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Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles (Big Data)

Cover Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles. Wie Big Data in unser Leben eindringt und warum wir um unsere Freiheit kämpfen müssen. Penguin Verlag Verlagsgruppe Random House GmbH (München) 2016. 350 Seiten. ISBN 978-3-328-10032-4. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 13,90 sFr.
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Thema

Wird der Mensch als vernunftbegabtes, autonomes und freies Wesen im Zeitalter intelligenter Maschinen zum Objekt und Opfer seiner eigenen Erfindungen? Während in der literarischen Fiktion von Frankensteins Monster noch der bedauerliche Einzelfall eines ‚verrückten Wissenschaftlers‘ zum Opfer seines zweifelhaften Erfolges wurde, bedroht heute ‚künstliche Intelligenz‘ zunehmend das Selbstbild des Menschen und seine Würde. Im Post- und Transhumanismus wird heute einer Überwindung des antiquaren Menschen durch technische Perfektionierung des Cyborgs das Wort geredet. Spätestens seit dem Kinoerfolg der ‚Matrix‘-Filmtrilogie in den 1990ern ist diese Frage nach Sieg und Niederlage im Kampf zwischen Mensch und Maschine im sozialphilosophischen Diskurs virulent.

Heute – so konstatiert die Autorin des hier zu besprechenden Bandes – steht diese ursprünglich fiktionale Dystopie vor ihrer praktischen Realisierung: Dem Menschen wie wir ihn kennen droht die Marginalisierung – seine gesellschaftliche Teilhabe wird allein durch sein potentiell unvergängliches digitales Datenabbild (dem ‚digitalen Zombie‘) bestimmt. Die Privatsphäre löst sich auf, menschliche Handlungsfreiheit wird im Zeitalter intelligenter Maschinen zum Störfaktor. Der damit einhergehende moralische Alarmismus im Hinblick auf die Notwendigkeit einer aktiven Verteidigung der Würde des Menschen im Zeitalter seiner (un-)freiwilligen Totalkontrolle durch ‚Big Data‘, seiner Tötbarkeit durch autonom entscheidende Waffensysteme (Drohnen), der Obsoleszenz seiner Arbeitskraft in der Industrie 4.0 und seiner Entmündigung durch online vernetzte Haushaltsgeräte (Internet of Things) bestimmt den Band.

Autorin

Yvonne Hofstetter ist Juristin und Sachbuchautorin. Sie ist seit 2009 Geschäftsführerin einer Firma im Geschäftsfeld der praktischen Anwendung von Data-Science, künstlicher Intelligenz bzw. autonom lernender Maschinen im Kontext von ‚Industrie 4.0‘.

Entstehungshintergrund

Der Autorin ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass der Band ohne die Ermunterung, Förderung und das Lektorat von Frank Schirrmacher – dem 2014 verstorbenen Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – nicht zustande gekommen wäre.

Aufbau

Obgleich das Buch in fünf große Kapitel gegliedert ist, folgt die Darstellung der Inhalte dem Stil zeitgenössischer Fernsehdokumentationen und Radio-Features mit zahlreichen Brüchen und Sprüngen im „Story-Telling“.

  1. Der Einstieg erfolgt über die Schilderung des irrtümlichen Abschusses eines Zivilflugzeuges durch die USA im Irakkrieg von 1988 aufgrund fehlerhafter Erkennungssoftware bzw. Fehlinterpretation komplexer und widersprüchlicher Fernaufklärungsdaten. Da nach Schilderung der Autorin auch im Falle von ‚Big Data‘ wieder einmal der Krieg der Vater aller Dinge ist (S. 213), zeigt dieser Einstieg bereits die ethische Problemdimension auf: Daten gegen (zivile) Menschenleben.
  2. Im zweiten Kapitel werden die Merkmale von ‚Big Data‘ und künstlicher Intelligenz sowie die Bedeutung von Algorithmen zum Verbinden unterschiedlicher Datenbestände eingeführt.
  3. Kapitel drei schildert den Übergang datenwissenschaftlicher Expertise aus dem militärisch-industriellen Komplex in den Finanzwirtschaftssektor und weist auf die damit verbundenen Risiken hin.
  4. Im vierten Kapitel fokussiert die Autorin die Auswirkungen von ‚Big Data‘ und der damit verbundenen totalen (Selbst-)Kontrolle der Menschen auf Kultur und Menschenbild. Dabei wird die Unvereinbarkeit des abendländischen Menschenbildes mit den Implikationen des „Datenkapitalismus“ im Hinblick auf marktgetriebene Überwachung, Steuerung und Kontrolle jeder Lebensregung herausgearbeitet.
  5. Im letzten, fünften, Kapitel werden schließlich notwendige politische und rechtliche Aufgaben für Staat und Gesellschaft diskutiert.

Inhalt

Der argumentative Rahmen des Bandes lässt sich gut anhand Hofstetters Einführung in die Problematik (S. 10) aufzeigen: „Glaubten wir noch bis zum Fall des Warschauer Pakts, dass der Kapitalismus der beste Begleiter der Demokratie sei und ihrem Pluralismus bevorzugt entspräche, werden wir jetzt eines Besseren belehrt. Die Ehe bröckelt, die Partner haben die Scheidung eingereicht. Und der Scheidungsgrund hat einen Namen: Big Data.“ Für die Autorin ist der Autonomieverlust der Bürgerinnen und Bürger durch die massenhafte, nichteinwilligungspflichtige Erhebung und wirtschaftliche Verwertung von personenbezogenen Daten (etwa über das Auslesen und Zusammenführen von Smartphone-Sensordaten, Kreditkarteninformationen und Datenspuren aus dem „Internet der Dinge“) der Einstieg in den von ihr so bezeichneten „Informationskapitalismus“ der als neue Diktatur ein Reich menschlicher Unfreiheit im globalen Maßstab zu errichten angetreten sei. Dabei geht es der Autorin jedoch von Anbeginn keineswegs um eine Verteufelung der neuen Informationstechnologien, sondern darum, das Bewusstsein für eine politische und juristische Einhegung ihrer negativen Möglichkeiten vor dem Hintergrund der Bewahrung universaler Menschenrechte (als Personenrechte) zu schärfen. Denn: „Big Data [bietet] eine große Chance (…) für den intensiven Austausch und die Zusammenarbeit von Politik, Technik und Zivilgesellschaft. Wenn wir sie nutzen, kann Big Data ein großer Wurf für Wachstum und Wohlstand der Zukunft werden.“ (S. 11). Es geht Hofstetter also im Kern um eine moralisch Rückbindung der modernen Technologieentwicklungen auf Grundlage einer menschenrechtsethischen Abwägung bzw. kritischen Technikfolgenforschung.

Die zentralen Apekte des Buches sind mithin folgende:

  • Veraltete und unvollständige Daten verunmöglichen adäquate Entscheidungen aufgrund von Datenfusion (dem Zusammenführen unterschiedlich qualitativer Datenbestände zum selben Subjekt) (S. 40) Dennoch wird im weltweiten personenbezogenen Datenhandel genau dies nicht hinreichend berücksichtigt mit allen negativen Folgen für die betroffenen Personen (z.B. soziales und wirtschaftliches Opfer des ‚nicht vergessenden Internets‘ zu werden).
  • Beim Transfer von Mustererkennungsalgorithmen und Data-Matching aus dem Militärbereich in die zivilen Nutzung der Optimierung von Intnernet-Suchmaschinen (S. 94) wird – zusammen mit der Verfügbarkeit leistungsfähiger CPUs – der Grundstein für ‚Wirklichkeit rechnerisch modellierende‘ und ‚intelligent entscheidende‘ Computersysteme gelegt. Deren ‚Blindheit‘ für unterschiedliche Gütekriterien von Daten liefert den Menschen in seinem ‚Maschinenvertrauen‘ letztlich an ‚rechnerisch korrekte‘ und dennoch sachlich falsche Entscheidungen aus. Die ‚Diktatur der Maschinen‘ beginnt hier (S. 126).
  • Die zunehmende ‚Unsichtbar-Werdung‘ intelligenter Computertechnik und ihrer Sensorik (Stichwort Google-Brille) sowie die (naive) Faszination der ‚Geeks‘ an immer neuen ‚Wearables‘ sowie deren Zentralität im Leben der Menschen für deren freiwillige gesundheitliche Selbstoptimierung (Stichwort: „Quantified-Self-Bewegung“) läßt eine gebotene Vorsicht im Hinblick auf informationelle Selbstbestimmung bei den Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr greifen; der Gesetzgeber hechelt in seiner Gestaltungsmacht den technologischen Entwicklungen zwangsläufig hinterher. Es kommt zu einer Desensibilisierung für ethischen Technologiefolgen in unserer Kultur (S. 136 ff.)
  • Vernetzte intelligente Systeme (Schwarmintelligenz) werden künftige militärische Einsätze von unbemannten intelligenten Drohnen weitaus gefährlicher machen, da Fehldeutungen der KI hier wesentlich drastischere ‚Kollateralschäden‘ befürchten lassen (S. 145 Ff.).
  • Der durch die Lehmann-Brothers-Pleite initiierte Börsencrash von 2008 aufgrund platzender Spekulationsblasen im US-Immobilienmarkt sowie die anschließende steuerfinanzierte Rettung ‚systemwichtiger‘ Banken wird von der Autorin letztlich einer Fehlinterpretation der Risikomodelle der Wallstreet-Mathematiker durch die Entscheider bei Lehmann-Brothers zugeschrieben (S. 155). Aufgrund der Umstellung des Börsenhandels auf computergestützten Hochfrequenzhandel (S. 192 ff.) sind ‚flash crashs‘ immer häufiger und vernichten Milliarden an Geldvolumen – auch das von Rentenfonds und Sparern. Hofstetter kritisiert: „Das Börsengeschehen hat sich zunehmend von der Realwirtschaft entkoppelt. Hatte man einst die Mathematik herangezogen, die Märkte zu erklären, ist man inzwischen dazu übergegangen, die Märkte mithilfe der Mathematik nach Wunsch zu formen“. (S. 164, Hervorh. i. Orig.). Datenanalysen und mathematische Marktmodelle werden somit zu harten Wettbewerbsvorteilen in einem überaus kompetitiven Wirtschaftsbereich. Daher ist das Interesse an einer kritischen ethischen Beurteilung ihrer Risiken selbst bei den Anwendern nicht sehr ausgeprägt.
  • Privatinformationen der Bürger bzw. Konsumenten werden im Informationskapitalismus zur Quelle von Profit (S. 182 ff.). Dabei wird die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft weiter im Sinne der Unternehmen optimiert und ebnet den Weg zur Daten-Diktatur, bei der die Lebens- und Teilhabechancen des Individuums zunehmend von seiner Person entkoppelt und von ihrem ‚digitalen Doppelgänger‘ bzw. ‚digitalen Zombie‘ in den vernetzten Datenbeständen der Institutionen und Konzerne bestimmt werden (S. 219 ff.). Dieser ‚Angriff auf den Menschen‘ ist Kern der Kritik, da hier die massiven Eingriffe intelligenter Technik in die Selbstbestimmung des Menschen (etwa bei der Haustechnik) am deutlichsten sichtbar werden. Kernfrage der Autorin ist hierbei: „Wenn der Mensch zum ersten Mal in seiner Geschichte mit intelligenten Maschinen konfrontiert ist, die in sein Denken eindringen und ihn seiner Daten ‚berauben‘, um sein Handeln zu verstehen und ihn neu zu berechnen, ist es die Frage aller Fragen die sich neu stellt: Wer ist der Mensch?“ (S. 226, Hervorh. i. Orig.).

Mithin ist ‚Big Data‘ nach Hofstetter ein massiver Angriff auf die Freiheit personaler Entscheidungen und mithin auf die dadurch (mitbestimmte) Menschenwürde im Sinne Immanuel Kants. Die Gefahr einer ‚Auflösung des christlich-kantianischen Menschenbildes‘ (S. 229) wird evident, wenn heutige Apologeten der neuen Technologien ebendieses als überholt bzw. obsolet einschätzen (Stichwort: Post-Humanismus).

Als Konsequenz aus dieser Gefahrenlage plädiert die Autorin für eine Sensibilisierung der Bürgerinnen und Bürger zur Neubestimmung des Verhältnisses von Person und der sie betreffenden Daten, wobei letztere nicht als Akzidens, sondern vielmehr als integraler Bestandteil der Person zu werten (und entsprechend vor Diebstahl und Verletzung zu schützen) sind. Für Hofstetter ist es evident, „(…) dass persönliche Daten künftig neben der Arbeitsleistung zum wichtigsten Gut des Menschen werden.“ (S. 241). Da durch die Automatisierung der Produktion im Zuge der robotergestützten ‚Industrie 4.0‘ die Arbeitskraft zur Subsistenzsicherung der Menschen zunehmend marginalisiert werden dürfte, bieten sich die personenbezogenen Daten als ‚Arbeitskraftsubstitut‘ künftig an. Das heißt, kommerzielle Unternehmen sollten für sie wichtige Konsumentendaten nicht wie bislang häufige gegenleistungsfrei bzw. auf passivem/informellen Wege beziehen, sondern deren Lieferanten auch im Sinne der Lebenssicherung adäquat vergüten (ebd.).

Auf einer eher kulturellen Ebene muss der Aussage einer Person mehr vertraut werden als seinem ‚Datenabdruck‘ in Informationssystemen. Dabei muss – als Äquivalent zur lebensweltlichen Verjährung bzw. Vergebung von Fehlverhalten – ein ‚Recht auf Vergessen‘ auch für den Bereich digitaler Informationsspeicherung juridisch implementiert werden. Nur dadurch kann die Person davor bewahrt werden, zum Opfer ihres ‚digitalen Zombies‘ (d.h. der über sie theoretisch lebenslang im Netz gespeicherten Daten) zu werden.

Hofstetter zweifelt jedoch, ob wir nicht bereits zu stark in einer Abhängigkeit von den von ihr kritisierten Strukturlogiken des digitalen Zeitalters befangen sind. (S. 252). Der ‚freiwillig-sublime Konformitätszwang‘ der digitalen Permanentüberwachung mag aktive Proteste dagegen bereits im Keim ersticken. Digitale Unternehmen treten heute bereits in die Sphäre des Politischen über und beginnen, ihre Interessen direkt auf Augenhöhe mit Staaten zu verhandeln (S. 271).

Angesichts dieser Lage braucht es nach Hofstetter dringend ein ‚Update der Gesellschaft‘ (S. 283 ff.) das in zehn Thesen formuliert wird:

  1. Vorrang persönlicher Daten vor institutionellen und wirtschaftlichen Interessen – dies impliziert eine gesetzgeberische Ermächtigung der Subjekte bzgl. eines vollen Kontrollrechtes über ihre eigenen Daten.
  2. Zivilen Widerstand leisten – im Sinne eines zivilgesellschaftlichen Engagements für Privatsphäre auf der Ebene regierungskritischer NGOs um Regierungen zum gesetzgeberischen Handeln zu bringen
  3. Grundrechte für Datensubjekte schaffen – konkret: „Die Würde des Menschen erstreckt sich auf seine persönlichen Daten. (…) Sie haben das Recht, Ihre persönlichen Daten jederzeit einzusehen (…) [und] die Löschung persönlicher Daten zu verlangen. (…) Die Veräußerung Ihrer persönlichen Daten an Dritte ist untersagt (…) Sie haben das Recht auf eine gerechte Gegenleistung für die Weitergabe persönlicher Daten. (…) Ihre Privatsphäre ist unantastbar. (…) Personen, die der Erhebung, Verarbeitung, Veröffentlichung persönlicher Daten nicht zustimmen, sind den Personen gleichberechtigt, die ihre Zustimmung erteilt haben.“ (S. 292-296).
  4. Internationale Algorithmenabkommen schließen – hierbei geht es vor allem um Abwehr von Spionage und militärischer Datennutzung
  5. Machtkonzentration bekämpfen – hier steht die kartellrechtliche Verhinderung von datentechnischer Machtkonzentration bei Weltkonzernen wie Google im Vordergrund
  6. Besteuerung revidieren – eine progressive Besteuerung von Kapitalerträgen soll einer Pauschalbesteuerung von Arbeitsentgelten gegenüberstehen um letztere angesichts ihrer wachsenden Marginalität in der Industrie 4.0 zu entlasten
  7. Den Staat professionalisieren – vor allem im Hinblick auf aktuelles Expertenwissen zur Technikfolgenbewertung und Sicherstellung der entsprechenden gesetzgeberischen Handlungsfähigkeit
  8. Die Finanzierung für Europas IT-Projekte sicherstellen
  9. Klare Grenzen zwischen Mensch und Maschine ziehen – der weltanschauliche Kampf gegen den Post- bzw. Transhumanismus und die ‚Cyborgisierung‘ des Menschen ist im Sinne eines neuen Technikethos offensiv zu führen
  10. Maschinen sozialisieren – Conventions by Design: Sicherheit und Privatsphäre sollen bereits bei der Produktentwicklung frühzeitig berücksichtigt werden.

Zum Abschluss ihres Buches stellt die Autorin nochmals heraus, dass es ihr nicht um weniger, sondern um bessere und ‚menschlichere‘ Technologieentwicklung geht sowie um die reflexive und kritische Beschäftigung mit den gesellschaftlichen und ethischen Folgen des „Informationskapitalismus“.

Diskussion

Bei und nach der Lektüre des ‚Spiegel-Bestsellers‘ von Yvonne Hofstetter drängt sich ein zwiespältiger Eindruck auf: Hier schreibt eine Frau sehr informiert über ‚Big Data‘ und den damit verbundenen kulturellen Transformationsprozess, die selbst als Unternehmerin ‚im Geschäft‘ ist und insofern zwangsläufig keine reine Konsument_innensicht auf das Thema vertritt. Dabei wird Manches angerissen, wenig zu Ende durchdacht und einiges im Vagen gelassen. Beispielsweise ist nicht Krieg als solcher problematisch, sondern vor allem ‚technisches Versagen‘ von Informationssystemen im Krieg (Beispiel Drohnen oder AWACS-Aufklärungsflugzeuge). Auch der Drohnenkrieg als solcher ruft nicht die moralische Problematisierung auf, sondern die Perspektive, dass irgendwann keine Menschen, sondern computergestützte Expertensysteme oder gar ‚künstliche Schwarmintelligenz‘ dabei den Auslöser betätigen. Nicht die kapitalistischen Konkurrenz- und Profitmaximierungszwänge treiben die von der Autorin kritisierten Entwicklungen voran, sondern nur deren von Gier und Maßlosigkeit getriebenen Exzesse. Konkurrenz in kapitalistischen Wirtschaftssystemen wird vielmehr – mit Blick auf die innovationsfeindlichen alternativen Gesellschaftsmodelle des 20. Jahrhunderts – als alleiniger Motor von Innovation und Fortschritt überhaupt gefeiert.

Der ethische Standpunkt von dem aus analysiert wird, kann anhand der referierten Quellen mit ‚katholisch-wertkonservativer Technikkritik‘ beschrieben werden, da affirmativ auf Aussagen seitens Ernst Jünger, Martin Heidegger (S. 250 ff.) und Papst Johannes Paul II (S. 275) zur Technik Bezug genommen wird. Dies ist besonders interessant, sind solche Analysen gegenüber explizit ‚linken‘ kapitalismuskritisch-emanzipativen Ansätzen heute doch deutlich seltener zu finden. Allerdings impliziert dieser Analysestandpunkt auch einige ‚blinden Flecken‘: Weniger allgemeine kapitalistische ‚Systemzwänge‘ drängen nach Hofstetter die Akteure in die ‚Daten-Dikatur‘, sondern eben menschliche Schwäche – Gier und ‚maßloses Profitstreben‘ (als ob diese nichts mit dem Kapitalismus ‚an sich‘ zu tun hätten). In ihrer moralischen Panik ruft die Autorin am Ende des Buches dann nach dem starken (National-) Staat, der – notfalls durch zivilen Ungehorsam seiner Bürger_innen – dazu anzuhalten wäre, dem Wachstum seiner datenwirtschaftlichen Gegenmacht durch Gesetzgebungsprozesse Paroli zu bieten. Wir sehen heute allein am Beispiel der Bestrebungen staatlicher Intervention gegen ‚Hate-Speech‘ auf Socialnetwork-Plattformen, dass dies nicht ohne weiteres möglich sein dürfte.

Die Form des populärwissenschaftlichen ‚Story-Tellings‘ im Text ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die Darstellung dürfte sich formal an Leserinnen und Leser wenden, die sonst eher durch ähnliche Reality- und Reportagenformate im TV erreicht werden können. Einige Kapitel erzählen aus der Sicht involvierter Akteure aus Business und Datascience, andere in deskriptiv-distanzierter Form; schließlich wechselt die Autorin über essayistische Darstellungsformen zum politischen Proklamationsstil. Das wirkt einerseits abwechslungsreich, erschwert aber die Einordnung und Systematisierung der Argumente in einen einheitlichen Kontext. Auffällig ist zudem die wiederholte Nutzung derselben Textbausteine (vgl. z.B. S. 172 u. 211 zur ‚schmutzigen Wissenschaft‘). Insgesamt bleibt der Eindruck, dass hier durchaus begründet vor sehr realen Gefahren einer kulturellen Gesamtentwicklung gewarnt wird, die den Menschen ‚wie wir ihn kennen‘ möglicherweise in naher Zukunft gefährdet. Allerdings sind – nicht zuletzt wegen der Dynamik des verhandelten Gegenstandsbereichs – für eine tagesaktuelle Beschäftigung mit dem Thema „Informationskapitalismus“ einschlägige Online-Plattformen wie etwa die Netzzeitschrift Telepolis oder Informationsangebote engagierter Blogger aus dem Umfeld des CCC (wie etwa Fefes Blog) zu empfehlen.

Fazit

Yvonne Hofstetter zeigt in ihrem populärwissenschaftlichen Sachbuch auf spannend unterhaltsame und gleichzeitig nachdenklich machende Weise die Risiken des gegenwärtigen Informationskapitalismus für Freiheit und Menschenwürde der Bürgerinnen und Bürger auf. Dabei gelingt es der Autorin, wesentliche Elemente einer notwendigen normativen Neuausrichtung von Gesellschaft und Politik unter den Bedingungen technologischer Entwicklungen wie der ‚Industrie 4.0‘, dem ‚Quantified-Self-Movement‘ und dem ‚Internet of Things‘ zu skizzieren. Schwächer ausgeprägt ist hingegen die Analyse der hinter dem Trend zur Diktatur der Datenindustrie stehenden gesellschaftlichen Prozesse. Hier wird nicht etwa der Kapitalismus als solcher sondern ‚nur‘ die Profitgier einiger seiner Akteure als Quelle der moralisch und gesellschaftspolitisch negativen Konsequenzen benannt. Vor diesem Hintergrund erscheint es fraglich, dass die von der Autorin vorgeschlagenen zehn Eckpunkte einer neuen ‚Datenkultur‘ eine Chance auf Realisierung durch dafür notwendige gesetzgeberische Eingriffe haben. Denn – wie die Autorin richtig sieht – befinden sich globale Großkonzerne längst in einem Transformationsprozess zu ‚staatsadäquaten‘ Machtstrukturen. Dänemark hat beispielsweise folgerichtig unlängst diplomatische Beziehungen zu den ‚Neuen Nationen‘ mit Namen ‚Apple‘ und ‚Google‘ über einen eigenen ‚Digitalbotschafter‘ aufgenommen…


Rezensent
Prof. Dr. René Gründer
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, Fakultät Sozialwesen
Homepage www.dhbw-heidenheim.de/home/Gn
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Zitiervorschlag
René Gründer. Rezension vom 12.06.2017 zu: Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles. Wie Big Data in unser Leben eindringt und warum wir um unsere Freiheit kämpfen müssen. Penguin Verlag Verlagsgruppe Random House GmbH (München) 2016. ISBN 978-3-328-10032-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22269.php, Datum des Zugriffs 25.04.2018.


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