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Kerstin Schadow: Elder Mediation (Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter)

Cover Kerstin Schadow: Elder Mediation. Ein Konzept zur Erhöhung der Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter. Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 74 Seiten. ISBN 978-3-943951-54-7.

Viadrina Schriftenreihe zu Mediation und Konfliktmanagement, Band 6.
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Thema

Mit dieser Publikation stellt Kerstin Schadow ihre Masterarbeit im Master-Studiengang „Mediation“ an der Europa Universität Viadrina vor. Sie beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit sich Elder Mediation von anderen Mediationskonzepten unterscheidet und ob sich durch Elder Mediation Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter erhöhen kann (S. 5). Es handelt sich bei dieser Publikation um einen schmalen, anwendungsorientierten Band von insgesamt 70 Seiten, der sich mit den Merkmalen von Mediationsverfahren im Kontext der Beratung von älteren Menschen befasst.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist übersichtlich und strukturiert in sieben Hauptkapitel gegliedert.

Das erste Kapitel beschreibt kurz das Konzept von Elder Mediation und dessen Entstehungsgeschichte. Elder Mediation wird als Zweig der Familienmediation verstanden, die zur Konfliktbewältigung und Konfliktprävention in der Organisation der pflegerischen Versorgung älterer Menschen betragen möchte. In diesem Kapitel wird eine Kurzbeschreibung und Definition von Mediation und Elder Mediation gegeben, bevor in Kapitel 2 sehr kurz auf zentrale Merkmale der Lebensphase Alter eingegangen wird, um die Besonderheiten in der Anwendung von Mediation mit älteren Menschen zu begründen.

Der in Kapitel 2 vorgenommene gerontologische Diskurs umfasst eine Auflistung von Entwicklungsaufgaben ergänzt um Hinweise zur demografischen Entwicklung sowie ausgewählte Ergebnisse aus der Generali Altersstudie von 2013 zur Lebenssituation älterer Menschen. Leider wird das Konzept der Entwicklungsaufgaben verkürzt und unreflektiert vorgestellt und die empirische Fundierung bestehender Herausforderungen beschränkt sich nur auf eine empirische Studie. Eine fundierte Begründung, weshalb Elder Mediation als eine eigene Form der Mediation anzusehen ist, wird anhand dieser Darstellung nicht geleistet. Vielmehr finden sich normative Vorstellungen vom Alter, die aus einem Lehrbuch zur Entwicklungspsychologie entnommen wurden.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit den Anwendungsbereichen von Elder Mediation. Es werden in vier Unterkapiteln folgende Themen als Anlässe für eine Mediation angeführt:

  1. „Auseinandersetzung mit altersbedingten Abbauprozessen, Krankheit und Tod“,
  2. „Gestaltung von Beziehungen und Kontakten im Alter“,
  3. „Umgang mit Konflikten im späteren Berufsleben“ und
  4. „Gestaltung der dinglichen, räumlichen und materiellen Lebenswelt“

Zur Illustration dieser Aufgabenbereiche werden Fallbeispiele aus der Generali Altersstudie von 2013 vorgestellt. Diese Ausführungen sind anschaulich, unmittelbar einleuchtend und gut verständlich geschrieben. Bei intensiverer Beschäftigung mit der Thematik stellt sich jedoch die von Frau Schadow in diesem Buch leider unbeantwortete Frage, welche Abgrenzungen zwischen Beratung und Elder Mediation zu ziehen sind. Das methodisch Spezifische der Mediation mit älteren Menschen wird nicht erkennbar. Es wird nicht überzeugend herausgestellt, weshalb es eine Spezialform der Mediation für altersbezogene Themen geben sollte. Die Begründung durch exemplarische Zitate aus qualitativen Interviews der Generali Altersstudie ist zwar anschaulich aber inhaltlich nicht hinreichend.

In Kapitel 4 wir das Mediationsverfahren im Allgemeinen dargestellt. Kennzeichen und Ablauf der fünf Phasen der Mediation werden gut nachvollziehbar und praxisbezogen beschrieben. Dieses Kapitel ermöglicht sehr leicht, einen guten Überblick und Einstieg in das Verfahren der Mediation zu erhalten. Leider verzichtet Frau Schadow darauf, in einem weiteren Unterkapitel sich mit den Anforderungen an einen Mediator auseinanderzusetzen. Dies findet sich allerdings in Kapitel 6.5.

Kapitel 5 hat die Anwendungsbereiche der Elder Mediation zum Gegenstand. Hier wird auch auf die Besonderheiten der Elder Mediation wie kognitive Einschränkungen, Probleme der Akzeptanz des Älterwerdens und verkürzte Zeithorizonte älterer Menschen eingegangen, die den Mediationsprozess beeinflussen und die zu berücksichtigen sind. In welcher Weise diese Besonderheiten in den einzelnen Phasen des Mediationsprozesses zu beachten sind und welche Anforderungen sich an den Mediator stellen, wird gut verständlich erläutert. Praktiker erhalten gute Hinweise zur Gestaltung eigener Mediationsprozesse.

Mit der Überschrift „Der Charakter der Elder Mediation“ wird in Kapitel 6 auf die Besonderheit dieses Mediationsverfahrens in Abgrenzung zu anderen Anwendungsgebieten der Mediation verwiesen. Diese beziehen sich auf die Ermöglichung von Selbstbestimmung und Autonomie und einem starken Lebensweltbezug. Elder Mediation möchte vor allem auch präventiv wirken und die soziale inner- und außerfamiliäre soziale Verankerung berücksichtigen. Auch in diesem Kapitel wird zugunsten einer einprägsamen und guten Lesbarkeit der Ausführungen auf fundiertere Begründungen der von der Autorin identifizierten Besonderheiten verzichtet.

Die Verankerung der Elder Mediation in Deutschland ist Gegenstand von Kapitel 7. Die Autorin verweist auf einen bestehenden gesellschaftlichen Bedarf und diskutiert kurz die Möglichkeiten einer institutionellen Verankerung derartiger Angebote. Es ist schade, dass die auf S. 63 erwähnten Hinweise auf die Erfahrungen in Kanada mit der Etablierung von Elder Mediation nicht weiter inhaltlich ausgeführt werden. Möglicherweise hätten sich hieraus Anregungen für die Einführung dieses Verfahren in Deutschland ergeben. Weiterhin finden sich weder in diesem Kapitel noch im abschließenden Fazit in Kapitel 8 ein überzeugendes Plädoyer, weshalb Elder Mediation ein über das bisherige Beratungsangebot hinausgehendes wichtiges Hilfeangebot darstellt und welche bislang ungedeckten Bedarfe dadurch berücksichtigt werden.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Frau Schadow beinhaltet eine anschaulich geschriebene und gut lesbare Darstellung des Verfahrens der Mediation in Bezug auf die Beratung und Unterstützung älterer Menschen. Weshalb allerdings ein spezifisches Konzept der Elder Mediation erforderlich ist und welche Besonderheiten dieses Verfahren kennzeichnet wird nicht überzeugend begründet. Es fehlt weiterhin die fachlich begründete Abgrenzung zwischen Elder Mediation und Beratung. Mögliche Zugangsbarrieren älterer Menschen zu einem auch präventiv wirkenden Mediationsangebot werden nicht thematisiert. Die von Frau Schadow angeführten gerontologischen Begründungen einer inhaltlichen Spezialisierung von Mediationsverfahren auf die Bedarfslagen älterer Menschen sind leider sehr verkürzt und spiegeln nicht den aktuellen Diskurs zur Pluralität von Lebensformen im Alter wieder. Auch wird auf die im Untertitel des Buches verwiesenen Zusammenhänge zwischen Elder Mediation und der Erhöhung der Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter nicht eingegangen.

Fazit: Die Publikation eignet sich für einen ersten Einstieg und eine erste Orientierung zum Thema Mediation für in der Beratungsarbeit tätige Praktiker.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva Sabine Kühnert
Homepage www.efh-bochum.de/homepages/kuehnert/
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Zitiervorschlag
Eva Sabine Kühnert. Rezension vom 13.06.2017 zu: Kerstin Schadow: Elder Mediation. Ein Konzept zur Erhöhung der Lebensqualität und Selbstbestimmung im Alter. Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-943951-54-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22261.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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