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Olav Berger: Existentielle Perspektiven in der Mediation

Cover Olav Berger: Existentielle Perspektiven in der Mediation. Implikationen aus Logotherapie und Existenzanalyse für die Mediation. Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 111 Seiten. ISBN 978-3-943951-72-1. 19,90 EUR.

Viadrina-Schriftenreihe zu Mediation und Konfliktmanagement, Band 7.
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Thema

Existenzanalyse/Logotherapie ( LT/EA) ist eine Psychotherapierichtung, die der Psychiater und Neurologe V.E. Frankl in der 1. Hälfte des 20. Jh. entwickelt hat. Sie wurde in der Folgezeit fortentwickelt und modifiziert, insbesondere durch A. Längle in den 90 er Jahren des letzten Jahrhunderts, auf den sich der Autor vielfach bezieht. In der Arbeit werden gemeinsame Schnittmengen von Mediation und LT/EA erörtert, welche Grundprämissen, Modelle und Methoden der LT/EA geeignet sind, in die Praxis oder den (Methoden-)Koffer der Mediation Einzug zu halten. Die LT/EA ist damit Bezugspunkt des Vergleiches. Die Arbeit versteht sich als ein Beitrag zum interdisziplinären Dialog zwischen Mediation und Psychologie.

Autor

Olav Berger ist Diplom Verwaltungswirt, Logotherapeut, Heilpraktiker, und Mediator. 25 Jahre praktische Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung haben in u.a. veranlasst, den Masterstudiengang Mediation und Konfliktmanagement an der Universität Frankfurt/O zu belegen, den er mit der vorliegenden Arbeit 2015 abgeschlossen hat.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Einleitung und formuliert die „Forschungsfragen“, die es zu bearbeiten gilt. Die gestellten Fragen lautet:

  1. Welche Grundprämissen der LT/EA können Ergänzungen für die Mediation sein.
  2. Welche Methoden und Modelle der LT/EA können der Mediation nutzen (12).

Die Arbeit versucht einer Antwort auf drei Ebenen nahezukommen:

  1. Die Grundzüge der LT/EA werden dargestellt und in Beziehung zu den Grundprinzipien der Mediation gesetzt.
  2. Das Strukturmodel und Prozessmodell der LT/EA wird beschrieben und in Bezug zur Mediation gesetzt.
  3. Die Gesprächsführungsmodelle und Methoden der LT/EA werden vorgestellt und ihre Beziehung zur Mediation nachgezeichnet. (13)

Dem schließt sich ein „Gesamtfazit“ und ein „Ausblick“ an.

Dementsprechend ist die Arbeit, die ohne Literatur- und Abkürzungsverzeichnis 90 Seiten umfasst gegliedert.

Zu Ebene 1

Grundzüge der LTA/EA und Bezugspunkt zur Mediation (S. 14 – 45)

Erläutert wird, was unter LTA/EA zu verstehen ist. Existenzanalyse bedeutet für Frankl „ein Herausstellen dessen, was im Wesen von Existenz implizit enthalten ist“. Das führt in die Phänomenologie, hin zu den Dingen selbst, ohne diese mit dem Kantischen Ding an sich zu verwechseln. Den Inhalt der Logotherapie stellt der Autor an einer Darstellung von A.Längle vor, welcher das Konzept Frankls weitergeführt und in den 90 Jahren modifiziert übernommen hat.

Die Existenzanalyse ist bei Frankl der „theoretische Hintergrund“ seines Konzepts, die Logotherapie die Praxis, die vor diesem Hintergrund und dem Menschenbild von Frankl entwickelt und weiterentwickelt wurde. LT/EA ist in Österreich, anders als in Deutschland als Psychotherapie staatlich anerkannt (18) und gilt als eine der Methoden der Humanistischen Psychotherapie.

Das Menschenbild von Frankl ist geprägt durch die Unterscheidung der physiologischen, psychologischen und geistigen Ebenen, die insgesamt die Einheit des Menschen ausmachen.

Ein zentraler Begriff, der vor allem in der geistigen Ebene beheimatet ist, ist dabei der Begriff der „Person“. Diese ist das „Scharnier“ zwischen Innenwelt, also mein Ich und Außenwelt. Selbstdistanzierung gegenüber der eigenen Innenwelt und Selbsttranszendenz, das über sich hinaus sehen und hinausgehen zur Außenwelt, werden damit zu wichtigen Begriffen der LT/EA. Der Autor verknüpft diese Darstellung mit Hinweisen auf Jaspers und Heidegger, Buber und Kierkegaard.

Die Möglichkeiten sich entscheiden können und die Frage nach dem Sinn, sind damit Grundbausteine der LT/EA.

Die LT/EA übernimmt auch in ihrer aktuellen Fassung die Bedeutung der Frage nach dem Sinn, sieht darin aber nicht „die existenzielle Frage“ (31), sie wird vielmehr Teil der Grundmotivationen (dazu später).

Die LT/EA ergänzt zudem das Menschenbild von Frankl um die Dimension der Emotion und Kognition, wobei sie Emotionen unterscheidet in Primäre und Integrierte, als Verarbeitung der primären Emotionen. Beachtung der Emotionen ist für die LT/EA ein wichtiger Punkt im Beratungskontext der LT/EA.

Dann stellt der Autor die Grundprinzipien der Mediation dar; die Allparteilichkeit, die Selbstverantwortung der Medianten, die ethischen Prinzipien der Mediation, das Werte und Sinnverständnis der Mediation, und weist auf die deutliche verstärkte Einbeziehung der Emotionen in der Entwicklung der Mediation hin (39).

Das führt dann zu der Frage, welche Grundlagen der LT/EA Relevanz für die Mediation haben oder haben können.

Der Autor verlangt ein klares „Bekenntnis zu einem Menschenbild“, das nicht an Frankl orientiert sein muss, das im Wesentlichen in der Humanistischen Psychologie verortet ist, so auch Montada/Kals.

Keinen besonderen Platz hat nach seiner Auffassung der Begriff der Person in der Mediation, der aber letztlich ein Teil des Menschenbildes sei. In der Mediation findet er den Begriff der „Selbstdistanzierung“ unter der Thematik Selbstreflexion und Selbsterfahrung, während das Konzept der Selbsttranszendenz keine explizite Verwendung finde.

Bezüglich des Umgangs mit Emotionen hält er die Praxis der LT/EA mit jener der Mediation im Wesentlichen für übereinstimmend (45).

Sein Fazit dieser Betrachtungen der 1. Ebene lautet: „Die Grundlagen der LT/EA sind hilfreicher Hintergrund für Mediation und Konfliktmanagement“, da die LT/EA Bereiche formuliert, welche die Mediation eher nur am „Rande … streift oder immanent beinhaltet.“ (45

Zu Ebene 2

Im Hauptkapitel 2 (S. 46-61), wird das Struktur und Prozessmodell der LTA/EA dargestellt und seine Bezugspunkte zur Mediation.

Das Strukturmodell der LTA/EA geht von vier Grundmotivationen aus, welche erfüllt sein müssen, damit das Leben als sinnvoll empfunden wird, Erfüllungsbedingungen eines sinnvollen Lebens.

Das Können, als „Da Sein können“, Das Mögen, als „Da Sein Mögen“, Das Dürfen, als „Selbstsein Dürfen“ und das Sollen als „sinnvolles Wollen“.

Die Anwendung dieses Strukturmodelles in der Therapie behandelt z.B. die Frage, welches Grundmotiv ist unbefriedigt, welche Erfüllungsbedingungen fehlen.

Das Prozessmodell, die „Personale Existenzanalyse (PEA)“ (49), ist Theorie, Modell und Methode der aktuellen LT/EA /49.

Als Prozessmodell kann es dargestellt werden in den Schritten „Was liegt vor“, „Wie ist das für mich“, „Was halte ich davon“, „Was mache ich damit konkret“.

Bezugspunkte zur Mediation gibt es nicht, was die Grundmotivationen betrifft, sie spielen aber eine Rolle in unterschiedlichen Mediationsansätzen, anders etwa in der Transformativen Mediation als in der lösungsorientierten Mediation oder in auf Versöhnung ausgerichteten Projekten.

Dem Prozessmodell entspricht das Phasenmodell der Mediation (53) und die Schritte der PEA können gut in Bezug zu den Phasen der Mediation gesetzt werden. Etwa der Schritt „Was liegt vor“, welcher der Auftragsklärung in der Mediation entspricht oder „Was mache ich damit“, welcher der Lösungsphase der Mediation entspricht.

Im Zwischenfazit stellt er fest, dass das Struktur- und Prozessmodell der LT/EA für die Mediation als Ergänzung genutzt werden kann, am besten in der transformativen Mediation mit ihren Elementen von „Empowerment und Recognition“.

Zu Ebene 3

Im Hauptkapitel 3 (S. 62 -89) werden Modelle und Methoden der LT/EA und ihr Bezug zur Mediation dargestellt.

Begonnen wird mit der Gesprächsführung, ein sicher zentraler Bereich. Angeführt werden hier die Phänomenologische und die Sokratische Gesprächsführung.

Gerade die phänomenologische Gesprächsführung, die er auf die Existenzphilosophie zurückführt, bietet nach Auffassung des Autors wertvolle Möglichkeiten, da sie z.B. auch verstärkt dem Mediator die Möglichkeiten der Selbstreflektion in der Gesprächsführung öffnen (Was geht in mir vor, während ich zuhöre). Wertvoll aber für die Mediation auch, mit ihrem Blick auf das Wesen der Dinge bzw. Medianten.

Angeführt wird dann die Fülle der Methoden, aus denen die LT/EA schöpft, ohne dass diese hier Einzeln wiedergegeben werden können: Die Paradoxe Intervention, die Dereflexion, die Einstellungsänderung und die Personale Positionsfindung, um nur einige zu nennen.

Im Dritte Fazit weist der Autor darauf hin, dass alle Methoden der LT/EA ihren Anwendungsbereich im Einzelsetting einer Beratung/Therapie haben, also nicht unmittelbar auf die Mediation übertragen werden können, es sei denn in Einzelgespräche, soweit diese in der Mediation stattfinden. Im Gegensatz dazu sind nach seiner Auffassung die phänömenologische und die sokratische Gesprächsführung auch unmittelbar in der Mediation verwendbar.

Im abschließenden Gesamtfazit wird zunächst auf den Wert der LT/EA als Hintergrundwissen für den Mediator verwiesen, und auf die Verwendbarkeit der Gesprächsführungsmodelle.

Den Sinn einer Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der LT/EA für die Mediation

  • sieht er unter dem Gesichtspunkt, die eigene offene Haltung gegenüber den Medianten zu stärken,
  • der Beschäftigung mit dem Menschenbild,
  • die LT/EA als ergänzende Diagnose- und Konfliktanalyse mit Bezug zu existentiellen Themen.

Diskussion

Das Buch bewegt sich im interdisziplinären Bereich zwischen Mediation -die man etwa der Soziologie zuordnen kann- und Psychologie. Genauer muss man wohl sagen auch der Bereich der Philosophie ist nicht zu übersehen, bedenkt man den Umgang mit existentiellen Fragen und die Bedeutung, die der Autor der Phänomenologie mit Hinweisen auf Husserl, Heidegger und Merleau–Ponty, um nur einige zu nennen, beimisst.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Forschungsfrage 1 verbleibt etwas unbestimmt.

Grundprämissen der LT/EA können hilfreiche Ergänzungen für die Mediation als Verfahren sein, werden sie als nützliches Hintergrundwissen für den Mediator qualifiziert.

Die gestellte Forschungsfrage 2, welche Modell und Methoden der LT/EA in den Methodenkoffer des Mediators wandern können, kann dabei spezifischer beantwortet werden, da Methoden nicht nur Hintergrundwissen, sondern zugleich nützliches Werkzeug sind.

Bei Berger gewinnt man manchmal den Eindruck, dass alles, wenn schon nicht spezifisch so als Hintergrund hilfreich ist. Man könnte dann mit Descartes sagen, hilfreich zu wissen, dass ich existiere. Aber wie er selbst formuliert, je näher eine konkrete Mediation mit existentiellen Fragen befasst ist, umso eher kann sie auf die LT/EA zurückgreifen. Damit stellen sich aber zwingend zwei Fragen: Jene nach dem Verhältnis oder der Abgrenzung der Mediation zur philosophischen Lebensberatung und gleichermaßen nach dem Verhältnis oder der Abgrenzung zur Psychotherapie. Dogmatismus ist dabei nicht am Platz, eher kreative Wege gehen.

Fazit

Unter dem Gesichtspunkt kreative Wege zu gehen, kann man uneingeschränkt das Buch und die Beschäftigung mit dem Buch befürworten, das interdisziplinär versucht die Mediation zu öffnen, neue Einflüsse auf sie einwirken zu lassen. Jeder Mediator, jede Mediatorin, gewinnt dadurch neue Fragestellungen und Perspektiven für die mediatorische Praxis. Der Rezensent, der seit ca. 20 Jahren Mediationspraxis hat, kann das uneingeschränkt für sich selbst behaupten. Das Buch regt an, vor allem auch dazu, neue Fragen zu generieren. Dabei verlangt die Lektüre des Buches selbst erhebliches Hintergrundwissen und gerade das Thema der Phänomenologie lässt sich nicht in kurzen Sätzen und mit Fußnoten die auf Jaspers, Heidegger, Husserl, Merleau-Ponty, Kierkegaard verweisen abhandeln. Das Buch ist aber auch praktisch zu begrüßen, z.B. weil es die zu einiger Routine erstarrte Gesprächsführung in der Mediation, mit Gesprächsführungsmodellen produktiv in Bewegung bringen kann, ebenso mit neuen Methoden im „Methodenkoffer“.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 30.11.2017 zu: Olav Berger: Existentielle Perspektiven in der Mediation. Implikationen aus Logotherapie und Existenzanalyse für die Mediation. Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-943951-72-1. Viadrina-Schriftenreihe zu Mediation und Konfliktmanagement, Band 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22262.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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