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Michael Langhanky: Auf der Suche nach einem anderen Wir

Cover Michael Langhanky: Auf der Suche nach einem anderen Wir. Kleine Narrative zu einer kritischen Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3457-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Herausgegeben von Michael Kirchner, Timm Kunstreich und Barbara Rose.
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Thema

Wie soll man das Thema oder gar das Ziel dieses Buches beschreiben? Es ist aus mehrfacher Sicht ungewöhnlich! Am ehesten lässt sich sagen, dass das Thema des Buches im Nachdenken des Hamburger Hochschullehrers Michael Langhanky über die Sozialpädagogik allgemein und die sozialpädagogische Praxis in Hamburg (insbes. Jugendhilfe, Psychiatrie) der 1990er und 2000er Jahre im Besonderen besteht.

Formal betrachtet sind in dem Sammelband 32 Aufsätze, Vorträge und Skizzen von Michael Langhanky aus den Jahren 1993-2004 abgedruckt, die bisher teilweise unveröffentlicht oder nur in Tagungsbänden abgedruckt worden sind. Ungefähr die Hälfte der Texte beschäftigt sich mit der Pädagogik Janusz Korczaks, die andere Hälfte setzt sich mit methodischen und theoretischen Fragen der Sozialpädagogik auseinander.

Im Titel heißt es „Auf der Suche nach einem anderen Wir“. Das deutet das verbindende thematische Element der Texte an: Es geht um die Frage, wie eine humane Sozialpädagogik aussehen und gelingen kann, die den Menschen (Adressat*innen und Fachkräften) als Subjekten gerecht wird. Der zweite Satz des Titels deutet die Form der Texte und zugleich eine wichtige Quelle des Nachdenkens von Michael Langhanky an. Der Begriff des kleinen Narrativs stammt von Korczak, der damit die Idee verband, auf der Basis von kleinen Aufschrieben (Tagebüchern, Beobachtungsprotokollen, Forschungsnotizen) über pädagogische Fragen nachzudenken, und aus dieser Perspektive auch große, gesellschaftliche Umstände in den Blick zu nehmen.

Autor und HerausgeberInnen

Michael Langhanky war zunächst Heimleiter im Rauhen Haus (Hamburg), bevor er 1993 an der Hochschule des Rauhen Hauses Professor wurde. Bereits in seiner Doktorarbeit setzte er sich mit der Pädagogik Janusz Korczaks auseinander (1993), später mit wichtigen Philosophen, Soziologen, Kultur- und Religionswissenschaftlern, die im Mainstream der wissenschaftlichen Sozialpädagogik eher weniger zur Kenntnis genommen wurden und werden.

Er engagierte sich in vielen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit in Hamburg; z.B. in der Arbeit mit Straßenkindern und war ein geschätzter Redner. Nicht zuletzt arbeitete er bei der Zeitschrift Widersprüche sehr aktiv mit. Seine Arbeit als Hochschullehrer, Autor und Redner musste er bereits im Jahr 2005 nach einem schweren Schlaganfall aufgeben.

Michael Kirchner, Tim Kunstreich und Barbara Rose waren als Hochschullehrende im Rauhen Haus Kollegin und Kollegen und haben nun, zum 60. Geburtstag von Michael Langhanky (2016) dieses Buch mit seinen Texten herausgegeben. Hierzu haben sie viel Arbeit auf sich genommen, insbesondere mussten sämtliche Korczak-Zitate mit Verweisen auf die inzwischen komplett vorliegende Werkausgabe versehen werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit zwölf Beiträgen zu Janusz Korczak und einem Vortrag über den französischen Pädagogen Fernand Deligny (gehalten zum Abschied von Charlotte Köttgen). Diese 13 Texte erklären nicht nur die Pädagogik Korczaks sondern zeigen zugleich die Arbeits-, Denk- und Schreibweise von Michael Langhanky. Egal, womit er sich beschäftigt, er legt immer überraschende Dinge frei, bindet große DenkerInnen ein, setzt Pointen, greift die Gegenwart und aktuelle praktische Fragen auf. Besonders hat es ihm Korczaks „Kunst des kleinen Narrativs“ angetan, worunter er die „Kunst jenseits des diagnostischen Blicks (versteht), als Kunst, die Sinnkonstruktionen, die das Gegenüber von der Welt hat, wie es sich in dieser empfindet und deutet, zu verstehen, …“ (S. 79)

In diesem Sinne versteht Langhanky die Sozialpädagogik als forschende Disziplin, die immer auf der Suche nach dem Eigensinn der Adressat*innen und dabei gefährdet ist, diesen zu übersehen oder zu schnell umzudefinieren. Ebenso hat es ihm die Frage nach einer Praxis angetan, die wirkliche Verständigung ist: „Wie kann Pädagogik mit ihrem stets vorweg dargelegten Interesse zum einem Inter-Esse, einem zwischen den Menschen ausgehandelten Sein, gelangen?“ (S. 131)

In den Texten des zweiten Teiles setzt sich Langhanky besonders mit den Organisationen und Strukturen der Sozialen Arbeit auseinander, wobei er sich wieder spezieller theoretischer Zugänge, z.B. Foucaults Mikrophysik der Macht und Lévinas´ Verständnis des „Anderen“ bedient. In seinen methodisch orientierten Beiträgen setzt er sich mit der sozialpädagogischen Diagnostik („Kunst des Regierens“) auseinander. Auf der Basis seiner theoretischen Inspirationen wird er immer wieder ungemein praktisch und schenkt den Lesenden viele überraschende Blickwinkel und Betrachtungsweisen.

Diskussion

Die Praxis einer guten Sozialen Arbeit ist an komplexes Nachdenken über Ansprüche und Widersprüche gebunden. Die vielen kleinen Narrative, die Michael Langhanky anbietet, helfen bei dieser Aufgabe ungemein. Obwohl – oder weil? – das Buch keine Theorie aus einem Guss bietet, lernt man den Autor als umfassenden Denker einer anderen als der dominierenden Sozialen Arbeit kennen.

Fazit

Das Buch führt in das Denken Michael Langhankys ein. Zugleich stößt man überall auf interessante Theoretiker*innen und Praktiker*innen aus unterschiedlichsten Zeiten und Herkünften, die man gleich genauer studieren möchte. Ein Buch, dass hungrig macht statt satt – das ist aller Ehren wert!


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 01.08.2017 zu: Michael Langhanky: Auf der Suche nach einem anderen Wir. Kleine Narrative zu einer kritischen Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3457-8. Herausgegeben von Michael Kirchner, Timm Kunstreich und Barbara Rose. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22250.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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