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Peter Groß: Personenorientierte Behindertenhilfe

Cover Peter Groß: Personenorientierte Behindertenhilfe. Individuelle Hilfen zum Wohnen für erwachsene Mitbürger mit einer geistigen Behinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2017. 368 Seiten. ISBN 978-3-89896-655-9. D: 34,50 EUR, A: 35,50 EUR.

Schriften zur Pädagogik bei geistiger Behinderung, Band 7.
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Thema

Die Umgestaltung von institutionsorientierten zu personenorientierten Hilfen im Kontext der sogenannten Behindertenhilfe ist nicht zuletzt durch die Einführung des BTHG (Bundesteilhabegesetz) ein hoch aktuelles und relevantes Thema. Dabei geht es dem Autor Peter Groß in der im Jahr 2017 erschienenen Dissertation um nichts weniger als um den Versuch, „eine personal orientierte Behindertenhilfe in ihren Grundzügen wissenschaftlich zu fundieren“ (13).

Im fachlichen und im wissenschaftlichen Diskurs werden Personenorientierung und ICF-Orientierung seit geraumer Zeit gleichsam „monstranzartig“ in den Argumentationen hochgehalten, ohne dass es hier zu tiefgehenden epistemologischen Begründungen kommt. Demnach ist die Veröffentlichung von Peter Groß das Buch zur Stunde, vermag es doch mehr als Ordnung in den hier erwähnten Diskurs zu bringen und konstruktive Leitlinien aufzuzeigen, wie im Kontext personenorientierter Hilfen künftig zu denken und zu agieren sei.

Autor

Der Autor, Dr. Peter Groß, erfahren in verschiedenen Praxisfeldern der sogenannten Behindertenhilfe, war zunächst Mitarbeiter in einem seiner Veröffentlichung zugrunde liegenden Forschungsprojekt der Universitäten München und Würzburg, von 2102 bis 2018 tätig als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik an der Universität Würzburg und tritt zum Wintersemester 2018/19 eine Vertretungsprofessur an der Ev. Hochschule in Darmstadt im Studiengang Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik an.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von dem bereits erwähnten Forschungsprojekt der Universitäten München und Würzburg, mit dem Titel HAWO (Hilfebedarf im Ambulant Betreuten Wohnen), durchgeführt in den Jahren 2010 bis 2012, stand u.a. die Evaluation eines Instrumentes zur individuellen Hilfebedarfsermittlung (das sog. ICF-BEST – „best“ steht hier für: Beratung, Empowerment, Selbstbestimmung und Teilhabe) im Mittelpunkt des Interesses. Vor diesem Hintergrund legt der Autor seine Dissertationsschrift mit dem leitenden Anspruch vor, „Kriterien fachlich bestimmen und begründen zu können, die als personenorientiert bzw. -zentriert anzusehen sind“ (13).

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Auf seinem Weg, „qualitative Gütekriterien der Personenorientierung“ (14) zu bestimmen, geht der Autor wie folgt vor:

Ein erstes Kapitel ist der Einführung und der Fragestellung der Arbeit gewidmet. Hier wird das Paradigma der Personenorientierung in den Kontext internationaler Behindertenpolitik gestellt, die Forschungsfrage differenziert und das methodische Vorgehen, im Sinne der „erkenntnistheoretischen Ansätze der objektiven Hermeneutik“ (22) dargelegt.

„Das Prinzip Hilfe“ in Kapitel zwei, dient der Darstellung unterschiedlichster Herangehensweisen an den Begriff der Hilfe, den der Autor u.a. aus anthropologischer und evolutionstheoretischer Sicht beibehält, auch um eine seiner zentralen Fragen, wie der Begriff Hilfe näher gefasst werden könne und ob er sich eigne, eine Theorie des Helfens zu entwickeln (was er am Ende der Abeit jedoch verneint), zu diskutieren (18).

Kapitel drei ist der Thematik der „Behindertenhilfe auf dem Weg zur Personenorientierung“ (81 ff.) gewidmet. Hier erfolgen u.a. auch zentrale Aussagen zum der Arbeit zugrunde liegenden Behinderungsverständnis. Das Kapitel mündet in einer zusammenfassenden Darstellung von neun „konstitutive[n] Merkmalen (…) [einer] Personenorientierten Behindertenhilfe“ (134). Dabei geht es dem Autor insgesamt darum, „eine oszillierende Balance zwischen persönlicher Freiheit und sozialer Abhängigkeit zu bewirken“ (135).

In einem vierten Kapitel werden „personenorientierte Hilfen beim Wohnen“ (137 ff.) beschrieben. Dies geschieht teils aus historischer Perspektive und unter Berücksichtigung der Wohnsituationen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Das Kapitel wiederum mündet in einer hoch interessanten und konsequent weiter gedachten Darstellung der Notwendigkeit einer „personenorientierte[n] Analyse helfender Beziehungen im Sozialraum“ (239). Der Autor schlussfolgert: „Die Entwicklung praxistauglicher, personenorientierter Instrumente zur Sozialraumanalyse stellt eine neue Aufgabe der personenorientierten Wohnhilfe im Gemeinwesen dar“ (251).

In Kapitel 5 erfolgt sodann eine ausführliche Analyse „personenorientierter Ermittlung wohnbezogener Hilfebedarfe mit ICF basierten Verfahren“ (253 ff.). Die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) wird hier intensiv vorgestellt, erörtert und analysiert und im Hinblick auf ihre Bedeutsamkeit für eine personenorientierte Behindertenhilfe (im Kontext von Instrumenten und Verfahren der Hilfebedarfsermittlung) untersucht. Dies wiederum mündet in einer zusammenfassenden Darstellung von „Kriterien der personenorientierten und ICF-basierten individuellen Hilfebedarfsermittlung im Handlungsfeld Wohnen“ (274) im Sinne skizzierter Anforderungsebenen (275 f.). Dies stellt neben der in Kapitel drei erarbeiteten, neun konstitutiven Merkmalen einer personenorientierten Behindertenhilfe gleichsam das zweite „Herzstück“ der Arbeit von Peter Groß dar.

Das Kapitel 6 lenkt sein Augenmerk dann nochmals auf das der Arbeit vorangegangene Thema des Instrumentes und des Verfahrens im Kontext von ICF-BEST und der Autor gibt hier zentrale Ergebnisse der „Untersuchung personenorientierter, ICF-basierter und wohnbezogener Gütekriterien bei Anwendung des ICF_BEST“ (281 ff.) kritisch reflektiert wieder.

Das die Arbeit von Peter Groß abschließende siebente Kapitel dient der „Darstellung und Diskussion der Ergebnisse“ (329 ff.). Hier werden zusammenfassend und knapp die Teilfragestellungen seiner Forschungsarbeit beantwortet, ein Fazit gezogen und eine Diskussion mit Ausblick getätigt

Diskussion

Die Veröffentlichung kann, wie bereits erwähnt, als „das Buch zur Stunde“ angesehen werden – sind doch derzeit landauf, landab u.a. die verantwortlichen Leistungsträger in mehr oder weniger intensiver Kooperation mit anderen Akteur_innen (Leistungserbringer und vor allem: Leistungsberechtigte) in diesem Fed damit befasst, insbesondere Instrumente der Hilfebedarfsermittlung zu erstellen, nachrangig dann auch Verfahren hierzu.

Peter Groß' Veröffentlichung fiel mitten in die Zeit der Genese und der ersten Einführungsschritte des BTHG und man hätte dem Autor und dem Buch gewünscht, es sei ein klein wenig früher erschienen: Denn das hätte die oben benannten Verantwortlichen in konstruktiver Art und Weise inspirieren können. Denn der Autor ist beharrlich und konsequent auf der Suche nach Antworten auf die Fragen nach einer Ausgestaltung, was eine ICF-Basierung tatsächlich und konkret zu bedeuten habe und was genau eine personenorientierte Vorgehensweise auszeichnet. Insofern ist es das große Verdienst der Arbeit, dass hier Kriterien und leitende Eckpunkt erarbeitet wurden, die hoch praxisrelevant sind. Dass sie zudem auf einem soliden wissenschaftlichen Begründungszusammenhang erarbeitet worden sind, hebt sie ab von rein postulierten Notwendigkeiten einer modernen Hilfebedarfsermittlung, die seitens vieler Leistungsträger im Sinne des Ausbaus der Ökonomisierung des Sozialen in den Diskurs eingebracht wurden, aber im seltensten Falle theoretisch und fachwissenschaftlich fundiert begründet werden konnten.

Personenorientierung versteht Peter Groß in einem weiter gefassten Sinne, als es bspw. der Begriff der „Personenzentrierung“ vermag: „Bei bestehendem, individuellem Hilfebedarf müssen Ressourcen der Selbst- und Mithilfe einer Person ebenso bekannt sein wie Ressourcen des sozialen Netzwerkes und des Sozialraums“ (80). Oder an anderer Stelle: „Der Begriff ‚Personenorientierung‘ betont die mit ihr verbundene Öffnung hin zum Nah- und Sozialraum einer Person und wird im Rahmen dieser Arbeit daher der Bezeichnung der ‚Personenzentrierung‘ vorgezogen (…)“ (123). Aber es sind nicht etwa Begriffsdiskussionen oder Spitzfindigkeiten, die diese Veröffentlichung kennzeichnen und auszeichnen, sondern der weitgehend gelungene Versuch, wissenschaftstheoretisch fundiert, Ordnung in ein in Unordnung geratenes Feld zu bringen.

Einige kritische Anmerkungen dürfen aber dennoch gemacht sein: Natürlich ist diese Veröffentlichung in erster Linie eine Dissertation – eine „Gattung“, die es den Lesenden nicht immer leicht macht, aus der Fülle des Zusammengetragenen das Wesentliche herauszufinden. Die 358 Seiten lesen sich gut, jedoch ist insbesondere das erste Kapitel zum Hilfebegriff, auch wenn der Kobi’sche Impetus des „Prinzips Hilfe“ hier noch einmal sinnstiftend heraufbeschworen wird, eher eine „Fleißarbeit“, als dass er im weiteren Verlauf der Arbeit tiefergehender herangezogen würde. Letztlich irritiert dann auch die abschließende Feststellung des Autors, der „Begriff Hilfe [eigne] sich aus Sicht der hier vorliegenden Forschungsarbeit nicht, um eine Theorie des Helfens zu generieren“ (331). In Anbetracht der Tatsache, dass die Begrifflichkeiten (und Diskurse!) im Kontext von Bedarfsfeststellungsverfahren eine große Affinität zum Begriff der Teilhabe aufweisen, irritiert umso mehr, dass der Autor diesem Begriff kaum Augenmerk schenkt, zumal er doch auch in der ICF eine prominente Rolle einnimmt.

Eine ähnliche Irritation ergreift den Rezensenten in der zugegebenermaßen sehr knappen Darstellung zum Begriff der sogenannten geistigen Behinderung (156 ff.). Obschon bei der vorangegangenen Auseinandersetzung mit dem Behinderungsbegriff die Jantzen'sche Kategorie der Isolation zumindest benannt wird (86) und auch das Gewaltthema im Kontext der erstellten konstitutiven Merkmale einer personenorientierten Behindertenhilfe Erwähnung findet [„ein qualifizierter Umgang mit Gewalt (…)]“ (135), erstaunt das Ausbleiben dieser Dimensionen bei der Diskussion um die sogenannte geistige Behinderung, in der der Autor lediglich an einer frühen Veröffentlichung von Erhard Fischer (2003) entlang argumentiert.

Ein letztes Fragezeichen bleibt dem Rezensenten, wenn der Autor die ICF analysiert und hier nicht problematisiert, dass die in diesem Modell immer noch Berücksichtigung findende ICD-10, den Begriff der „Intelligenzminderung“ nicht abstreift und die Beschreibung der „Intelligenzminderung“ in der ICD-10 begründungstheoretisch im 19. Jahrhundert stehen geblieben ist.

Diese Einwände mögen jedoch nicht verdecken, dass die Auseinandersetzung des Autors mit dem Feld der Personenorientierung insgesamt vorbildlich und fundiert vonstattengeht.

Fazit

Wie viele gute Bücher, wird auch dieses ganz am Ende noch einmal hoch interessant, wenn der Autor „Entwicklungsfelder“ (355 ff.) skizziert, die sich aus seinen dargestellten Erkenntnissen ergeben. „Personenorientierte Dienstleistungsstrukturen“ (355), „Professionalisierung von Schnittstellenarbeit“ (ebd.), „Ausprägung einer personenorientierten Fachlichkeit“ (356) und der Auf- und Ausbau „personenorientierter Hilfebedarfsermittlung“ (358) sind die vier Felder, die Peter Groß hier nennt. Auch wenn der Eindruck entsteht, das in der Veröffentlichung im Fokus stehende Instrument ICF-BEST gerate im Verlauf des Buches eher in den Hintergrund, kann anhand der Konzipierung, Implementierung und Evaluation dieses Verfahrens gut nachvollzogen werden, wo die neuralgischen Punkte bei der Weiterentwicklung personenzentrierter Bedarfsfeststellungsinstrumente liegen (bspw. in Ansätzen einer „institutionellen Lebensberatung“ (327), die „bestehende soziale Abhängigkeiten“ (ebd.) verstärke!).

Es ist dem Buch zu wünschen, dass die in der Verantwortung Stehenden, die Ergebnisse von Peter Groß lesen, sie im Kontext ihrer regionalen Belange diskutieren, aufnehmen und somit Instrumente und Verfahren generieren, die einer Personenzentrierung im Groß'schen Sinne möglichst nahe kommen.

Weiterführender Literaturhinweis:

Weber, Erik; Knöß David Cyril; Lavorano, Stefano (2016). Qualifizierte Hilfeplanung und -beratung in der Eingliederungshilfe – Erkenntnisse aus Evaluationsstudien im Rheinland. In: Schäfers, Markus; Wansing, Gudrun (Hg.), Teilhabebedarfe behinderter Menschen – Zwischen Lebenswelt und Hilfesystem (109-132). Stuttgart: Kohlhammer.


Rezensent
Prof. Dr. Erik Weber
Diplom-Heilpädagoge, Ev. Hochschule Darmstadt, Studiengangsleitung im BA-Studiengang Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik
Homepage www.eh-darmstadt.de/hochschule/personenverzeichnis/ ...
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Zitiervorschlag
Erik Weber. Rezension vom 01.10.2018 zu: Peter Groß: Personenorientierte Behindertenhilfe. Individuelle Hilfen zum Wohnen für erwachsene Mitbürger mit einer geistigen Behinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2017. ISBN 978-3-89896-655-9. Schriften zur Pädagogik bei geistiger Behinderung, Band 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22316.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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