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Matthias Wilk: Der Raum als Erzieher

Cover Matthias Wilk: Der Raum als Erzieher. Die Bedeutung des Raumes für die kindliche Bildung und Entwicklung. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 346 Seiten. ISBN 978-3-8288-3860-4. D: 39,95 EUR, A: 39,95 EUR.
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Thema und Autor

Wieder einmal ein Buch über Raum und Raumgestaltung im Elementarbereich. Diesmal von Architekt, Bildhauer, Schreiner und Dr. Ing – verliehen durch die Bauhaus-Universität Weimar – Matthias Wilk.

Entstehungshintergrund

In der vorliegenden Publikation geht es um die Dissertation des Autoren – mit ihren fast 350 Seiten ein opulentes Werk; opulent durch die eigene Gedankenarbeit von Wilk, aber auch durch die zahlreichen Listen, Transkripte, Bildungspläne etc. im Anhang der Arbeit.

Aufbau und Inhalte im Überblick

Das Buch ist gegliedert in 17 Kapitel, bei denen u.a. eingegangen wird auf:

  • Historische und aktuelle Bedeutung der Institution Kindergarten;
  • frühpädagogische Ansätze, dabei das Thema Raum;
  • Kindliche Entwicklung und deren Theorien, z.B. Psychoanalyse, Konstruktivismus und Bindungstheorie;
  • Einflussfaktoren der Entwicklung;
  • der Raum als Lernumgebung der frühkindlichen Entwicklung; der Raumbegriff (gelebter Raum, Raum als Behälter und als Körperlager, Wahrnehmungs- und Bewegungsraum);
  • Institution Kindergarten, u.a. Räume und deren Gestaltung als Einflussgröße der Qualität; drei Hypothesen, u.a. dass „die Bedeutung einer Kita … Architektinnen nur ansatzweise bekannt“ sei;
  • Forschungswege, z.B. Sichten von Fachliteratur und Bildungsplänen, quantitative Befragung im Onlineverfahren etc.;
  • Umsetzungsempfehlungen.
  • Aus dem äußerst umfangreichen Anhang (fast 150 Seiten) sei noch z.B. der Grundriss einer sog. „Muster-Kita“ erwähnt.

Diskussion

Bei der Bewertung dieses Buches ist anzumerken, dass der Autor – nicht zuletzt bei den für den Architekturfachmann fachfremden Themen – durchaus informativ ist und den Fragestellungen ziemlich gründlich nachgegangen ist.

Sinnvoll für den pädagogischen Leserkreis ist u.a. die Heranführung an den Raumbegriff (S. 79 ff). Die verschiedenen Aspekte und Verständnisse von Raum sind tatsächlich in der Pädagogik eher Desiderate. Allerdings: Einer Dissertation zu einem pädagogischen Thema hätte hier seitens des Verfassers ein Blick in die Philosophie des Raumes nicht geschadet. (Es gibt so gut wie kein philosophisches Lexikon oder Wörterbuch, das nicht auch einen Artikel zu „Raum“ aufbietet.)

Positiv zu bewerten sind die Empfehlungen von Matthias Wilk, die er an die pädagogische „wie auch architektonische Zunft“ richtet (vgl. S. 162 ff). Diese beiden Seiten sind so stark aufeinander angewiesen, und ihre Kooperation ist so wichtig, dass man sich in der Tat über das bislang wohl eher ambivalente bis aversive Verhältnis wundern muss – vor allem, wenn rechtzeitig und auf Augenhöhe kooperiert werden soll. Viele Architekten dürften hier wohl durchaus vom hohen Ross heruntersteigen müssen.

Autor Wilk betont mit Recht die Bedeutung des Raumes sowie dessen Gestaltung in Erziehung und Bildung, z.B. wenn er sagt (S. 100) „Raumgestaltung … übt … Einfluss auf die Qualität der pädagogischen Prozesse aus.“ Allerdings neigt er im Ganzen dazu, den Raum und dessen Bedeutung zu überschätzen; denn der Raum ist kein Erzieher und wird es auch niemals sein. (Genau hier hätte eine phänomenologisch-anthropologische Vorreflexion zu „Raum“ und „Erziehung“ helfen können, um diesem Irrtum nicht zu erliegen.)

Mindestens bedenklich klingen Sätze wie etwa (S. 84): „Über die Gestaltung des Raumes werden den Kindern indirekt kulturelle Werte vermittelt.“ Der Verfasser hätte, wenn er Raum so betont (Titel: „Der Raum als Erzieher“), ein Kapitel verfassen müssen zu „Erziehung“ sowie zu „Erzieher/in“. Der Erziehungsbegriff kann nicht ersetzt werden durch den der „Entwicklung“ (vgl. Kap. 4).

Auch der Bildungsbegriff wird von Autor Wilk nicht bedacht, wenngleich sein Untertitel lautet „Die Bedeutung des Raumes für die kindliche Bildung und Entwicklung“. So lesenswert und informativ das Opus sein mag, die fehlende Reflexion der Begriffe und Phänomene von „Erziehung“ und „Bildung“ halte ich für ein gravierendes Defizit. Wilk läuft sonst Gefahr, dem derzeitigen Trend und pädagogischen Ungeist zu erliegen, Erzieherin bzw. Erzieher durch räumliche Veränderungen zu ersetzen und damit in ihrer tatsächlichen Bedeutung, u.a. vor der Gesellschaft, weiter herabzumindern.

Zu beanstanden ist auch der leichtfertige und laxe Umgang mit dem Bedürfnisbegriff. S. 52 heißt es: „Die offene Planung ist an den Bedürfnissen der Kinder orientiert.“ Genau das ist sie eben nicht, sondern daran, was manchen Pädagoginnen bzw. Pädagogen besser gefällt und leichter fällt. Hier hätte der Autor eine phänomenologisch saubere Betrachtung des Bedürfnisbegriffes durchführen sollen. Stattdessen finden wir ein schlichtes Alltagsverständnis von „Bedürfnis“.

Und überhaupt die sog. „offene Arbeit“ (u.a. S. 52 f.): Bei Matthias Wilk muss man dummerweise den Eindruck haben, als wäre der „offene Kindergarten“ (beschönigend „offene Arbeit“ genannt) gleichsam gesetzt und somit selbstverständlich. Ein großer Irrtum! Natürlich hat die Neigung, die Gruppenräume aufzulösen, etwas mit Raumfragen zu tun. Aber deshalb bei einer „Muster-Kita“ in die Mitte der Einrichtung gleich ein „Restaurant“ zu setzen, muss dem erziehungswissenschaftlichen Pädagogen doch ein Schmunzeln abverlangen. Nein: offener Kindergarten im Sinne von „Auflösung des klassischen Stammgruppenprinzips“ (S. 52) ist und bleibt – vom Wohl und den wahren Bedürfnissen der Kinder her betrachtet – höchst umstritten und nicht verantwortbar; auch nicht bei noch so durchdachter Raumplanung. Besonders den benachteiligten und unterprivilegieren Kindern wird dadurch Schaden zugefügt; denn diese brauchen vor allem gute Erzieher als Menschen – nicht als Räume, wenngleich ihnen auch diese zustehen und zu wünschen sind.

Ohne den Autor und sein Werk – Matthias Wilk hat sehr fleißig und engagiert gearbeitet – zu sehr in Frage zu stellen, muss doch gefragt werden, warum traditionelle Raum- und Raumteiltheorien, wie z.B. die von Mater Margareta Schörl, nicht beachtet wurden; warum bei den elementarpädagogischen Ansätzen der Lebensbezogene Ansatz, u.a. mit Blick auf die Natur- und Waldpädagogik, mit der Betonung des Raumes draußen, z.B. die Bewegungsbaustelle, nicht gesichtet wurde.

Diese und eine Reihe anderer Blickrichtungen hätten dem Werk noch gut getan und den Autor möglicherweise davor bewahrt, den übertriebenen Standpunkt vom „Raum als Erzieher“ einzunehmen. Raum hat in der Pädagogik immer nur Bedeutung als pädagogisch gelebter Raum im Verbund mit der Erzieherin sowie dem Fundament aller Erziehung und Bildung, d.h. die echte persönliche Begegnung des Kindes mit der Erzieherin im pädagogischen Bezug; Räume ohne Menschen stehen im Nichts.

Da es sich bei dem vorliegenden Werk um eine Dissertation handelt, muss ein Blick auf den Forschungsaspekt bzw. den methodisch-wissenschaftlichen geworfen werden. Wilk geht mehrere Wege, um zu Ergebnissen zu gelangen (S. 112). Ob man das ganze Verfahren nun überhaupt „Triangulation“ nennen darf, mag einmal dahinstehen. Jedenfalls versucht der Verfasser, über alle ihm gangbaren Wege seine drei Hypothesen zu prüfen, und gelangt, wie es scheint, auch durchaus zu plausiblen Erkenntnissen, mögen die Methoden doch wohl hier und da etwas fragwürdig sein und auch nicht völlig den wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden, z.B. die besonders auffällige Methode der „Kettenmail“ (S. 126 f.), welcher die Idee zu Grunde liegt, „dass jeder Mensch um sechs Ecken herum …jeden anderen auf der Welt kennt und somit jeder per Kettenbrief erreichbar ist“ (S. 127). Ob der Erziehungswissenschaft im Elementarbereich damit gedient ist? (Hinweis: Forschungsmethodik und Wissenschaftstheorie haben in der Pädagogik als Erziehungswissenschaft während der vergangenen Jahrzehnte ein wirklich beträchtliches Niveau erlangt.)

Fazit

Erfreulich, dass andere Professionen sich mit um den Elementarbereich in der Pädagogik (Krippe und Kindergarten) kümmern, z.B. Architekten um Raumfragen oder Förster um den Natur- und Waldkindergarten. Sie haben den pädagogischen Fachkräften viel an Anregungen zu bieten. Und Kooperation ist sowieso angesagt und gewünscht. Allerdings muss bei all dem und von allen beachtet werden, dass die Pädagogik, hier die erziehungswissenschaftliche Elementarpädagogik, die Leitwissenschaft bzw. (deutlicher) die Führungsdisziplin ist und bleibt. Die Kooperationspartner vertreten die Hilfswissenschaften, was bei logisch-rationaler Betrachtung keine Herabsetzung, sondern eine vernünftige Einleuchtung ist. Insofern muss man achtgeben, dass – so sehr auch das Interesse, der Fleiß und das Engagement, z.B. des Architekten Matthias Wilk, zu honorieren ist – nicht eine Bekräftigung der falschen These vom „Raum als dem Erzieher“ erfolgen darf: Der Autor hat seinem Buch einen richtigen Untertitel gegeben („Die Bedeutung des Raumes für die kindliche Bildung und Erziehung“) – aber: der Haupttitel („Der Raum als Erzieher“) ist irreführend und falsch; denn, wie gezeigt, der Raum ist kein Erzieher: Erzieher kann nur ein Mensch sein. Und der ist für ein Kind durch nichts zu ersetzen.

Das Buch ist lesenswert für jene, die erziehungswissenschaftlich Bescheid wissen und es insofern kritisch lesen können; natürlich auch für solche, die sich mit Architektur und Elementarpädagogik befassen möchten bzw. evtl. müssen. Diesen empfehle ich das Buch.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Huppertz
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 25.10.2017 zu: Matthias Wilk: Der Raum als Erzieher. Die Bedeutung des Raumes für die kindliche Bildung und Entwicklung. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. ISBN 978-3-8288-3860-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22307.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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