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Robert Rossa, Julia Rossa: Wenn du ein Bonbon wärst (Kinderpsycho­therapie)

Cover Robert Rossa, Julia Rossa: Wenn du ein Bonbon wärst .... 120 verrückte Fragekarten für den Einstieg in die Kinderpsychotherapie. Kartenset mit Anleitung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28445-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Einstieg in die therapeutische Beziehung mit Kindern und Jugendlichen ist entscheidend für den späteren Therapieverlauf. So müssen leitlinienkonform diverse Informationen erhoben werden, damit keine wichtigen Aspekte (z.B. Suizidalität) übersehen werden und eine spätere Antragstellung möglich ist. Einerseits helfen hier häufig gut ausgearbeitete Checklisten, wie beispielsweise das Explorationsschema für psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen (EPSKI) von Döpfner und Petermann (2008), andererseits jedoch birgt ein entsprechendes Vorgehen die Gefahr, den spielerischen Aspekt, der im Kontakt zu Kindern so wichtig ist, aus den Augen zu verlieren. Oder, um es mit einem Sprichwort auf den Punkt zu bringen: „You`ll never get a second chance for a first impression“. Laut Klappentext dient das rezensierte Kartenset „…als Instrument, reichhaltige Informationen vom Patienten zu explorieren oder ihm im Therapieverlauf Prozesse zu verdeutlichen“.

Autor und Autorin

Dr. Robert Rossa, Dipl. Soz.päd., ist tätig als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut im Bereich Verhaltenstherapie. Schwerpunkt: Schematherapie und EMDR, amtl. bestellter Betreuungsvisor des Jugendgerichts, Leiter der Superheldenakademie.

Julia Rossa, Dipl. Soz.päd., ist Dozentin für systemische Selbstbehauptungs-Trainings und gewaltfreie Kommunikation für Grundschullehrer; Schulsozialarbeiterin, Einzelfallhilfe und Ausbilderin schulinterner Streitschlichter. Fachliche Beratung und Begleitung der Lehrer und Pädagogen bei Kindeswohlgefährdungen.

Aufbau und Inhalt

Das Kartenset enthält 120 Fragen für die Kinderpsychotherapie und beraterische oder pädagogische Arbeit mit Kindern bis zu zehn Jahren. Neben den Karten liefern die AutorInnen zusätzlich ein 15-seitiges Handbuch, in dem der Umgang mit dem Set beschrieben wird. Hier beschreiben sie auch ihre Intention: Das Kartenset sei als „Breitbanddiagnostikum“ entwickelt worden: „120 Fragen, deren Beantwortung vielschichtig und aufschlussreich sein können, geben einen ersten Überblick über die Einstellungen, Standpunkte, Motivationen, Ängste, Sorgen und das soziale Umfeld des Patienten. Grundsätzlich ist die Validität bei einem solchen Breitbanddiagnostikum nur schwer feststellbar, vielmehr steht der Nutzen der gewonnenen Informationen im Vordergrund. Gerade in der Probatorik ist der Beziehungsaufbau zentral und so meistern viele Kollegen die Grätsche zwischen präzisen und konkreten Fragen sowie wunden Punkten wie bei dem Gang über ein Drahtseil, Schrittchen für Schrittchen“ (S. 4). Der spielerische „Umweg“ über Kärtchen statt direkter Fragen helfe vielen KlientInnen, die Fragen zu beantworten. Folgende Anwendungsbereiche werden genannt:

  • Probatorik der Kinderpsychotherapie
  • Kontaktaufnahme und Exploration familientherapeutischer Settings
  • schemapädagogische Einzelarbeit
  • pädagogische Fragestellungen im Rahmen der sozialpädagogischen Familienhilfe
  • gruppendynamischer Einsatz im (fortgeschrittenen) Sozialkompetenztraining und Anti-Gewalttraining.

Inhaltlich wurden die Fragen in fünf Themenbereiche aufgeteilt:

1. Kreativität und Fähigkeiten. In diesem ressourcenorientierten Ansatz wird Kreativität verstanden „als schöpferische Kraft, die aus einer Kombination aus Motivation, Wissen, Können, Persönlichkeitsmerkmalen und umgebenden Bedingungen entsteht“ (S. 9). Die Frage „Wenn du ein Bonbon wärst, wie würdest du schmecken?“, die dem Kartenset den Namen gab, ist ein Beispiel hierfür.

2. Wünsche und Beziehungen. Hier werden sowohl realistische wie auch unrealistische Hoffnungen abgefragt. Der Begriff „Beziehung“ wird im Hinblick auf die unterschiedlichen Bindungstheorien vornehmlich im sozial-emotionalen Kontext gesehen. Eine entsprechende Beispielfrage lautet: „Du kannst mit deiner Familie eine Ballonfahrt machen, jedoch seid ihr alle zusammen zu schwer. Wer sollte aussteigen?“

3. Emotionen und Gedanken. In diesem Bereich wird der Affekt „…mit all seinen bewussten, unbewussten, expressiven und motivationalen Anteilen“ erfragt (S. 11). Im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie können hier auch dysfunktionale Denkmuster erhoben werden. Beispiel: „Als du mit dem Nachbarshund spazieren gehst, merkst du, dass er Angst hat. Was machst du?“

4. Erfahrungen und Wissen. Erfragt wird hier die hinterlassene Wirkung und die nachträgliche Interpretation erlebter Ergebnisse. Eine Beispielfrage lautet: „Wie könnte der folgende Satz zu Ende gehen: Strafe ist, wenn man…?“.

5. Alltag und Motivation. An Beispielen aus Schule und Freizeit, Nahrungsaufnahme und Schlafgewohnheiten werden die gewohnten täglichen Abläufe abgefragt. Anhand dieser Antworten sei es möglich, Rückschlüsse auf grundlegende Motive und intrinsisches versus extrinsisch motiviertes Verhalten zu schließen. Beispielfrage: „Warum bist du gerade jetzt hier?“

Ziel sei nicht, sämtliche Fragen im Rahmen eines oder mehrerer Gespräche zu erheben. Vielmehr solle mit dem Kind vorab vereinbart werden, wie viele Fragen und zu welchen Themenbereichen in der jeweiligen Sitzung gestellt werden dürfen. Des Weiteren können auf der Homepage des Verlags Dokumentationsbögen heruntergeladen werden, mit denen die Antworten geordnet verschriftlicht werden können.

Diskussion

Das Kartenset „Wenn du ein Bonbon wärst …“ stellt eine sehr kreative Form von Explorationshilfe zu Beginn einer Kinderpsychotherapie dar. Auch wenn die Fragen im Detail nicht so „verrückt“ sind, wie angekündigt, so können sie eine sehr angenehme spielerische Alternative zur üblichen (eher trockenen) Exploration im Einzelgespräch bieten.

Die zu explorierenden Bereiche sind klug gewählt, genauso wie die einzelnen enthaltenen Fragen. Dies sollte die AnwenderInnen jedoch nicht davon abhalten, gegebenenfalls auch eigene Fragen zu entwickeln und eventuell das Kartenset sogar entsprechend zu erweitern. Wir nutzen dieses Set bereits auf unseren Kinderstationen erfolgreich, insofern hat es einen Praxistest auch bereits bestanden.

Ergänzend bleibt anzumerken, dass die von den AutorInnen angegebene Altersspanne aus meiner Sicht so nicht ganz schlüssig ist. Ich könnte mir durchaus vorstellen, die Karten auch in der Arbeit mit Jugendlichen zu nutzen. Inhaltlich müssten in diesem Fall sicher einige Karten aussortiert werden; gegebenenfalls könnten diese durch selbstgestaltete Karten ergänzt werden. Rein sprachlich eignen sich die Karten jedoch problemlos für die Arbeit mit Jugendlichen. Fraglich ist hier eher, ob und inwiefern Jugendliche sich auf diese Art spielerischen Erhebens einlassen können und wollen. Dies müsste sicherlich individuell entschieden werden.

Fazit

Ich kann das Kartenset „Wenn du ein Bonbon wärst …“ uneingeschränkt empfehlen. Es stellt eine reizvolle Alternative zu gängigen Explorationstechniken in der Kinderpsychotherapie dar. Mit leichten Anpassungen ließe es sich sicher sogar auch in der Arbeit mit Jugendlichen verwenden.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 12.04.2017 zu: Robert Rossa, Julia Rossa: Wenn du ein Bonbon wärst .... 120 verrückte Fragekarten für den Einstieg in die Kinderpsychotherapie. Kartenset mit Anleitung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28445-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22285.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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