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Daniela Reimer: Normalitäts­konstruktionen in Biografien ehemaliger Pflegekinder

Cover Daniela Reimer: Normalitätskonstruktionen in Biografien ehemaliger Pflegekinder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 408 Seiten. ISBN 978-3-7799-3495-0. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Dissertation von Frau Reimer, die im Kontext der Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen entstanden ist. Zugleich ist das Buch der Auftakt einer neuen Publikationsreihe des Beltz-Juventa-Verlags mit dem Ziel, unter der Herausgeberschaft von Klaus Wolf Schriften zu publizieren, bisherige Theoriedesiderate zu füllen, Anknüpfung des Pflegekinderwesens an existierende Diskurse bzw. auch die Initiierung neuer theoretischer Impulse.

Thema

Die zentrale Fragestellung ergibt sich aus dem Titel: was heißt Normalität für Menschen, die (meistens aufgrund widriger Umstände) außerhalb der Herkunftsfamilie aufwachsen mussten und auch in diesem Kontext diverse Irritationen und Belastungen erfahren haben?

Aufbau und Inhalt

Da der Lebensort jenseits der Herkunftsfamilie, in diesem Fall verschiedene Pflegefamilien sind, ist das 2. Kapitel eine Übersicht über den Forschungsstand Pflegekinderhilfe: von kulturhistorischen Aspekten über rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen, den beteiligten Akteuren der Pflegekinderhilfe (Pflegekinder, Pflegefamilie und Herkunftsfamilie) hin zu den Sozialen Diensten. Schon beim Titel des Buches „stolpert“ ein sozialpädagogisch gebildeter Leser über den Begriff der Normalität, wenngleich die Zusatzkonstruktion schon darauf hinweist, dass es Normalitäten gibt und diese quasi nicht von selbst evolutionär entstehen. Gleichwohl bedarf Normalität einer theoretischen Fundierung, weil sich die Soziale Arbeit eigentlich lieber an Differenzierungen orientiert: Lebenswelten (von Adressaten/Klienten), Diversity, Capabilities, Resonanzen etc., um nur einige aktuelle Schlagworte zu nennen.

Der Frage der Normalität widmet sich das 3. Kapitel. Frau Reimer geht der Frage historisch nach und zeigt einen Abriss des Normalitätsdiskurses von Comte bis Foucault auf. Ihre folgenden (zentralen) theoretischen Ausführungen stützen sich auf eine Arbeit von Jürgen Link, der zu Normalität im Rahmen eines DFG-Projektes geforscht hat. Zwei Aspekte sind für die Forschungsfrage des Buches dabei von besonderer Relevanz:

  1. die protonormalistische Strategie bezeichnet einen äußeren Druck zur Konformität, „entsprechend ist die protonormalistische Strategie nahe an der von Foucault beschriebene Disziplinarmacht“ (S. 81).
  2. Konträr dazu steht die flexibelnormalistische Strategie, wonach Normalität eher dehnbar und flexibel ist. Zwischen diesen Polen bewegen sich Individuen mit ihren Biographien, daher ist „Normalität [eine] gesellschaftlich vermittelte Kategorie, die ihr Spannungsfeld aus dem Dualismus von Norm und statischer Größe bezieht, und gleichzeitig als Aufgabe der Individuen“ (S. 85).

Zu Normalität gehört auch eine Identität, mit der sich das Individuum seine Lebenswelt und- weise und damit ihm eigene Normalität erschließt, was die Verfasserin ebenso thematisiert. Identität ist bekanntlich kein Zustand, sondern ein prozesshaftes Geschehen abhängig von diversen Faktoren wie z.B. Lebensalter und -phasen, weshalb die Verfasserin noch Normalitätsvorstellungen in Bezug auf Alter und Geschlecht diskutiert. Das Kapitel endet mit der Empfehlung, die Arbeit von Jürgen Link viel stärker für die Sozialpädagogik zu rezipieren, was bislang kaum erfolgt ist.

Das 4. Kapitel befasst sich mit der Explikation der Forschungsfrage: Normalitätskonstruktionen und Normalitätsbalancen. Sowohl Pflegefamilien wie Pflegekinder bewegen sich dabei zwischen den Polen des Erwarteten (protonormale Strategie) wie der Ungewöhnlichen (flexibelnormale Strategie) und entwickeln dazu Mechanismen, um in dieser Polarität zu bestehen. Dazu führt die Verfasserin den Taktikbegriff ein (nach de Certeau 1988), „der zwischen den Begriffen Strategie und Taktik unterscheidet und beiden eine je individuelle Rolle ‚zuweist‘“ (S. 132). Taktiken werden zur Balancierung von Normalität kreativ genutzt (vgl. S. 138).

Kapitel 5 beschreibt die Forschungsmethodologie, die -verkürzt- im Wesentlichen auf biographischen Interviews beruht.

Ab Kapitel 6 erfolgt der eigentliche empirische Forschungsprozess, in dem anhand von sechs Interviews Biographien, Lebensverläufe und daraus resultierende Normalitätskonstruktionen und -balancen herausgearbeitet werden. Dabei greift die Verfasserin auf ihre zuvor erarbeiteten theoretischen Items zurück und entwirft zum Schluss für die jeweilige Person eine Grafik über die individuelle Normalitätskonstruktion und -balance. Die Auswahl der interviewten Menschen spiegelt in etwa das Spektrum des Pflegekinderwesens wider: verschiedene Jugendhilfeerfahrungen (z. B. bewusstes Entscheiden für eine Pflegefamilie, aber auch plötzliche Herausnahmen aus der Herkunftsfamilie), verschiedene Altersgruppen, verschiedene Pflegefamilienkonstellationen (andere Pflegekinder, leibliche Kinder), gelingende Beziehungen, ausgehaltenes Miteinander bis zu Abbrüchen. Bei allen Biographien wird trotz der (notwendigen) Verdichtung deutlich, dass es diverse Irritationen und auch Brüche gab, an denen z. T. leider auch die Instanz, die eigentlich für das Wohl des Kindes amtlich zuständig ist, nämlich Jugendämter, nicht ganz unschuldig ist.

Im 7. Kapitel entwirft die Verfasserin auf der Grundlage der Interviewauswertungen ein theoretisches Modell von Normalitätskonstruktionen und Normalitätsbalancen. Dazu ordnet sie die Interviews aufgrund der herausgearbeiteten Items in Skalen ein: normal – unnormal, proto – versus flexibelnormalistische Orientierung, Abgrenzung, Zugehörigkeit, Eindeutigkeit versus Vielschichtigkeit, Reflexion, Stigmamanagement und Kompensation. Das ergänzt sie, indem sie noch Taktiken heranzieht und arbeitet die Interdependenzen von Taktik und Dimensionen heraus. Das Modell bietet so in der Retrospektive vielfältige Anknüpfungspunkte für das Verstehen: „einen neuen Blick auf Pflegekinder und ehemalige Pflegekinder zu entwickeln, der wegweist von einer tendenziell pathologischen Betrachtung und der generellen Zuschreibung fehlender Normalität aufgrund des Aufwachsens als Pflegekind, und damit einhergehend einer beschädigten Identität, hin zu einem differenzierten Verhältnis der Identität und des Agierens von Pflegekindern als zentrale Akteure und Gestalter ihres Lebens sowie ihrer Normalität“ (S. 377).

Ergänzend zu ihren Auswertungen entwirft sie im Kapitel 8 vier Typen von Normalitätskonstruktionen und -balancen bei ehemaligen Pflegekindern, wobei sie meint, dass diese Idealtypen tatsächlich so auftreten können wie aber auch Mischtypen entstehen können.

Kapitel 9 entwirft einen Ausblick auf zukünftige Forschungsnotwendigkeiten: auf die Pflegekinderforschung, auf die sozialpädagogische Forschung und auf die Normalismusforschung. Die Arbeit schließt mit einem Verweis auf die Pflegekinderpraxis, der besagt, dass sich keine direkten Implikationen aus der Arbeit ableiten lassen, wohl aber Haltungen überdacht werden können, denn Haltungen sind das wichtigste Gerüst, damit Pflegekinder zu gelingenden Normalitätskonstruktionen und -balancen finden.

Diskussion

Das Buch hat mindestens zwei Selbstansprüche, die es auch einlöst: zum einen eine theoretische Fundierung des Pflegekinderbereichs, der -bis auf Bindungsforschung- eher von einem Theoriedesiderat gekennzeichnet ist, und zum anderen einen Impuls für die Theoriediskussion der Sozialpädagogik unter Rückgriff eines zwar von Klaus Mollenhauer formulierten, aber von ihm nicht beschriebenen Begriff von Normalität. Was das Buch nicht leistet, ist eine Einordnung von Normalität in den bisherigen Theoriekontext von Sozialpädagogik:

  • Ist Lebenswelt eine Ausformulierung des jeweiligen Normalitätskonstruktes?
  • Wie verhält sich der Capability Approach zur Normalität?
  • Lassen sich aus Normalität Kriterien für evidenzbasierte Soziale Arbeit ableiten?

Das war auch nicht Aufgabe des Buches, aber ein Verweis auf mögliche (Un-)Zusammenhänge wäre auch angebracht gewesen. Gleichwohl ist zu hoffen, dass die Impulse zur Theoriedebatte aufgegriffen und fortgeführt werden, denn sie sind gut ausgewählt und argumentiert. In Zeiten familialer Wandlungen und gesellschaftlicher Erosionsprozesse stellt sich die Frage nach Normalität ganz besonders und explizit. Hinsichtlich des Pflegekinderwesens ist es insofern schwierig, als bisher kaum theoretische Fundierungen vorliegen und die meisten Publikationen sehr auf die Praxis hinsichtlich Bewältigung und Durchführung ausgerichtet sind.

Fazit

Eigentlich müssten alle Mitarbeitenden in Jugendämtern diese sehr spannende, gut gemachte Untersuchung lesen und sich einmal mehr verdeutlichen, was Pflegekinderwesen für Kinder und Jugendliche bedeuten kann und wie dieses in vielfältiger und unterschiedlicher Weise für das Leben formt. Aus der eigenen langjährigen Erfahrung als Pflegevater und der Theorie nicht ganz abhold, muss ich aber leider sagen, dass meistens nicht einmal Publikationen zu Bindungsforschung in Jugendämtern gelesen werden, geschweige denn diskutiert oder reflektiert für das berufliche Handeln eingesetzt werden. Das ändert nichts an dem guten Buch und seinen Implikationen, bleibt aber zu befürchten, dass sich wohl nur wenige Fachleute damit befassen werden. Insofern die Anregung an Frau Reimer, ob sich Inhalte des Buches nicht doch als Fortbildung konzipieren lassen, damit die guten Ergebnisse nicht auf einer akademischen Ebene verbleiben. Für sozialpädagogische Studiengänge mit dem Inhalt Kinder- und Jugendhilfe muss das Buch zur Pflichtlektüre werden.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 23.03.2017 zu: Daniela Reimer: Normalitätskonstruktionen in Biografien ehemaliger Pflegekinder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3495-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22283.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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