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Caroline Düvel: Transkulturelle Vernetzungen

Cover Caroline Düvel: Transkulturelle Vernetzungen. Zur Nutzung digitaler Medien durch junge russische Migranten in Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 318 Seiten. ISBN 978-3-531-18067-0. 39,95 EUR.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch stellt die Ergebnisse eines Dissertationsprojektes dar, das sich mit der Nutzung digitaler Medien durch junge russische Migranten in Deutschland beschäftigt.

Autorin

Caroline Düvel ist Diplom-Medienwissenschaftlerin und war Promotionsstipendiatin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen und der Leuphana Universität Lüneburg. Sie arbeitet bei einem Automobilfinanzdienstleister in Beijing, China.

Thema

In ihrer empirischen Untersuchung zeigt die Autorin, welche Bedeutung junge russische Migranten dem Mobiltelefon und dem Internet zuschreiben und in welcher Beziehung die Mediennutzung zu ihrer kulturellen Verortung steht. Im Fokus des Interesses sind insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene der russischen Diaspora, die die Autorin in ihrem Sample in einer Altersspanne von 16-26 Jahren betrachtet.

In dieser Studie wird der Zusammenhang zwischen der Medienaneignung und der Artikulation kultureller Identität durch die jungen Russen sowie zwischen ihrer Integration in soziale Beziehungsnetzwerke von Freunden, Familie und Arbeit herausgearbeitet. Diese Umgangsweisen der Mediennutzung unterteilt Düvel in vier Typen, die sich im Spektrum von Herkunftsorientierung und kultureller Bewahrung bis hin zu Integration und Ankunft im Aufnahmeland bewegen. Der Studie liegen solche Konzepte wie Mediatisierung, transkulturelle Medienforschung sowie Möglichkeiten und Grenzen von Integration zugrunde. 

Zwei Ansätze bilden den Ausgangspunkt der Studie von Düvel:

  1. Erstens geht es um Medienkommunikation im Zuge voranschreitender Mediatisierungsprozesse sowie der damit verbundenen Durchdringung des Alltags der Menschen mit Medien und medialvermittelter Kommunikation. Das bedeutet, dass sich Strukturen von Kommunikation, Kommunikation selbst und auch die sozialen Beziehungen von Menschen im Zuge dieser Entwicklungen verändert haben und sich auch weiterhin im Wandel befinden.
  2. Zweitens ist gleichzeitig eine zunehmende Bedeutung von Diasporagemeinschaften feststellbar, für die Medien und Kommunikationsprozesse ebenfalls eine zentrale Rolle einnehmen und in einer Wechselbeziehung zur Artikulation ihrer kulturellen Identität stehen. Durch die Aneignung digitaler Medien gewinnen Diasporagemeinschaften an Stabilität und an wachsender gesellschaftlicher Bedeutung – eine Entwicklung, die auch auf (sozio)kulturelle Veränderungen von Gesellschaften im 21. Jahrhundert verweist.

Das Ziel der vorliegenden Studie ist nun, diese beiden Themenbereiche, das Forschungsfeld der medienvermittelten interpersonalen Kommunikation und Aneignung ‚neuer Medien‘ sowie die Forschung zu Medien und Integrationsprozessen von ethnischen Migrationsgemeinschaften, aus dem Blickwinkel der Cultural Studies über theoretische Argumentationen sowie in einer empirischen Analyse neu zusammen zu führen. Damit soll nicht nur eine Forschungslücke geschlossen oder die Auseinandersetzung mit dem Gegenstandsbereich der digitalen Medien innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft gestärkt werden, um so zu einer Weiterentwicklung des Faches beizutragen. Vielmehr ist das Ziel der Studie, den Blick zu öffnen für einen weiteren Theoriehorizont, eine multimethodische und analytisch offene Herangehensweise innerhalb des Faches, die es ermöglicht, die Ergebnisse auch hinsichtlich ihrer Folgen für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und soziokulturellen Wandel im Kontext von Mediennutzung und Mediatisierung zu erörtern.

Aufbau und Inhalte

Der vorliegende Band greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung von der Nutzung digitaler Medien durch junge russische Migranten in Deutschland von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden acht Teile:

  1. „Einleitung: Kommunikative Vernetzungen junger russischer Migranten“
  2. „Mediatisierung und Aneignung digitaler Medien“;
  3. „Medien, ethnische Minderheiten und Diaspora“;
  4. „Die russische Diaspora in Deutschland“.
  5. „Methodisches Vorgehen“.
  6. „Empirische Ergebnisse: Vier Grundtypen“;
  7. „Schlussbetrachtungen: Eine Typologie kommunikativer Vernetzungen“.
  8. „Literatur“.

In der Einführung gibt Caroline Düvel eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau ihrer Arbeit. Hier werden Zielsetzungen des Projekts detailliert und forschungstheoretisch erörtert. In diesem Teil werden die theoretischen Grundlagen aufgezeigt, die bei der Durchführung der Studie herangezogen werden und den Forschungsstand darstellen. Der Studie liegen folgende Forschungsfragen zugrunde:

  1. Welche kommunikativen Vernetzungsprozesse mittels digitaler Medien kennzeichnen junge russische Diasporaangehörige und in welchem Zusammenhang stehen sie hinsichtlich deren kultureller Verortung und Identitätsartikulation?
  2. In welche Arten sozialer Netzwerke sind die jungen russischen Diasporaangehörigen eingebunden und wie genau artikulieren sie ihre Verbindungen innerhalb dieser Netzwerke und darüber hinaus?
  3. Welche Bedeutung kommt dabei insbesondere dem Mobiltelefon sowie Onlinekommunikationsformen über das Internet hinsichtlich ihres Potenzials für soziokulturelle Integrations- und Segregationsprozesse zu?
  4. Was bedeuten die Ergebnisse zum einen für die Medien und Minderheitenforschung und das Fach der Kommunikations- und Medienwissenschaft und zum anderen für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und soziokulturellen Wandel? (S. 23-24)

Die Arbeit kann in zwei Teile gegliedert werden, einen Theorieteil, in dem die theoretischen Ausgangs- und Anknüpfungspunkte erläutert werden (Kapitel 2 bis 4), gefolgt von einem empirischen Teil, der die Vorgehensweise und Ergebnisse der Analyse darstellt (Kapitel 5 und 6).

Im Kapitel 2 („Mediatisierung und Aneignung digitaler Medien“) geht die Autorin auf die methodischen Verfahrensweisen ein, die der vorliegenden Studie zu Grunde liegen. Hier geht es zunächst um die Erläuterung der zwei zentralen Rahmentheorien und Analysekonzepte innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft, entlang derer die Arbeit von Düvel angelegt ist, nämlich die Konzepte der Mediatisierung und der Medienaneignung.

Das Kapitel 3 („Medien, ethnische Minderheiten und Diaspora“) bildet die zweite theoretische Säule der Arbeit, in der neben den kommunikations- und medienwissenschaftlichen Zugängen im vorangegangenen Kapitel hier eine Annäherung an ethnische Minderheiten unter einem kulturtheoretischen Paradigma der Cultural Studies stattfindet.

Kapitel 4 („Die russische Diaspora in Deutschland“) ist eine konkrete Darstellung der russischen Diaspora in Deutschland, das insbesondere deren historische und demografische Entwicklung sowie soziokulturelle Besonderheiten vor dem Hintergrund des dieser Arbeit zugrunde liegenden empirischen Materialkorpus erörtert.

Im Kapitel 5 („Methodisches Vorgehen“) geht die Autorin konkret auf die Forschungspraxis ein und reflektiert den Forschungsprozess auf der Grundlage der in den vorigen Kapiteln dargestellten theoretischen, methodologischen und methodischen Prämissen. In diesem Teil werden Forschungsansatz, Erhebungs- und Auswertungsmethoden dargestellt. Die Autorin beschreibt ausführlich ihre methodische Herangehensweise.

Im Kapitel 6 („Empirische Ergebnisse: Vier Grundtypen“) wendet sich Düvel der Forschungspraxis zu. In diesem Teil werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und die sich aus dem Forschungsprojekt ergebenden wissenschaftlichen und praktischen Konsequenzen werden dargestellt.

Im Kapitel 7 („Schlussbetrachtungen: Eine Typologie kommunikativer Vernetzungen“) findet der Leser den Rück- und Ausblick auf erfolgreich abgeschlossenes Forschungsprojekt. Das abschließende Kapitel beinhaltet ein Resümee der theoretischen Argumentationslinien ebenso wie der empirischen Ergebnisse zu den Charakteristika der Aneignung digitaler Medien und kommunikativen Vernetzungen in der russischen Diaspora per Mobiltelefon und Internet.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Studierende und Lehrende der Studiengänge aus den Bereichen Medienwissenschaft, Erziehungswissenschaften, empirische Sozialforschung und Migrationsforschung. Es kann sich aber auch an diejenigen Leser richten, die sich für die Migrationsthematik interessieren, und könnte deshalb für einen breiten Leserkreis empfohlen werden.

Fazit

Im Fokus der vorliegenden empirischen Untersuchung steht die Bedeutung von digitalen Medien und medienvermittelter interpersoneller Kommunikation für junge russische Migranten und ihre kulturelle Verortung. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung von Caroline Düvel ist eine empirisch begründete Typologie von vier ‚Migrationstypen‘, also Handlungsmustern, wie sie unter Jugendlichen in der russischen Diasporagemeinschaft Deutschlands vorkommen. Diese Typen illustrieren einen Zusammenhang zwischen kultureller Identitätsartikulation und Verortung der Diasporaangehörigen und den Ausprägungen ihrer kommunikativen Vernetzungen zu lokal und kulturell unterschiedlichen Beziehungsnetzwerken in diesem Alterssegment. Dabei sind für jeweils jeden der vier Typen unterschiedliche kulturelle Orientierungen, verknüpft mit spezifischen Aneignungspraktiken von Mobiltelefon und Internet zur Artikulation kommunikativer Vernetzungen, charakteristisch.

Der Aufbau des Buches ist gut gegliedert und strukturiert, was einen angenehmen Eindruck beim Lesen vermittelt. Es lässt sich durch die verständliche Sprache leicht lesen. Die Autorin führt ihre Fragestellung mit Beispielen ein und erläutert die verwendeten Fachbegriffe. Zweifelsfrei ist es der Autorin gelungen, das Thema lebensnah, empirisch und theoretisch darzulegen.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 27.06.2017 zu: Caroline Düvel: Transkulturelle Vernetzungen. Zur Nutzung digitaler Medien durch junge russische Migranten in Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-531-18067-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22271.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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