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Corinna Ehlers, Frank Schuster: Stärkenorientiertes Case Management

Cover Corinna Ehlers, Frank Schuster: Stärkenorientiertes Case Management. Komplexe Fälle in fünf Schritten bearbeiten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 150 Seiten. ISBN 978-3-8474-0614-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Unter stärkenorientiertem Case Management wird die systematische, kooperative Unterstützung bei komplexen Problemlagen von KlientInnen/PatientInnen auf der Grundlage von Haltung und Handlungsweise des „Strengths Model“, der Stärkenorientierung verstanden. Die AutorInnen knüpfen an theoretische Grundlagen und praxisorientierte Beiträge zum Systemischen Case Management und Empowermentideen an. Ressourcenorientiertung alleine geht den AutorInnen noch nicht weit genug. Sie betrachten die Stärkenperspektive als eine neue Sicht, Denkweise und Ausrichtung in der Sozialen Arbeit. Die Stärken und der Wille der zu unterstützenden Menschen stehen konsequent im Fokus. Dabei geht es darum die Bedeutung von Fähigkeiten, Wissen, Interessen und Beziehungen von Individuen und Gemeinschaften zu erkennen und zu schätzen und deren Entfaltung zu unterstützten mit dem Ziel, soziale Netzwerke und das Wohlbefinden von Menschen zu verbessern. Die Verbindung zur positiven Psychologie, zum Recovery-Konzept und zur Resilienzforschung sowie zum Konzept der Salutogenese werden hergestellt.

Die AutorInnen legen somit verschiedene Quellen und Entwicklungsstränge stärkenorientierter Sozialarbeit dar und verknüpfen diese konsequent und systematisch mit dem Handlungskonzept des Case Managements.

Autorin und Autoren

  • Prof. Dr. Corinna Ehlers ist Professorin für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Case Management an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK in Hildesheim. Sie ist nach den Richtlinien der DGCC (Deutsche Gesellschaft für Care und Casemanagement) zertifizierte Case Management-Ausbilderin.
  • Prof. Dr. phil. Matthias Müller ist Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik und Hilfen zur Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg.
  • Dipl. Soz. Frank Schuster ist Sozialpädagoge, zertifizierter systemisch-lösungsorientierter Coach und Supervisor und DGCC-zertifizierter Case Manager und Ausbilder.

Entstehungshintergrund

Corinna Ehlers ist dem „strengths-based case management“ zuerst in der Literatur begegnet und erfuhr dann anlässlich eines USA-Aufenthaltes wie die praktische Umsetzung aussehen kann. Die mit Case Management längst vertraute Autorin erweiterte, differenzierte ihre Kenntnisse und Erfahrungen und vernetzte sie mit schon bekannteren Ansätzen wie Ressourcenorientierung, Empowerment, Recovery-Konzept und Positive Psychologie. Gemeinsam mit den anderen Autoren entstand dieses Buch, das den Ansatz der Stärkenorientierung in Theorie und Praxis des Case Managements darstellt.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil werden theoretische Hintergründe der Philosophie der Menschenstärke dargelegt. In Form kurzer Zusammenfassungen werden geläufige theoretische Ansätze wiedergegeben, die kompatibel sind mit dem Ansatz der Stärkenorientierung. Die Kernprinzipien des Stärkenperspektive werden erörtert und in Verbindung gebracht mit den Arbeitsphasen, Methoden und Instrumenten des Case Managements. Das Spezifikum des Stärkenorientierten Case Managements wird schließlich durch die entsprechende Haltung herausgearbeitet.
  2. Im zweiten Teil werden die Phasen des Case Management beschrieben. Dabei wird für jede Phase konkretisiert, wie die Perspektive der Stärkenorientierung in der jeweiligen Phase umgesetzt werden kann. Auch die Ebene der Organisation, die Stärkenorientiertes Case Management ermöglicht und fördert, wird beleuchtet.
  3. Der dritte Teil dient der Veranschaulichung an einem Fallbeispiel. Im Anhang werden dann die Instrumente, die im Fallbeispiel zur Anwendung kommen, als Vorlagen für die Praxis angeboten.

Inhalt

Die Elemente des theoretischen Fundaments des Stärkenorientierten Case Managements werden auf je etwa zwei Seiten zusammengefasst:

  • Person-in-Environment-Ansatz
  • Personenzentrierter Ansatz
  • Ökosozialer Ansatz
  • Systemtheoretische Denk- und Sichtweise
  • Systemisch-konstruktivistische Ansätze
  • Lösungsorientierung

Darauf folgt eine Klärung dessen, was unter Stärken verstanden wird. Grundlage bilden Ressourcenmodelle, die unter Berufung auf verschieden AutorInnen differenziert und umfassend ausgeführt werden. Dadurch werden die Facetten unterschiedlicher Ressourcenmodelle sichtbar.

Auch hinsichtlich der Stärken werden zwei Modelle fokussiert, nämlich Saleebeys Stärkenperspektive und das Stärkenmodell nach Rapp & Goscha. Dabei wird deutlich gemacht, dass im stärkenorientierten Ansatz die Hoffnungen und Wünsche von AdressatInnen als zentralen Aspekt der personalen Stärken zu verstehen sind. Sehnsüchte und individuelle Lebensvorstellungen stellen quasi das Tor zum Erkennen, Nutzen und Entwickeln persönlicher Begabungen und Fähigkeiten dar. „Die Stärken sind also der Schlüssel, der zu der Schatzkiste der Ressourcen gehört und sie öffnen kann.“ (S. 45).

Im Kapitel „Stärkenorientierung als Ermächtigung, Widerstandsfähigkeit und Gesundheit“ wird die Stärkenorientierung weiter konkretisiert und mit anderen, kompatiblen oder ähnlichen Ansätzen in Verbindung gebracht (u.a. Salutogenese und Resilienzforschung). Was Stärkenorientierung für die Gestaltung von Unterstützungsprozessen bedeutet, wird verdeutlicht.

Die Ausführungen zu den Kernprinzipien der Stärkenorientierung bilden die Basis für die nachfolgende Darstellung deren Anwendung im Case Management:

  1. Jeder Mensch und jede Gemeinschaft besitzt Stärken;
  2. Der Fokus des Unterstützungsprozesses liegt auf selbstempfundenen Stärken der KlientInnen (Interessen, Fähigkeiten, Begabungen und dem Wissen der Menschen);
  3. Die Arbeitsbeziehung zu den AdressatInnen sind wesentlich für den Hilfeprozess;
  4. Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung;
  5. PraktikerInnen, die nach einem stärkenorientierten Ansatz arbeiten brauchen einen organisatorischen Rahmen;
  6. Die Arbeit mit den AdressatInnen findet überwiegend im Sozialraum statt.

Wie sich diese Prinzipien im Case Management realisieren lassen wird konkretisiert und auf Ausführungen der Fachgruppe „Case Management im Handlungsfeld Sozialer Arbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Case Management (DGCC) und der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit (DGSA) bezogen. Ein zentraler Teil des Buches stellt nun die ausführlich dargestellte Umsetzung der Stärkenorientierung in den verschiedenen Phasen des Case Managements dar:

  1. Klärungsphase
  2. Stärkenorientierte Falleinschätzung
  3. Stärkenorientierte Zielformulierung und Hilfeplanung
  4. Vernetzung und Umsetzung des Hilfeplans (Linking) und Überprüfung (Monitoring)
  5. Stärkenorientierte Auswertung (fallbezogene und fallübergreifende Evaluation)

Dies geschieht auf der Basis eines Kapitels zu Haltungen und Orientierungen im Stärkenorientierten Case Management, wobei hier an die Haltungen der Sozialen Arbeit (gemäss Bundesverband für Soziale Arbeit) und an Leitprinzipien der DGCC angeknüpft wird. Dabei werden (in Anlehnung an Mennemann) Spannungsfelder aufgezeigt, die für die ethische Dilemmasituationen im Case Management typisch sind.

Die exemplarische Umsetzung des Stärkenorientierten Case Managements wird anhand des Beispiels einer Familie dargestellt, die aufgrund einer komplexen familiären Überlastungssituation in das Stärkenorientierte Case Management-Programm eines Autismus-Zentrums aufgenommen wird. Die Ausführungen veranschaulichen, wie der im Anhang zur Verfügung gestellte Instrumentenkoffer in der Praxis genutzt werden kann.

Diskussion

Den AutorInnen ist es hervorragend gelungen, Wissensbestände eines ressourcenorientierten Case Managements in kurzer Form und sehr gut verständlich wiederzugeben. Sie präsentieren Stärkenorientiertes Case Management nicht als die neue Methode, die andere Ansätze überwindet, sondern als eine Weiterführung, die bekannte Wissensbestände, Arbeitsprinzipien und Erfahrungen würdigt und darüber hinaus einen Mehrwert hervorbringt. Die Verbindung zwischen der Stärkenperspektive und dem Case Management gelingt sehr gut, inspiriert und ermutigt PraktikerInnen.

Es wird deutlich, dass die AutorInnen in erster Linie Case Management im Kontext der Sozialen Arbeit vor Augen haben. Wenn es gelingt, die Stärkenorientierung auch in anderen Praxis-Kontexten des Case Managements zu verankern, dann ist viel zu gewinnen. Mancherorts dürften dafür allerdings die Voraussetzungen der Organisationen ungenügend und schwieriger zu schaffen sein, beispielsweise wenn durchwegs Effizienz vor Effektivität und direktive Steuerung vor gemeinsame Prozessentwicklung gestellt wird. Wie bedeutsam die organisatorischen Rahmenbedingungen und die kollegiale Zusammenarbeit und Unterstützung für die Stärkenorientierte Arbeit sind, wird in diesem Werk nicht unterschlagen.

Das Buch eignet sich auch ausgezeichnet für die Lehre als Begleitlektüre. Die Rezensentin wird einiges, was sie bisher für den Unterricht angehender Case ManagerInnen verwendet hat, beiseitelegen und sich auf dieses Buch stützen. Und dies gilt nicht nur für den Unterricht in der Weiterbildung angehender Case ManagerInnen der Sozialen Arbeit, sondern auch für solche mit anderen beruflichen Biographien, denn das Buch dürfte bei einigen die Lust auf weitere Lektüre zu den Grundlagen ressourcen- und stärkenorientierter Arbeit wecken. Die AutorInnen haben es geschafft, sich so konkret wie möglich auszudrücken und sich nicht in einen Fachjargon zu verlieren. Dies ist für die interdisziplinäre Verständigung, wie sie im Case Management unabdingbar ist, ausgesprochen wichtig.

Fazit

Das Buch zeigt den Ansatz der Stärkenorientierung im Case Management in Theorie und Praxis auf. Es beleuchtet andere, mit der Stärkenorientierung kompatible Ansätze und verbindet die ressourcen- und stärkenorientierte Grundhaltung und Arbeitsweise systematisch mit dem Handlungsansatz und dem Verfahren des Case Managements. Ein Fallbeispiel und ein Instrumentenkoffer tragen zur Anschaulichkeit bei und unterstützen den Transfer in die Praxis.


Rezensentin
Prof. Yvonne Hofstetter Rogger
Dozentin BFH Mediatorin SDM Mitherausgeberin und Redaktionskoordinatorin "Perspektive Mediation"
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Zitiervorschlag
Yvonne Hofstetter Rogger. Rezension vom 12.09.2017 zu: Corinna Ehlers, Frank Schuster: Stärkenorientiertes Case Management. Komplexe Fälle in fünf Schritten bearbeiten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-0614-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22289.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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