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Werner Lindner, Winfried Pletzer (Hrsg.): Kommunale Jugendpolitik

Cover Werner Lindner, Winfried Pletzer (Hrsg.): Kommunale Jugendpolitik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 394 Seiten. ISBN 978-3-7799-3463-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Werner Lindner und Winfried Pletzer verfolgen in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband zur kommunalen Jugendpolitik ein doppeltes Anliegen. Es geht darum, Jugendpolitik als eigenständiges Politikfeld zu etablieren und die Politikfähigkeit der Akteure der Jugendpolitik zu steigern. Die theoriebasierten wie praxisorientierten Beiträge konzentrieren sich dabei in ihren Analysen und Reflexionen auf die kommunale Ebene der Jugendpolitik.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Der Herausgeber Werner Lindner ist Professor an der EAH Jena, Fachbereich Sozialwesen mit Arbeitsschwerpunkt in der Kinder- und Jugendarbeit.

Winfried Pletzer (Politologe und Sozialpädagoge) ist Referent für Kommunale Jugendarbeit und Kommunale Jugendpolitik beim Bayerischen Jugendring.

Die insgesamt 28 AutorInnen der Beiträge zum Sammelband haben ihre Arbeitsschwerpunkte teils in Bereich der Hochschullehre teils in der Praxis der Kinder- und Jugendarbeit.

Aufbau

Der Herausgeberband gliedert 23 eigenständige Beiträge in vier Abschnitte.

  1. Teil I des Buches beschäftigt sich mit den Grundsätzen und Strukturen der kommunalen Jugendpolitik.
  2. Teil II ist mit „Kommunale Jugendpolitik: Gestaltungsebenen“ überschrieben und analysiert Rahmenbedingungen kommunaler Jugendpolitik, indem die Situation der Jugendarbeit/Jugendpolitik im ländlichen Raum, in Städten und Großstädten, die Bedeutung der Jugendämter und Jugendringe, aber auch die finanzielle Lage der Kommunen erörtert werden.
  3. Schließlich arbeitet Teil III „Faktoren zur Realisierung“ einer gelingenden kommunalen Jugendpolitik heraus.
  4. In Teil IV runden 6 Praxisbeispiele kommunaler Kinder- und Jugendpolitik den Band ab. Der Sammelband verfügt weder über eine orientierende Einleitung noch über ein zusammenfassendes Fazit.

Zu Teil I

Teil I des Buches (überschrieben mit „Kommunale Jugendpolitik: Grundsätze und Strukturen“) ist wesentlich durch die Beiträge der beiden Herausgeber geprägt:

  • Werner Lindner „(Kommunale) Jugendpolitik – ein Zwischenstopp“;
  • Werner Lindner/Winfried Pletzer „Kommunale Jugendpolitik: Anforderungen Qualitätskriterien und Reflexionen“; sowie
  • Winfried Pletzer „Kommunale Jugendpolitik: Rahmenbedingungen, Leitlinien, Gestaltung“.

Beide Autoren heben dabei die fehlende Einheit der Jugendpolitik sowie ihre mangelnde Politikfähigkeit hervor und versuchen einerseits – unter Einbeziehung neuester Literatur zur Entstehung und Wandel von Politikfeldern – Jugendpolitik als neues eigenständiges Politikfeld zu etablieren und andererseits politikwissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse zur Professionalisierung des Politkmachens jugendpolitischer Akteure zu nutzen. Darüber hinaus findet sich ein ausgesprochen informativer Artikel von Reiner Prölß zu den „Anforderungen und Begründungen“ kommunaler Jugendpolitik aus der Sicht eines Sozialpädagogen und berufsmäßigen Stadtrats für Jugend, Familie und Soziales der Stadt Nürnberg.

Etwas aus der Reihe der hier versammelten, sorgfältig argumentierenden Grundlagenartikel fällt der Beitrag von Uwe Lübking (Beigeordneter des Deutschen Städte- und Gemeindebundes) „Kommunale Jugendpolitik im Zusammenspiel der verschiedenen kommunalen Ebenen“. Ohne jeden Bezug auf einschlägige Literatur und ohne Nachweise für aufgestellte Behauptungen ist der Artikel auf die Aufzählung jugendpolitischer Forderungen und Wünschbarkeiten reduziert.

Zu Teil II

Teil II der Arbeit widmet sich den „Gestaltungsebenen“ kommunaler Jugendpolitik, um Rahmenbedingungen und Gestaltungspielräume in diesem Politikbereich auszuloten.

Hier geht es einerseits darum, auf die erheblichen Unterschiede mit Blick auf Inhalte, Institutionen und Prozesse in der Jugendpolitik zwischen „Städten und Großstädten“ (dazu Michael May und Arne Schäfer) und dem „ländlichen Raum“ (Joachim Faulde) aufmerksam zu machen und andererseits Rolle und Funktionen spezifischer Institutionen – wie den Jugendämtern (Bernd Kammmerer) – und Akteure – wie den Jugendringen (Eric van Santen/Liane Pluto/Mike Seckinger) – hervorzuheben.

Zuletzt geht es in dem Beitrag von Stephan Grohs und Renate Reiter darum, „Handlungspielräume und -strategien bei knappen Kassen“ abzustecken. „Dieser Beitrag lotet am Beispiel der Jugendpolitik die vorhandenen Spielräume für eine eigenständig gestaltende Jugendpolitik aus und skizziert anhand konkreter Beispiele Strategien im Umgang mit dem Haushaltsdruck“ (S. 177). Dabei werden insbesondere die „Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements“, die „aktive(.) Nutzung von Fördermitteln“, die „Festlegung kommunalpolitischer Zielprioritäten“ sowie „die Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe auf Prävention“ (S. 183 ff.; Herv. i. O.) diskutiert.

Zu Teil III

Teil III des Buches zielt auf die Professionalisierung jugendpolitischen Handelns.

Hier wird das Problem der „Teilhabe“ in der Jugendpolitik erörtert (Peter-Ulrich Wendt) und werden „Möglichkeiten und Grenzen (des Jugendhilfeausschusses (Anm. GR)) für das jugendpolitische Agieren“ (Sybille Nonninger) aufgezeigt.

Vor allem aber geht es in Teil III darum (politik-)wissenschaftliches Instrumentarium für das Feld der Jugendpolitik fruchtbar zu machen. Hier zeigt Maria Bitzan den möglichen Beitrag der Praxisforschung zur Jugendpolitik auf; erläutert Marco Althaus die „Grundsätze der Politikberatung für die kommunale Jugendlobby“; betrachtet Lars Holtkamp die kommunale Jugendhilfe aus der „Perspektive der Politikfeldanalyse“; untersucht Herbert Schubert die Bedeutung der Netzwerkanalyse und Netzwerkbildung für die kommunale Jugendpolitik; schließlich reflektieren Monika Alisch und Michael May zum „Ertrag der Gemeinwesenarbeit für die kommunale Jugendpolitik“.

Zu Teil IV

Teil IV ist ganz den Fallbeispielen aus der Praxis gewidmet. Hier geht es um die „Tätigkeitsfelder des Jugendbeauftragten in einer Gemeinde“ (Matthias Vierweger), um „Praxisprojekte einer einmischenden Jugendpolitik vor Ort“ (Sarah van Dawen-Agreiter) oder die „Kommunale Jugendpolitik und Jugendarbeit im Landkreis Donau-Ries“ (Günter Katheder-Göllner).

Darüber hinaus findet sich dort eine studentische Fallanalyse zur Rolle der jugendpolitischen Akteure und ihrer Reaktion auf die „Kürzungsdebatte“ im Bereich der Jenaer Jugendpolitik und Jugendarbeit (Nicole Gottschling/Dennis Mohorn).

Vor allem aber wird in den beiden Aufsätzen von Bettina Krüdener und von Rudi Neu/Volker Steinberg/Werner Lindner das in Rheinland-Pfalz von 2013 bis 2015 durchgeführte PEP-Projekt (Praxisentwicklungsprojekt zur Profilierung von Jugendarbeit) dargestellt und reflektiert. Zentrales Anliegen des Projekts war es, „(Jugend-)Politik als aktive Gestaltungsaufgabe von Fachkräften der Jugendarbeit zu verankern“ (Neu/Steinberg/Lindner, S. 355). „Die am PEP-Projekt über die ganze zweijährige Laufzeit mitwirkenden dreizehn sozialpädagogischen Fachkräfte unterschiedlicher Träger hatten die Aufgabe, unter den Bedingungen eines von der Landespolitik initiierten, vom Landesjugendhilfeausschuss ins Leben gerufenen und von der Wissenschaft entwickelten und methodisch-didaktisch angeleiteten Praxisentwicklungsprojekts eigens ausgewählte und vorbereitete Jugendarbeitsvorhaben mittels umfassender fach-, kommunal- und politikwissenschaftlicher Methodenaneignung und konkreter Verfahrensumsetzung (einer Politikfeld-, Netzwerk-, Ressourcenanalyse) in die jugendarbeits-, jugendhilfe- und kommunalpolitischen Strukturen vor Ort zu implementieren. Mit der Projektaufgabe verbunden war das übergeordnete Ziel, Jugendarbeit zu einer noch erfolgreicheren Mitgestalterin der sozialen Kommunalpolitik werden zu lassen und damit einen Beitrag zur weiteren politischen Fundierung der Jugendarbeit zu leisten“ (Krüdener, S. 342).

Diskussion und Fazit

Der Band bietet einen umfassenden Überblick zum Forschungsstand in der Kinder- und Jugendpolitik und referiert eine breite Palette von Analysen und Praxisbeispielen zu den Möglichkeiten politischer Einmischung und Gestaltung in der Kinder und Jugendpolitik auf kommunaler Ebene. Die einzelnen Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität und Reichweite. Teils haben sie das Format von Praxisberichten, teils handelt es sich um theorie- und forschungsbasierte Reflexionen.

Insgesamt wäre ein systematischerer Aufbau des Sammelbandes wünschenswert gewesen. Insbesondere fehlt eine orientierende Einleitung. Dessen ungeachtet ist der Band für Forschende und Lehrende ebenso interessant wie für Praktiker der Kinder- und Jugendpolitik. Wissenschaftlern liefert er einen breiten Überblick zum Forschungsstand und regt dazu an politikwissenschaftliche Theorien, Begriffe und Methoden für das Feld der Jugendpolitik nutzbar zu machen und damit die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Politikberatung (policy advice wie political consulting) zu steigern.

Umgekehrt liefert er Praktikern nicht nur inspirierende Fallbeispiele sondern zeigt vielfältige Möglichkeiten, wie sich das Politikmachen der jugendpolitischen Akteure professionalisieren und damit ihre Politikfähigkeit steigern lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
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Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 26.06.2017 zu: Werner Lindner, Winfried Pletzer (Hrsg.): Kommunale Jugendpolitik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3463-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22279.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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