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Heide Gerstenberger: Markt und Gewalt

Cover Heide Gerstenberger: Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2017. 739 Seiten. ISBN 978-3-89691-125-4. D: 49,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, Band 25.
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Thema

Kapitalistische Aneignung wird durch Markt und Konkurrenz organisiert und veranlasst. Die Frage, wie der Mensch zum homo oeconomicus geworden ist, getrieben vom Streben nach Kapital und wirtschaftlicher Macht, den Auswirkungen von Gier und Ausbeutung, wird in der Kapitalismuskritik verhandelt. Die Wurzeln finden sich im historischen Materialismus, im kapitalistischen Weltsystem und in den menschengemachten Bedingungen und Prozessen der strukturellen Gewalt. Die Basis, auf der Kapitalismus wächst und wächst, sind die Ungleichheiten zwischen den Menschen und die Herrschaft, die von Menschen auf Menschen ausgeübt wird und zur ungerechtfertigten (Kapital- und Waren-)Macht und Unterdrückung und Ausbeutung führt. Dabei stellt der Markt an sich kein Strukturproblem dar; denn die dem Markt zugrunde liegenden Antriebe – Geben und Nehmen – funktionieren ja solange gerecht, soweit sie auf den Grundlagen von Gerechtigkeit, Freiheit und Augenhöhe beruhen und berücksichtigen, dass jeder Mensch auf der Erde das Recht hat, ein gutes, gelingendes Leben führen zu können. Da, wo diese globale Ethik durch Höherwertigkeitsvorstellungen, Hierarchien und Egoismen ausgeschaltet und durch ein kapitalistisches Wachstumsdenken und -handeln ersetzt wird und eine Immer-mehr-Mentalität Raum greift, verbinden sich Markt und Macht zu unmenschlichen Strukturen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Gegen kapitalistische Strukturen wächst kein Kraut, sagen die einen, Kapitalismus ist überwindbar, die anderen (Meinhard Creydt, Wie der Kapitalismus unnötig werden kann, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/22312.php). Die feindlichen, ideologischen Fronten verlaufen unversöhnlich, sogar dort, wo die äußeren Anzeichen allzu deutlich erkennbar sind und die Ungerechtigkeiten zwischen den Menschen zutage treten: Die bereits Wohlhabenden, Besitzenden und Kapitaleigner werden lokal und global immer reicher, und die Habenichtse und Besitzlosen immer ärmer (Reiner Klingholz, Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16526.php). Die seriösen, wissenschaftlichen Prognosen und Analysen, dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, also neue Lebensformen zu finden, wie dies 1995 eindringlich von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ gefordert wurde, liegen längst auf den Tischen der Welt; auch die Erkenntnis ist tagtäglich zu besichtigen, dass die Menschen nicht mehr alles machen dürften, was sie können oder zu können glauben. Trotzdem: Die auf der Straße liegenden Tatsachen, „dass sich die konkreten historischen Ausprägungen kapitalistischer Gesellschaften nicht an die Eigenschaften hie(a)lten, die ihnen dominante Geistesströmungen und wissenschaftliche Analysen“ zuschreiben, werden ignoriert oder geflissentlich nicht zur Kenntnis genommen.

Die Bremer Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Heide Gerstenberger legt mit ihrer umfangreichen Studie keine Kapitalismuskritik im traditionellen Sinn vor; es geht ihr vielmehr darum, anhand von Quellenmaterialien und wissenschaftlichen Konzepten auf Formen von historisch entstandenen und praktizierten kapitalistischen Entwicklungen aufmerksam zu machen und Praktiken aufzuzeigen, „denen sich Menschen in bestimmten Zusammenhängen kapitalistischer Aneignung ausgesetzt sehen“.

Aufbau und Inhalt

Die Studie wird in acht Kapitel gegliedert:

  1. Von direkter Gewalt in unbarmherzigen Verhältnissen.
  2. Bewaffneter Welthandel.
  3. Historische Voraussetzungen kapitalistischer Akkumulation in den Metropolländern.
  4. Aneignung in Übersee.
  5. Die Welt im Krieg.
  6. Die Domestizierung des Industriekapitalismus in den Metropolstaaten.
  7. Domestizierter Kapitalismus in globalisierter Konkurrenz.
  8. Markt und Gewalt im globalisierten Kapitalismus.

Es sind die Prozesse, die sich als „entgrenzte Ausbeutung“ und als „strukturelle Gewalt“ scheinbar eingehegen, „logisch“, beinahe selbstverständlich und „naturwüchsig“ darstellen und deshalb kaum kritisch betrachtet und bekämpft werden. Es sind die eurozentrierten, kapitalistischen, historischen Entwicklungen, die als Handels-, Kolonisierungs-, Unterwerfungs- und Ausbeutungsmacht weltumspannend wirksam geworden sind, aus Kaufleuten Kapitalisten und aus Handelsstaaten hegemoniale und Industriemächte gemacht haben; beginnend als Knechtschaft und Sklaverei, bis hin zur unfreien und ungerechten Lohnarbeit. Die Abschöpfung des durch das Kapital entstehenden Mehrwerts durch die privaten und staatlichen Kapitaleigner hat aus „Kolonial“-Waren und Rohstoffen das Gefälle von Zulieferung und Produktion entstehen lassen und weltweit zur Metropol- und Peripheriebildung geführt.

Die gewaltsame Aneignung von Raum, Stoffen und Menschen als gewaltsame und kriegerische Eroberung und Besetzung hat merkwürdigerweise Formen entstehen lassen, die die Autorin als „domestizierten Kapitalismus“ bezeichnet, als „ein politisch-ökonomisches System, in welchem die kapitalistische Form der Ausbeutung alltäglich geworden ist“. In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt dienen gewissermaßen die globalisierte Kapitalmacht und Konkurrenz als Schmiermittel, und zwar sowohl in funktionaler wie in funktionalistischer Weise. Aus der idealistischen, arbeitsethischen und -rechtlichen Form des freien, gerechten und fairen Anbietens von Arbeit entwickelt sich die „Vernutzung von Arbeitskraft“, die immer verbunden ist mit der profit-, gierorientierten und egoistischen Erwartung. Die weltweiten, zerstörerischen und gewinnträchtigen Kapital-, Finanz-, Wirtschafts- und humanitären Krisen sind die deutlichen Zeichen für entgrenzte Ausbeutung, angetrieben und begleitet von Korruption, Machtmissbrauch, Kinderarbeit und aktueller Sklaverei.

Kapitalismuskritik als Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem, wie Kapitalismus geworden ist, wie und was er ist, muss den Blick richten auf Prozesse, die durch individuelles und kollektives Denken und Handeln entstanden sind und entstehen. Es sind die Kapitalisten und die kapitalistischen Systeme, die Kapital- und Wirtschaftsmacht, Marktkräfte, Abhängigkeiten und Ausbeutung schaffen. „It´s the economy stupid“, das Angewiesensein auf Marktmacht, das Reformen und Veränderungsprozesse so unendlich schwer gelingen lassen (Sandra Richter, Mensch und Markt. Warum wir den Wettbewerb fürchten und ihn trotzdem brauchen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14642.php). Der Staat als Initiator und Helfershelfer nimmt dabei eine besondere Bedeutung ein.

In der Kapitalismuskritik steht die Frage nach den Klassengesellschaften und proletarischen Entwicklungen obenan. Die Bildung eines globalen Proletariats und von prekären Lebensverhältnissen zugunsten einer auswuchernden (Ver-)Kapitalisierung von Natur und Kultur, bis hin zu Landraub, Bodenübernutzung, Vergiftung, Versteppung und Verwüstung von menschlichen Lebensräumen, werden in Kauf genommen und kalkulatorisch dem Konto Kapitalismus zugeschrieben. Die Fakten liegen längst auf dem Tisch! Die Lehren daraus freilich werden nicht gezogen; es sei denn, sie nützen der kapitalistischen Maxime: „Business as usual“!

Fazit

In der Analyse zum System des Kapitalismus wird erst einmal davon ausgegangen, dass die Wirtschaftsform auch gleichzeitig die bestmögliche Lebensform für ein gerechtes Dasein der Menschen auf der Erde sein sollte. Diese Erwartung gründet darauf, dass der anthrôpos kraft seiner Vernunft, seiner Fähigkeit, Allgemeinurteile zu bilden und zwischen Postitivem und Negativem, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, selbständig fähig und in der Lage ist, die von ihm gewünschte und angemessene Lebensform per Gesellschaftsvertrag festlegen zu können. Im globalen Kapitalismus werden diese Möglichkeiten mehr und mehr eingeschränkt und unmöglich gemacht. Um sich dagegen wehren zu können, braucht es Informationen und Kenntnisse darüber, wie in der Geschichte und in den historischen Prozessen der real existierende Kapitalismus entstanden ist und sich zu dem entwickelt hat, der er heute ist. Nur so kann es gelingen, ihn zu verändern – und vielleicht sogar, zu seiner Abschaffung beizutragen! Ein überraschende und bisher im kapitalismuskritischen Diskurs nicht so klar herausgearbeitete Erkenntnis wird deutlich: Die Analyse zeigt, dass die bei den Entstehungs- und Entwicklungsprozessen des historischen Kapitalismus inhärent grundliegenden, menschenrechtlichen Wert- und Zivilisationsvorstellungen im Laufe der ideologischen, politischen und gesellschaftlichen Verläufe verloren gegangen sind und ins Gegenteil verkehrt haben. Hier wären Ansatzpunkte für wirksame Revisionen zu suchen und zu finden.

Die zahlreichen, lokalen und globalen Beispiele zu den Funktionsweisen des historischen Kapitalismus dürften nicht nur für Sozialwissenschaftler interessant sein, sondern auch für die notwendigen, alltäglichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen Argumentationen liefern.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.04.2017 zu: Heide Gerstenberger: Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2017. ISBN 978-3-89691-125-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22315.php, Datum des Zugriffs 22.01.2020.


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