socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Erhard Fischer, Christina Kießling u.a.: (...) Menschen mit geistiger Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsm

Cover Erhard Fischer, Christina Kießling, Tina Molnár-Gebert: „Weil ich will halt einfach mein eigenes Ding machen“ - Menschen mit geistiger Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2016. 344 Seiten. ISBN 978-3-89896-618-4. D: 34,50 EUR, A: 35,50 EUR.

Schriften zur Pädagogik bei Geistiger Behinderung, Band 5.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund und Thema

In der vorliegenden Publikation wird Bezug genommen auf den Art. 27 der UN-BRK, der betont, dass Menschen mit Behinderungen „das Recht auf die Möglichkeit“ einzuräumen wäre, „in einem offenen, inklusiven und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld“ tätig zu werden. Zugleich orientiert sich die Autorengruppe an der aktuellen Gesetzeslage, die eine Beschäftigung in der WfbM nicht nur als Alternative zu einem kompetitiven Arbeitsverhältnis vorsieht, sondern als ‚Sprungbrett‘ für eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dass dies durchaus gelingen kann, wenn entsprechende Voraussetzungen geschaffen und Vorkehrungen getroffen werden, wird unter Bezugnahme auf ein von den Autoren bereits erfolgreich begleitetes Modellvorhaben (Fischer, Heger 2011) begründet.

Die vorliegende Untersuchung, das Ergebnis eines 3-jährigen Nachfolgeprojekts am Lehrstuhl für Pädagogik bei Geistiger Behinderung der Universität Würzburg, (über dessen genaue Rahmenbedingungen der Leser merkwürdigerweise erst bruchstückhaft im Verlauf der Lektüre, z.B. S. 10f, 70, 97 erfährt), befasst sich nun mit der Frage, ob und inwieweit Vermittlungsmaßnahmen tatsächlich als nachhaltig und subjektiv zufriedenstellend zu gelten haben. Das Konzept der Lebensqualität bildet dabei den forschungsmethodologischen Rahmen, da hier sowohl objektive als aus subjektive Dimensionen Berücksichtigung finden (S. 12, 13).

Aufbau und Inhalt

Das 1. Kapitel begründet die theoretische Orientierung für die nachfolgende Untersuchung. Begriffe wie „Geistige Behinderung“, „Lebensqualität“ und „Nachhaltigkeit“ werden einer Explikation und näheren Bestimmung unterzogen und zueinander in Beziehung gesetzt. ‚Lebensqualität‘ gilt als Äquivalent zu ‚Wohlbefinden‘ (S. 41) und wird an den von Seifert (S. 21) entwickelten Dimensionen gemessen. Daraufhin referieren die Autor*innen die Ergebnisse einer Auswahl von relevanten Untersuchungen zum Gegenstand der beruflichen Teilhabe von Menschen mit (u.a.) geistiger Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Erkenntnis der Autor*innen, dass eine Vermittlung – und eine dauerhafte, nachhaltige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt – nur dann erfolgreich sein kann, „wenn eine umfassende und bedarfsgerechte Unterstützung gewährleistet wird“ (S. 41), findet Ergänzung in der Forschungsfrage: Inwieweit ist gerade die Nachhaltigkeit einer Beschäftigung Voraussetzung – oder auch Ausdruck – der subjektiven Zufriedenheit?

Im 2. Kapitel werden die für die Untersuchung relevanten Erhebungsmethoden sehr sorgfältig und gut nachvollziehbar referiert. Die Methode der Triangulation überzeugt, da vorrangig qualitative Forschungsmethoden präferiert werden, die durch quantitative Erhebungen Ergänzung finden (S. 46). Als eine besondere Herausforderung gilt dabei die Interviewführung mit Menschen mit geistiger Behinderung.

Im 3. Kapitel wird das Forschungsdesign erläutert. Der Erhebungsverlauf erstreckt sich über 5 Phasen (1.Literatur- und Datenrecherche, 2. Konzeptualisierung, 3.Datenerhebung, 4. Datenauswertung, 5.Ergebnisdiskussion), ein Fragebogen für Arbeitnehmer mit geistiger Behinderung in leichter Sprache sowie die Konzeption des Experteninterviews wird vorgestellt.

Das 4. Kapitel enthält eine Sekundäranalyse der Vorgängerstudie, um erwerbsbiographische Verläufe von (n=338) bereits Vermittelten nachzuvollziehen. Aus datenschutzrechtlichen Gründen erfolgt dies mittels der anonymen Auswertung der Daten durch Mitarbeiter einer Regionaldirektion der Arbeitsagentur auf der Basis einer projektinternen Matrix. Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Verbleibquote der im Rahmen des Projekts MEGBAA / „Übergang Förderschule-Beruf“(Fischer, Heger 2011) Vermittelten zum Stichtag mit 82,5 % über den Verbleibdaten der Untersuchungen von Doose (2012) und der IFD Westfalen-Lippe (2005) liegt.

Das 5. Kapitel dokumentiert und diskutiert qualitative Ergebnisse der Studie, also Erkenntnisse zur Wirksamkeitsfaktoren, die zur Nachhaltigkeit von Arbeitsverhältnissen beitragen. Dabei wird auf zentrale Begriffe des Konstrukts sozialer Nachhaltigkeit Bezug genommen. Zunächst findet eine Nachbefragung von 38 der ursprünglich 84 Probanden der Vorgängerstudie statt. Die Interviewbeiträge werden systematisch kategorisiert. Ausführlich dokumentierte Berufsbiographien einzelner Untersuchungsteilnehmer*innen gewähren detaillierte Einblicke in die komplexen Zusammenhänge der Lebenswelt- und Berufsentwicklungen. Eine Zusammenfassung der Erkenntnisse und eine abschließende Bewertung schießt sich an.

Das umfang- und gehaltreiche 6. Kapitel widmet sich nun der aktuellen Untersuchung von (n=107) Probanden mit geistiger Behinderung aus 3 verschiedenen Bundesländern, die auf den dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine Stelle gefunden haben. Die Fragebögen an Arbeitnehmer*innen finden Ergänzung durch (n=30) Interviews und (n=10) Experteninterviews von IFD-Mitarbeiter*innen. Grundlage der Strukturierung bildet dabei die Kategorisierung der Lebensqualität nach Seifert (2004): 1. aktivitätsbezogenes Wohlbefinden, 2. materielles Wohlbefinden, 3. soziales Wohlbefinden, 4. physische Wohlbefinden, 5. emotionales Wohlbefinden, zwei Ergänzungen: 6. Bedeutung der Erwerbsarbeit und 7.außerberufliche Lebensbereiche, werden hinzugefügt. In der Auswertung erfolgt eine kategoriale Verknüpfung der Probanden- mit den Experteninterviews, Zwischenergebnisse werden formuliert und schließlich ein zusammenfassendes Fazit gezogen.

In einem 7. Kapitel findet sich eine abschließende Diskussion der gewonnenen Erkenntnisse. Konsequenzen für die Gestaltung der Vermittlung von Menschen mit geistiger Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt werden gezogen und münden in eine Reihe von Empfehlungen.

Diskussion

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um ein klar gegliedertes, lesenswertes Werk zur Erforschung der relevanten Wirkungsfaktoren für eine nachhaltige Beschäftigung von Menschen mit geistiger Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Da rein quantitative Daten kaum Aufschluss über Beweggründe für eine mehr oder weniger erfolgreiche kompetitive Tätigkeit bieten, überzeugen der Forschungsansatz der Triangulation und die durchaus auch methodenkritischen Anmerkungen zur Objektivität und Validität der Studie.

Insbesondere das ausführliche 6. Kapitel mit ausgewählten transkribierten Interviewzitaten, die sinnvoll einzelnen Kategorien zugeordnet wurden, gewährt vielfältige Einblicke in das Erleben und Empfinden der Beschäftigten. Die Orientierung an dem übergeordneten Konzept der Lebensqualität von Seifert erschließt dem Leser ein wesentlich komplexeres Verständnis von Gelingensfaktoren bei den Vermittlungsbemühungen durch die IFD, nicht zuletzt, weil subjektive Dimensionen – bei allen Beteiligten (Beschäftigte, Begleiter*innen, Betrieb, Kolleg*innen) – an Schärfe gewinnen.

Eine Fülle von Erkenntnissen zu Bedeutung der Schlüsselkompetenzen, der umfassenden Vorbereitung und Begleitung, dem Selbstbild der Vermittelten, dem Schwerbehindertenstatus, den Erwartungshaltungen der Betriebe und ihrer Mitarbeiter, der Bedeutung von ‚barrierefreier Mobilität‘ (also der Fähigkeit zur Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, um zum Arbeitsplatz zu gelangen), der Rolle stützender sozialer Netze, der multilateralen Einflüsse aus weiteren Lebensbereichen auf eine nachhaltige Beschäftigung, einer zufriedenstellenden Wohnsituation und vieles mehr macht dieses Werk zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle, die sich mit Fragen der Realisierung des Inklusionsgedankens bei Menschen mit geistiger Behinderung im beruflichen Kontext befassen.

Unklar bleibt dem Leser, weshalb eine fachliche Positionierung zum Inklusionsparadigma ausgespart und – wie in der ersten kritisierten Übersetzung der UN-BRK – „Integration“ und „Inklusion“ synonym Verwendung finden (S. 8.). Gleichfalls gilt es m.E. unter Bezugnahme auf die Diskussion der letzten Jahre auch gender- und kultur- bzw. migrationsspezifischen Aspekten mehr Aufmerksamkeit zu widmen: 20 Zeilen zur Benachteiligung von Frauen mit geistiger Behinderung (S. 329) sind definitiv zu wenig, und auch der zunehmenden Anzahl von Menschen mit geistigen Behinderungen aus anderen Kulturkreisen in Schulen und Werkstätten sollte in der quantitativen und qualitativen Analyse Aufmerksamkeit zukommen.

Fazit

Eine ausgesprochen lesenswerte, informative, anschauliche und klar strukturierte Forschungsarbeit zum Thema Nachhaltigkeit einer kompetitiven Beschäftigung bei Menschen mit geistigen Behinderungen und der Bezugnahme auf das Paradigma der Lebensqualität unter besonderer Berücksichtigung der Subjektivität und Individualität der Beschäftigten, für die nachgerade die Quintessenz der erfolgreichen (beruflichen) Rehabilitation (vgl. Kap.5.3; 5.4) bedeutet, „das persönliche Gefühl der Würde wieder(zu)gewinnen“, wie es einst Ritter von Buß (1846, nach Welti 2005,120) beschrieben hat.

Literatur

  • Fischer, E.; Heger, M. (2011) Berufliche Teilhabe und Integration von Menschen mit geistiger Behinderung. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung zum Projekt ‚Übergang Förderschule-Beruf‘. Oberhausen: Athena.
  • Seifert, M. (2004) Teilhabe, Selbstbestimmung und Gleichstellung auch für Menschen mit hohem Hilfebedarf?! In: Fachdienst der Lebenshilfe 1, 2004, 1-14.
  • Welti, F. (2005) Behinderung und Rehabilitation im sozialen Rechtsstaat. Freiheit, Gleichheit und Teilhabe behinderter Menschen. Tübingen: Mohr Siebeck.

Rezensent
Prof. em. Dr. phil. Matthias Dalferth
Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
Studienschwerpunkt Rehabilitation/Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Matthias Dalferth anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Matthias Dalferth. Rezension vom 25.01.2018 zu: Erhard Fischer, Christina Kießling, Tina Molnár-Gebert: „Weil ich will halt einfach mein eigenes Ding machen“ - Menschen mit geistiger Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2016. ISBN 978-3-89896-618-4. Schriften zur Pädagogik bei Geistiger Behinderung, Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22318.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Betreuer/in für Wohnheim, Berlin

Betreuer/in für Wohnheim, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!