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Elisabeth Wehling: Politisches Framing

Cover Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2016. 222 Seiten. ISBN 978-3-86962-208-8. D: 21,00 EUR, A: 21,50 EUR, CH: 35,50 sFr.

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Thema

„Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“, will über die Bedeutung der Sprache in der Politik aufklären. Insbesondere geht es darum, deutlich zu machen, dass „in politischen Debatten nicht Fakten an und für sich entscheidend sind, sondern gedankliche Deutungsrahmen, in der Kognitionswissenschaft Frames genannt“ (S. 17; Herv. i. O.). Im öffentlichen Diskurs zu überzeugen, Mehrheiten zu gewinnen und das politische Klima zu prägen, ist weniger eine Angelegenheit rationalen Argumentierens und der vernünftigen Abwägung von Fakten. Es kommt darauf an Begriffe zu besetzen, Metaphern zu platzieren und an die Lebenswelt der Menschen anzuknüpfen.

Autorin

Elisabeth Wehling hat in Hamburg, Rom und Berkeley Soziologie, Journalistik und Linguistik studiert. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die politische Sprach- und Kognitionsforschung. „Seit 2003 leitet sie am International Computer Science Institute in Berkeley Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung mit Methoden der Neuro- und Verhaltensforschung sowie der kognitionslinguistischen Diskursanalyse“ (vgl. Klappentext).

Aufbau

Das Buch von Frau Wehling gliedert sich in zwei Teile.

Teil I führt zu den theoretischen Grundlagen politischen Framings ein. In drei Kapiteln geht es darum,

  • was Sprache eigentlich ist und wie wir Sprache begreifen (Kap. 1),
  • wie politisches Framing funktioniert (Kap. 2) und
  • schließlich (Kap. 3) um die Bedeutung von Metaphern in der politischen Auseinandersetzung.

Teil II des Buches ist dann eine Art praktische Anwendung des theoretischen Konstrukts auf die aktuellen politischen Debatten in Deutschland. In neun aufeinander folgenden Kapiteln geht es hier um die Themen

  • Steuern (Kap. 4),
  • Sozialstaat (Kap. 5),
  • Gesellschaft (Kap. 6),
  • Sozialleistungen (Kap. 7),
  • Arbeit (Kap. 8),
  • Abtreibung (Kap. 9.),
  • Islam und Terrorismus (Kap. 10),
  • Zuwanderung und Asyl (Kap. 11) sowie
  • Umwelt (Kap.12).

In jedem dieser Kapitel versucht die Autorin die jeweils vorherrschenden Deutungsrahmen (Frames) herauszuarbeiten, zeigt wie diese Deutungsrahmen durch die Verwendung bestimmter Begriffe aktiviert und stabilisiert werden und erörtert daraus folgende politische Konsequenzen. Die beiden Hauptteile des Buches werden gerahmt von einer „Anfangsbetrachtung: Unsere Demokratie hinkt der kognitiv-neuromalen Aufklärung hinterher“ und einem „Schlusswort: Demokratie heisst (sic.) auch, Werte zu begreifen und sprachlich umzusetzen“. Erhard Eppler, der selbst in seinem 1992 bei Suhrkamp erschienen Buch „Kavalleriepferde beim Hornsignal“ zur Bedeutung politischer Sprache gearbeitet hat, unterstreicht in seinem Vorwort die Bedeutung des Ansatzes von Frau Wehling.

Zu Teil I

Teil I entfaltet die theoretischen Grundlagen des Konzeptes. Dazu gilt es zunächst zu klären wie der Mensch Sprache begreift „und wie … sie sich auf unser Denken und Handeln“ (S. 40) auswirkt. Orientiert an der kognitionswissenschaftlichen Vorstellung der „Embodied Cognition“ („verkörperlichte Kognition“, S. 21; Herv. i. O.) geht Wehling davon aus, dass wir „begreifen, was einer sagt, indem unserer Gehirn so tut, als würden wir es selber sagen“ (S. 23). „Kognitive Simulation, als zentraler Teil der Embodied Cognition, ist also das gedankliche ´Nachahmen´ von Gehörtem oder Gelesenem aufgrund unserer zuvor gesammelten und im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen mit der Welt“ (S. 24; Herv. i. O.). Lesen wir Sätze wie der „Vogel ist am Himmel“ oder der „Vogel ist am Boden“ entwirft unser Gehirn automatisch „visuelle Szenen“, in denen wir die Beobachterrolle einnehmen. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass das Begreifen „einzelner Worte … ganz automatisch ein Bouquet semantisch angegliederter Ideen aktiviert.“ Erst solche „Frames geben einzelnen Worten Bedeutung“ (S. 30). Anhand einer Vielzahl von Experimenten belegt Wehling dann, dass diese „Frames“ „nicht nur unser denken und unsere Wahrnehmung, sondern auch unser Handeln fest im Griff“ (S. 37) haben. „Sprache übersetzt sich also direkt in Handlungen. Wenn Sie das Wort ´langsam´ lesen, verlangsamen sich automatisch ihre Bewegungen. Wenn Sie von ´Höflichkeit´ lesen, agieren Sie höflicher“ (S. 40).

Welche Bedeutung haben nun aber solche über Worte aktivierte gedankliche Rahmungen bzw. Felder für die Wahrnehmung von Politik und politisches Handeln? Zunächst einmal stellt die neuronal unvermeidliche Einbettung von Sprache in gedankliche Rahmen jedes rationalistische Politikverständnis in Frage. Eine reine an Fakten orientierte Sachpolitik kann es nicht geben. Bei „gleicher Faktenlage – seien es Arbeitslosenzahlen, Fakten zur Umweltverschmutzung oder auch Fakten zu Löhnen und Steuern – machen Frames die Musik. Und nicht etwa die Fakten. Diese Tatsache macht Fakten in der Politik nicht obsolet, im Gegenteil. Aber Fakten ohne Frames sind bedeutungslos“ (S. 47).

Problematisch an der Tatsache, dass wir Fakten unvermeidlich in bestimmte gedankliche Rahmen einordnen und entsprechend selektieren und interpretieren, erscheint zweierlei:

  1. sind uns die Auswirkungen der Frames auf unsere Meinungsbildung in der Regel nicht bewusst und
  2. tappen wir regelmäßig in die „Neinsager-Falle“, denn „wann immer man eine Idee verneint, aktiviert man sie in den Köpfen seiner Zuhörer oder Leser“ (S. 52) bzw. „Frames negieren bedeutet immer, sich gedanklich auf sie einzulassen“ (S. 54).

„Wann immer man in der politischen Debatte also gegen bestimmte Maßnahmen oder Ideologien argumentiert, verheddert man sich sprachlich – und damit gedanklich – in der Weltsicht des Gegners, anstatt in den Köpfen seiner Zuhörer einen Frame zu aktivieren, der von der eigenen politischen Weltsicht erzählt“ (S. 56; Herv. i. O.). Dies ist besonders deshalb fatal, weil „Sprache … unser Gehirn und damit unser denken (verändert)“ (Hebbian Learning) (S. 57; Herv. i. O.). Vereinfacht gesagt, oft genutzte Verbindungen (im Gehirn) werden immer leichter und automatischer aktiviert. Jede Gruppe in einer pluralen Gesellschaft braucht „eine Sprache, die ihre Werte und Anliegen klar wiederspiegelt“. Nur so können ihre Interessen wirkungsvoll begriffen, vertreten und gerechtfertigt werden. Denn: „was in Diskursen nicht gesagt wird, wird schlicht und ergreifend auch nicht gedacht. Die Schaltkreise in unserem Gehirn werden nicht angeworfen, sie verkümmern!“ (S. 65). Ergebnis ist „Hypokognition“, das „bedeutet die Nicht-Existenz oder den Wegfall von Ideen durch den Mangel an sprachlicher Umsetzung dieser Ideen“ (S. 64).

Wichtig für unser Verständnis politischer Kommunikation ist darüber hinaus, dass „(abstrakte Konzepte des gesellschaftlichen und politischen Miteinanders … über eine Anbindung an Konzepte des direkt Erfahrbaren geframet (sic.) (werden))“. Steuern werden als Last erfahrbar oder die finanzielle Absicherung zwischen EU-Ländern wird als Schirm verbildlicht. Wehling spricht hier von Metaphoric Mapping (dem metaphorischem Übertragen): „Abstrakte Ideen werden von uns über Metaphern an körperliche Erfahrungen angebunden und damit ´denkbar´ gemacht“ (S. 68). Die Krux dabei ist erneut: „Metaphorischer Sprachgebrauch aktiviert eine ganze Heerschar von Ideen und Inferenzen, die im eigentlichen Wort nicht stecken. Und diese Schlussfolgerungen bedingen dann unsere Wahrnehmung von Fakten ebenso wie unser Handeln“.

Politische Schlachten werden also immer auch mit Hilfe treffender Metaphern geschlagen und gewonnen: während man sich in der Bevölkerung unter dem CDU/CSU-Konzept der Gesundheitsprämie kaum etwas vorstellen konnte, schuf ihre Diffamierung als Kopfpauschale (und die durch sie ausgelösten Assoziationen) jenseits differenzierend abwägender Vergleiche die notwendige öffentliche Stimmung für deren Verhinderung. Kopfpauschale sticht Gesundheitsprämie!

Zu Teil II

Teil II des Buches ist dann der kognitionslinguistischen Analyse häufiger Metaphern und Frames der deutschsprachigen politischen Debatten in neun Themenfeldern gewidmet (Steuern, Staat und Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Zuwanderung, Islamfeindlichkeit, Terrorismus, Umwelt).

Die Rezension kann sich hier auf ein Themenfeld beschränken, um die Grundstruktur der Analysen zu verdeutlichen. Wehling sammelt die jeweils ein Themenfeld prägenden Metaphern, erläutert die damit verbundenen Assoziationen und zeigt die Konsequenzen für unser Denken und Handeln auf. Nimmt man sich bspw. die Steuerdebatten der letzten Jahre vor, dann werden Steuern stets mit physischer Last assoziiert. Da ist von Steuerlast, Steuerbelastung, Steuererleichterung, Steuerbürde usw. die Rede. Der Bürger wird zur Melkkuh und wer in der Steuerfalle sitzt, dem bleibt eigentlich nur die Flucht auf eine Steueroase. Steuern werden in allen Debatten von links wie rechts als Last und Strafe begriffen, die man wo es geht vermeiden sollte. Umstritten scheint lediglich wer hier zu belasten und zu bestrafen und wer zu entlasten und belohnen ist. Der Frame Besteuerung als Strafe wird so weiter stabilisiert – und dominiert unser politisches wie privates Denken und Handeln mit Blick auf Steuern. Interessant ist dabei, was im Rahmen dieses Frames nicht gesagt wird – nicht sagbar ist. Steuern können hier nicht als Beitrag der Bürger zu einem funktionierenden Gemeinwesen wahrgenommen werden. Sie sind kein Ausdruck der Verantwortung gegenüber einem Gemeinwesen, das uns (mit Hilfe unseres Beitrags an Steuern) schützt und unterstützt, bildet und ermächtigt. Sollten wir nicht besser von unserem (auf demokratischem Wege festgesetzten) Steuerbeitrag reden?

Diskussion und Fazit

Zweifellos macht Wehling auf zentrale Problematiken politischen Sprechens und öffentlicher Debatten aufmerksam. Die von ihr gewählten Beispiele sind einprägsam und plausibel, manchmal erhellend, immer überraschend. Wichtig erscheint gerade angesichts rechtspopulistischer Wahlerfolge, dass man auch dort, wo man die Metaphern der Populisten angreift, zurückweist oder relativiert zu ihrer Verbreitung beiträgt. Und auch der Hinweis, dass für die unterschiedlichen Interessen in einer Gesellschaft auch entsprechende sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen werden müssen, sollte aufrütteln.

Der Beitrag der Neurolinguistik zur Politikwissenschaft bleibt demgegenüber eher gering. Die Bedeutung von Metaphern in der Politik und die Notwendigkeit Politik in anschlussfähige Erzählungen zu fassen, gehören seit der Antike zu ihrem Ideengeschichtlichen Fundus. Simple (nicht neue) Erkenntnis des Buches, wer politisch erfolgreich sein will, muss Begriffe besetzen und die Kunst des Geschichtenerzählens (Storytelling) beherrschen. Gerade der praktische Anwendungsteil zeigt, wie wenig systematisch und suggestiv die Autorin vorgeht. Ausgewählt werden immer nur in ihrem Sinne passende Beispiele. Interpretiert wird entsprechend einseitig. Dies dürfte nicht zuletzt eine Folge des allzu reduktionistischen, mechanischen (vgl. Titelbild) Verständnisses der Neurolinguistik liegen. Die immer gleiche Vorgehensweise in Teil 2 wirkt dann auch zunehmend ermüdend und langweilig. Die Beispiele und Interpretationen erscheinen manchmal an den Haaren herbeigezogen (so würde es die Autorin in ihrem durchweg in populärwissenschaftlicher Sprache gehalten Buch wohl ausdrücken), mindestens aber einseitig. Zunehmend drängt sich der Eindruck auf, dass der Leser hier geframt werden soll. Der Framing-Trick der Autorin würde dann darin liegen, mit neurolinguistischem Begriffs- und Namedropping den Frame Wissenschaft zu aktivieren, um dann selektiv gewählte Experimente, Beispiele und Interpretationen als allgemeingültige Wahrheiten und grundlegend neue Erkenntnisse erscheinen zu lassen. Interessant ist schließlich, dass in einem Buch, das so großen Wert auf die Aufklärung von Sprache legt, nicht die geringste Anstrengung zu einer gendergerechten Sprache unternommen wird.


Rezensent
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
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Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 07.08.2017 zu: Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2016. ISBN 978-3-86962-208-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22295.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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