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Wolfhard Schweiker: Prinzip Inklusion

Cover Wolfhard Schweiker: Prinzip Inklusion. Grundlagen einer interdisziplinären Metatheorie in religionspädagogischer Perspektive. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 496 Seiten. ISBN 978-3-7887-3161-8. D: 60,00 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 75,50 sFr.
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Thema

Wolfhard Schweiker beschreibt, dass in einer Welt mit wachsender Ökonomisierung und Globalisierung Exklusionsprozesse zunehmend an Bedeutung gewinnen und „soziale Sprengkraft“ entwickeln, wie z.B. Ausländerfeindlichkeit oder Antisemitismus (S. 19). Er beschreibt, dass einer Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Gesellschaft Uniformitätsbestrebungen gegenüber stehen [Uniformitätsbestrebungen versuchen, das Fremde auszugrenzen und Vielfalt zu begrenzen, so Schweiker (S. 19)]. Auch vor dem Hintergrund steigender Zahlen von immigrierenden Flüchtlingen (2015 alleine in Deutschland eine Millionen) beschreibt Schweiker die Bewältigung dieser Frage als große gesellschaftliche Aufgabe (S. 19 f). Dieses komplexe Phänomen möchte er näher bestimmen und legt dabei die Annahme zugrunde, dass dieses rechtliche, soziologische, psychologische, theologische und pädagogische Aspekte impliziert. Besondere Bedeutung misst der Autor dabei der 2009 völkerrechtlich in Kraft getretenen UN-BRK (Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen) bei.

Schweiker zeigt auf, dass Inklusion in den Sozialwissenschaften einerseits hoch geschätzt, andererseits aber auch kritisch auf die „Inklusions-Euphorie“ geschaut wird (S. 20). Der Autor beschreibt eine begriffliche Diversifizierung von Inklusion im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs, die dazu führt, dass der Begriff von einer Lehr- zu einer „Leerformel“ wird. Er sieht einen Widerspruch zur ursprünglichen Intention, durch Inklusion die Qualität des Integrationsbegriffes zu verbessern (vgl. auch Hinz, welcher von einer „regelrechten Verwahrlosung des Begriffes“ spricht) (S. 20). Ein Aktivist der politischen Behindertenrechtsbewegung, Udo Sierk, kritisiert, dass Inklusion inzwischen „sogar zur Legitimisierung ausgrenzender Strukturen herangezogen wird“ (S. 21). Schweiker legt dar, dass es vor dem Hintergrund dieser Bedeutungsdiversifizierung notwendig ist, wissenschaftliche Theoriebildung voran zu bringen, um den Inklusionsbegriff und das dahinter liegende Konzept präzisieren zu können, in dem Wissen, dass es eine einheitliche Definition in einem plural verfassten Wissenschaftssystem nicht geben kann (S. 21).

Schweiker weist auf die Dringlichkeit der Klärung des Inklusionsbegriffes hin, da im öffentlichen Diskurs die Frage steht, wie Inklusion verwirklicht werden soll und nicht ob (S. 21). Als Herausforderung beim Inklusionsprozess beschreibt er eine hohe affektive Beteiligung (S. 21) und dass ein Anspruch moralischer Überlegenheit mitschwingen und stark polarisiert kann (S. 22).

Das erkenntnisleitende Interesse der vorliegenden Arbeit ist die Suche nach der Antwort auf die Frage „Wie das sozialwissenschaftliche Verständnis von Inklusion bestimmt werden kann und was dieses Verständnis für die Theoriebildung der Religionspädagogik austrägt.“ (S. 23).

Die primäre Forschungsfrage sucht nach einer wissenschaftlichen Präzisierung des „Prinzip Inklusion“. [Prinzip meint in diesem Zusammenhang die Idee, die einer Sache zugrunde liegt.] Teil dieser Forschungsfrage ist, zu untersuchen, „wie die unterschiedlichen Verständnisse von Inklusion in den Wissenschaftsdisziplinen mit den Grundsätzen des Prinzipes der Inklusion zusammenhängen und inwiefern es gelingt, disziplinübergreifende Grundsätze zu formulieren“ (S. 23), sodass die verschiedenen Disziplinen sich ergänzen können.

Darüber hinaus beschreibt Schweiker, dass das „Prinzip“ der Inklusion auch im Sinne eines „Anfangs“ zu verstehen ist, dessen Wahrheit formal nicht bewiesen werden kann, sondern als einleuchtend vorausgesetzt wird (S. 24). Im wissenschaftlichen Kontext wird Inklusion in der vorliegenden Arbeit in ihrem Kern als ein normatives Postulat verstanden (S. 24). Schweiker bezieht sich dabei auf das philosophische Verständnis von Inklusion als wertgeleitetes Prinzip. Der Autor will klären, welche rechtlichen, philosophischen, theologischen und ethischen Werte mit dem normativen Postulat des Inklusionsprinzips verbunden sind.

Autor und Entstehungshintergrund

Dr. rer. soc. Wolfhard Schweiker ist Pfarrer und Sonderpädagoge am Pädagogisch-Theologischen Zentrum in Stuttgart-Birkbach, er ist Privatdozent (theol. habil.) an der evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard Karl Universität Tübingen und Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Die vorliegende Veröffentlichung ist zugleich Schweikers Habilitationsschrift.

Inhalt und Aufbau

Schweiker gliedert seine Arbeit in fünf Kapitel.

Das linguistische Kapitel ist das erste Kapitel. Es untersucht die sprachliche Bedeutung des Wortes Inklusion. Dazu greift Schweiker auf lateinische Grundlagen zurück und erstellt ein deutsches Wortfeld aufgrund fehlender sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. In den zwei folgenden Kapiteln stellt der Autor Forschungsergebnisse aus der rechtswissenschaftlichen und soziologischen Disziplin dar.

Im rechtswissenschaftlichen Kapitel diskutiert er Inklusion als Menschenrecht und geht beispielsweise auf die Menschenrechtsvereinbarungen ein.

Im Kapitel zur Soziologie diskutiert er als unterschiedliche Horizonte soziologische Paradigmen wie Mitgliedschaft, Solidarität, Macht und Kommunikation. In beiden Kapiteln referiert er Forschungsergebnisse zur Inklusion und kommentiert diese an unterschiedlichen Stellen unter der Perspektive der Forschungsfrage kritisch. Er schlussfolgert, dass besonders in diesen drei Bereichen (linguistisch, rechtswissenschaftlich und soziologisch) eine Metatheorie des Inklusionsprinzipes noch weiter untermauert werden müsste.

Kapitel vier widmet sich Inklusion aus pädagogischer Perspektive. Schweiker geht auf verschiedene sozialgeschichtliche Phasen und Begriffsaspekte von Inklusion ein. Dabei berücksichtigt er sowohl explizite als auch implizite Integrations- und Inklusionbegriffe und den Diskurs in der sonderpädagogischen Theoriebildung. Relevante Theoriebezüge sieht der Autor im Kontext von radikalem Pluralismus, der Postmoderne und der Differenzphilosophie des französischen Poststrukturalismus. Er bearbeitet Dilemmata und Antinomien der Inklusion auf unterschiedlichen Ebenen heraus, bevor er das Kapitel mit einer kritischen Zusammenfassung zu begrifflichen, deskriptiven und normativen Aspekten der Inklusion in der Pädagogik beendet.

Die religionspädagogische Perspektive erörtert Schweiker im fünften Kapitel. Dabei berücksichtigt er auch verwandte Disziplinen und den historischen Kontext der integrativen Bildungsbemühungen in der religionspädagogischen Theoriebildung. Dieses umfangreiche Kapitel unterteilt der Autor in zehn Unterkapitel. Er verortet die Thematik in der Religionspädagogik und interdisziplinär (Kapitel 5.1) mit dem expliziten Integrationsbegriff (5.2), dem expliziten Inklusionsbegriff (5.3) und dem impliziten Inklusionsbegriff (5.4). Im nächsten Schritt verortet er die Thematik im Kontext der religionspädagogischen Fachdiskussion (5.5). In den Kapiteln werden die Entwicklung des religionspädagogischen Inklusionsdiskurses beschrieben, das Begriffsverständnis von Inklusion und einzelne sozial- und tiefenpsychologische Theorieaspekte berücksichtigt und theoriebildende Elemente einer inklusiven Religionsdidaktik skizziert. Schweiker sucht nach einer formalen und materialen Bestimmung des christlichen Menschenbildes und u.a. nach Parallelen zwischen dem Inklusionsbegriff und dem trinitarischen Gottesbild sowie nach theologisch-ethischen Bezügen der Inklusionsthematik (5.6). Der Autor analysiert Inklusion in der empirischen Religionspädagogik (5.7) und schließt eine analytisch-bilanzierende Untersuchung zur Inklusion in der Religionspädagogik an, indem er auf der Basis unterschiedlicher Aspekte des expliziten religionspädagogischen Inklusionsdiskurses und relevanter begriffs-, pluralismus-, differenz-, bildungs- und erkenntnistheoretischer Bezüge vier für die Religionspädagogik spezifische Dilemmata entfaltet (5.8). Diese benennt er für die weiterführende religionspädagogische Theoriebildung als noch eingehender zu bearbeiten.

In Kapitel 5.9 widmet sich der Autor der umfangreichen Konstruktionsaufgabe, das Prinzip Inklusion aus religionspädagogischer Perspektive zu präzisieren. Dabei berücksichtigt er Denktraditionen, die er als relevant beschreibt [beispielsweise die geisteswissenschaftliche Traditionslinie der Pädagogik die von Nipkow bis auf Schleiermacher und Comenius zurück verfolgt werden kann S. 370], sowie die Theoriebildung und von ihm als unerlässlich beschriebene präskriptive und deskriptive Bezugsgrößen. Daraus erarbeitet Schweiker u.a. eine exemplarische Anwendung im Praxisfeld der konfessionellen Religionslehre (5.9.5) und unterschiedliche Folgerungen, die sich aus der Inklusionstheorie für die Religionspädagogik ergeben (5.9.6 ff).

Im abschließenden Kapitel (5.10) stellt der Autor Erkenntnisse gebündelt dar und lässt sie in eine multiperspektivische Beschreibung der Grundsätze des interdisziplinär bestimmten Inklusionsprinzips ein. Diese beschreibt er als „präskriptive und deskriptive Grundlagen für eine noch weiter auszuarbeitende Metatheorie der Inklusion“ (S. 32).

Das Forschungskonzept

Der Autor beschreibt Inklusion als ein wertgeleitetes Prinzip, dass die Aufgabe der Normenklärung impliziert. Er legt seiner Arbeit das Konzept der Metatheorie zugrunde. Dies bedeutet konkret, dass der Autor aus der Vielzahl der möglichen Theorieentwürfe eine Auswahl trifft, diese bewertet und Unterschiede gegeneinander abwägt. Dabei handelt es sich immer um Theorien über die Wirklichkeit und nicht um die Wirklichkeit. In diesem Fall handelt es sich um Aussagensysteme und Aussagentheorien aus verschiedenen Disziplinen. Da diese sehr unterschiedlich sind, entstehen so erhebliche theoretische Spannungsfelder, die ein mehrdimensionales Inklusionsverständnis notwendig werden lassen. Schweiker wählt deshalb einen disziplinübergreifenden Zugang und greift auf seine Erfahrungen im Feld der Religionspädagogik und der (Sonder-)Pädagogik zurück. Weiter beschreibt der Autor, dass Lebenswirklichkeiten und besonders globale Schlüsselprobleme so komplex sind, dass sie sich nicht „in eine Wissenschaftsdisziplin pressen lassen“ (S. 26). Schweiker expliziert, dass ein interdisziplinärer Ansatz ein weites Inklusionsverständnis in den Blick nimmt, das alle sozialen Differenzlinien berücksichtigt. Dennoch nimmt der Autor verschiedene Behinderungen (Ability/Disability) in den Blick, um praxisbezogene Konkretisierungen zu ermöglichen.

Schweiker sieht sein Vorgehen in einer hermeneutischen Denktradition, die einen analytisch-erkenntnistheoretischen Zugang wählt, um den Normgehalt und dessen Begründung geisteswissenschaftlich zu entfalten. Die Normenklärung nimmt er dabei aus einer religionspädagogischen Perspektive vor, die auf der Grundlage eines theologisch reflektierten Menschen- und Wirklichkeitsverständnisses der jüdisch-christlichen Tradition basiert. Der Autor beschreibt, dass er den methodischen Zugang zu den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen an der Wertefrage der Inklusion ausrichtet.

Diskussion und Fazit

Bücher über Inklusion gibt es viele. Doch Schweiker nähert sich dem Thema in dem Wissen, um die Komplexität des Themas und in dem Bewusstsein, dass ein plural verfasstes Wissenschaftssystem nicht eine einheitliche Definition hervorbringen wird. In wissenschaftlich fundierter Weise nähert er sich dem Themenkomplex Inklusion aus unterschiedlichen Perspektiven und bezieht sich dabei auf unterschiedlichste AutorInnen. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass das Ergebnis der vorliegenden Arbeit keine einheitliche Definition von Inklusion ist, sondern eine Annäherung aus verschiedenen Perspektiven aufzeigt. Der Autor beendet seine Schrift mit der Erkenntnis: „Wo immer jedoch das ICH sich bildet, um gemeinsam mit dem DU das WIR zu leben – frei, gleich, gerecht und würdevoll –, kann Inklusion als Menschenrecht, als werthaltige Vision und als gesellschaftlicher Prozess zum Nutzen jedes einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit wirksam werden“ (S. 445).

Bei dem vorliegenden Werk mit einem Umfang von 489 Seiten handelt es sich um eine Schrift für einen exklusiven Lesendenkreis. Wie der Autor selbst beschreibt, ist das Werk nicht inklusiv im Sinne der Einbeziehung der gesamten Lesendenschaft (vgl. S. 32). Es ist empfehlenswert für Fachkreise, besonders im Bereich der Pädagogik, Sonderpädagogik und Religionspädagogik, die sich theoretisch mit der Themenstellung Inklusion auseinandersetzen und / oder an Theoriebildung interessiert sind. Prof. Dr. Schweitzer von der Universität Tübingen bezeichnet Schweikers Arbeit als einen „Glücksfall für die Religionspädagogik“ und als „eines der ersten religionspädagogisch-inklusionstheoretischen Grundlagenwerke – wenn nicht sogar überhaupt das erste Werk dieser Art-“ (Buchrückseite).

Dieses Werk kann einen wichtigen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs leisten, da es viele Perspektiven berücksichtigend die der Religionspädagogik in den Inklusionsdiskurs integriert. Es steht zu hoffen, dass dieses Werk im wissenschaftlichen Diskurs disziplinübergreifend umfangreiche Beachtung erhält und dadurch einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, Denkansätze verschiedener Disziplinen zusammen zu führen und beispielsweise die Religionspädagogik als Teil des wissenschaftlichen pädagogischen und sonderpädagogischen Diskurses und dessen Theoriebildung weiter zu etablieren.


Rezensentin
Frauke Fiedler
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Zitiervorschlag
Frauke Fiedler. Rezension vom 21.12.2017 zu: Wolfhard Schweiker: Prinzip Inklusion. Grundlagen einer interdisziplinären Metatheorie in religionspädagogischer Perspektive. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-7887-3161-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22296.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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