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Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt?

Cover Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus. Albrecht Knaus Verlag (München) 2016. 679 Seiten. ISBN 978-3-8135-0736-2. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Geld als Waffe – Dem anonymen Kapital ein Gesicht geben

„Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!“. Diesen Seufzer legt Johann Wolfgang von Goethe der Margarete in „Faust. Der Tragödie erster Teil“ in den Mund. In der Schauspielinszenierung sitzt die arme Maid meist nachdenklich, traurig und hilflos in der Ecke; und man könnte Erbarmen mit ihr haben! Immer wieder haben Menschen, mächtig und ohnmächtig, begehrend und verwehrend, triumphierend und hoffnungslos danach gefragt, ob Geld und Besitz die Quelle allen Glücks oder Unglücks sei (Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht? 22. 11. 2013, www.socialnet.de/materialien/168.php). Philosophen, Anthropologen, Soziologen, Psychologen, Ökonomen, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Menschen wie du und ich haben dem Phänomen nachgespürt und danach gefragt, warum eigentlich der anthrôpos, der mit Vernunft ausgestattete Mensch es zulassen kann, „dass es für Reichtum und Besitz keinerlei Grenzen zu geben scheint“. Diese (verzweifelte?) Feststellung traf bereits der antike griechische Philosoph Aristoteles vor fast zweieinhalbtausend Jahren, als er erklärte, dass die Menschen die ursprüngliche und naturgemäße Form des Wirtschaftens und Ernährens, den Tauschhandel, bei dem man so viel tauschte, wie man zum Leben benötigte, aufgaben, um das Geld einzuführen. Das unbegrenzte Streben nach Geld sei nicht naturgemäß, sondern unmäßig (Rolf Geiger, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 376f).

In der (zunehmenden) Kapitalismuskritik kommt zum Ausdruck, dass die Gier nach Geld, Reichtum und Besitz das Antlitz der Menschheit beschmutzt und deshalb menschenunwürdig und unmenschlich ist. Wie kann es also sein, dass das Streben nach Immer-Mehr sich weltweit so sehr durchgesetzt hat, dass es zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung keine Alternative zu geben scheint? Als die Statistiker sich daran machten, eine Aufstellung der reichsten Menschen in der Welt zu veröffentlichen, legten sie fest, darin nur die Multimilliardäre aufzuführen, weil sonst die Liste viel zu lange geworden wäre. Als Gag fügten sie dabei die Information hinzu, dass einer der Superreichen, den sie im oberen Drittel der Liste platziert haben, in einer Stunde rund drei Millionen US-Dollar verdiene. Im gleichen Zeitraum publizieren kritische Einrichtungen, dass von Jahr zu Jahr die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, und zwar sowohl lokal als auch global. Anlässlich des Weltwirtschaftsforums 2017 hat die internationale NGO Oxfam die Schlagzeile herausgebracht, dass 85 Superreiche mehr Vermögen besitzen als die halbe Menschheit und acht Menschen so reich wären wie 3,6 Milliarden Menschen zusammen genommen. Darf man diese perverse Situation einfach so hinnehmen?

Eine weitere Feststellung: Vor fast einem halben Jahrhundert hat der Club of Rome in aufsehenerregenden Prognosen die Menschen schockiert, dass das Ende des wirtschaftlichen Wachstums erreicht und die Menschheit aufgefordert sei, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, weg vom „business as usual“ und hin zum „sustainable development“, einer tragfähigen, nachhaltigen Entwicklung. Eine Umkehr des homo oeconomicus hin zum homo empathicus und zum wahren Menschsein ist notwendig, soll eine humane Existenz der Menschheit in der Zukunft gewährleistet sein. Die mit diesem Ziel von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat 1995 die Antwort darauf gegeben: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18).

Entstehungshintergrund und Autor

Wunsch und Wirklichkeit klaffen aber, das sehen wir tagtäglich im lokalen und globalen Denken und Handeln der Menschen, auseinander. Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist längst weltweit zu einem unverzichtbaren Lebensmodell für diejenigen geworden, die die Kapital- und Finanzmacht besitzen, und für die Loser zur Hölle geworden. Die Argumentations-, Überzeugungs- und Verteidigungsstrategien der Kapitalisten basieren darauf, dass Kapitalismus ein Versprechen sei, dass, weil einige vermögender sind als andere, von deren Reichtum auch etwas für die Habenichtse abfällt. Was für eine zynische und inhumane Einstellung! Die einzig richtige Antwort darauf gibt Bertolt Brecht: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“. Es ist die soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, die Maßstab für eine humane und demokratische Gesellschaft sein sollte!

Es ist der weltumspannende Finanzkapitalismus, der die Welt beherrscht. Er basiert längst nicht mehr nur auf der naiven Betrachtung, dass es die Unersättlichkeit und Gier von Einzelnen sei, die nach einem Immer-Mehr dränge, sondern sie funktioniert in einem Netzwerk der Macht: „Dieser über Finanzmärkte gesteuerte Neokapitalismus spiegelt einen geostrategischen Wettbewerb, bei dem Geld den Charakter einer Waffe bekommen hat“. Um die Hintergründe und Strukturen dieser Wirtschafts- und politischen Macht zu verstehen, legt der Volkswirt und Wirtschaftsjournalist Hans-Jürgen Jakobs ein umfangreiches Buch vor, in dem er fragt:

  • „Wer sind die Protagonisten dieser weltweiten Auseinandersetzung um Märkte, Rohstoffe, Firmen?“
  • „Welche Ziele verfolgen sie?“
  • „Wie transparent agieren sie?“
  • „Wie stabil ist dieses System?“
  • „Wie sehr kann es Krisen abfedern?“
  • „Oder verstärkt es Ausschläge nach Oben und Unten?“
  • „Vergrößert es am Ende die Risiken?“.

Der Verlag kündigt das informative und in seinen Aussagen vielfach schockierende Buch als den „ersten umfassenden Report über die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus“ an. Es ist ein Protest-Aufschrei, der anschließt und unterfüttert, was Kapitalismus- und Globalisierungskritiker wie etwa attac (Christiane Grefe, u.a., Attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? 2002, www.socialnet.de/rezensionen/1379.php) aufspießen. Es ist vor allem eine seriöse und fundierte Dokumentation „über die wahren Helden des Geldes und damit die wirklich Wichtigen dieser Welt“. Hans-Jürgen Jakobs informiert in seinem 680-seitigem Buch über 200 „der einflussreichsten Kapitaleigner und Macher des Neokapitalismus“, ohne Larmoyanz, aber schon mit einem flammenden Schwert und Fingerzeigen auf die kriminellen Machenschaften, wie sie z. B. der Frankfurter Sozialwissenschaftler Hans See verdeutlicht hat (Hans See, Wirtschaft zwischen Demokratie und Verbrechen, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/16997.php).

Der Report ist vor allem ein Nachschlagewerk über die Verflechtungen und Vernetzungen der Kapitalmächtigen in der Welt. Dass Jakobs mit der Geschichte von „Joe“ beginnt, dem Mächtigen der Deutschen Bank, Josef Ackermann, seinen Erfolgen und Missgriffen, Abhängigkeiten und Niederlagen, die sowohl seinem eigenen, kapitalistischen und zynischen Machtverhalten geschuldet sind, als vor allem auch auf die mächtigen Einflüsse von noch Mächtigeren im Kapitalspiel der Welt zurückzuführen sind, macht deutlich, dass ein Fingerzeig auf andere „Bösewichte“ nicht ausreicht, sondern deutlich macht, dass dabei immer auch drei Finger auf den Ankläger zurückverweisen. Was ja nichts anderes bedeutet als ein Bewusstsein bei den Menschen zu schaffen, dass jeder Einzelne als Individuum und Gesellschaftsmitglied tagtäglich die Verantwortung für eine gegenwärtige und zukünftige humane Welt mit sich trägt. Im Fall des globalen Finanzkapitalismus auch dadurch, sich über die Machtverhältnisse zu informieren und so an der Hoffnung und Überzeugung teilhaben zu können: Eine bessere, gerechtere und friedlichere humane Welt ist möglich! Es bedarf sicherlich keiner besonderen Erwähnung, dass ein solch umfassendes Werk über die meist für Außenstehende „verschlossene“ Thematik der besonderen Fähigkeit des Autors bedarf, Kooperationen zustande zu bringen, Quellen zu erschließen und objektive Analysen und Schlüsse daraus zu ziehen. Die Feststellung – „Wem die Welt wirklich gehört“ – umfasst gleich mehrere Imponderabilien. Mit der Frage, wem die Welt gehört, wird schon deutlich, dass die Verhältnisse in der Welt nicht so sind, wie sie anthropologisch und menschenrechtlich sein sollen. Mit der Nachfrage „wirklich“ kommt zum Ausdruck, dass dabei Ideal, Illusion und Wirklichkeit auseinandertriften.

Aufbau

Die Studie wird in drei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil wird über „das Kapital und seine Macher“ informiert;
  2. im zweiten wird „das Kapital und seine Märkte“ thematisiert; und
  3. im dritten Teil wird beantwortet, „wem die Welt wirklich gehört, und wie wir sie zurückgewinnen können“.

Zum ersten Kapitel

Es werden mit Bild, Karriereskizze und Tätigkeitsinfo die großen Finanzakteure vorgestellt: Die weltweit agierenden und bestimmenden Vermögensverwalter und ihre Investment-Organisationen -

  • Larry Fink mit „Blackrock“,
  • John Bogle mit „Vanguard“,
  • Joseph ‚Jay‘ Hooley mit „State Street“,
  • Abigail Johnson mit „Fidelity Investment“,
  • Robert W. Lovelace mit „Capital Group“,
  • Yves Perrier mit „Amundi“,
  • David H. B. Smith mit „Northern Trust“,
  • Brendan Swords mit „Wellington Management“ und
  • Gregory E. Johnson mit „Franklin Resources“.

Danach die führenden Köpfe der Pensionskassen:

  • Carolyn W. Colvin mit dem „Social Security Trust Fonds“,
  • Norihiro Takahashi mit „Government Pension Investment Fund“,
  • Moon Hyung-pyo mit „National Pension Service“,
  • Michael Kennedy mit „Federal Retirement Thrift Investments Board“,
  • Corien Wortmann-Kool mit „Stichting Pensionsfonds ABP“,
  • Marcie Frost mit „California Public Employees´ Retirement System“,
  • Xie Xuren mit „National Social Security“,
  • Mark Machin mit „Canada Pension Plan Investment Board“,
  • Peter Borgdorff mit „Pensionsfonds Zorg en Welzijn“ und
  • Ng Chee Peng mit „Central Provident Fund“.

Dann die bedeutendsten und kapitalkräftigsten Manager von Staatsfonds:

  • Yngve Slyngstad mit der „Norges Bank Investment Management“,
  • Khalifa bin Zayed alNahyan mit „Abu Dhabi Investment Authority“,
  • Ding Xuedong mit „China Investment Corporation“,
  • Mohammed bin Salman mit „SAMA Foreign Holdings“,
  • Anas Khaled Al-Saleh mit „Kuwait Investment Authority“,
  • Pan Gongsheng mit „State Administration of Foreign Exchange“,
  • Norman T. L. Chan mit „Hongkong Monetary Authority“,
  • Lee Hsien Loong mit „Government of Singapors Investment Corporation“,
  • Abdullah bin Mohammed bin Saud Al-Thani mit „Qatar Investment Authority“,
  • Ho Ching mit „Temasek Holdings“,
  • Mohammed bin Rashid Al Maktoum mit „Investment Corporation of Dubai“,
  • Peter Costello von „Australien Government Future Fond“ und
  • Sung-Soo Eun von der „Korea Investment Corp“.

Es folgen die Verwaltungs- und Spekulationsfirmen des privaten Vermögens (Private Equity) mit acht Managern, die acht bedeutsamsten Akteure von Hedgefonds, die 13 reichsten Familiencracks in den USA, einer Familie in Südamerika, 7 in Asien, 4 in den arabischen Ländern, zwei königliche Familien, eine in Afrika, zwei in Australien, 8 in Europa, 5 in Deutschland und drei Oligarchen in Russland.

Des weiteren neun Banken und ihren Vorstandsvorsitzenden, darunter Paul Achleitner von der Deutschen Bank und Lloyd Bankfein von Goldman Sachs.

Es geht weiter mit den Chef-Managern der sieben wichtigsten internationalen Versicherungsunternehmen, mit Thomas Buberl von der Axa, Oliver Bäte von der Allianz und anderen.

Zum zweiten Kapitel

Im zweiten Kapitel werden 13 Aufsichtsratsvorstände und Großaktionäre der 11 größten Automobil-Unternehmen vorgestellt, darunter

  • Ferdinand Piech und Wolfgang Porsche von VW,
  • Dieter Zetsche von Daimler,
  • William Clay Ford jr. von Ford,
  • Mary Barra von Renault/Nissan,
  • John Elkann von Fiat Chrysler,
  • Susanne Klatten und Stefan Quandt von BMW
  • und Chung Mong-Koo von Hyundai.

Beim Who is who der Finanzholders dürfen die neun größten Handelsimperien mit der

  • Familie Walton von „Walmart“,
  • Dave Lewis von „Tesco“,
  • Ginette Moulin von „Carrefour“,
  • Familie Albrecht von „Aldi“ und anderen nicht fehlen.

Genau so wenig wie die 11 Chemie- und Pharma-Riesen

  • „Dow Chemical“ mit Andrew N. Liveris,
  • „BASF“ mit Kurt Bock,
  • „Roche“ mit André Hoffmann und
  • John Hammergren von „McKesson“.

In die „unendliche“ Liste der Geldaristokratien gehören natürlich auch die Unternehmen, die für Freizeit und Entertainment zuständig sind, wie u. a. die Medienzare

  • Larry Page und Sergey Brin von „Google“,
  • Robert A. Iger von „Disney“,
  • Mark Zuckerberg von „Facebook“,
  • Friedrich Joussen von „TUI“,
  • Peter Frankhauser von „Thomas Cook“,
  • Steve Easterbrook von „McDonald´s“ und
  • Kasper Rorsted von „Adidas“.

Auch dort, wo Energie erzeugt und Rohstoffe zur Verfügung gestellt werden, wird viel Geld verdient, wie z. B. von

  • „Sinopec“ (Wang Yupu),
  • Royal Dutch Shell (Ben van Beurden),
  • „BP“ (Bob Dudley),
  • „Gazprom“ (Alexej Miller),
  • „Rio Tinto (Jan du Plessis),
  • „Glencore“ (Ivan Glosenberg),
  • „Eon“ (Johannes Teyssen).

Dazu gehören auch Konsumgüter mit den Segmenten Nahrungsmittel, Lifestyle und Genuss, wie

  • Paul Bulcke von „Nestlé“,
  • Muhtar Kent von „Coca-Cola“,
  • Liliane Bettencourt von „L´Oréal“,
  • Simone Bagel-Trah von „Henkel“, u.a.

Die Aufzählung geht weiter mit neun Industrie-Imperien und ihren Protagonisten, wie etwa von

  • „General Electric“ mit Jeffrey Immelt,
  • „Boeing“ mit Dennis A. Muillenburg,
  • „Siemens“ mit Joe Kaeser,
  • „Airbus“ mit Thomas Enders.

Wahre Aufsteiger im Business der HighTech-Industrie sind

  • Tim Cook mit „Apple“,
  • Bill Gates mit „Microsoft“,
  • Kazuo Hirai mit „Sony“,
  • Shang Bing mit „China Mobile“,
  • Tim Höttges mit „Deutsche Telekom“ und weiteren Unternehmen.

Sechs weitere Global Player im Logistik-Bereich sind u. a.

  • Frank Appel von „Deutsche Post DHL“,
  • Dough Parker von „American Airlines“ und
  • Carsten Spohr von „Deutsche Lufthansa“.

Zum dritten Kapitel

Im dritten Kapitel fasst Hans-Jürgen Jakobs die Registrierungen und Bestandsaufnahmen mit Aussagen zusammen, „wem die Welt wirklich gehört, und wie wir sie zurückgewinnen können“. Es sind für den Leser erstaunliche, interessante und schockierende Informationen darüber, in welcher Weise heute in der sich immer interdependenter, entgrenzender und nicht gerechter entwickelnden (Einen?) Welt der Neokapitalismus nicht mit Pomp und Plakaten, sondern auf ganz leisen Sohlen daher kommt, unsichtbar für den normalen Verbraucher.

Wer weiß z. B., dass das werbewirksam und beinahe mentalitätsbestimmend mit dem „deutschen Reinheitsgebot“ gebraute Löwenbräu, Franziskaner und andere „deutsche“ Biersorten längst unter dem Dach eines ehemaligen brasilianischen Börsenstars mit Sitz in der Schweiz beheimatet ist; oder dass die traditionsreichen Hotels Kempinski in Berlin, das Palais Hansen, das Grand Hotel in St. Moritz und viele andere Nobelabsteigen dem thailändischen Königshaus gehören?

Die Aufzählung der Großunternehmen, die sich unter Holdings und Besitz von Kapitalmächten rund um die Welt befinden, ist ellenlang – und verschwiegen! So sehr, dass sich zur Abwehr wie als Anhängsel des Kapitalismus nicht nur Unbehagen bei den „normalen“ Menschen einstellt, sondern auch Ideologien auf den Plan rufen, die als Ethnozentristen, Nationalisten, Rassisten und Populisten auf diesen Wellen reiten und ihre allzu einfachen Antworten und Lösungen verbreiten. Die in diesen kaum noch überschau- und kontrollierbaren Verflechtungen auftretenden Finanzkrisen befeuern die Unsicherheiten und das Unverständnis über den ausufernden, weltweiten Neokapitalismus.

In der „Weltkarte der Milliardäre“ wird der Skandal deutlich sichtbar, dass lokal und global die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Vom Jahr 2000 bis 2016 etwa ist die Zahl der Superreichen von 470 auf 1.810 angestiegen; und die kontinentale Verteilung spricht Bände:

  • Nordamerika = 540 Milliardäre in den USA / 33 in Kanada;
  • Lateinamerika = insgesamt 65;
  • Europa = rund 470, davon 120 in Deutschland, 77 in Russland, 50 in Großbritannien und 43 in Italien;
  • Asien = rund 630, davon 251 in China, 84 in Indien, 69 in Hongkong, 20 in Indonesien;
  • Afrika = 23, darunter in Ägypten 6, Nigeria 5 und Südafrika 6;
  • und Australien und Neuseeland = 27 Milliardäre.

Die Skizze der Beteiligungen und Verflechtungen der größten Finanzfirmen zeigt sich dabei wie ein schier unüberschaubares Gewirr, das in alle Richtungen weist, einen kritischen Überblick kaum ermöglicht und Kontrollen erschwert. Denn das ist der eigentliche Skandal des globalen Neokapitalismus: Die Kapitaleigner und -vermehrer haben sich ein eigenes (Rechts-)System geschaffen, das dazu führt, dass die satten Gewinne privatisiert und die Verluste, Fehlgriffe und Verspekulationen sozialisiert werden.

Fazit

Die dezidierte Darstellung der Situation, wie sie der globale Neokapitalismus geschaffen hat und wirkt, entpuppt sich als eine „Hexenküche“, in der die geheimen Ingredienzien zu einem Gebräu von Verlockungen und Versprechungen zusammengemixt und unter Zuhilfenahme von Mythen und Euphorismen zu Produkten vermischt werden, die am Ende für den (Hexen-)Koch rentabel, für den Konsumenten aber ungenießbar und schädlich sind. Die „Blackrock“-, „Blackstone“- und die anderen Kapitalverwaltungs- und -vermehrungsunternehmen der Super-Kapitalisten müssen lokal- und vor allem globalpolitisch gestoppt werden. Es gilt, eine politische Kehrtwende bei der kapitalistischen Vorstellung von „Markt“ zu vollziehen und der Profitgier einen Riegel vorzuschieben: „Eine neue Kultur der Bescheidenheit ist unvermeidlich. Die Organisation des Finanzkapitalismus hat überhöhte Betriebstemperatur“. Steuergerechtigkeit, Finanztransaktionssteuer, Vermögens- und Erbschaftssteuer …, es gäbe genug Möglichkeiten, dass Gesellschaft und Staat in die Gier-Mentalität der Kapitalisten eingreifen. „Die Antwort der Menschen muss eine Politik sein, die den neuen Weltverhältnissen gilt und die nicht den Rückzug ins eigene Land oder ins private Idyll preist.“

Ist angesichts der Finanzmacht, die scheinbar die demokratische Macht des Volkes außer Kraft gesetzt hat, ein Appell genug? Oder bedarf es tatsächlich einer Revolution, die das bestehende kapitalistische System wegfegt und auf deren Trümmer eine neue, gerechte, demokratische Eine Welt baut? Diese Alternative stellt Hans-Jürgen Jakobs in seinem Report über die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus nicht. Weil aber auch ein gelingender Perspektivenwechsel ein intellektuelles und existentielles Veränderungsbewusstsein schafft, können wir anerkennend und zustimmend feststellen: Die Frage „Wem gehört die Welt?“ geht jedem Menschen an. Sie ruft zu einem Verantwortungsbewusstsein auf, die unheilvolle Entwicklung bei der ungerechten Verteilung der Güter unserer Erde im individuellen Alltag wie im lokal- und globalgesellschaftlichen Denken und Handeln konkret und politisch zu stoppen!

Die Studie „Wem gehört die Welt?“, wie auch die aktuelle Bestandsaufnahme, wie sie der US-amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky mit der Frage „Wer beherrscht die Welt?“ vornimmt ( Noam Chomsky, Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/22197.php ), gehören auf die Schreibtische von Ökonomen, Ökologen und allen, die in der Zivilgesellschaft politisch bewusst und verantwortungsvoll leben wollen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.02.2017 zu: Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus. Albrecht Knaus Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-8135-0736-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22284.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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