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Klaus Beck, Till Büser u.a.: Mediengenerationen

Cover Klaus Beck, Till Büser, Christiane Schubert: Mediengenerationen. Biografische und kollektivbiografische Muster des Medienhandelns. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2016. 202 Seiten. ISBN 978-3-86764-575-1. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
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Thema

In den öffentlichen Debatten um den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, nicht zuletzt mit Blick auf die Medienentwicklungen, wird fast regelmäßig der Vergleich unterschiedlicher Generationen angeführt bzw. individuelles und kollektives Handeln als generationenspezifisch beschrieben. Die Zugehörigkeit zu einer scheinbar klar abgrenzbaren Generationengruppe, die meist anhand des Geburtsdatums festgemacht wird, dient der Erklärung unterschiedlicher Denk- und Handlungsweisen in Abgrenzung zu den vorherigen Generationen. Rückblickend finden sich viele dieser Kategorien, deren Zugehörigkeit mit generalisierbaren Attributen assoziiert wird: Babyboomer, Generation X, Generation Y, Millennials uvm. Zu den daran geknüpften Zuschreibungen der jüngeren Zeit gehören die „digital Natives“, die von Geburt an mit digitalen Technologien aufwachsen und daher selbstverständlich mit digitalen Angeboten umgehen würden. Dieser Generation stehen alle älteren Generationen als „digital Immigrants“ gegenüber: „Unterstellt wird meistens, dass dieselben Medientechniken auf die jüngere Generation grundlegend andere Auswirkungen hätten als auf allen anderen ko-präsenten Generationen, dass diese Auswirkungen nahezu homogen die gesamte fragliche Generation erfassen und das diese sich bereits heute klar identifizieren ließen.“ (S. 14, Herv.i.O.)

Solche populärwissenschaftlichen Modelle genügen allerdings meist nicht den sozialwissenschaftlichen Anforderungen des Generationenbegriffs und halten empirischen Nachweisen kaum stand, wie auch die Autor*innen des Buchs „Mediengenerationen“ feststellen. Die Publikation ist das Ergebnis des DFG-Projekts „Mediengenerationen und demografischer Wandel“, das von 2012 bis 2015 an der FU Berlin durchgeführt wurde und untersuchte, ob sich generationstypische Mediennutzungsmuster rekonstruieren lassen. Dabei greifen die Autor*innen auf den differenzierten Generationenbegriff von Karl Mannheim und auf die Kapital-Feld-Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu zurück.

Zielgruppe

Die Lesenden erwarten sehr ausführliche theoretische und forschungspraktische Beschreibungen zum Thema und zu den empirischen Methoden. Somit ist es nicht nur für inhaltlich Interessierte spannend, sondern auch für Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen, die nach nachvollziehbaren Ausführungen zur forschenden Praxis suchen.

Autoren und Autorin

Dr. Klaus Beck ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kommunikationspolitik und Medienökonomie an der Freien Universität Berlin. Von 2012 bis 2015 leitete er das DFG-Projekt „Mediengenerationen und demografischer Wandel“.

Till Büser, M.A. und Christiane Schubert, M.A., waren wissenschaftlich Mitarbeitende an der FU Berlin im Projekt „Mediengenerationen und demografischer Wandel“.

Aufbau und Inhalt

Die Forschungspublikation ist in vier logisch aufeinander aufbauende Teile untergliedert:

  1. Theorie der Mediengeneration
  2. Untersuchungsdesign und Methoden
  3. Empirische Befunde
  4. Zusammenfassung und Fazit

Nach der Einleitung führen die Autor*innen in die theoretischen Grundlagen des Generationen- und Medienbegriffs und in die Habitustheorie ein. Ausführlich und nachvollziehbar wird ein tragfähiges Modell von Mediengeneration entwickelt, das als Fundament für das Forschungsvorhaben diente. Anknüpfend an den aktuellen Stand der sozial- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung wird ausgeführt, wieso die häufig zu findende Beschreibung von Generationen als Alterskohorten verkürzt ist und das ein generationeller Wandel nicht disruptiv sondern kontinuierlich bzw. prozesshaft stattfindet. Anknüpfend an die Theorie Karl Mannheims verstehen die Autor*innen Generationslagerungen dann als gegeben, wenn ähnliche Bewusstseins- und Erlebnisschichtungen vorliegen, die neben der zeitlichen mindestens auch eine räumliche Nähe voraussetzen.

Bezugnehmend auf den handlungstheoretischen Nutzenansatz wird individuelles Medienhandeln verstanden als „mit subjektiv gemeintem Sinn versehenes soziales Handeln […], das ziel- und normorientiert ist“. (S. 34) Im Sinne der Kapital-Feld-Habitus-Theorie Bourdieus sei das Medienhandeln abhängig vom medialen Kapital, dass sich als Summe des „objektivierten (Medienbesitz und -zugang), des institutionalisierten (formale Medienbildung) und des inkorporierten (Medienkompetenzen) kulturellen, ökonomischen und sozialen Kapitals“ (S. 152) konstituiert. Demnach wäre das Kriterium für eine Mediengeneration das Vorhandensein konjunktiver Erfahrungsräume. Die resultierenden generationalen Prägungen müssten sich in den Medienpraxiskulturen wiederfinden und empirisch als ähnliche Muster des Medienhandelns nachweisen lassen.

An die theoretischen Ausführungen anknüpfend und ebenso ausführlich argumentieren die Autor*innen das Design und die Methoden des Forschungsprojekts. In einem Mixed-Methods-Designs wurden standardisierte Fragebögen und medienbiografische Einzelinterviews mit Altersgruppendiskussionen und Mehrgenerationeninterviews kombiniert. Die Auswertung der qualitativen Daten erfolgte anhand der deduktiven qualitativen Inhaltsanalyse.

Bereits einleitend drosseln die Autor*innen allerdings die Erwartungen an die Ergebnisse an die Studie: „Obwohl wir mit einem sehr sensiblen Sensorium auf die Suche nach generationellen Prägungen, Formen und Zusammenhängen von Medienhandeln und Mediendispositionen gegangen sind, bieten die empirischen Befunde nur sehr geringe Anhaltspunkte für das Wirken von so etwas wie ‚Mediengenerationen‘, ja sogar für die Möglichkeit auf der Grundlage nachprüfbarer Kriterien Mediengenerationen überhaupt zu unterscheiden.“ (S. 10) Die dennoch lesenswerten Ergebnisse der Studie verdeutlichen in weiten Teilen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten innerhalb der untersuchten Generationen und des medialen Handelns. Insgesamt finden sich eher Hinweise auf eine Widerlegung der angenommenen Existenz von Mediengenerationen. Zwar führen die Autor*innen den empirischen Wert von – im Sinne der Ausgangslage – positiveren Befunden an, sie betonen aber auch, dass die Ergebnisse auch als Schritt zur Aufklärung eines stereotypen Modells von Mediengenerationen (S. 155) betrachtet werden können.

Fazit

Insgesamt stellt das Buch „Mediengenerationen“ von Klaus, Büser und Schubert eine differenziert ausgearbeitete Studie dar, die als Beispiel für transparente Forschungspraxis uneingeschränkt lesenswert ist. Die Ergebnisse des zugrunde liegenden Forschungsprojekts sind aus Sicht der Autor*innen zwar unbefriedigend, können aber aus unterschiedlichen Perspektiven interpretiert werden und bieten Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsvorhaben, die sowohl homogene als auch heterogene (Medien-)Praxiskulturen zum Gegenstand haben.


Rezensent
Christian Helbig
M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln
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Zitiervorschlag
Christian Helbig. Rezension vom 31.07.2017 zu: Klaus Beck, Till Büser, Christiane Schubert: Mediengenerationen. Biografische und kollektivbiografische Muster des Medienhandelns. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2016. ISBN 978-3-86764-575-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22265.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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