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Carsten Müller, Eric Mührel u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Ökonomisierungs­falle?

Cover Carsten Müller, Eric Mührel, Bernd Birgmeier (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Ökonomisierungsfalle? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 293 Seiten. ISBN 978-3-658-13059-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Herausgeber

  • Prof. Dr. Carsten Müller ist Professor für sozial- und gesellschaftspolitische Aspekte Sozialer Arbeit an der Hochschule Emden/Leer,
  • Prof. Dr. Eric Mührel lehrt an der Hochschule Emden/Leer Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaften
  • PD Dr. Bernd Birgmeier ist Privatdozent und Akademischer Oberrat an der Katholischen Universität Eichstätt

Entstehungshintergrund

Der Sammelband fasst die Beiträge aus einer Fachtagung aus dem Jahr 2014 am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Emden/Leer zusammen.

Aufbau

Der Band setzt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Aspekten der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit auseinander und eröffnet Wege, wie ihr aus Sicht der Profession Widerstand geleistet werden kann.

  1. Der erste Teil beleuchtet die Ausgangslage,
  2. der zweite Teil nimmt die Berufswelt mit verschiedenen Arbeitsfeldern in den Blick,
  3. im dritten Teil werden Alternativen angedacht.

Zu 1.

(„Soziale Arbeit in der Ökonomisierungsfalle – grundlegende theoretische und gesellschaftspolitische Analysen“)

Norbert Wohlfahrt: Ökonomisierung Sozialer Arbeit als politisches Projekt – Thesen zur Kritik der Politischen Ökonomie sozialer Dienstleistungsarbeit. Wohlfahrt zeigt auf, wie die Politik das Sozialsystem in Deutschland in den letzten Jahren hin zu Leistungsmessung und Wirkungssteuerung verändert hat. Soziale Arbeit wird sich „den neuen Kontroll- und Messverfahren stellen müssen und lernen müssen, mit ihnen umzugehen“. (S. 21)

Frank Engster: Immaterielle Arbeit und entmaterialisiertes Kapital. Die neuen Gestalten der Verwertung und die prekäre Reproduktion der Arbeitskraft. Der Autor beschreibt anhand der „Methode der Produktion des absoluten Mehrwertes“ von Marx, welche Auswirkung dies auf die Verwertung der Arbeitskraft hat. Die Gesellschaft muss das Kapital und die Arbeit in ein produktives Verhältnis setzen und dabei den Überfluss bewältigen.

Linus und Eric Mührel: Kapital4Sozial? Thomas Pikettys Analyse des Kapitals im 21. Jahrhundert und Folgerungen für die Soziale Arbeit als gesellschaftspolitischer Akteur. Die Autoren versuchen mit Pikettys Analyse des Kapitals die Soziale Arbeit gesellschaftspolitisch zu positionieren. Piketty verfolgte den Ansatz, dass sich der Kapitalismus im Dienste des Gemeinwesens zu entwickeln hat.

Bernd Birgmeier: Wissenschaftstheoretische und philosophisch-anthropologische Szenarien des „Ökonomischen“ im Kontext sozialpädagogischer Denk- und Handlungslogiken. Der Autor unterscheidet begrifflich zwischen Ökonomisierung und Ökonomismus. Ersteren Begriff verbindet er mit Haushalten, Wirtschaften, Verwalten. Zweiteren mit der obersten Prämisse der Gewinnmaximierung. Gefahr geht für die Soziale Arbeit (sowohl für die Profession als auch für die Disziplin) von ökonomistischen Handlungslogiken aus.

Friedrich Maus: Soziale Arbeit ist (k)ein Instrument neoliberaler Politik!? Der Autor zieht Vergleiche zwischen dem fehlenden Widerstand der Profession im Nationalsozialismus und dem kaum erkennbaren Aufbegehren gegen die Zumutungen der Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit.

Carl Heese und Tilman Thaler: Ökonomisierung des Fachdiskurses? Eine empirische Analyse der Zeitschrift Sozialmagazin. Als Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung wird festgehalten, dass im Sozialmagazin eine Offenheit für Themen des Managements besteht. Dies lässt sich an einer leichten Zunahme der Beiträge festmachen. Allerdings kann nicht von einer Ökonomisierung der Diskurse in dieser Fachzeitschrift gesprochen werden.

Manfred Baberg: Soziale Ungleichheit als Ursache gesellschaftlicher und gesundheitlicher Probleme. Anhand der Studie von Wilkinson und Pickett zeichnet der Autor nach, dass soziale Ungleichheit gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf das Klientel der Sozialen Arbeit hat. Der Modus „jeder ist seines Glückes Schmied“ demütigt die von Armut betroffenen Menschen. Soziale Arbeit muss der Stigmatisierung ihrer Klientel entgegentreten.

Zu 2.

(„Soziale Arbeit unter Ökonomisierungsdruck – handlungsfeldbezogene Analysen und Perspektiven“) In diesem Abschnitt setzen sich verschiedene Autor*innen mit den Auswirkungen des ökonomistischen Paradigmas auf die Soziale Arbeit auseinander. Immer wieder werden folgende Auswirkungen benannt:

  • Arbeitsverdichtung,
  • Einsatz fachfremder Mitarbeiter,
  • Orientierung an ökonomischen Kennzahlen und nicht an fachlich notwendigen Standards,
  • Klient wird zum Kunden,
  • keine Reflexionsräume,
  • fehlende Supervision.

Zu 3.

(„Alternativen zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit“). Dieses Kapitel wird von drei Autor*innen bearbeitet:

  • Einer Betriebswirtin die die Solidarische Ökonomie mit Beispielen aus aller Welt darstellt,
  • einem Psychologen, der als Betriebsrat den Bielefelder Appell aus dem Jahr 2011 vorstellt und
  • einem Vertreter von Attac Deutschland, der sich dem bedingungslosen Grundeinkommen widmet

Diskussion

Es ist immer eine Herausforderung, unterschiedliche Beiträge aus einer Tagung in einem Sammelband zu vereinigen. Hier scheint es rundum nicht gelungen zu sein. Einem vielversprechenden Auftakt mit durchaus kritischen und gehaltvollen Beiträgen folgt gegen Ende eine deutliche Vernachlässigung der Perspektive der Sozialen Arbeit

In vielen Beiträgen findet sich die akademische Forderung, die Soziale Arbeit müsse politischer werden, um den skizzierten Auswirkungen der Ökonomisierung auf die Soziale Arbeit zu begegnen. Welche politische Macht schreibt man einer Profession zu, die es seit Kriegsende auf einen Organisationsgrad von max. 5% in Gewerkschaften und Berufsverbänden gebracht hat? Und die sind dann zersplittert vertreten bei ver.di, GEW, DBSH, dem AKS und spezialisierten Verbänden. Wenn die Ökonomisierung der Gesellschaft eines gezeigt hat, dann das, dass die Durchsetzung von Interessen eine Frage der Macht und der Ressourcen ist. Die Lobbytruppe der Wirtschaft ist der der Sozialen Arbeit weit überlegen. Hier handelt die Soziale Arbeit tatsächlich mit peanuts. Oder anders formuliert: Wie will sich Soziale Arbeit so strukturieren, dass sie gesellschaftlich und vor allem politisch Gehör findet? Nur ein hoher Organisationsgrad ist ein mächtiges Instrument, um den Zumutungen der Wirtschaft ein Modell einer solidarischen Gesellschaft und eines Wirtschaftens für das Gemeinwohl im Sinne von Piketty entgegen zu stellen. Jede*r der das nicht benennt und eine politische Soziale Arbeit fordert, verkürzt den Diskurs auf nutzlose Appelle, die nichts bewirken. Unser Gesellschaftsmodell und die Frage, wie wir leben wollen ist ein Ausdruck von Machtverhältnissen, die es nicht anzuerkennen aber zu benennen gilt.

Irritierend sind die Beiträge im zweiten Teil. Nach drei Autoren, die zu Sozialer Arbeit schreiben, hängt man noch zwei Autoren an, die berufsfremd sind. Ein Vertreter von Attac und ein Psychologe liefern Beiträge zur Ökonomisierung im Gesundheitswesen und bei den Hebammen.

Aber damit ist auch gleich ein Übergang geschaffen zum dritten Teil des Buches, in dem erst gar kein Vertreter der Sozialen Arbeit mehr vorkommt. Stattdessen versuchen eine Betriebswirtin, ein Vertreter von Attac und ein Psychologe eine Antwort auf die zentrale Frage in diesem Abschnitt zu finden, welche Alternativen es zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit gibt. Es ist ein Armutszeugnis, dass hier weder von der Disziplin weitergedacht wird, noch von der Profession Ideen dazu aufgegriffen werden. Wieder einmal weisen uns Fachfremde den Weg aus der Ökonomisierungsfalle. Keine Beträge zu gerechten und solidarischen Gesellschaften und welche Strukturen es braucht, um diese im Sinne der Sozialen Arbeit zu schaffen. Haben hier die Herausgeber nicht genau hingesehen, was Inhalt des dritten Teiles des Bandes wird oder gab es zu den Beiträgen keine Alternativen?

Es bleibt also für die Soziale Arbeit noch viel zu tun, bis sie ein Licht am Ende des Ökonomisierungstunnels erblicken wird.

Fazit

Ein Band für Studierende und Professionelle in der Praxis, die die Hintergründe der letzten Jahrzehnte verstehen wollen. Damit wächst Verständnis für die Rahmenbedingungen, in die die Soziale Arbeit eingebettet ist. Wie der Band inhaltlich und strukturell dokumentiert, ist es bis zur Veränderung derselben aber noch ein weiter und mühsamer Weg.


Rezensent
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 04.07.2017 zu: Carsten Müller, Eric Mührel, Bernd Birgmeier (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Ökonomisierungsfalle? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13059-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22304.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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