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Claudia Seibold, Gisela Würfel (Hrsg.): Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule

Cover Claudia Seibold, Gisela Würfel (Hrsg.): Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-3455-4. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Thema

Der vorliegende Beitragsband widmet sich einem hochaktuellen und zugleich brisanten Thema: „Warum sollte soziale Arbeit sich auch in Schulen um junge geflüchtete Menschen kümmern?“ (Umschlagtext). Aus theoretischen Perspektiven und anhand von Praxisbeispielen wird diskutiert, in welchen Bereichen Soziale Arbeit, insbesondere Jugendsozialarbeit die Integrationsleistungen der Institution Schule ergänzen und u.U. auch kritisch begleiten kann.

Herausgeberinnen und Entstehungshintergrund

Claudia Seibold, Referentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit, und Gisela Würfel, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit, haben ca. 2015 mit der Arbeit an diesem Band begonnen.

Diese Zeit war nicht nur von einer starken quantitativen Zunahme von Flüchtlingen in Deutschland gekennzeichnet, sondern zugleich von einem massiven Ausbau der darauf reagierenden Angebote der Sozialen Arbeit. Im Zusammenhang damit waren die Träger der Sozialen Arbeit und deren Fachverbände inklusive der Fort- und Weiterbildungsbereiche gefordert, möglichst schnell konkretes Informationsmaterial für die Praxis aufzubereiten. Mithin liegt mit diesem Buch auch ein Zeitdokument vor, wie im Bereich der (Evangelischen) Jugendsozialarbeit auf die migrationsbedingten Herausforderungen der Sozialen Arbeit am Ort Schule reagiert wurde.

Dementsprechend sind nahezu alle Beiträge von Fachkräften der Sozialen Arbeit verfasst, die vor Ort oder auf Trägerebene bzw. in Netzwerken tätig sind. Zugleich positionieren sich die Herausgeberinnen mit der Betitelung, indem sie nicht von „Schulsozialarbeit mit …“ sondern von „Sozialer Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule“ sprechen, politisch, da Schulsozialarbeit aus ihrer Sicht „bereits so viele Aufgaben an Schulen wahrnehmen muss, dass sie nicht noch Weiteres ‚on top‘ leisten kann“ (S. 10).

Aufbau

Nach einem Vorwort sind dreizehn eher theoretisch ausgerichtete Beiträge in einem nicht näher bezeichneten ersten Teil des Buches versammelt. Das Arbeitsgebiet soll zunächst theoretisch erschlossen und es soll zur kritischen Reflexion der Praxis angeregt werden. Im zweiten, mit „Erkenntnisse und Beispiele aus der Praxis“ überschriebenen Teil werden „Herangehensweisen, Projekte und Erkenntnisse aus der Praxis vorgestellt“ (S. 10).

Formal sind die Beiträge kompakt verfasst, da sie nur in Ausnahmefällen länger als zehn Seiten sind. Stichworte im Randbereich helfen zudem bei der Orientierung im Text.

Inhalt

Der erste Beitrag von Burkhardt Wagner beleuchtet den Fluchtprozess junger Menschen und ihre Situation in Deutschland, wobei nicht nur deren Bedarfe, sondern auch deren Ressourcen angedeutet werden.

Nach einem kurzen Beitrag von Christine Lohn zu migrationsbezogenen Begriffen und deren problematischen Gehalt plädieren Susanne Käppler und Gisela Würfel in ihrem geschlechtsbezogenen Beitrag, „weder differenzblind noch differenzfixiert“ (S. 25) zu sein. Bereits hier erhalten Erfahrungsberichte aus der Praxis umfangreich Platz.

Boris Frieles Aufsatz fokussiert die psychische Situation nach der Flucht und thematisiert entsprechend auch den Bereich der posttraumatischen Belastungsstörungen.

Judith Jünger analysiert die Situation junger Menschen mit Fluchterfahrung aus ethnologischer Perspektive als ein „Leben auf der Schwelle“ (S. 51).

Nach diesen einführenden Kapiteln fokussiert der Band anhand rechtlicher Ausführungen in zwei Beiträgen verstärkt den Schulbesuch (Barbara Weiser, Christine Lohn). Ausdekliniert werden hier das Grundrecht auf Bildung sowie die Position, dass der Schulbesuch als Schutzmaßnahme zu verstehen ist. Hier finden sich zudem Ausführungen dazu, was Angebote der Jugendsozialarbeit leisten sollen. Doch zugleich zeigt sich dabei eine schwerwiegende Problematik: „Soziale Arbeit in Schulen ist ein Zwitterwesen zwischen den Welten Schule und Kinder- und Jugendhilfe, das sozialrechtlich nicht bisher eindeutig fassbar gemacht worden ist.“ (S. 80).

Nachfolgend eröffnet Nausikaa Schirillas „Plädoyer für ein selbstreflexives Arbeiten“ (S. 82) nunmehr den Themenbereich der Handlungsansprüche an sozialarbeiterisches Handeln. Aspekte der Demokratieerziehung (Christine Lohn) sowie an konkreten Beispielen angedockte „Impulse und Anregungen zum rassismuskritischen Arbeiten“ (S. 99; Andreas Foitzik) sind hier eingeordnet.

Wenig verbunden mit dem Vorhergehenden erscheinen dann Claudia Seibolds Ausführungen zu schulischen Angeboten für junge Menschen mit Fluchterfahrungen. In den anschließenden Beiträgen von Gisela Würfel und Barbara Klamt werden zum einen „Auftrag, Rolle und Angebote der sozialpädagogischen Fachkräfte“ (S. 120) generell bestimmt und daraus folgende Ansprüche an Fachkräfte erörtert.

Den zweiten Teil zu Praxiserfahrungen eröffnet Kristina Krüger mit einem sehr knappen Beitrag zu einem Angebot der Jugendarbeit in Schulnähe in Hamburg. Unter der Überschrift „Im persönlichen Kontakt“ (S. 147) wird danach ein Mentorenprojekt aus Lübeck vorgestellt, in dem u.a. Hausaufgabenhilfe und Freizeitangebote am Ort Schule organisiert werden. Kritisch wird hier die desintegrative Wirkung der getrennten Beschulung von jungen Menschen mit Migrationserfahrung angesprochen.

Michael Tüllmann diskutiert anschließend Ergebnisse und weiterführende Gedanken zu einer Befragung Jugendlicher zu Werten, Hoffnungen und Glauben.

In den vier nachfolgenden Beiträgen werden Praxisprojekte an einzelnen Schulen aufgearbeitet (Michael Schütz, Christine Schubart, Barbara Seeber, Sarah Böhm & Manuela Diegmann), woran sich drei Beiträge zur projektorientierten Arbeit (Jessica Schleinkofer, Helena Sauter, Birgit Hirsch-Palepu) anschließen.

Diskussion

Der Beitragsband ist deutlich gekennzeichnet von dem Vorhaben, praxisrelevantes Wissen aus Theorie und Praxis in einer Form zusammen zu tragen, die von der Praxis auch zur Kenntnis genommen wird. Sowohl in der Themenwahl, der sprachlichen Gestaltung wie der übersichtlichen Struktur der einzelnen Beiträge schlägt sich nieder, dass die Herausgeberinnen aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeiten einen Bezug zur Praxis und deren Bedarfen haben.

Im Hinblick auf den theoretischen Teil muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass sich den jungen Menschen dominant in ihrem Status als „Geflüchtete“ genähert wird. Dass es sich dabei zunächst einmal um Kinder und Jugendliche handelt und die Bewältigungsaufgaben dieser Lebensalter unbedingt in sozialarbeiterisches Handeln einfließen sollten, wird nicht explizit thematisiert (vgl. hierzu Fischer/Graßhoff 2016). Ebenso fehlt dem Band eine grundlegende Analyse des funktionalen Systems Schule, welche notwendig ist, um die Rolle der Sozialen Arbeit am Ort Schule unabhängig davon zu bestimmen, ob der Adressatenkreis von Migrationserfahrungen geprägt ist.

Fazit

Dieser Band stellt harmonisch zur Absicht der Herausgeberinnen eine „anregende Lektüre“ (S. 10) für alle sozialpädagogischen Fachkräfte dar, die mit jungen Menschen mit Migrationserfahrung arbeiten. Für Studienzwecke sollten allerdings weitere Lektüren zur theoretischen Verbindung von Schule und Sozialer Arbeit hinzugezogen werden.

Literatur

Fischer, Jörg/Graßhoff, Gunther (2016): Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. „In erster Linie Kinder und Jugendliche!“. 1. Sonderband Sozialmagazin 2016.Weinheim; Basel: Beltz Juventa.


Rezensent
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 27.06.2017 zu: Claudia Seibold, Gisela Würfel (Hrsg.): Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3455-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22251.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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