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Tillmann Bendikowski: Helfen. Warum wir für andere da sind

Cover Tillmann Bendikowski: Helfen. Warum wir für andere da sind. C. Bertelsmann (München) 2016. 350 Seiten. ISBN 978-3-570-10313-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

In den Köpfen vieler Menschen sind die Bilder aus dem Sommer 2015 immer noch präsent: Erschöpfte, aber hoffnungsvolle Menschen kamen nach einer langen Flucht in Deutschland an. Sie werden von hilfsbereiten Menschen empfangen. Erstaunlich viele Deutsche zeigten sich offen und wollten helfen. Diese Bereitschaft zur Hilfe zeichnet ein humanitäres Gegenbild zu den fremdenfeindlichen Aufmärschen und Reaktionen, die dieses Land auch prägen. Tillmann Bendikowski nimmt dieses Geschehen zum Anlass, um über „das Phänomen des Helfens in seinen individuellen und kulturellen Formen“ (15) nachzudenken. Dazu zeichnet er aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive die Grundlagen des menschlichen Helfens nach und lotet im zwischenmenschlichen Miteinander das Spannungsfeld von Altruismus und Egoismus aus. Er nimmt die Leser mit auf eine geistige Reise. Sie startet mit der Ikone der christlichen Nächstenliebe, dem barmherzigen Samariter, untersucht kurz die Wurzeln der verwandtschaftliche Hilfe in der Familie, zeichnet dann die Entstehung und Gegenwart des modernen Wohlfahrtstaats nach, um am Ende nach den Grenzen des Helfens zu fragen. Unterlegt wird diese Analyse mit philosophischen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen und ergänzt durch die Wiedergabe von Gesprächen mit Helfern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Erfahrungsfeldern.

Autor

Dr. Tillmann Bendikowski ist Journalist und Historiker. 1999 hat er an der Ruhr-Universität Bochum bei Prof. Hans Mommsen promoviert. Im Anschluss daran gründete er die „Medienagentur Geschichte“ in Hamburg, die er bis heute leitet. Er ist Autor zahlreicher Beiträge für Printmedien und Hörfunk. Außerdem wirkt er an der Realisierung von Forschungsprojekten und historischen Ausstellungen mit.

Entstehungshintergrund

Tillmann Bendikowski ist, das zeigt die Lektüre des Buches deutlich, an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Gegenwartsgesellschaft interessiert. Die Fragen und Widersprüche, die daraus für das Helfen als einer Grundform menschlicher Existenz entstehen, werden aus dieser Perspektive aufgearbeitet und einem interessierten Publikum nahe gebracht. In diesem Sinne ist sein Buch politisch. Er bezieht Stellung, arbeitet Grundelemente des Helfens heraus, beschreibt Aporien, gibt Anregungen zum Weiterdenken und fordert aber auch zum Diskurs und zum Widerspruch heraus.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Das humanitäre Sommermärchen mit den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern bildet den Auftakt der geistigen Reise.
  2. Daran schließt sich eine Betrachtung der Wurzeln menschlicher Hilfsbereitschaft an.
  3. Das Kontrastbild des Egoismus, der verweigerten Hilfe, zeichnet das Gegenstück zur altruistischen Hilfe.
  4. Mit den Strukturen von Hilfe in der Familie und im Sozialstaat wird der gesellschaftliche Rahmen gesetzt.
  5. Den Schluss bildet eine Betrachtung der Kritik und der Grenzen des Helfens.

Inhalte

Viele Menschen in Deutschland verknüpfen das Jahr 2015 mit intensiven Bildern, in deren Mittelpunkt von der Flucht gezeichnete und gestrandete Menschen stehen. Die Medien haben diese Bilder geschaffen und verstärkt.

Im ersten Kapitel greift Tillmann Bendikowski diese Bilder auf und erinnert an die Rede Papst Franziskus im Jahr 2013 auf der italienischen Insel Lampedusa, in der dieser einen menschlichen Umgang mit den Flüchtlingen anmahnt und auf das Gleichnis des barmherzigen Samariters verweist. In dem Handeln der Helfer, die Flüchtlinge an Bahnhöfen begrüßen und für diese Hilfe organisieren, erkennt er das Motiv der christlichen Nächstenliebe wieder, das in Vergessenheit geraten schien. Eine nähere Analyse der Hilfe offenbart aber ein differenzierteres Bild. So wird gezeigt, dass nicht mehr nur ein Motiv der Hilfe – der Altruismus – vorherrschend ist. Vielfältige unterschiedlicher Motive sind inzwischen Antrieb für das Helfen. Aber auch die Helfer selbst sind in die Kritik geraten, wenn ihnen in der Öffentlichkeit Naivität und „Gutmenschentum“ vorgeworfen wird.

Dieser erste Befund erfordert eine vertiefte Analyse der Grundlagen des menschlichen Helfens, auf die im zweiten Kapitel eingegangen wird. Zunächst werden dazu Formen des Helfens voneinander unterschieden und Mitgefühl bzw. Empathie als ein zentrales Element altruistischen Handelns identifiziert. Eine philosophische Betrachtung des Mitleids fördert unterschiedliche Bezugspunkte dieses menschlichen Gefühls zu Tage und zeigt insbesondere dessen Widersprüchlichkeit. Das Fazit: Mitleid ist unverzichtbare Grundlage für das Helfen; Mitleid allein jedoch, ohne aktive Hilfe, führt leicht zu einer Entwürdigung der Hilfesuchenden.

Nach den Grundlagen des menschlichen Helfens erfolgt ein Streifzug durch die Geschichte des christlichen Helfens. Dieser reicht von der Hilfe in den christlichen Urgemeinden über Ikonen des Helfens wie Benedikt von Nursia, Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen bis in die Gründungsphase von Caritas und Diakonie. Mit der Aufklärung haben die christlichen Grundlagen des Helfens Konkurrenz bekommen. Der Humanismus als säkularisierte Form der christlichen Nächstenliebe bildet sich heraus und parallel dazu wird die Begründung für die Gewährung von Hilfe in eine neue Form des wirtschaftlichen Denkens und Handelns eingebunden. Der Begriff der Nützlichkeit wird zu einem zentralen Kriterium. Aktuell drückt sich dieses Denken in dem Begriff des „effektiven Altruismus“ aus, der von dem australischen Philosophen Peter Singer geprägt wurde.

Dem Gegenspieler der altruistischen Hilfe, dem Egoismus, ist das dritte Kapitel gewidmet. Im Alltag wird Egoismus oft mit Verweigerung von Hilfe und mit einem Handeln, das nur an sich selbst orientiert ist, in Zusammenhang gebracht. Auch hier vermittelt ein Blick in die Geistesgeschichte ein differenziertes Bild. Dazu spannt Tillmann Bendikowski einen weiten Bogen von dem griechischen Philosophen Epikur, über Adam Smith bis in die Gegenwart. In der Moderne werden neben den ethischen Begründungen für menschliches Hilfehandeln nun auch die persönlichen Motive der Helfer hinterfragt. Damit wird mit der individuellen Freiheit der persönlichen Entscheidung („Will ich helfen oder will ich nicht helfen?“) eine zusätzliche Ebene der Rechtfertigung und der Reflexion eingezogen. Tillmann Bendikowski führt dazu den Begriff des „empathischen Egoismus“ von Marisa Przyrembel ein. Das Kapitel schließt mit einer Betrachtung der Gesundheitspolitik im Nationalsozialismus und der verordneten Solidarität in der DDR ab.

Im vierten Kapitel stehen Strukturen des Helfens im Mittelpunkt. Die traditionelle Form der Hilfe erfolgt innerhalb der Familie und Verwandtschaft. In der Familie werden Einstellungen und Formen der Hilfe sozialisiert. Dies geschieht so nachhaltig, dass bis heute die Hilfe in der Familie für die meisten Menschen selbstverständlich ist. Besonders tritt dies bei der Pflege alter Menschen hervor. Allerdings hat der gesellschaftliche Wandel zur Folge, dass die Strukturen der Hilfe in der Familie selbst brüchig geworden sind. So bedarf die Familie immer häufiger Hilfe und Unterstützung von außen, um ihren Aufgaben gerecht zu werden. Ergänzend kommt hinzu, dass viele Formen der Hilfe von außerfamilialen Institutionen der Hilfe abgelöst bzw. ergänzt wurden. Die Tendenz zur Professionalisierung der Hilfe führt u.a. zur Entwicklung der Wohlfahrtsverbände und zur Entstehung des Wohlfahrtsstaates. Dies wird exemplarisch am Beispiel der Krankenhäuser und der staatlichen Sozialgesetzgebung aufgezeigt. In der Gegenwart, so Tillmann Bendikowski, befindet der Sozialstaat sich aber auf dem Rückzug und wird durch eine Kultur der Eigenverantwortung aufgeweicht.

Die geistige Reise durch die Wurzeln der menschlichen Hilfe wird im fünften Kapitel mit einer Geschichte der Kritik des Helfens abgeschlossen. Tillmann Bendikowski erinnert an den von Wolfgang Schmidbauer in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts geprägten Begriff des „Helfersyndroms“. Damit geraten die verdeckten Motive der Helfer in den Fokus und in die Kritik. Ergänzt wird diese Betrachtung durch Überlegungen zur Asymmetrie der Hilfebeziehung, denn Hilfe bedeutet auch Macht und Herrschaft, die sich u.a. in dem doppelten Mandat der Sozialen Arbeit aber auch beispielsweise in den Entscheidungen der staatlichen Entwicklungspolitik niederschlagen. Tillmann Bendikowski formuliert als Fazit: Die Grenzen des Helfens sind nicht unveränderbar, sie werden sowohl individuell wie auch politisch durch die Freiheit der Entscheidung immer wieder neu gezogen. Damit liegt die Verantwortung für die Hilfeentscheidung in „unseren Händen“ (306).

Diskussion

Tillmann Bendikowski nimmt seine Leser mit auf eine spannende geistige Reise. Er beschreibt die fundamentale Bedeutung des Helfens für das ethisch verantwortliche Miteinander der Menschen und dessen kulturgeschichtliche Veränderungen. Der Bogen wird allerdings weit, wenn nicht zu weit gespannt ist. Viele historische, sozialphilosophische und aktuelle Aspekte des Helfens werden angesprochen und in einen Zusammenhang gesetzt. Was dabei entsteht, ist allerdings kein in sich geschlossenes Bild einer Kulturgeschichte des Helfens, sondern eher ein Fleckenteppich heterogener Einzelaspekte des Helfens, die stellenweise in Widerspruch zueinander stehen. Dies hängt sehr eng mit dem Begriff des Helfens zusammen, auf den Tillmann Bendikowski Bezug nimmt. Helfen wird von ihm als eine Art Universalkategorie zwischenmenschlichen Miteinanders begriffen. Darin eingeschlossen sind so unterschiedliche Formen wie die Nachbarschaftshilfe, die Hilfe in der Familie, die Flüchtlingshilfe, die barmherzige Hilfe, die pragmatische Hilfe, die Spende, der Bundesfreiwilligendienst, das Ehrenamt, die verbandliche Hilfe, die staatliche Hilfe und die Entwicklungshilfe. Bei einem so weiten Bogen bleiben die Bezüge notwendig allgemein, ohne die erforderlichen Unterschiede klar herauszuarbeiten. Es gibt in seinem Buch zwar immer wieder Angebote der begrifflichen Schärfung, die aber in der weiteren Anwendung auf aktuelle Phänomene des Helfens wieder verloren gehen. Auch beim Umgang mit dem Thema Helfersyndrom wird dies deutlich. Burn-out und Helfersyndrom werden schnell in einen Topf geworfen.

Tillmann Bendikowski hat eine politische Botschaft, die manchmal versteckt, dann wieder klar zu Tage tritt. Er will seinen Lesern verdeutlichen, wie wichtig Helfen für eine menschliche Gesellschaft ist, und dass der Einzelne, die Familie und der Sozialstaat hier gleichermaßen eine Verantwortung haben. Diese Botschaft ist anregend für einen öffentlichen Diskurs über Hilfe und Verantwortung. Dass er dabei den Sozialstaat aber nur auf dem Rückzug wahrnimmt und die umfassende aktuelle Debatte um bürgerschaftliches und freiwilliges Engagement nur punktuell streift, ist dann doch etwas zu verkürzt.

Fazit

Wer sich über kulturgeschichtliche Einzelaspekte des Helfens kundig machen will, der findet in dem Buch viele Anregungen. Aber auch die Leser, die mit dem Thema bereits vertraut sind, können in dem Buch die Vernetzung verschiedener Themenbezüge des Helfens entdecken. Das Buch regt an und inspiriert zum Weiterdenken. Das ist in einer Zeit, in der das Helfen vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen steht, ein wichtiger Beitrag zu einer öffentlichen Debatte.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 18.04.2017 zu: Tillmann Bendikowski: Helfen. Warum wir für andere da sind. C. Bertelsmann (München) 2016. ISBN 978-3-570-10313-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22302.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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