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Susanne Gebauer: Wieder beschäftigungsfähig werden durch berufliche Rehabilitation

Cover Susanne Gebauer: Wieder beschäftigungsfähig werden durch berufliche Rehabilitation. Innenansichten einer an Beschäftigungsfähigkeit orientierten Rehabilitationspädagogik im Kontext von Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. 322 Seiten. ISBN 978-3-8300-9198-1. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR.
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Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Publikation von Susanne Gebauer, erschienen in der Schriftenreihe Integrationspädagogik in Forschung und Praxis, Bd. 21, handelt es sich um eine Dissertationsschrift, die von der Universität Hamburg 2016 angenommen wurde.

Thema

In dieser Schrift untersucht die Autorin einen Teilaspekt der Wirksamkeit von Rehabilitationsmaßnahmen der BFW zur Wiederbefähigung der Teilhabe am Arbeitsleben bei Menschen, die bereits über einer berufliche Qualifikation verfügen, jedoch aus unterschiedlichen Gründen aus dem Berufsleben ausscheiden mussten und sich zur Rückgewinnung ihrer Beschäftigungsfähigkeit einer Maßnahme der beruflichen Rehabilitation unterzogen. Im Zentrum des empirischen Interesses steht dabei nicht die vergleichende Überprüfung der Wirksamkeit diverser Employability-Faktoren, vielmehr erforscht sie die subjektive Erfahrung und Bewertung der Rehabilitationsmaßnahme aus der Sicht der Teilnehmenden, da die Autorin annimmt, dass sich die subjektiven Einschätzungen und Deutungen der Personengruppe sowohl auf das Zustandekommen als auch die Aufrechterhaltung von Beschäftigungsverhältnissen auswirken. Daraus möchte sie Konsequenzen für rehabilitationspädagogische Maßnahmen ableiten, die geeignet sind, die Beschäftigungsfähigkeit der Probanden zu erhöhen.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau der Dissertationsschrift folgt zunächst den geläufigen Vorgaben, über Begriffsdefinitionen und einer (- allerdings sehr reduzierten -) Übersicht von einschlägigen Forschungsarbeiten im Kontext der beruflichen Rehabilitation, die gleichfalls den qualitativen Forschungsansatz bemühen und die subjektiven Deutungen thematisieren(S. 16), ihr Forschungsvorhaben einzubetten. Daraufhin wird in einem ausführlichen Kapitel die historische Entwicklung der beruflichen Rehabilitation „zwischen veränderten Ansprüchen und problematischer Wirklichkeit“ (S. 23 ff) nachgezeichnet. In einem 3. Kapitel nähert sich die Autorin dem Gegenstand der Beschäftigungsfähigkeit /Employability aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Zielkategorien, die den Ausgangpunkt ihrer empirischen Studie bildet.

Im 4. Kapitel wendet sie sich dem eigentlichen Forschungsvorhaben zu, einer systematischen Fallanalyse auf der Basis leitfadengestützter Interviews. Sie erläutert die theoretische Fundierung und die Fokussierung auf die „Innenansichten“ der Rehabilitanden (S. 119) und begründet den gewählten methodischen Ansatz.

Dabei werden insgesamt acht Personen(Fallgruppe A), die sich einer außerbetrieblichen Umschulung in einem BFW unterzogen, im Rahmen von insgesamt 3-4 episodischen Interviews im Verlauf der Maßnahme und zehn Probanden (Fallgruppe B), die im Rahmen einer betrieblichen Umschulung von Fachkräften der BFW Begleitung erfuhren, ausgewählt (Kap.5.).

Offen bleibt, weshalb lediglich exemplarisch die kommentierten Einzelfallanalysen von vier Personen dargestellt werden, von denen jeweils zwei Personen zur Fallgruppe A (Ausbildung im BFW) und zwei Personen zur Fallgruppe B (Ausbildung in Betrieb und Berufsschule mit Unterstützung durch das BFW) gehören, obwohl, so die Autorin (S. 249), nicht daran gedacht ist, die beiden Gruppen miteinander zu vergleichen.

In einem 6. Kapitel werden aus den transkribierten und kommentierten Fallgeschichten Deutungsmuster generiert und diese mit bestehenden konzeptionelle Vorstellungen von Beschäftigungsfähigkeit verglichen, um schließlich in eine Diskussion der konzeptionellen Ansätze von Employability (Kap.7.) im Rahmen der beruflichen Rehabilitation einzumünden und Vorschläge zur Berücksichtigung der Forschungsergebnisse (Kap. 8.) zu unterbreiten

Diskussion und Fazit

Die vorliegende vielschichtige, z.T. auch fragmentarische, Dissertationsschrift zerfällt in mehrere, unterschiedlich zu beurteilende Teile. Während auf Begriffsdefinitionen, statistische Erkenntnisse zur Beschäftigungssituation von Menschen mit Behinderungen und die wissenschaftliche Einordnung unter Bezugnahme auf bereits bestehenden Forschungsarbeiten nicht verzichtet werden kann, stellt sich doch die Frage, ob es Sinn macht, in einem ausführlichen Kapitel die historische und ideengeschichtliche sowie rechtliche Entwicklung der beruflichen Rehabilitation deskripiv abzuhandeln, auf die im Folgenden nur noch marginal Bezug genommen wird. Zumal die paradigmatische Entwicklung im Verlauf der letzten zwei Jahrhunderte, respektive in den letzten 70 Jahren, lediglich selektiv als beständige Aufwärtsbewegung referiert wird und Dysfunktionalitäten sowie Fehlentwicklungen nur am Rande (‚die unzureichende Beteiligung am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen ist kritisch zu betrachten‘, siehe S. 76; und ‚Konzepte der der beruflichen Rehabilitation werden einer latenten Infragestellung ausgesetzt, weil sich hier verdeckte oder offene Kosteneinsparmotive mit Ideologie paaren würden‘, siehe S. 78).

Eine schlankere, auf den Erkenntnisgegenstand ‚Employability‘ und die Aufgabenstellung der BFW bezogene Analyse, in die vor allem deutlich mehr Probanden hätten einbezogen werden müssen, hätte vielleicht dazu beigetragen, dass sich die schmalen Erkenntnisse über die Sichtweisen von 4 Probanden der BFW nicht in einer Wolke individueller Deutungsmuster („Wieder stark werden und einen guten Arbeitsplatz finden“, „Glänzen mit neuem Abschluss und am Ball bleiben“, „Unterwegs sein auf dem neuen Berufsweg“, „Durchziehen, Abschluss machen – und dann mal sehen“ auflösen. Die gilt auch für die aus subjektiver Sicht beschäftigungsrelevanten Faktoren (S. 263), die hilfreich oder förderlich beim Erwerb /der Aufrechterhaltung eines Arbeitsplatzes sein können (Lebensalter, Performanz durch erfolgreichen Abschluss, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, ein positives Arbeitsklima und abgesichertes Einkommen zu haben und aufgrund von fachlichen, persönlichen oder auch gesundheitlichen Voraussetzungen im Betrieb gewollt zu sein).

Aus Sicht des Rezensenten kann die Autorin den selbst gesetzten Anspruch, verwertbare Erkenntnisse für Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation in oder durch die Begleitung von BFW auf der Basis individueller Sicht- und Erlebnisweisen zu gewinnen, um Rückschlüsse für eine am Konzept der Beschäftigungsfähigkeit orientierende berufliche Rehabilitationspädagogik ( S. 14) zu ziehen, nicht einlösen. Dabei hätte – im Zuge der aktuellen Diskussion um die Legitimation außerbetrieblicher Umschulungsmaßnahmen – nicht zuletzt die vorgenommene Unterscheidung zwischen betrieblichen und außerbetrieblichen Maßnahmen der Umschulung in den Einstellungen der beiden Fallgruppen interessiert.

So reduziert sich die Stärke dieser Arbeit auf den komplexen Entwurf und die Darstellung von Dimensionen von Employability sowie auf das ausführlich dokumentierte und begründete handwerkliche Vorgehen bei der Durchführung und Deutungsanalyse der prozessorientierten Interviews.

Wer bei der Spurensuche der bereits vor einem Jahrhundert entwickelten Konzepte (S. 23) allerdings auf ein Zitat von Biesalski (1909) verweist „Das Heilen ist nur einer von vielen Faktoren. Das Endziel ist, den Krüppel erwerbsfähig zu machen“, sollte nicht ignorieren, dass im Nationalsozialismus unzureichende Beschäftigungsfähigkeit letztlich als Selektionskriterium bei der ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens‘ galt.


Rezensent
Prof. em. Dr. phil. Matthias Dalferth
Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
Studienschwerpunkt Rehabilitation/Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen
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Zitiervorschlag
Matthias Dalferth. Rezension vom 04.08.2017 zu: Susanne Gebauer: Wieder beschäftigungsfähig werden durch berufliche Rehabilitation. Innenansichten einer an Beschäftigungsfähigkeit orientierten Rehabilitationspädagogik im Kontext von Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-8300-9198-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22306.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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