutische Beziehung durch ein Vertragsverhältnis. Wenn Krankheiten bekämpft werden und Prävention gefordert ist, wird der Mensch quasi verpflichtet, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben
  10. Ehrenamtliche, die Zeit und Zuwendung schenken, werden in den Hospizen oft zum Helfer der Professionellen degradiert.
  11. Sozialarbeiter üben eine „entmündigende“ Expertenherrschaft über die Klienten aus, ohne zu merken, dass sie auch selbst entmündigt werden. Zielvereinbarungen erwecken gern den Eindruck, die Hilfesuchenden seien daran zustimmend oder mit eigenen Vorschlägen beteiligt gewesen.
  12. Qualitätsmanagement hat nicht mit Qualität zu tun, sondern befasst sich mit Quantität, insbesondere Zeitmessungen.
  13. Die Menschen tun gut daran, sich „von der Gesundheit zu erholen“, d.h. sich aus der Abhängigkeit vom Gesundheitssystem und dem Diktat der medizinischen Profession und der Pharmaindustrie zu lösen.
  14. Vielfach wird Gewalt, insbesondere auch sexualisierte Gewalt, als traumatische Störung behandelt, d.h. individualisiert und entpolitisiert: Gewaltverhältnisse werden so verschleiert.

Diskussion

Was als kritisches Wörterbuch daherkommt, kann auch als Streitschrift (Pamphlet im besten Sinne) gelesen werden. Allerdings mit der grundsätzlichen Problematik, dass Belege, Beispiele, Begründungen zu kurz kommen.

Bei aller Kritik: Was ist daran falsch, wenn Menschen Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen (ganz unabhängig von der Mitgliedschaft in einer Krankenkasse)? Warum soll es nicht wünschenswert sein, weltweit das Existenzminimum zu standardisieren? Wer sagt denn, dass dem Staat ein „Fürsorgemonopol“ zuwächst? Auch wenn „Innovation“ nur geltungssüchtiger Jargon ist – wieso ist in der Industriegesellschaft alles Müll, bevor es überhaupt in Gebrauch genommen wird? Wie kommt jemand zu der Einschätzung, noch nie seien „die Menschen so hoffnungslos gewesen wie heute“? Wer hat das „solidarische Miteinander“ wann und wo gezielt „zerschlagen“?

Wenn man eine Karikatur, nämlich die Werbung für „Sterbequalität“ (gemessen gar am Schmerzmittelverbrauch), zitiert, kann man sich leicht darüber empören. Natürlich kann und muss man beklagen, dass das soziale Umfeld nicht mehr so wie ursprünglich (?) für Begleitung und Beistand im Todesfall sorgt – aber was ist die Alternative dazu, Trauerarbeit zu leisten?

Die Beiträge in diesem Band sind nicht nur im Umfang sehr unterschiedlich, einige leider auch nicht wirklich verständlich. Manche Autorinnen und Autoren, wenn sie sich nicht bloß auf Medizin und Pflege beziehen, scheinen sich zum ersten Mal bewusst zu machen, dass Soziale Arbeit eben Arbeit ist, also Profession, und Ausbildung und Theorie verlangt. Allerdings ist die Terminologie derselben mitunter wirklich seltsam, man denke nur an die „Kinder- und Jugendarbeit“, die doch auch in armen Gesellschaften verboten sein sollte.

Das „Wörterbuch“ ist, wie hier kurz angedeutet, provokant. Gut so.

Fazit

Das „kritische Wörterbuch“ ist nicht nur dem Jargon auf der Spur, der sich – wie in anderen Professionen auch – bei den Personen einfindet, die in medizinischen, pflegenden und helfenden Berufen tätig sind. Es stellt auch die Frage, wie sich Profis und Experten damit selbst wichtig machen und als unentbehrlich stilisieren. Das geht doch an die Substanz! Wenn man sich darauf einlässt.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 18.05.2017 zu: Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3554-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22249.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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