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Volkmar Sigusch: Das Sex-ABC

Cover Volkmar Sigusch: Das Sex-ABC. Notizen eines Sexualforschers. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. 316 Seiten. ISBN 978-3-593-50636-4. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Autor

Volkmar Sigusch (*1940) zählt in Deutschland und international zu den bedeutendsten Sexualwissenschaftler_innen. Als Professor für Sexualwissenschaft gründete er das Institut für Sexualwissenschaft an der Universität Frankfurt und leitete es von 1973 bis 2007 (zum Institut und dem – gescheiterten – Kampf um seinen Erhalt, siehe: https://web.psychosozial-verlag.de/). Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zu klinischen, empirischen und analytischen Aspekten der Sexualität. Seine Arbeiten zur Behandlung sexueller Störungen sind in der Sexualmedizin standardbildend. Seine Analysen der Sexualkultur in der Tradition der Kritischen Theorie gelten als wegweisend für jede theoretische Sexualwissenschaft.

Entstehungshintergrund und Thema

Volkmar Sigusch verrät im knappen Vorwort selbst, wie es zum „Sex ABC“ kam: Für den gefragten Sexualwissenschaftler einerseits und den neugierigen Sexualforscher andererseits wollten über viele Jahrzehnte produktiven Schaffens immer wieder neue Begriffe definiert, erklärt und verstanden werden. Also legte Sigusch eine alphabetisierte Kartei an, um bspw. Journalist_innen schnell Auskunft und sich selbst eine Form für seine Ideen zu Phänomenen des Sexuellen geben zu können. Das „Sex ABC“ gibt der Leser_innenschaft nun einen Einblick in ebendiese Notizensammlung.

Aufbau

Wie der Name erwarten lässt, ist das Buch wie ein Glossar aufgebaut. Wer bereits Bücher von Volkmar Sigusch in der Hand hatte (z.B. „Neosexualitäten“ von 2005), ist damit vertraut, dass Volkmar Sigusch seine Thesen gern in diesem Format präsentiert. Entgegen einem Glossar mischt der Autor viele unterschiedliche Textsorten: sehr verschiedene Textsorten mischt: Aphorismus, Sentenz, essayartige Passagen oder enzyklopädische Definition.

Inhalt

Zwischen „AB“, was im Sexualitätskontext eine Abkürzung für „Adult-Baby“ ist und die sexuelle Präferenz bezeichnet, bei der ein erwachsene Person sexuelle Befriedigung findet, in dem sie von dem_der Sexualpartnerin wie ein Kleinkind behandelt wird und „Zunge“ finden sich zahlreiche Einträge sehr unterschiedlicher Art. Da sind die sogenannten Paraphilien, also sexuelle Vorlieben (vielen noch als Perversion bekannt), die Volkmar Sigusch nicht nur erläutert, sondern jeweils auch mit seiner persönlichen Einschätzung, einer Frage, einem Bonmot versieht. Diese Einträge umfassen oft nur wenige Zeilen. Ebenso verhält es sich mit den zahlreichen Einträgen zu sexuellen Trends, wie „Tinder“ oder der „No-Fap“-Bewegung.

Im Gegensatz dazu gibt es auch inhaltsstarke, mehrere Seiten umfassende Einträge, z.B. den zur Jugendsexualität, zu AIDS, zu Transsexualität, zur Neosexuellen Revolution oder zu Pädophilie. Hier werden Leser_innen kompakt über empirische Erkenntnisse, historische Entwicklungen und politische Diskurse informiert. Meist sind diese Einträge auch mit Hinweisen auf die einschlägige Literatur versehen.

Neben dem Besonderen und dem Politischen geht es um Liebe und Lust. Unter „Poesien“ ist zu lesen: „Das Sexuelle ist die erste Poesie des Menschen. Die zweite ist das kindliche Spiel. Und die dritte ist die erste Liebe“ (213).

Trotz fragmentarischer Struktur und heterogener Form zieht sich ein deutlicher roter Faden durch die einzelnen Einträge: Das ist der (kapitalismus)kritische Blick auf gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse im Neoliberalismus und deren Auswirkungen auf das Sexuelle.

Diskussion

Der Untertitel des Buches „Notizen eines Sexualforschers“ beschreibt das Buch im Grunde treffend. Die Leserin bekommt den Eindruck, durch eine über Jahrzehnte angewachsene Sammlung von Notizzetteln stöbern zu dürfen. Ein fast schon voyeuristisches Vergnügen ist dieser Einblick in die Schreibtischschubladen und Pinnwände dieses Grandseigneur der deutschen Sexualforschung. Dennoch hätte man der Lektorin ein wenig mehr Stringenz beim Sortieren gewünscht. Viele Einträge tragen die Handschrift des messerscharfen und kritischen Analysten unserer Sexualkultur, einige lassen schmunzeln und einige wenige sind Gedanken- und Wortspiele, die bei der Leserin Ratlosigkeit zurücklassen, was dem Autor womöglich nur recht ist.

Fazit

Das „Sex ABC“ ist eine im besten Sinne nicht wertfreie Zusammenstellung von Schlagworten unserer Sexualkultur und für all jene geeignet, denen dieses Buch in die Hände fällt, die neugierig sind und vor Irritationen keine Scheu haben.


Rezensentin
Katja Krolzik-Matthei
Sexualwissenschaftlerin, M.A./Dipl.Sozialpädagogin
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten)
Homepage www.ifas-home.de
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Zitiervorschlag
Katja Krolzik-Matthei. Rezension vom 03.08.2017 zu: Volkmar Sigusch: Das Sex-ABC. Notizen eines Sexualforschers. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-593-50636-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22259.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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