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Frank Reza Links: Zwischen Flamenco und Charleston

Cover Frank Reza Links: Zwischen Flamenco und Charleston. Der Tanz in Literatur, Stummfilm und Malerei im Spanien der Moderne. transcript (Bielefeld) 2016. 403 Seiten. ISBN 978-3-8376-3107-4. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,40 sFr.
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Thema

Die Bedeutung des Tanzes in Sozialpädagogik und Kultureller Bildung zeigt sich in zahlreichen Initiativen (Tanzplan Deutschland, Tanzpädagogik, Tanztherapie) und Publikationen, die sich dieser universalen Ausdrucksform widmen. Die hier vorgestellten Tanzstile in den untersuchten Feldern der Literatur, Malerei und des Films zeigen das nahezu „paradigmatische Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Avantgarde im Spanien der Moderne“ (Klappentext)d und die gemeinschaftsbildende Kraft des Tanzes. Die Untersuchungskriterien berufen sich nicht nur auf den jeweiligen Rhythmus und die kulturhistorische Bedeutung der beschriebenen Tänze im untersuchten Medium, sondern beziehen Überlegungen zu Gender- und interkulturellen Aspekten mit ein.

Autor

Zu den Forschungsschwerpunkten des Autors Frank Reza Links (Dr. phil.) gehören Intermedialität, Gender Studies, Imagologie, frankophone und hispanophone Literaturen und Medien seit dem 18. Jahrhundert sowie literatur-, kultur- und medienwissenschaftlich orientierte Fachdidaktik. Links ist Gymnasiallehrer für Französisch und Spanisch, Gastdozent an Universitäten in Paris und Madrid, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen DGVN e.V.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen einer Dissertation interessierte den Autor, welche soziopolitischen Einflüsse die nonverbale Kunstform Tanz in einer Umbruchzeit bestimmen. Einem intermedialen Ansatz folgend, untersucht Frank Reza Links vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche die Zeit der historischen Avantgarde in Spanien. Für seine Untersuchung zum Tanz als gesellschaftliche und künstlerische Ausdrucksform wählte der Verfasser die Medien Presse (Der Tanz in Spanien zwischen Tradition und Moderne), Dichtung, Film und Malerei. Die historische Eingrenzung erklärt Links mit den tiefgreifenden Veränderungen Anfang des 20. Jahrhunderts und dem Einfluss nordamerikanischer Tänze auf die Kulturentwicklung der europäischen Moderne. Im Spiegel der verschiedenen Medien soll ergründet werden, welchen Einfluss die Neuerungen auf die fest verwurzelten Traditionen des Tanzes in Spanien in dieser Zeit genommen haben. Dabei werden interkulturelle und genderorientierte Phänomene mit einbezogen.

Aufbau

  1. In der Einleitung erläutert der Autor im ersten Abschnitt seine Vorüberlegungen zur Erforschung des Tanzes in Spanien von 1900 – 1950 und stellt im zweiten Teil Theorie und Methode vor, wobei er ausführlich Performancetheorien in den Blick nimmt.
  2. Tanz als Phänomen der Freizeitkultur zwischen Tradition und Moderne (Las Hijas de Terpsicore) beschreibt die verschiedenen Tanzkulturen in Spanien auch in Bezug auf Bühnentanz und Ballett und die Einflüsse „moderner Tänze“ aus Übersee, wie dem Charleston oder den Pionierinnen des Modern Dance.
  3. Tanz im Werk von Frederico Garcia Lorca (literatura bailada?) geht auf die besondere Ästhetik in Lorcas Poesie ein, wo insbesondere die Tänze des Flamenco zum Gedicht werden.
  4. Tanz im Film allgemein und Tanz im Stummfilm (El negro que tenia el alma blanca und frivolinas) untersucht die Möglichkeiten und Grenzen einer bewegten Nachempfindung des Tanzes auf Zelluloid.
  5. Die Avantgarde im Dienst des Tanzes zeigt sich im Werk des Malers Vicente Esdudero und stellt hier den Flamenco als Inbegriff des spanischen Tanzes der Moderne ins Zentrum.
  6. Schlussbetrachtung
  7. Bibliografie
  8. Ausführlicher Anhang

Inhalt

Kapitel 1 (Einleitung): Die als Dissertation verfasste Publikation stellt die Frage, welche Möglichkeiten und Grenzen sich zeigen, wenn sich verschiedene Medien mit dem Tanz als „nonverbale Handlung“ (S. 13) oder als „stumme Poesie“ (S. 32) beschäftigen. Was geschieht bei diesen Grenzüberschreitungen aus medialer und hermeneutischer Sicht, und wie spiegeln sich darüber hinaus gesellschaftliche und technologische Entwicklungen im Tanz und seiner intermedialen Darstellung wider? Das Hauptaugenmerk richtet sich auf den spanischen Tanz, da sich hier ganz besonders deutlich das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne aufzeigen lässt. Dabei wird der Autor von einem philologisch-kulturwissenschaftlichen Ansatz geleitet. Zu Beginn der Einleitung werden erste formale Kriterien zum Tanz im Allgemeinen abgesteckt, bevor im zweiten Teil Theorie und Methode vorgestellt werden, die sich im Wesentlichen auf einen intermedialen Ansatz in Verbindung mit textzentrierten, (inter-)kulturellen und genderorientierten Problemlagen beziehen.

Kapitel 2 („Las hijas de Terpsichore“ – Der Tanz in Spanien zwischen Tradition und Erneuerung): In der Kulturpraktik des Tanzes lassen sich komplexe soziale und zeitgeschichtliche Phänomene ablesen, wie zum Beispiel der Umgang einer Gesellschaft mit der Rolle der Frau, mit Einflüssen aus anderen Kulturen, mit dem Widerspruch von Kommerz und dem Ausleben zweckfreier Freizeitkultur, mit dem Widerspruch zwischen Gemeinsinn und Individualismus, zwischen Hoch- und Populärkultur. Als Ergebnis der Untersuchung anhand von u.a. Pressetexten resümiert der Autor, dass sich im öffentlichen Diskurs eine konservative, kulturideologische Haltung dokumentiert, die den traditionsreichen, oftmals zur Folklore verkommenen und verfälschten Flamenco von internationalen Einflüssen fernhält, um sich „jeglichen Akkulturationsprozessen“ zu entziehen (S. 113).

Kapitel 3 (Der Tanz im Werk von Frederico Garcia Lorca: Eine literatura bailada?): Der Tanz als konstitutives Element in Lorcas Schaffen ist in all seinen Textgattungen präsent. Darin stellt Lorca den Tanz als ephemere Kunstform der Endlichkeit des Lebens gegenüber und erweitert damit den Tanzdiskurs zu einer vitalen Auseinandersetzung des Individuums mit der Gesellschaft der klassischen Moderne. Der Tanz wird bei Lorca zur Metapher des Kampfes um stetige Erneuerung und der Verpflichtung des modernen Menschen zur Innovation. Durch die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Jazz erweiterte sich sein Blick auf interethnische Konflikte, „die weit über das Interesse marginalisierter Sozialgruppen hinausgeht“ (S. 180).

Kapitel 4 (Der Tanz im spanischen Stummfilm: El negro qu tenia el alma blanca und Frivolinas): Mit dem Film trat ein neuer Mitspieler (oft auch Gegenspieler) in die Reihe der ‚schönen Künste‘, der in der Debatte um Tradition und/oder Erneuerung der klassischen Moderne eine zunehmend wichtige Rolle spielte. In Bezug auf den Tanz konnten hier erstmals Bewegungsabläufe in Echtzeit und ihrer räumlichen Bezogenheit reproduziert und verfolgt werden; wenn auch der Bildrhythmus durch Kameraeinstellung und Schnitt nicht immer dem Tanzrhythmus entsprechen wird. Die Kinematographie ist gleichzeitig eine Choreographie (S. 291). Anhand zweier Stummfilme (siehe oben) von 1927 wird das Setting in Bezug auf die soziale, historische und kulturelle Ausrichtung des Handlungsortes untersucht und am Ende resümiert, dass die Geschichte des Tanzfilmes hinsichtlich der technischen, ästhetischen und perzeptiven Analyse einer grundlegenden Aufarbeitung bedarf.

Kapitel 5 (Vicente Escudero – Die Malerei zum Tanzen bringen): Nach seiner Repräsentanz in Presse, Literatur und Film wird mit dem Maler Escudero (1888 – 1980) der Tanz in der Bildenden Kunst in den Blick genommen. Als Tänzer und Maler basiert Escuderos Kunstverständnis auf dem Dialog der beiden Künste, die in ihrer Präferenz nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Im Verständnis des Malers ist der Tanz „Speicher und Übertragungsmittel kulturellen Wissens“ (S. 359). Escuderos interdisziplinäres Avantgardeverständnis zeigt sich vor allem in einem modernen, interkulturell orientierten Flamencokonzept, wobei er bewusst auf die kulturhistorische Bedeutung dieses Tanzes verweist. Ausgehend vom gitano sieht er in diesem Tanz eine Nationen und Kulturen übergreifende Bedeutsamkeit, die aber authentisch nur von spanischen Landsleuten nachvollzogen werden kann; womit er letztlich wieder den spanischen Kulturkonservatismus sicherstellt.

Kapitel 6 (Schlussbetrachtung): Ausgehend von der historischen Avantgarde im Spanien des 20. Jahrhunderts wurde in den vorangegangenen Kapiteln mit Blick auch auf Tanzentwicklungen in den USA oder Paris die soziale und intermediale Bedeutung des Tanzes untersucht. Nach Aussage des Autors zeigt seine Untersuchung, dass die spanische Tanzkultur dieser Zeit weitaus vielfältiger und widersprüchlicher ist, als bisher argumentiert wurde. In ihrer divergenten Vielfalt schreibt sich der Tanz „letztendlich in das Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation ein“ (S. 365) und wirft weitere Fragen nach der Veränderung der Tanzkultur angesichts der Beendigung von Diktatur im damaligen Franco-Regime und eines Neuanfangs durch jugendkulturelle Einflüsse.

Diskussion

Angesichts der soziokulturellen Bedeutung des Tanzes vor dem Hintergrund sich erweiternder interkultureller Einflüsse in sozial- und kulturpädagogischen Lehr- und Lernzusammenhängen ist diese etwas randständige Publikation rezensiert worden. Insbesondere der intermediale Ansatz, der in seiner ganzen Komplexität schlüssig in der Einleitung ausgeführt wird, kann vor diesem Hintergrund von Interesse sein. Ebenso die Überlegungen zur nationalen Abschottung, zu Kulturkonservatismus und Genderthematik im Bereich des Tanzes als soziale nonverbale Ausdrucksform. Angesichts einschneidender Veränderung sicherte der Tanz in allen Zeiten über soziale, nationale, ökonomische Irritationen hinweg eine gemeinschaftsbildende Kraft und Form der direkten Kommunikation, die in einer zunehmend global und digital agierenden Gesellschaft wieder an Bedeutung gewinnt, wie auch künstlerische Kollektive von Pina Bauschs Tanztheater aus Wuppertal oder Gob Squad mit seiner „kollektiven Tanztherapie“ aus Berlin mit ihren auch biografisch geprägten theatralen Erzählungen zeigen (S. 11). Damit öffnet der Verfasser gleich in der Einleitung seinen Untersuchungsgegenstand und stellt die beschriebenen Beispiele aus der Historie Spaniens in einen aktuelleren Zusammenhang.

Fazit

Auch wenn der Fokus des Autors auf einer ganz bestimmten Ausdrucksform (spanischer Tanz) in einer besonderen Zeit (historische Avantgarde) liegt, lassen sich dem Untersuchungsansatz des Autors folgend vor dem Hintergrund einer soziopolitisch motivierten Tanzbewegung vielfältige Anschlüsse herstellen und erweitern. „Die Technisierung, Urbanisierung und Medialisierung der Lebenswelt“ (S. 11) begünstigen eine Hinwendung zu den Ausdrucksformen des Körpers zwischen Freizeit und Kunst, zwischen kommerzieller Steuerung und ästhetischer individueller Selbstverwirklichung. Welchen Einflüssen der Tanz in einem Land zwischen Tradition und Moderne ausgesetzt war und welche Transfermöglichkeiten sich daraus möglicherweise ergeben, lässt sich hier nachlesen.


Rezensentin
Prof. Bettina Brandi
Theaterwissenschaftlerin mit Zusatzqualifikation Medienpädagogik, Lehrgebiet Theater- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur von 1994 - 2013
Homepage web.hs-merseburg.de/~brandi/
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Zitiervorschlag
Bettina Brandi. Rezension vom 30.05.2017 zu: Frank Reza Links: Zwischen Flamenco und Charleston. Der Tanz in Literatur, Stummfilm und Malerei im Spanien der Moderne. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3107-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22319.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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