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Michael Büschken: Soziale Arbeit unter den Bedingungen des „aktivierenden Sozialstaates“

Cover Michael Büschken: Soziale Arbeit unter den Bedingungen des „aktivierenden Sozialstaates“. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-7799-3450-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Mit einem Vorwort von Christoph Butterwegge.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist die Veröffentlichung einer Dissertation, die der Verfasser am Lehrstuhl von Prof. Dr. Butterwegge in Köln vorgelegt hat. Michael Büschken befasst sich darin mit den Folgen des „aktivierenden Sozialstaats“ für die soziale Arbeit. Er selbst arbeitet als Sozialarbeiter im Bereich der Sozialpsychiatrie und ist deshalb in seiner Berufspraxis mit den Folgewirkungen aktivierender Sozialarbeit vertraut. Prof. Butterwegge zeichnet in einem instruktiven Vorwort die zentralen Thesen des Buches nach und es bedarf eigentlich keiner gesonderten Erwähnung, dass sowohl der Verfasser als auch sein Doktorvater die Folgen des aktivierenden Sozialstaats für die soziale Arbeit in einem kritisch zu bewertenden Kontext verorten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich insgesamt in sieben Kapitel.

Kapitel 1 befasst sich mit der Bedeutung des Begriffs aktivierender Sozialstaat und theoretischen Konzepten seiner Herleitung. Hierzu setzt sich der Verfasser mit Milton Friedman und Walter Eucken auseinander. Dies ist der theoretische Hintergrund der Zuordnung des aktivierenden Staates zum Neoliberalismus. Es geht, so Michael Büschken, um eine Politik der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und damit (auch) um die Einschränkung von erreichten sozialen Standards.

Das zweite Kapitel behandelt Sozialpolitik auf den Politikebenen im Mehrebenensystem und versucht eine Präzisierung von Sozialstaatlichkeit unter den Bedingungen der Globalisierung. Diese führt dazu, so der Autor, dass Sozialpolitik auf jene Ziele reduziert wird, die mit marktkonformen Instrumenten erreicht werden können und damit auf jene Instrumente, von denen man sich einen wirtschaftlichen Wert der Sozialpolitik erhofft.

Im dritten Kapitel wird die Europäische Union einer genaueren Betrachtung unterzogen. Michael Büschken skizziert das System sozialer Sicherung auf europäischer Ebene und beschreibt Auswirkungen europäischer Politik auf nationale Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Dies wird insbesondere in der Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse deutlich.

Kapitel 4 wendet den Blick zur Sozialpolitik auf Bundesebene. Das Kapitel liefert eine Zusammenfassung der Voraussetzungen und Folgewirkungen insbesondere der Agenda 2010 und mündet in dem Fazit, dass das zentrale Element der Aktivierungspolitik die Ausweitung flexibler und damit vielfach prekärer Beschäftigungsverhältnisse darstellt.

Kapitel 5 ergänzt die in Kapitel 4 begonnene Analyse um die Betrachtung der Sozialpolitik der Länder und Kommunen. Dies bildet die Schnittstelle zur Befassung mit den Übergängen von Sozialpolitik in soziale Dienstleistungspolitik. Hierzu werden zunächst soziale Dienstleistungen nach dem SGB XII (Sozialhilfe) kursorisch aufgeführt, das Neue Steuerungsmodell mit seinem veränderten Organisationsverständnis beschrieben und der daran anknüpfende Aktivierungsgedanke heraus gearbeitet. Einen eigenen Abschnitt widmet Michael Büschken den Wohlfahrtsverbänden und ihren sozialwirtschaftlichen Modernisierungsprozessen im Rahmen der Politik des New Public Management.

Kapitel 6 macht den Übergang von der Betrachtung der Wohlfahrtsverbände hin zur Sozialen Arbeit. Der Autor beschreibt die Folgen der Einführung von Wettbewerbselementen in den Bereich sozialer Dienste und analysiert die widersprüchlichen Anforderungen an die Sozialarbeit in ihrer Gestalt als Dienstleistung. Dies leitet über zu

Kapitel 7, in dem die Aktivierung von bedürftigen und gefährdeten Menschen im Mittelpunkt steht. Anhand des Praxisfelds der Hilfe für Menschen mit Behinderungen werden die beobachtbaren Modernisierungsprozesse in diesem Handlungsfeld und die Auswirkungen auf fachliche Expertise dargestellt. Michael Büschken kommt zu dem Fazit: „Die „aktivierende“ Soziale Arbeit zielt auf eine Aktivierung der subjektiven Lebensgestaltung und steht nicht mehr für die Ermöglichung der gesellschaftlichen Integration“ (S. 207). Ergänzt wird dieses Beispiel um die Wohnungslosenhilfe bzw. die soziale Arbeit mit wohnungslosen Menschen.

In einem abschließenden Fazit widmet sich der Autor der „Was tun?“ Frage. Dies mündet zunächst in einer kritischen Bilanzierung der Auswirkung aktivierender Strategien auf fachliches Handeln und dem Seufzer, dass die soziale Arbeit „nur wenig Halt in sich“ hat. Michael Büschken plädiert daran anknüpfend für eine parteiliche soziale Arbeit, die die Definition der managerialistischen Rahmenbedingungen ihres Tuns nicht den Unternehmensberatungen überlässt, sondern versucht, ihre eigenen professionellen Standards durchzusetzen – bis hin zur Verweigerung der Mitwirkung an Bedingungen, die dem Klientel mehr schaden als nützen.

Diskussion

Das Buch von Michael Büschken fasst unterschiedliche Entwicklungen im Bereich des Sozialstaats und der sozialen Dienste in den letzten Jahren zusammen und bündelt sie im Begriff des „Aktivierenden Sozialstaats“. Man merkt den Analysen an, dass der Autor seine persönlichen Erfahrungen als Sozialarbeiter beim Schreiben des Buches reflektiert hat und diese auch seine Zugangsweise zum Thema beeinflussen. Dies ist kein Defizit, sondern Ausdruck einer gelungenen Professionalisierung. Wünschenswert wäre, wenn der Autor sein Nachdenken über Sozialstaat und soziale Arbeit etwas grundsätzlicher gestaltet hätte. Die Analyse der polit-ökonomischen Rahmenbedingungen und Widersprüchlichkeiten „helfenden“ Handelns in kapitalistischen Gesellschaften geraten zu kurz. Auch die Verortung der beschriebenen Entwicklungen in einem „neoliberalen“ Kontext überzeugt nicht.

Fazit

Trotz der genannten Einschränkungen liefert das Buch einen guten Überblick über die Verwerfungen, denen die Soziale Arbeit in den vergangenen Jahren ausgesetzt war, und deren sozialstaatliche Grundlagen. Für Studierende und Lehrende ist dies eine empfehlenswerte Lektüre, weil sie den üblich gewordenen normativen und idealisierenden Vorstellungen über die „Menschenrechtsprofession“ nicht folgt, dabei aber nicht zynisch für mehr Sozialmanagement, sondern für mehr sozialpolitische Aufmerksamkeit plädiert.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 03.02.2017 zu: Michael Büschken: Soziale Arbeit unter den Bedingungen des „aktivierenden Sozialstaates“. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3450-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22280.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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