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Petra Uhlmann, Michael Uhlmann: WAS GEHT … Aktivitäten und Potenziale von Menschen mit Demenz

Cover Petra Uhlmann, Michael Uhlmann: WAS GEHT … Aktivitäten und Potenziale von Menschen mit Demenz. Geschichten und Fotografien von Betroffenen. Edition Uhlensee (Wanzleben-Börde) 2016. 167 Seiten. ISBN 978-3-00-054088-2. 29,90 EUR.

Bereichert mit Erfahrungen von Angehörigen, Akteuren und Initiatoren.
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Was bleibt und was geht…

Menschen, deren Denkvermögen, Gedächtnisleistung, Orientierung und Urteilsvermögen nicht mehr funktionieren, werden als dement bezeichnet. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre, leidet unter Demenz. Die Sozialverbände schätzen, dass in Deutschland mehr als eine Million Menschen mit altersbedingten Hirnstörungen leiden. Und die Anzahl wird, nach der demographischen Entwicklung, weiter steigen. Dementsprechend besteht in unserer Gesellschaft ein diffuses Bild von demenz-kranken Alten. Bei den betroffenen Angehörigen werden Demente entweder versteckt, verschwiegen oder in Heime abgeschoben; man schämt sich der Menschen, die „ihren Verstand verloren haben“. Die Öffentlichkeit reagiert, wenn sie reagiert, mit Panik, Hysterie und Unverständnis. Es gibt kein Medikament, das Demenz heilt. Es gibt nur die Möglichkeit, über die Krankheit aufzuklären und sich in der Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft damit auseinander zu setzen.

Besonders im Verhältnis der Gesunden zu den Dementen wird deutlich, dass in jeder Gesellschaft und Kultur kranke Menschen und ihr Umgang mit ihnen, ein Spiegel der Gemeinschaft ist; genauso wie die in der Gesellschaft gaukelnden Bilder von Wohlbefinden, Jugendlichkeit, Schönheit und Gesundheit Zerrbilder des gesellschaftlichen Miteinanders spiegeln. Demenz-kranke Menschen aber brauchen in erster Linie Zuwendung, Verständnis und Empathie, wie schwer sich auch die Krankheit darstellt und in das Leben einer Gemeinschaft eingreift. Mit dieser Hinführung zu einem Krankheitsbild, das im wissenschaftlichen Diskurs als eine Kombination von Symptomen des zunehmenden Abbaus kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten beschrieben wird, die im Krankheitsverlauf Beeinträchtigungen von intellektuellen und sozialen Fähigkeiten bewirken. Es sind Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, die dazu führen, dass der kranke Mensch nicht mehr in der Lage ist, die während des Lebens erworbenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten adäquat auszuüben. 2006 haben wir ein Buch vorgestellt, das nicht als Fachbuch geschrieben ist, sondern in kurzen Texten und eindrucksvollen, professionellen Bildern Menschen mit „neurokognitiven Störungen“ zeigt und darauf hinweist, dass demente Menschen krank sind, aber ihre Würde, ihre Persönlichkeit und Einzigartigkeit besitzen (Petra Uhlmann / Michael Uhlmann, Was bleibt. Menschen mit Demenz. Portraits und Geschichten von Betroffenen, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4352.php).

Die Architektin, Baubiologin, Autorin und Dozentin Petra Uhlmann (geb. 1956) und der Fotograf und Berater Michael Uhlmann (1958), haben aus eigener familiärer Erfahrung, aus Begegnungen in Wohngemeinschaften, Heimen und Familien, ein außergewöhnliches Verhältnis und Empathie für demenzkranke Menschen entwickelt. Es gelingt ihnen deutlich zu machen, dass die Krankheit keine tabula rasa schafft und kein Nichts des Menschseins, sondern etwas bleibt, nämlich „die Leiblichkeit und die Sinnlichkeit, die Emotionen und die Kreativität, auch das Bedürfnis nach spiritueller Selbstvergewisserung“. Es ist gewissermaßen ein „Dennoch“, dass das Autorenteam den Angehörigen der betroffenen Kranken, den ärztlichen und pflegenden Beteiligten und der Gesellschaft mitgeben möchte. Nach ihrem ersten Buch „Was bleibt?“ legen sie ein zweites vor mit dem Titel „Was geht!“. Aus dem Fragezeichen wird ein Ausrufezeichen und gewissermaßen ein Lockruf und ein Praxisbericht, den sie mit der Feststellung verbinden: „Alle sagten immer, das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht“. Diese „positive Subversion“ kennen wir von Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004)i, der in seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) die Leserinnen und Leser aufforderte: „Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge /um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge“.

Im Untertitel kündigen sie an: „Ein Buch über Menschen in Bewegung“. Sie wollen damit aufzeigen, dass die Zeiten vorbei sein sollten, dass Familien und Angehörige demenzkranke Menschen im privaten Umfeld und in der Öffentlichkeit verschweigen und verbergen, oder sie verschämt in Heime abschieben – und mehr oder weniger vergessen; sondern dass noch vieles geht, trotz Demenz. Peter Wißmann, Leiter der privaten Stiftung „Demenz Support Stuttgart“ (www.demenz-support.de ) fragt in seinem Vorwort zum Buch: „Wie können wir uns als gesellschaftliche Institutionen unserer Verantwortung stellen, auch Bürgerinnen und Bürger mit Handicaps Möglichkeiten des Beteiligtseins zu bieten?“. Mit „Was geht“ soll aufgezeigt und argumentiert werden, dass es beim humanen Zusammenleben der Menschen eines Perspektivenwechsels bedarf, weg von der Funktions-, Nützlichkeits- und Wegwerfmentalität und hin zu einer empathischen Zivilisation, in der die Menschenwürde als oberstes Prinzip gilt.

Aufbau und Inhalt

Das mit eindrucksvollen Farbfotos bebilderte Buch ist eine Geschichtenerzählung, von Menschen, die trotz Demenz und körperlichen und geistigen Einschränkungen zu Verhaltensweisen und Dingen in der Lage sind, die nach den bisherigen Auffassungen und Einstellungen als unmöglich, nicht machbar und sogar nicht zumutbar angesehen werden. Das Buch will zeigen „was geht trotz Demenz. Was ist möglich, was begeistert, lässt Menschen über sich selbst hinaus wachsen und gibt ihnen Gelegenheit, individuelle Potentiale zu entfalten“. Das Buch wird in vier Kapitel gegliedert:

  1. Sport und Bewegung
  2. Musik
  3. Kunst und Kreativität
  4. Alltag.

Jedem Kapitel wird ein kurzer, einführender Text vorangestellt.

Im ersten Kapitel informiert Hartmut Schilling, Koordinator für das Projekt „Aktivitäten für Menschen mit (Früh-)Demenz und ihre Familien“ des Vereins „Leben mit Demenz“ der Alzheimergesellschaft Kreis Minden-Lübbecke, über Erfahrungen und formuliert Hoffnungen und Visionen, wie es in der Zukunft möglich sein könnte, „Menschen mit Demenz und ihren Familien flächendeckend ein vielfältiges Bewegungsangebot bzw. vielfältige Bewegungsmöglichkeiten zu bieten und eine kontinuierliche Teilnahme zu ermöglichen“. Es sind faszinierende Beispiele, die Mut machen und Anreiz zum Nachmachen bieten; wie etwa die wöchentlichen Fahrradtouren von Joachim Abramski mit seinem Freund und Radfahrbegleiter; von Walter Körtge, dem Dreamteam Hans Gerd Kunz und seinem Begleiter auf dem Tandem, beim Kanufahren auf der Weser, beim Schwimmen im Hallenbad, beim Trommeln, beim Tanzen, bei der Gymnastik, beim Tischtennis, beim Spazierengehen und Wandern, beim Yoga, beim Reiten…

Musik und Demenz – ein „Traumpaar“, so formuliert es im einführenden Text der Musiktherapeut Jan Sonntag von der Medical School Hamburg. „Musik ist Beziehungskunst“, das wird deutlich, wenn die 105jährige Elfriede Linsel sich ans Klavier setzt und sich spielend und singend an ihre Auftritte in der 30er Jahren in Berlin erinnert und die Zuhörer begeisterte; oder wenn Wilhelm Grafe die Probentermine beim Männergesangverein Buer herbeisehnt und auf keinen Fall verpassen will; wenn die chinesische Sorpanistin Wei Herrmann mit der dementen Ma-Ria Wertens „Ännchen von Tharau“, Kinder- und Wiegenlieder singt; wenn sich der Hamburger Chor der Alzheimergesellschaft „Vergissmeinnicht“ trifft und mit Atemübungen, Bauchzittern, Balance und Gesten zu singen beginnen; ja sogar im Orchester mit Trommeln, Gitarren, Rasseln, Xylophon und Klatschen Musik entsteht; oder auf die Pauke gehauen wird, da verändern sie die Gesichter, aus der starren Mimik wird ein Lächeln, ein Lachen, und es blitzt auf: „Es geht!“.

Der Herausgeber der Zeitschrift „demenz. DAS MAGAZIN“ und Kunstdozent der Medical School Hamburg, Michael Ganß, stellt fest, dass echtes künstlerisches, kreatives Schaffen abrückt vom nützlichen Produzieren: „Das, was die handelnde Person macht, ist das, um was es geht“. Die Ereignisse und Erlebnisse im „Kunstraum“ zeigen sich, wenn Demente mit Pinsel, Farbe, Spachtel ihre Objekte herstellen, mit Stechbeitel, Säge, Feile, Hammer, Nagel und Steinmeißel hingebungsvoll tätig sind und stolz und interpretierend ihre Ergebnisse vorstellen; oder wenn beim Museumsbesuch, bei der Kirchenbesichtigung oder beim Stadtrundgang plötzlich Erinnerungen wach werden, und die dementen Menschen anfangen zu erzählen und sich zu erinnern, da sind sogar die begleitenden und betreuenden Fachleute erstaunt.

Gesunde Menschen können sich meist gar nicht vorstellen, wie demente Menschen ihren Alltag verbringen; dämmern sie vor sich hin? Sind sie apathisch oder aggressiv? Wie fühlen sie sich? Einige Eindrücke vermittelt die Stippvisite beim Ehepaar Wolfgang und Lisa; beide ehemalige, engagierte und aktive Lehrkräfte. Jetzt ist Wolfgang dement, und Lisa und professionelle Pflegekräfte kümmern sich um ihn. Es geht um Gartenarbeiten, bei denen Wolfgang zur Hand geht, ums Kochen, ums Wäscheaufhängen, ums Einkaufen … Und oft verwandeln sich die abwesenden, starren und grüblerischen Gesichtszüge von Wolfgang in ein Lächeln.

Fazit

Der Umgang mit Menschen, die unter neurokognitiven Störungen leiden, braucht ein Bewusstsein dass jeder Mensch als Individuum und Gemeinschaftslebewesen über Menschenwürde verfügt, wie dies in der „globalen Ethik“, der für alle Menschen geltenden Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert wird: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Frieden in der Welt. Es ist eine generationsübergreifende Aufgabe, Menschen mit Handicaps dieses Recht zuzugestehen. Es ist ein hoffnungsvolles Signal, dass die in dem Bildband gezeigten Menschen es zugelassen haben, abgebildet zu werden und mit ihrem Namen zu Wort zu kommen. Es ist ein Hinweis darauf, dass Berichte und Erzählungen über Menschen mit Demenz nicht mehr anonym zustande kommen müssen, sondern dass sich die Betroffenen, ihre Angehörigen und BetreuerInnen sich öffentlich der Problematik stellen und von ihren Freuden, Erlebnissen, aber auch Defiziten und Niederlagen erzählen (lassen). Die Herausgabe des Bild- und Textbandes durch Petra und Michael Uhlmann ist auch deshalb wichtig, weil die hirnphysiologischen Forschungen nachweisen, dass „das Gehirn so wird, wie und wofür man es benutzt“ (Gerald Hüther).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.04.2017 zu: Petra Uhlmann, Michael Uhlmann: WAS GEHT … Aktivitäten und Potenziale von Menschen mit Demenz. Geschichten und Fotografien von Betroffenen. Edition Uhlensee (Wanzleben-Börde) 2016. ISBN 978-3-00-054088-2. Bereichert mit Erfahrungen von Angehörigen, Akteuren und Initiatoren. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22253.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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