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Meinhard Creydt: Wie der Kapitalismus unnötig werden kann

Cover Meinhard Creydt: Wie der Kapitalismus unnötig werden kann. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. 419 Seiten. ISBN 978-3-89691-970-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Die Meinungsmacht geht so: Kapitalismus ist die vernünftigste, verbreitetste, erfolgreichste Wirtschafts- und Lebensform, weil das ökonomische Denken und Handeln, das dem Kapitalismus zugrunde liegt und ausmacht, den natürlichen Bedürfnissen, Wünschen und Hoffnungen der Menschen entspricht. Dort, wo (neo-)kapitalistische Auswüchse entstehen, genügt es, sie zu bändigen und zu korrigieren; denn: Die „unsichtbare Hand“ des „freien Marktes“ reguliert und lenkt in vernünftige Bahnen. Aus einem schlechten und unbefriedigenden Kapitalismus kann nur ein besserer Kapitalismus werden!

Die Meinungskontroverse: In der Kapitalismus- und Gesellschaftskritik wird dem kapitalistischen Denken und Handeln zugeschrieben, was die Menschheit zugrunde richtet: Immer mehr ökonomisches Wachstum, immer mehr Kapital in immer weniger Händen: Die bereits Wohlhabenden und materiell Besitzenden werden immer reicher, und die Habenichtse immer ärmer. Das führt nicht nur zu immer mehr sozialer Ungerechtigkeit und Ungleichheit, sondern die Ausbeutung des Menschen und der Natur zerstört die Menschheit und ihren Lebensraum (Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?, 22. 11. 2013, www.socialnet.de/materialien/168.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Gründe für das Phänomen, dass sich das auf Profit, Ungleichheit und Ungerechtigkeit ausgerichtete kapitalistische System sowohl als scheinbar alternativlose und sachgerechte Wirtschafts-, als auch erstrebenswerte Lebensform weltweit ausbreitet, werden in zahlreichen wissenschaftlichen Analysen kontrovers ausgebreitet. Dort, wo Alternativen als theoretische Konzepte vorgeschlagen und sogar praktisch (erfolgreich oder auch erfolglos) erprobt werden, trifft das Bemühen auf die mittlerweile etablierte, ideologisch und wissenschaftlich begründete und vernetzte Weltmacht des Kapitals. Die Fragen, Wem gehört die Welt? (Hans-Jürgen Jakobs, Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/22284.php) und „Wer beherrscht die Welt?“ (Noam Chomsky, Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/22197.php) werden so beantwortet: Es ist höchste Zeit, dass die Menschheit einen Perspektivenwechsel weg vom kapitalistischen Denken und Tun und hin zu Lebensformen und Strukturen einer nachkapitalistischen Gesellschaft unternimmt. Die Bemühungen dazu sind nicht neu; sie werden jedoch durch die individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen, kapitalistischen Strukturen immer dringlicher.

Die Statistiker der internationalen Nichtregierungsorganisation Oxfam legten aus Anlass des Weltwirtschaftsforums im Januar 2017 in Davos eine Aufstellung der reichsten Menschen auf der Erde vor. Damit die Liste nicht ein allzu langes Band ausmachte, beschränkten sie sich darauf, nur die Multimilliardäre aufzuführen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 85 Superreiche mehr Vermögen besitzen als die halbe Menschheit, und acht von ihnen so reich wären wie 3,6 Milliarden Menschen zusammen genommen. Gewissermaßen als Gag erwähnten sie dabei, dass einer dieser Superreichen, den sie im oberen Drittel der Liste platzierten, in einer Stunde rund drei Millionen US-Dollar verdiene.

Ist es die Sorge vor der „gesellschaftlichen Müdigkeit“ (Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit. Gestaltungspessimismus und Utopismus im gesellschaftstheoretischen Denken, 2000), die für den in Berlin lebenden Psychologen und Soziologen Meinhard Creydt ein entscheidender Grund dafür ist, dass die (Marxsche) Kapitalismuskritik in der Vergangenheit so wenig erfolgreich wirken konnte, aber sich in der immer auswegloser sich darstellenden kapitalistischen Weltherrschaft wieder deutlicher zu Wort meldet? Oder ist es die Hoffnung, dass der im Kapitalismus sich sorgsam übertünchte „Schein der Neutralität und Unumgänglichkeit von Ware, Markt, Geld und der kapitalistischen Organisation und Technik im Arbeitsprozess erklärt und de(kon)struiert“? (Dietmar Richter).

Meinhard Creydt legt ein Buch mit dem (optimistischen) Titel: „Wie der Kapitalismus unnötig werden kann“ vor. Er verweist darauf, dass sich die Ablehnung einer kritisierten Struktur (im allgemeinen) nicht dadurch realisiert, dass man sie verneint, ohne gleichzeitig Alternativen anbieten zu können: „Die Suchbewegung nach diesen Formen und Inhalten und der soziale Prozess ihrer Durchsetzung gelingen in dem Maße, wie sich eine bestimmte Art von Betätigungsmotiven, von Interessen an bestimmten gesellschaftlich maßgeblichen Inhalten, von Strukturen der öffentlichen Beratung, Entscheidungsfindung und der sozialen und gesellschaftlichen Synthesis entwickelt“ (vgl. dazu auch: Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13528.php).

Eine Opposition gegen kapitalistische Ordnungs- und Gesellschaftsstrukturen muss dabei die Möglichkeiten und Perspektiven herausarbeiten, die eine Ablösung des kapitalistischen Systems sinnvoll, wünschenswert und erfolgreich machen können. Creydt geht dabei nicht den Weg, „die nachkapitalistische Gesellschaft … im Horizont der vermeintlich unverwirklichten Werte der bürgerlichen Gesellschaft“ zu konzipieren; vielmehr unterzieht er seiner Studie für eine nachkapitalistische Gesellschaft drei Realitätstests: Zum einen fragt er. „ob eine am Praxisparadigma orientierte Gesellschaft den Aufgaben und Problemen gewachsen ist, die sich unter modernen (kursiv) Bedingungen durch den Stoffwechsel mit der Natur sowie durch die gesellschaftlichen Prozesse des Produzierens, Organisierens und der Synthese ergeben“; zum zweiten, „wie sich eine an ‚Praxis‘ orientierte Gesellschaft zum bürgerlichen (kursiv) Selbst- und Weltverständnis verhält“; und drittens, wie eine „gesellschaftliche Gestaltung und Selbstregulierung einer nachkapitalistischen Gesellschaft“ aussehen könnte.

Aufbau und Inhalt

Meinhard Creydt gliedert seinen Gegenentwurf zu kapitalistischen, ideologischen Gesellschaftsformen in zwei Hauptkapitel.

  1. Im ersten setzt er sich mit den „Für eine umfassende Gesellschaftsveränderung relevante gesellschaftliche Widersprüche(n), soziale(n) Kräfte(n) und Bewusstseinsveränderungen“ auseinander.
  2. Und im zweiten Kapitel stellt er mit dem „‚Praxis‘-Paradigma“ sein „Leitbild und die Realutopie der nachkapitalistischen Gesellschaft“ vor.

Es sind die reflektierten Hinweise und Auseinandersetzungen mit dem „Doppelcharakter“ des kapitalistischen Denkens und Tuns, nämlich „den Widerspruch zwischen der Verwertung des Kapitals als gesellschaftlich maßgeblichem Relevanzkriterium einerseits und den für profitables Wirtschaften nötigen Fähigkeiten, Kooperationszusammenhängen und (Er-)Kenntnissen andererseits“, die eine Auseinandersetzung mit dem real existierenden lokalen und globalen Kapitalismus erfolgreich erscheinen lassen. Wie immer bei individuellen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen kommt es dabei darauf an, die Konstanten und Diskrepanzen bei den sozialen Bedingungen der Erwerbs-, Arbeitsprozesse und Lebensentwürfe zu analysieren. Die Blickrichtung auf „die Aufmerksamkeit für die Hässlichkeit, die uns im modernen Kapitalismus umgibt“ provoziert gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der (gelegentlichen) politischen, „linken“ Praxis von „strohfeuerhafte(n) Kampagnen“. Das Plädoyer des Autors hingegen lautet: „Konsolidierung und den kontinuierlichen Ausbau von Netzwerken alternativer widerständiger Praxis in gesellschaftlich zentralen Bereichen“.

Zum Angelpunkt einer wirksamen, identischen, glaubwürdigen und effektiven Kapitalismuskritik wird das jeweils eigene, individuelle und gesellschaftliche politische und menschenrechtliche Bewusstsein vom „guten Leben“. Es sind die Forderungen nach Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung in den menschlichen Lebensbereichen und -situationen, die „das Leitbild und die Realutopie der nachkapitalistischen Gesellschaft“ bestimmen; z. B. durch die Überzeugung, dass es darauf ankommt, „die weitest mögliche Befreiung der Arbeit von ihren subalternen Effekten“. Das vom Autor vorgelegte Modell des Praxis-Paradigmas geht in der Tat vom richtigen, anthropologischen Handeln aus, bei dem die Fähigkeit des Menschen als verstandesbewusstes, zu Allgemeinurteilen befähigtes und zwischen Gut und Böse unterscheidungskompetentes, für theoretisches Denken und praktisches Handeln aufgefordertes Lebewesen grundgelegt ist (Aristoteles). Dieser philosophische Rückbezug kann dem nachkapitalistischen, kritischen Diskurs befördern und vielleicht sogar dazu beitragen, die ohne Zweifel dem Kapitalismus inne liegende Trennung von Theorie und Praxis auflösen zu helfen. So ist die Begriffsbestimmung, die der Autor findet, hilfreich für den weiteren, antikapitalistischen Diskurs: „‚Praxis‘ bedeutet jene Entfaltung von Sinnen und Fähigkeiten des Menschen, die in Arbeiten und Tätigkeiten, an Gegenständen und in sozialen Beziehungen stattfindet und durch die Herausbildung und gesellschaftliche Gestaltung der Technologien, Organisationen und Infrastrukturen möglich und geformt wird“. Die Zuordnung von Eigenschaften und Tätigkeiten zu diesem „Praxis“- Verständnis verdeutlicht dieses ganzheitliche Verständnis: Subjekt-Objekt-Verhältnis in Arbeit und Tätigkeit – das lebensweltliche Objekt-Subjekt-Verhältnis – die sozialen Subjekt-Subjekt-Beziehungen – das sachbezogene Objekt-Objekt-Verhältnis – die gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen – die Subjektivität – die Gesellschaftsgestaltung. Dadurch erhält auch der irrtümlich und missbräuchlich vom Kapitalismus vereinnahmte Begriff der „Bürgerlichkeit“ eine neue, allgemeinverbindliche und demokratische Bedeutung, die nicht in die hasardierenden, individualistischen Vorstellungen eines „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – Denkens, sondern in die Ideale einer menschenwürdigen Sozialität münden.

Fazit

Wahrheit, politische Urteilskraft und das Wagnis der Erfahrung von alternativem Denken und Handeln herausfordernden, utopischen und aktiven Ausformulierungen eines Gesellschaftsentwurfs für eine nachkapitalistische Menschen- und Menschheitszeit sind nicht als Rezeptur zu haben. Sie sind auch nicht als X-Punkte-Programm herunterzuladen. Sie sind mit dem intellektuellen Anspruch verbunden, selbst zu denken und nicht andere Mächte, Ideologien und Märkte für sich denken zu lassen (vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php). Im angesagten, programmatischen und intellektuellen linken Diskurs zur Kapitalismus- und Gesellschaftskritik wird die Stimme von Meinhard Creydt eher in die ‚konservative‘ Macher-Schublade gesteckt und deshalb kritisiert. Der Titel seiner Studie „Wie der Kapitalismus unnötig werden kann“ dürfte diese Meinung sogar noch verstärken. Für die objektiv, auf der Suche nach Alternativen zum zerstörerischen und dominanten kapitalistischen System befindenden Leserinnen und Leser stellt das „‚Praxis‘-Paradigma“ interessante und weiterführende Gedanken und Möglichkeiten der Selbstreflexion darüber dar, „die nachkapitalistische Gesellschaft nicht im Horizont der vermeintlich unverwirklichten Werte der bürgerlichen Gesellschaft“ zu suchen, sondern in der tätigen Entfaltung und Erprobung eines neuen ‚Praxis‘- Lebensentwurfs, bei dem Wachheit, Urteilskraft, Erfahrung und Veränderungsbereitschaft notwendig sind, um sich ständig der „Regeneration, Rekonstruktion, Reformation und Renaissance von ‚Praxis‘ gegen ihre Erschöpfung, Erosion und Entropisierung sowie gegen ihr Nominell- und Formellwerden“ zu stellen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.02.2017 zu: Meinhard Creydt: Wie der Kapitalismus unnötig werden kann. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. ISBN 978-3-89691-970-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/22312.php, Datum des Zugriffs 30.03.2017.


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