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Dana Dülcke, Julia Kleinschmidt u.a. (Hrsg.): Grenzen von Ordnung. Eigensinnige Akteur_innen (...)

Cover Dana Dülcke, Julia Kleinschmidt, Olaf Tietje, Juliane Wenke (Hrsg.): Grenzen von Ordnung. Eigensinnige Akteur_innen zwischen (Un)Sicherheit und Freiheit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2016. 227 Seiten. ISBN 978-3-89691-852-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Für ein eigensinniges, widerborstiges und selbstbehauptendes Denken und Handeln

Das klingt wie Widerständigkeit, vielleicht sogar Unbelehrbarkeit, wie Beratungsresistenz und Egoismus; ist es aber nicht! Es geht nicht um Beckmessertum oder Ethnozentrismus; auch nicht um jenes menschliche Verhalten, das Kommunikation und Zusammenleben unmöglich macht, sondern darum, wie kritische Denk-, Verhaltensweisen und Aktivitäten in den „Zeiten der Unsicherheiten“ entstehen und behaupten können. Es geht darum, den „Widerspruch zwischen den Erfahrungen der Welt und den Berichten, in denen darüber … Rechenschaft gegeben wird“ aufzulösen, zumindest aber habhafter zu werden (Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17792.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Bei der wissenschaftlichen Tagung „Das bedrohte Selbst“, die von den Promovierenden der Georg-August-Universität in Göttingen vom 21. – 23. April 2015 veranstaltet wurde, ging es darum, welche Strategien und lebensweltlichen Ziele Menschen verwirklichen können, wenn in lokalen und globalen Situationen Unsicherheiten und Bedrohungen sichtbar und wirksam werden. Jedoch nicht Ängste und Rückzugstendenzen sollten dabei zuvorderst diskutiert und thematisiert, sondern danach gefragt werden, wie Menschen in Geschichte und Gegenwart mit unterschiedlichen Bedrohungsszenarien in Berührung kamen und kommen und welche Akteurs-Strategien favorisiert, erdacht und realisiert wurden und werden, um realen und imaginären Bedrohungsszenarien sowie den durch Politik und Medien verbreiteten Sicherheitsvorstellungen und Unsicherheitsprognosen standhalten zu können. Dabei sind zwangsläufig Fragen nach der „Ordnung“ des individuellen und kollektiven, lokal- und globalorientierten Lebens der Menschen von Bedeutung (Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18967.php).

Die Promotionsstipendiatinnen der Hans-Böckler-Stiftung, Dana Dülcke, Julia Kleinschmidt, Olaf Tietje und Juliane Wenke, geben den Sammelband „Grenzen von Ordnung“ heraus, in dem die Beiträge der interdisziplinären Fachtagung abgedruckt werden. Es ist die gesellschaftspolitische, interräumliche Spannweite, die mit den Themenkomplexen „Repression, Migration und soziale Kämpfe“ sowohl historisch-analytische, als auch einen aktuell-politische Bedeutung haben und so den gesellschaftspolitischen Diskurs über Ordnungen, Grenzen und Grenzüberschreitungen bereichern können.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in vier Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten werden „Bedrohungen, Sicherheit und Ordnung(en)“ diskutiert;
  2. im zweiten geht es um „Grenzregime, (Un)Sicherheit und Akteur_innen“;
  3. im dritten wird „Bewegen, Bewegungen und Widerständigkeit“ thematisiert;
  4. und im vierten Kapitel „Handlungsfähigkeit(en) und Eigensinn“ angesprochen.

In der Einleitung zum Tagungsband wird dezidiert darauf verwiesen, dass die (scheinbaren) Alternativen, Kontroversen oder Unvereinbarkeiten von freiheitlichen Erwartungen, sicherheitsbestimmten Forderungen und gefühlten oder tatsächlichen Bedrohungsängsten nicht selten Schimären sind und durch selbstbewusstes, aktives, gegenwarts- und zukunftsbestimmtes Denken und Handeln von Akteurinnen und Akteuren zumindest relativiert und bewältigt werden können.

Der Dozent für IT-Sicherheit an der Fachhochschule Wedel, Gerd Beuster, geht in seinem englischsprachigen Beitrag „Threat Modelling and Risk Mitigation – An IT Security Perspective“ auf die Herausforderungen ein, wie sie sich in den Zeiten der medialen Risiken und Bedrohungen darstellen. Er zeigt auf, wie die Forderungen – Avoid the risk, reduce the risk, outsource the risk, accepting the risk – erreicht werden können. „The rigorous approach to threat and risk analysis of professonal IT Security methodologies allows better insights into identifying threats to individuals and small groups“.

Veronika Schmid von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg analysiert in ihrem Beitrag „Überwertiger Realismus“ die Unterschiede zwischen theoretischen Annahmen und empirischen Befunden bei vorurteilsbehafteten Annahmen und Meinungen. Es geht um den Konflikt zwischen Autonomie und Anpassung, der sich in der genannten Haltung und Einstellung; und „es gilt zu verhindern, dass sich ein solches überwertig-realistisches Denken in die eigene Alltagspraxis ausbreitet und damit das demokratische Selbstverständnis unserer Gesellschaft systematisch und dauerhaft unterminiert“.

Die Göttinger Kulturanthropologin Sabine Hess fordert mit ihrem Beitrag „Migration als widerständige Praxis“ das „Recht auf Grenzübertritt“. Mit ihrer Analyse über die Autonomie der Migration diskutiert sie die Entwicklung hin zur „Rückkehr des Grenzparadigmas“ und mahnt einen Paradigmenwechsel des (be)grenz(enden) Denkens an. Es ist der „Versuch, Grenz-Räume und Migration als Formen des Widerstands neu zu konzeptualisieren“ und deutlich zu machen, dass „eine Kritik der Hegemonialisierung und Objektivierung innerhalb der postkolonialen Wissensordnung (zu) ermöglichen“.

Olaf Tietje geht mit seinem Beitrag „Gegenräume“ auf die Situationen ein, dass Räume für Menschen Sehnsuchts-, Hoffnungs- und Erinnerungsorte, aber auch Existenz- und Fluchtorte sein können. Die Gebiete in der andalusischen Provinz Almeira sind wegen ihrer klimatisch günstigen, ländlichen Lage und der geringen Bevölkerungsdichte ausgezeichnet geeignet, um als Zulieferer von Gemüse und Früchten für die urbanen Regionen in Europa zu dienen. Riesige Treibhäuser bestimmen die Landschaft, weniger als 200 Kilometer vom Kontinent Afrika entfernt. Dadurch ist die Region auch Zufluchts-, Migrations- und Einwanderungsort für Menschen aus dem benachbarten Marokko und anderen afrikanischen Ländern. Die spanische Exklave Melilla in Marokko gilt deshalb als Hotspot für die illegale Einwanderung nach Europa (Melanie Gärtner, Grenzen am Horizont. Drei Menschen. Drei Schicksale. Drei Wege nach Europa, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20636.php). Tietje setzt sich damit auseinander, welche Ursachen und Gründe vorhanden waren, dass illegal eingewanderte und beschäftigte LandarbeiterInnen und Tagelöhner in der Region Almeira als Akteure landwirtschaftliche Betriebe besetzten und begannen, als eigenständige Bauern zu produzieren.

Der Promovend an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, Carlo Kroiß, informiert mit seinem Beitrag „Grenzziehungen“ die prekäre Situation und Integration (Inklusion) von Asylbewerber_innen in Bayern. Es sind die mentalen und traditionalistischen Einstellungen von „Außen und Innen“, von „Wir und die Anderen“, die bei Eingewanderten oftmals die Situation schaffen, sich weder drinnen noch draußen zu empfinden. Anhand eines Interview-Beispiels mit einem Asylbewerber definiert der Autor die teils konträren und kontroversen Einstellungen bei den Eingesessenen und Migrantinnen und Migranten als „exkludierende Inklusion“ und verdeutlicht damit, „ob Migration … als Sicherheitsproblem, Bedrohung, Überfremdung, Bereicherung oder Normalität gilt, ist Frage kontingenter Grenzziehungsprozesse, die nicht eindeutig determiniert werden“.

Der Anthropologe von der National University of Ireland in Maynooth, Francisco Arquzeros-Fernandez informiert mit seinem englischsprachigen Beitrag „Exploration and Resistance among Mushroom Agricultural Workers in Ireland“ über die Situation, ihre widerständigen Aktivitäten gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen und die sich daraus bildenden (gewerkschaftlichen) Solidaritäts- und Organisationsformen von „migrant mushroom workers“.

Der ebenfalls an der Münchner Universität promovierende Ethnologe Franz Schürle berichtet mit seinem Beitrag „Selbst/Organisierung von Erwerbslosen“ über seine Forschungsergebnisse. Er stellt dabei den Situationen von strukturellen Repressionen den Eigensinn der Akteure gegenüber. Es geht „um subjektive Aushandlungsprozesse mit Verhaltensarrangements und Bedrohungsszenarien zwischen Kontrolle und Eigensinn“. Mit Fallbeispielen zeigt der Autor die Widersprüche auf, die sich durch die Hartz IV-Regelungen ergeben, wie Eigeninitiativen und Eigensinn nicht zu fordern und zu fördern, sondern Untätigkeit zu verwalten: „Die gefühlten und bestehenden Bedrohungsmomente halten dabei Menschen in Bezug von Transferleistungen in einer Vereinzelung und dienen dazu, mögliche Widerstände von Seiten der Leistungsbeziehenden zu brechen beziehungsweise schon i m Vorfeld auszuschließen“.

Die Soziologin und Medienwissenschaftlerin Esther Mader stellt in dem Beitrag „Relationale Handlungsfähigkeit und affektive Praktiken in queeren Räumen in Berlin“ die Ergebnisse ihrer soziologisch-ethnologischen, qualitativen Studie vor. Ihre These: Affekte sind generativ für Handlungsfähigkeit und das notwendige Bindeglied zur Akkumulation von ähnlichen Praktiken. Die Auseinandersetzung mit Affekten als Brücken zwischen dem Subjekt und seinem Körper, zeigt sich damit als ein wichtige und bedeutsame Grundlage für eine selbstbewusste Identität und Lebensgestaltung: „In der Arbeit mit Affekten kann das Potential gesehen werden, Handlungsfähigkeit zu ermöglichen, die soziale und diskursive Transformationen hervorbringt und Formen von Kollektivität jenseits identitärer Zuschreibungen denkbar macht“.

Der Politikwissenschaftler vom Department of Politics at Birkbeck der University of London, Sreenanti Banerjee erkundet mit seinem englischsprachigen Beitrag „Tracing the Relationship Between Human Capabilities and Human Capital“ die Ziele, Aktivitäten, Akzeptanzen und Probleme, wie sie sich bei der Innovations- und Produktionsinitiative „Girl Effect“ zeigen. Die sich im medialen, werbewirksamen Kontext daraus ergebenden Aufmerksamkeiten und Identifizierungen bezeichnet der Autor als „bipolotical“, und er verdeutlicht dies anhand eines Fallbeispiels: „The urge now ist o make her biologically capable of being adequately human and politically autonomous“.

Auf die aufgrund der nationalen und internationalen Finanzkrisen zu Beginn des Jahrhunderts entstandenen privat- und gesellschaftswirtschaftlichen Schwierigkeiten, Zwängen und Zwangsenteignungen auf dem Wohnungs- und Hypothekenmarkt in Spanien, hat 2009 die „Plataforma De Afectadxs Por La Hipoteca“ das „Grünbuch der PAH“ veröffentlicht, in dem eine massive Kritik an der spanischen Wohnungs- und der europäischen Austeritätspolitik geäußert und zum Widerstand aufgerufen wird. Die deutsche Übersetzung wird abgedruckt und von Olaf Tietje und Dana Dülcke kommentiert. Dabei werden drei Handlungsoptionen diskutiert: Zahlungseinstellung und Verhandlungen – Hypothekenvollstreckung und Folgeverhandlungen – Zwangsräumung und Schuldeinforderung. Das Grünbuch schließt mit der optimistischen Aufforderung und Bestärkung: „SÍ SE PUEDE!“, dem Motto der internationalen Arbeits- und Arbeiterbewegung und dem hoffnungsvollen, solidarischen und gesellschaftspolitischen „Yes, we can!“.

Der Literaturwissenschaftler und Soziologe von der Universität Hamburg, Dennis Bock, setzt sich in seinem Beitrag „Bedrohung und Selbstbehauptung im Konzentrationslager“ mit Handlungsoptionen und Überlebensstrategien von Häftlingsgruppen „Muselmänner“ und „Berufsverbrecher“ auseinander. Er weist darauf hin, dass die Situation dieser beiden Gruppierungen in der Holocaustforschung und kollektiven Erinnerungskultur bisher wenig thematisiert wurde. Mit seinen Forschungsergebnissen widerspricht er der Analyse, dass absolute Macht absolute Ohnmacht schaffe.

Die Promotionsstipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Ana Maria Troncoso Salazar, fragt mit ihrem Beitrag „Von deutschen Jüd_innen zu chilenischen Jüd_innen“, wie sich die „Bürger_innenwerdungsprozesse“ und Subjektpositionierungen beim Wechsel vom deutschen zum chilenischen Kontext darstell(t)en. Als „Bürger_innenwerdungsprozesse“ betrachtet die Autorin „die Erfahrungen, Positionierungen, Identifikationen und Differenzierungen (ihrer Interviewpartner_innen) sichtlich ihres heimisch Werdens in Chile“; und sie sieht darin einen nicht abgeschlossenen, sondern einen kontextabhängigen Prozess, der Veränderungen und Aktualisierungen unterliegt. Sie erkennt dabei Parallelen, die bis in das Heute reichen.

Julia Kleinschmidt beschließt mit ihrem Beitrag „Psychosoziale Notstände“ die Informationen im Sammelband. Es geht um die Schicksale der Oppositionellen, die beim Militärputsch im September 1973 in Chile verhaftet, gefoltert, in Konzentrationslager eingesperrt und getötet wurden. Diejenigen, denen es gelang, aus dem Land zu fliehen, fanden nicht nur in den sozialistischen Ländern, sondern auch in west- und nordeuropäischen Ländern und in Nordamerika Asyl. Die Autorin untersucht die Situationen, wie sie sich in den psychosozialen Zentren in Leuven und Frankfurt/M. darstellten, Die dabei essentiell beobachteten Unterschiede verweisen auf grundlegende Fragen von Therapie, Analyse, Behandlungsmethoden und -modellen, die auch heute gültig sind.

Fazit

Akteurinnen und Akteure sind in alltäglichen wie spezifischen Lebensbewältigungsprozessen immer mit den Herausforderungen von Anpassung und Widerstand konfrontiert. Dort, wo „eigensinniges Handeln“ gefordert ist (man wird dabei im anthropologischen, menschenwürdigen Bewusstsein sagen können – eigentlich immer!), kommt es darauf an, „den Fokus auf die Aneignung der rekonstruierbaren vielfältigen und oftmals diffus kommunizierten Androhungen, Bedrohungsszenarien und -situationen, durch eigensinnige Akteur_innen zu richten“. Es sind Herausforderungen, wie sie z. B. der Schweizer Lebens- und Friedensforscher Hans A. Pestalozzi (1922 – 2004) als „positive Subversion“ bezeichnet und als Ermunterung mit dem Spruch formuliert hat: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge“ (Hans A. Pestalozzi, Nach uns die Zukunft. Von der positiven Subversion, Bern 1979).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.02.2017 zu: Dana Dülcke, Julia Kleinschmidt, Olaf Tietje, Juliane Wenke (Hrsg.): Grenzen von Ordnung. Eigensinnige Akteur_innen zwischen (Un)Sicherheit und Freiheit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2016. ISBN 978-3-89691-852-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22264.php, Datum des Zugriffs 27.09.2021.


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