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Oliver Dick: Sozialpädagogik im „Übergangssystem“

Cover Oliver Dick: Sozialpädagogik im „Übergangssystem“. Implizite Wissens- und Handlungsstrukturen von sozialpädagogischen Fachkräften in einem arbeitsmarktpolitisch dominierten Arbeitsfeld. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-3612-1. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Es gibt eine große, sogar von Fachleuten kaum noch überschaubare Vielzahl und Vielfalt unterschiedlicher teilqualifizierender Angebote bzw. Maßnahmen im Übergangsbereich zwischen Schule und Berufsausbildung. Dort sollen ausbildungsinteressierte junge Menschen auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden, die keinen Ausbildungsplatz in einem Betrieb oder anderweitig gefunden haben. Bei manchen von ihnen geht es auch nur um eine Vorbereitung auf Erwerbsarbeit, sofern für sie aus unterschiedlichen Gründen, dies sind oftmals auch fehlende betriebliche Ausbildungsplätze in der Region, keine Berufsausbildung in Betracht kommt. Die Angebote sind vor allem in den letzten 20 Jahren so zahlreich und vielfältig geworden, dass sie zusammenfassend als ‚Förderdschungel‘ bezeichnet werden. Deshalb ist in der Fachdebatte auch strittig, ob angesichts fehlender Systematik überhaupt noch von einem „Übergangssystem“ gesprochen werden kann. Dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass Oliver Dick diese Bezeichnung im Titel seiner Publikation besonders markiert hat.

Im Durchschnitt besuchen die TeilnehmerInnen Maßnahmen im Übergangsbereich 18 Monate lang. In dieser Zeit können sie lediglich ihren Schulabschluss verbessern und einzelne Teilqualifikationen vorbereitend zu einer Berufsausbildung erwerben, einen anerkannten Berufsabschluss erhalten sie jedoch nicht. Deshalb bedeutet für viele von ihnen der Maßnahmenbesuch eher eine „Warteschleife“ als „Chancenverbesserung“, wie vorliegende Forschungsarbeiten zeigen. Ein Großteil dieser Untersuchungen ist quantitativ angelegt und konzentriert sich auf statistisch erhobene Vermittlungsergebnisse in eine Berufsausbildung oder Erwerbsarbeit sowie den erfolgreichen Erwerb eines höheren Schulabschlusses. In anderen Studien wurden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu ihrem Nutzen befragt, den sie für sich aus ihrem Maßnahmenbesuch ziehen konnten. Wieder andere haben die jugendlichen TeilnehmerInnen zu ihren Erfahrungen in den Angeboten interviewt. Im Gegensatz dazu sind professionstheoretische Forschungen zu den Fachkräften Sozialer Arbeit, die in diesen teilqualifizierenden Angeboten tätig sind, kaum vorhanden. Deshalb habe ich mich sehr über die von Oliver Dick vorgelegte Studie gefreut, in der er auf professionstheoretischer Basis Sozialer Arbeit „implizite Wissens- und Handlungsstrukturen von sozialpädagogischen Fachkräften in einem arbeitsmarktpolitisch dominierten Arbeitsfeld“ (Titel) mittels rekonstruktiver Sozialforschung und dokumentarischer Methode von Bohnsack untersucht hat.

Autor

Oliver Dick ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. (ism). Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich von Arbeitsmarktpolitik sowie Qualitätsentwicklung und -testierung in pädagogischen und sozialen Einrichtungen.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die Dissertationsschrift von Oliver Dick, seine Promotion hat er im Dezember 2015 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz abgeschlossen.

Aufbau und Inhalt

Die insgesamt 273 Textseiten umfassende Publikation von Oliver Dick ist in sechs Kapitel gegliedert:

1. „Einleitung und Problemaufriss“. Oliver Dick eröffnet seine Einleitung mit einem kurzen Hinweis zu seinem Forschungsfeld „Fit für den Job“, einem arbeitsmarktpolitischen Angebot im Übergangsbereich Schule-Beruf in Rheinland-Pfalz, das zu 100 Prozent aus Landesmitteln und jenen des Europäischen Sozialfonds gefördert wird (S. 96). Es wird also nicht aus den Sozialgesetzbüchern (SGB) II oder III finanziert, was insofern bedeutsam ist, als die jugendlichen TeilnehmerInnen erstens als so benachteiligt bzw. stark förderbedürftig gelten, dass sie nicht für eine reguläre Berufsausbildungsvorbereitung nach dem SGB III infrage kommen. Zweitens sind sie keinen Sanktionsandrohungen nach dem SGB II ausgesetzt, falls sie den Vorgaben des Jobcenters nicht folgen, so dass sie für sich auch andere Wege wählen können (S. 239 ff.). Die als „Jugendliche mit besonderem Förderbedarf“ (ebd.) markierte Zielgruppe von „Fit für den Job“ soll im Projekt auf eine Berufsausbildung oder Erwerbsarbeit vorbereitet werden. Einleitend kontextualisiert Oliver Dick dieses und andere Projekte im Übergangssektor vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Exklusion derjenigen, denen der Zugang zu Erwerbsarbeit dauerhaft nicht gelingt. Umso mehr wird den Projekten abverlangt, die Jugendlichen in eine Berufsausbildung oder Erwerbsarbeit zu vermitteln. Vernachlässigt werden dabei jedoch Prognosen wie die des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), in denen von einer „drohenden Massenarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Fachkräftemangel“ (S. 8) ausgegangen wird. Vor diesem Hintergrund problematisiert Oliver Dick den strukturellen Widerspruch, der grundlegend in arbeitsmarktpolitische Projekte wie „Fit für den Job“ eingelassen ist: Im Sinne einer einseitigen Arbeitsmarktorientierung sollen die Fachkräfte Sozialer Arbeit um jeden Preis dafür sorgen, dass die Jugendlichen eine Berufsausbildung oder Erwerbsarbeit aufnehmen, obwohl in vielen Regionen entsprechende Ausbildungs- oder Arbeitsplätze fehlen. Darauf hat Michael Galuske schon 1993 mit seiner häufig zitierten Bezeichnung „Orientierungsdilemma“ hingewiesen. Daran knüpft Oliver Dick mit seinem Ziel an zu untersuchen, „wie Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in der Praxis mit diesen strukturellen Widersprüchen umgehen, welche Haltungen sie einnehmen und welche Handlungsstrategien sie entwickeln“ (S. 10 f.).

2. „Das Übergangssystem als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen – Stand der Forschung“. Im 2. Kapitel gibt Oliver Dick einen gut strukturierten Überblick zu den zum Übergangsbereich Schule-Beruf vorliegenden Forschungsarbeiten. Zusammenfassend kommt er zu dem Schluss, dass zum einen „die Frage der sozialpädagogischen Professionalität in diesem Handlungsfeld bislang noch relativ wenig erforscht ist“ (S. 36). Zum anderen vermisst er in den Untersuchungen die systematische Anbindung an die Theoriediskussion in der Sozialen Arbeit. An sein Untersuchungsinteresse anknüpfend, das sich auf die Frage richtet, wie sozialpädagogische Fachkräfte mit dem strukturellen Widerspruch in den Maßnahmen umgehen, die TeilnehmerInnen trotz fehlender Ausbildungs- und Arbeitsplätze vermitteln zu müssen, knüpft er abschließend zu diesem Kapitel an das Professionsverständnis von Fritz Schütze an, für den sich Soziale Arbeit durch „Paradoxien des professionellen Handelns“ (S. 37) auszeichnet.

3. „Explikation des theoretischen Bezugsrahmens“. Mit seinem Anspruch, seine professionstheoretische Studie im Projekt „Fit für den Job“ an die Theoriediskussion Sozialer Arbeit anzubinden, stützt sich Oliver Dick vor allem auf die folgenden sozialpädagogische Theorieansätze: Besonders mit Bezügen zum subjekttheoretischen Verständnis Sozialer Arbeit von Michael Winkler, ergänzt mit der bewältigungstheoretischen Konzeption von Lothar Böhnisch und dem Verständnis reflexiver Professionalisierung von Bernd Dewe und Hans-Uwe Otto präzisiert er ein heuristisches Reflexionsmodell, das insgesamt sechs Gegensätze beinhaltet, die sich auf den professionellen Maßstab für sozialpädagogisches Handeln auf der einen und externe Ansprüche daran auf der anderen Seite beziehen (S. 77). Diese sechs Gegensätze, die für ihn grundlegend sozialpädagogisches Handeln bestimmen, bezeichnet er mit Fritz Schütze und Michael May auch als Paradoxien, mit denen sozialpädagogische Fachkräfte umgehen müssen. Aufgrund seines handlungstheoretischen Zugangs fasst er Sozialpädagogik in den Maßnahmen im Übergangssektor nicht berufsbezogen in dem Sinne, dass dort SozialpädagogInnen mit einem entsprechenden Berufsabschluss tätig sind. Ihm geht es in seiner Studie vielmehr mit Michael May um „die Reflexivität und Qualität der Bearbeitung […] nicht aufzulösender Paradoxien in sozialen Dienstleistungsberufen“ (S. 79) und damit um diejenigen, die für die sozialpädagogische Begleitung zuständig sind und in diesem Rahmen entsprechende Aufgaben übernehmen (Fußn. 11, S. 96).

4. „Methodischer Zugang und Forschungsdesign“. In seinem 4. Kapitel begründet Oliver Dick die rekonstruktive Sozialforschung sowie die dokumentarische Methode als seine methodologischen Grundlagen. Auf dieser Basis hat er in jedem der zwölf Projekte von „Fit für den Job“ eine leitfadengestützte Gruppendiskussion mit den in der sozialpädagogischen Begleitung tätigen Fachkräften geführt. Diese Gruppendiskussionen waren als ExpertInneninterviews angelegt, um im Sinne der dokumentarischen Methode von Rolf Bohnsack sowohl Zugang zum kommunikativen als auch konjunktivem Wissen zu gelangen. Mit der dokumentarischen Methode hat Oliver Dick auch sein empirisches Material ausgewertet.

5. „Sozialpädagogische Professionalität in der Praxis des Übergangssystems“. Im 5. Kapitel, das mit seinen weit über 100 Seiten das umfangreichste ist, hat Oliver Dick die zentralen Aussagen seiner Befragten zur sozialpädagogischen Professionalität in den Projekten „Fit für den Job“ entlang folgender drei Fragen zusammengestellt: (1) „Wie stellen die Interviewpartner den Ablauf und die Zielsetzungen des Projektes dar?“, (2) „Wie beschreiben sie die Situation der Jugendlichen“ und (3) „Worin sehen sie zentrale Hilfestellungen des Projektes und welche Rolle messen sie der Sozialpädagogik innerhalb des Projektes zu?“ (S. 97). Systematisiert nach diesen drei Fragen stehen viele und gleichermaßen umfangreiche Direktzitate aus den Gruppendiskussionen im Mittelpunkt dieses Kapitels. Das auf diese Weise präsentierte empirische Material bildet die Basis für die abschließend zu diesem Kapitel folgenden Rekonstruktionen der professionellen Handlungsorientierungen bzw. Orientierungsrahmen der in der sozialpädagogischen Begleitung tätigen Fachkräfte. Als Ergebnis seiner sinngenetischen Typenbildung im Verständnis der dokumentarischen Methode arbeitet Oliver Dick zwei Orientierungsrahmen heraus (S. 212 ff.) und zwar den institutionalistischen und den subjektorientierten Orientierungsrahmen. „Der institutionalistische Orientierungsrahmen“ (S. 212) zeichnet sich dadurch aus, dass die ihm zuzuordnenden Fachkräfte ihr sozialpädagogisches Handeln an den institutionellen Vorgaben ausrichten. Der arbeitsmarktorientierten Logik entsprechend reflektieren sie alle Aktivitäten mit den Jugendlichen im Hinblick darauf, inwieweit sie deren Integration in Ausbildung oder Erwerbsarbeit fördern oder beeinträchtigen. Im Gegensatz dazu sind für das sozialpädagogische Handeln der Fachkräfte, für die Oliver Dick den „subjektorientierten Orientierungsrahmen“ (S. 216) rekonstruiert hat, die Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen maßgebend und handlungsleitend und dies entweder situativ oder reflexiv. Obwohl auch innerhalb des „subjektorientierten Orientierungsrahmens“ (S. 219) die institutionellen Vorgaben nicht grundsätzlich infrage gestellt werden, so lehnen die Fachkräfte, die die „situative Variante“ (ebd.) verfolgen, bestimmte Programmvorgaben ab, sofern sie der „Vertrauensbeziehung zwischen den Pädagogen und den Jugendlichen“ (ebd.) entgegen stehen. „Die reflexive Variante“ (S. 220) hingegen weist die Fachkräfte aus, für die der „pädagogische Bezug eine zentrale Bedeutung“ (ebd.) hat und dies nicht nur situativ, sondern durchgängig. So sind auch die Berufswünsche der Jugendlichen und nicht die institutionellen Vorgaben leitend für die sozialpädagogischen Förderprozesse.

6. „Theoretische und soziogenetische Diskussion der empirischen Ergebnisse“. Im 6. und abschließenden Kapitel theoretisiert Oliver Dick seine empirischen Befunde auf der Basis seines im 3. Kapitel entwickelten heuristischen Reflexionsmodells. Entlang der dort enthaltenen sechs Gegensätze bzw. Spannungsfelder zwischen professionellen Standards für und institutionellen Anforderungen an sozialpädagogisches Handeln diskutiert er seine Forschungsergebnisse. Dabei arbeitet er heraus, dass der Umgang mit den einzelnen Paradoxien stark vom jeweiligen Orientierungsrahmen der in der sozialpädagogischen Begleitung tätigen Fachkräfte beeinflusst ist. Im Ergebnis kommt er zu dem Schluss, dass auf der Folie seines Reflexionsmodells „letztlich nur der subjektorientierte Typus als sozialpädagogisch bezeichnet werden kann“ (S. 225). Obwohl sein empirisches Material keine soziogenetische Typenbildung im Sinne der dokumentarischen Methode zulässt, unternimmt Oliver Dick dennoch den Versuch, die beiden Handlungsorientierungen unter drei ausgewählten sozialstrukturellen Aspekten zu reflektieren: Erstens diskutiert er sie vor dem Hintergrund der aktuellen politisch-programmatischen Rahmenbedingungen. Für diese ist besonders kennzeichnend, dass die meisten Maßnahmen im Übergangsbereich Schule-Beruf nicht mehr aus der Kinder- und Jugendhilfe, also dem SGB VIII, sondern, wie schon hier einführend erwähnt, aus dem SGB II und III finanziert werden. Damit verbunden ist eine einseitige Arbeitsmarktorientierung und der Einzug der Sanktionspraxis des ‚Förderns und Forderns‘ in die Förderangebote für junge Menschen. Diese beiden strukturellen Bedingungen begünstigen eine institutionalistische Orientierung. Zweitens zeigt er auf, dass eine institutionalistische Orientierung auch durch Veränderungen der Trägerorganisationen gestärkt wird. Schließlich spielen drittens auch die individuellen Voraussetzungen der in der sozialpädagogischen Begleitung tätigen Fachkräfte eine Rolle. Denn unter den gegebenen Bedingungen der Ausschreibungspraxis der Jobcenter und Arbeitsverwaltung, in der die Bildungsträger den Zuschlag erhalten, die das preiswerteste Angebot machen, können oftmals nur noch BerufsanfängerInnen eingestellt werden. Außerdem werden die Maßnahmen zumeist lediglich für eine bestimmte Laufzeit vergeben, so dass auch die Arbeitsverträge befristet sind. In der Praxis führen diese strukturellen Bedingungen zu hoher Personalfluktuation, was eher die institutionalistische Handlungsorientierung begünstigt, weil den Fachkräften für die subjektorientierte oftmals die dazu notwendige Sicherheit im eigenen Handeln fehlt. Abschließend formuliert Oliver Dick „Perspektiven einer reflexiven Professionalisierung der Sozialpädagogik im Übergangssystem“ (S. 251), wobei er sich wiederum auf die drei Ebenen, also jene der sozialpolitischen Programmatik, der Trägerorganisationen sowie der individuellen Voraussetzungen der Fachkräfte bezieht.

Diskussion

Aus meiner Sicht ist die Studie von Oliver Dick aus drei Gründen lesenswert:

  • Erstens präzisiert er mit seinem heuristischen Reflexionsmodell ein meines Erachtens beachtenswertes Verständnis sozialpädagogischer Professionalität für die Maßnahmen des Übergangsbereichs, das auf vorhandenen Theorieansätzen zur Sozialen Arbeit basiert.

  • Zweitens füllt er mit seiner empirischen Studie eine Forschungslücke, die bisher zur Professionalisierung sozialpädagogischer Arbeit im Übergangssektor herrschte.

  • Drittens bieten sowohl seine theoretischen als auch empirischen Forschungsergebnisse vielfältige Anlässe für in der Praxis tätige Fachkräfte, sich selbst ihrer sozialpädagogischen Arbeit und Haltungen zu vergewissern.

Überrascht hat mich allerdings, dass Oliver Dick nur zwei Handlungsorientierungen rekonstruiert hat, weil sich für mich sozialpädagogische Praxis vielschichtiger als nur in zwei so klaren Gegensätzen darstellt, auch wenn die subjektorientierte Haltung noch weiter in eine situative und reflexive Variante differenziert ist. Diese Dichotomisierung mag durch das heuristische Reflexionsmodell begünstigt worden sein, das sechs Spannungsfelder als „Grundbestimmungen sozialpädagogischen Handelns“ (S. 77) enthält, in denen professionelle Maßstäbe Sozialer Arbeit externen Ansprüchen gegenüber gestellt werden.

Des Weiteren hat mich aus einer fach- und berufspolitischen Perspektive deutlich irritiert, dass Oliver Dick den Berufsabschlüssen der in der sozialpädagogischen Begleitung tätigen Fachkräfte keinerlei Bedeutung beimisst. Stattdessen ist für ihn entscheidend, dass die von ihm so bezeichneten „Fachkräfte“ in diesem Rahmen Aufgaben übernommen haben. Schon 1998 problematisierte Michael Galuske, dass Soziale Arbeit häufig von Fachfremden mit „Laienhilfe“ gleichgesetzt werde. Denn aus deren Sicht werde für die Bewältigung von Problemen alltäglicher Lebensführung kein spezifisches Wissen und Können benötigt. So gesehen wird dann auch der Nachweis bzw. die Dokumentation einer entsprechenden Expertise in einem Berufsabschluss überflüssig. In dieser kritischen Lesart leistet für mich Oliver Dick der grundsätzlichen Infragestellung sozialpädagogischer Professionalität bzw. Expertise Vorschub, denn in der sozialpädagogischen Begleitung im Übergangsbereich kann so gesehen jede und jeder tätig werden und bedarf dazu keiner besonderen Ausbildung.

Fazit

Trotz meiner beiden kritischen Hinweise überwiegen für mich die drei oben genannten Gründe, die die Studie von Oliver Dick lesenswert machen. Deshalb empfehle ich die Publikation allen Fach- und Leitungskräften sowie WeiterbildnerInnen, Forschenden und Lehrenden, die im Feld der sozialpädagogischen Begleitung in arbeitsmarktpolitisch dominierten Maßnahmen des Übergangsbereichs auf die eine oder andere Weise tätig sind. Dabei teile ich ausdrücklich die Auffassung von Oliver Dick: „So sind die wesentlichen Adressaten … die sozialpädagogischen Fachkräfte in der Praxis des Übergangssystems, welchen auf diese Weise ein Zugang zu den für sie unbewusst handlungsleitenden Werten und Einstellungen ermöglicht werden soll mit dem Ziel, die Grundlagen des eigenen professionellen Handelns zu reflektieren und zu überprüfen“ (S. 95).


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 31.03.2017 zu: Oliver Dick: Sozialpädagogik im „Übergangssystem“. Implizite Wissens- und Handlungsstrukturen von sozialpädagogischen Fachkräften in einem arbeitsmarktpolitisch dominierten Arbeitsfeld. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3612-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22281.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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