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Ronny König: Bildung, Schicht und Generationen­solidarität in Europa

Cover Ronny König: Bildung, Schicht und Generationensolidarität in Europa. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 283 Seiten. ISBN 978-3-658-13216-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Band ist als Dissertation verfasst und an der Universität Zürich angenommen worden. Zugrunde gelegt wurde ein umfassender Datensatz SHARE (Survey of Helth, Aging and Retirement in Europe). Dies erlaubt komplexe, statistische Analysen, um sich der Frage nach Bildungsunterschieden und -verläufen zwischen Generationen in mehreren europäischen Ländern zu widmen. Dahinter liegt die Problematik der sozialen Herkunft als Hürde oder Sprungbrett für den Bildungserfolg. Zugleich wird der Forschungsstand aufbereitet und das methodische Vorgehen erklärt.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in acht Kapitel und umfasst 283 Seiten. Nach einer kurzen Einleitung in die Fragestellung wird Bildung in all ihren Facetten dargestellt – v.a. die Beziehungen und Unterschiede zwischen den Generationen und deren Solidarität. Daraus werden Hypothesen entwickelt, die anhand eines großen Datensatzes geprüft werden. In einem dritten Kapitel wird der Datensatz dargestellt.

Sodann beginnen die empirischen Auswertungen: Zuerst werden soziale Schichtungsstrukturen in Europa auf der Ebene von Haushalten und Familien untersucht. Mit dem Ergebnis, dass das Bildungsniveau in den vergangenen Jahren gewachsen ist, aber immer noch bemerkenswerte Unterschiede bestehen – sowohl innerhalb als auch zwischen den Ländern. Entsprechendes gilt für Einkommen und Vermögen, kulturelle und gesundheitliche Aspekte sowie familiale Netzwerke. Entsprechend lassen sich Unter-, Mittel- und Oberschicht rekonstruieren.

Dann wendet sich der Blick auf Bildungschancen, Bildungs- und berufliche Mobilität der Kohorten bzw. auf die die Frage von Meritokratie versus Vererbung. Dabei wird auch die Frage der Steuerungsmöglichkeiten des Staates und der Politik überprüft. Hier zeigt sich, dass sich der Abstand zwischen „unten“ und „oben“ zwar verkleinert hat, aber immer noch fortbesteht. Allerdings variiert dies zwischen den europäischen Ländern. „In Bezug auf die vergleichbaren Bildungsniveaus erweisen sich diese tendenziell im Norden höher als im Süden Europas.“ (151) Etwas überraschend ist der Befund, dass in einigen Ländern stärkere mütterliche Einflüsse zum Tragen kommen, während in anderen (z.B. Deutschland) der väterliche Bildungsabschluss sich auf die Bildungschancen der Kinder auswirkt. In Deutschland wirkt auch die schichtspezifische Herkunft besonders stark. Der Einfluss des Staates ist begrenzt und nicht sehr systematisch. Ganz generell gilt: Mehr Ausgaben und universelle Wohlfahrtsleistungen verringern den Vererbungseffekt bei der Bildung.

Stärker familiensoziologisch orientiert ist die Frage nach der Generationensolidarität. Emotionale Nähe, kommunikativer Austausch sowie finanzielle Leistungen sind stark verbreitet und widerlegen die Thesen vom Ende der Familie. Dabei kommt es zu schichtspezifischen Unterschieden: Oberschichteneltern können es sich eher leisten, die Kinder mit Geld zu unterstützen; freilich hängt das auch an der Form und Generosität des jeweiligen wohlfahrtstaatlichen Kontextes (in Südeuropa ist der Familialismus ausgeprägt).

Ein kurzes Fazit rundet den Brand ab: Es gibt soziale Schichtungsmuster in Europa; Bildung ist hierbei ein wichtiges Element. Diese Ungleichheit bzw. die Unterschiede werden einerseits immer noch an die nächste Generation weitergegeben, andererseits aber auch durch die insgesamt höhere Bildungsniveaus relativiert. Das heißt aber auch, dass starke Investitionen in Bildung (wie in den skandinavischen Ländern) durchaus dazu beitragen, die soziale Ungleichheit nachhaltig zu reduzieren. Diese Maßnahmen sind ausbau- und erweiterungsfähig – aber nicht billig.

Diskussion

Vererbt sich das Bildungsniveau oder gibt es gleiche Chancen ist eine Frage, die nicht nur von wissenschaftlichem Interesse ist. Zugleich wirkt sich die erworbene Bildung immer noch sozial, ökonomisch und kulturell aus und prägt unterschiedliche Haushaltsformen und soziale Schichten. Zwischen Generationen bestehen Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die zudem länderspezifisch variieren. Insofern ist eine Mehrebenenanalyse der richtige methodische Weg, um die unterschiedlichen Einflüsse abzugrenzen und zu bestimmen. Das ist wichtig, denn es macht einen Unterschied, ob Eltern die Bildung ihrer Kinder befördern, weil sie dazu genügend Geld haben, entsprechende Präferenzen aufweisen oder ob kulturelle Prägungen oder gut ausgebaute und offene, staatliche Bildungsinstitutionen am Werk sind.

Freilich verhindert aber genau diese Differenziertheit und – wie immer – die sachlichen Grenzen einer empirischen Erhebung, dass wissenschaftliche und politische Überraschungen auftreten. Einfache Sozialfiguren, die die Bildungsungleichheit zuspitzen – wie früher das katholische Arbeitermädchen vom Land bzw. gegenwärtig männliche Migranten – werden nicht geboten. Dafür aber der empirisch gesättigte und theoretisch- methodisch untermauerte Hinweis, mit eben diesen vorsichtig umzugehen.

Fazit

Insgesamt gesehen handelt es sich um eine durchaus gelungene, aber ebenso typische Dissertation mit einer sehr breiten Aufbereitung der bildungs-, ungleichheits- und familiensoziologischen Literatur, verbunden mit einer sauberen, komplexen statistischen Analyse. Diese erlaubt die Verknüpfung von individuellen Daten, bzw. der Mikroebene (Haushalte) mit der Makroebene (Gesamtgesellschaft) und dem internationalen Vergleich. Das ist nicht immer leicht zu lesen – aber gut strukturiert und nachvollziehbar.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Schmid
Prof. für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Homepage www.wip-online.org
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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 01.09.2017 zu: Ronny König: Bildung, Schicht und Generationensolidarität in Europa. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13216-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22258.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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