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Mechthild Bereswill, Johanna Zühlke: Biographien (mit-)teilen

Cover Mechthild Bereswill, Johanna Zühlke: Biographien (mit-)teilen. Qualitative Evaluierung des Programms "Lebensweg inklusive". Kassel University Press (Kassel) 2016. 204 Seiten. ISBN 978-3-7376-0102-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Autorinnen

Mechthild Bereswill, Dr. phil.habil., ist seit 2007 Professorin für Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Soziologie und Sozialpsychologie der Geschlechterverhältnisse, soziale Ungleichheit, soziale Probleme und soziale Kontrolle sowie Methodologien qualitativer Sozialforschung.

Johanna Zühlke, BA, MA Soziale Arbeit. Bis 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Begleituntersuchung des Programms „Lebensweg inklusive – KompetenzTandems für Studentinnen mit und ohne Behinderung “ an der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Mechthild Bereswill und Johanna Zühlke legen mit dieser Publikation die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Begleituntersuchung des KompetenzTandem-Programms „Lebensweg inklusive“ vor, das beim Hildegardis-Verein e.V. angesiedelt war und mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde.

Der im Jahr 1907 gegründete Hildegardis-Verein ist der älteste katholische Frauenbildungsverein Deutschlands. Er fördert Frauen in ihrem akademischen Werdegang und ihrer Qualifizierung. Die Frauen des Vereins entwickelten ein bundesweiten Mentoring-Programm für Studentinnen mit Behinderung, das von 2008 bis 2013 durchgeführt und ebenfalls in einer prozessbegleitenden Längsschnittstudie durch die Universität Kassel wissenschaftlich begleitet und evaluiert wurde (zu den Ergebnissen vgl. Mechthild Bereswill, Rafaela M. Pax & Johanna Zühlke (2013): Mentoring als Möglichkeitsraum. Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Mentoring-Programms für Studierende mit Behinderung. Kassel).

Die Erfahrungen eines klassischen one-to-one Monitoring dieses Programms wurden in dem neuen Programm aufgegriffen und weiterentwickelt. Im Zentrum steht jetzt die Peer-Beziehung zwischen zwei Studentinnen mit und ohne Behinderung, die von berufserfahrenen Akademiker_innen (Co-Mentor_innen) begleitet werden. Die Perspektiven der beteiligten Studentinnen und Co-Mentor_innen bilden die Grundlage der vorliegenden Längsschnittstudie, die von Mechthild Bereswill und Johanna Zühlke im Zeitraum von 11/2013 bis 01/2016 durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

Die Monografie besteht aus fünf Kapiteln, ergänzt durch zwei Gastbeiträge.

Im einleitenden ersten Kapitel skizzieren Mechthild Bereswill und Johanna Zühlke den theoretischen und institutionellen Rahmen der Studie mit dem Fokus auf Differenz und Ungleichheit auf der Ebene der subjektiven Erfahrungen und sozialen Konstruktionen: „Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen zwei ineinandergreifende Dimensionen, die das Programm tragen: (1) Relationalität als Schlüsselbegriff für die biographisch orientierte, subjektbezogene und auf Intersubjektivität ausgerichtete Konzeption des Programms; (2) Differenz und Ungleichheit als strukturelle und erfahrungshaltige Ankerpunkte der Auseinandersetzung mit Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion“ (S. 8, Hervorhebungen im Original).

Im zweiten Kapitel stellen die Autorinnen das untersuchte KompetenzTandem-Programm „Lebensweg inklusive“ vor, das beim Hildegardis-Verein e.V. angesiedelt ist. In jeweils zwei Projektzyklen bilden insgesamt 40 Studentinnen mit und ohne Behinderung oder chronischer Krankheit für die Dauer eines Jahres jeweils ein Tandem, das von Co-Mentori_innen begleitet wird. Nach den ersten sechs Monaten findet ein Wechsel in der Begleitung statt, so dass jedes Tandem im Laufe des Jahres zwei verschiedene Mentor_innen erlebt hat. Ein zentrales Element des Programms ist eine Adaption des biographisch-narrativen Interviews der empirischen Sozialforschung, die Studentinnen befragen ihre Co-Mentor_innen methodisch gestützt nach ihren Lebensgeschichten und Lebenswegen.

Der Forschungsfokus der „Längsschnittstudie zum KompetenzTandem-Programm“ (3. Kapitel) richtet sich auf die Erfahrungen und Einschätzungen der beteiligten Studentinnen und Co-Mentor_innen. Gefragt wird nach dem Verlauf der inklusiven Tandemzusammensetzung, dem gemeinsamen Lernprozess im Tandem und dem Austausch mit den Co-Mentor_innen. Darüber hinaus fragen die Forscherinnen nach der Bedeutung der Differenzkategorien Behinderung, Geschlecht und anderen Ungleichheitsdimensionen im Diskurs der Teilnehmenden. Forschungsmethodisch wurden leitfadengestützte Interviews mit den Studentinnen und den Co-Mentor_innen geführt, jeweils eines zu Beginn bzw. während der Programmlaufzeit und eines nach Abschluss des Programms. Insgesamt wurden 37 Erstinterviews erhoben, davon standen 11 Personen noch einmal nach dem Ende des Programms für ein zweites Interview zur Verfügung. Mechthild Bereswill und Johanna Zühlke stellen die unterschiedlichen Konstellationen der Interviewpartner_innen dar, insgesamt haben mehr Studentinnen als Co-Mentor_innen an der Erhebung teilgenommen, die Teilnahme von (vollständigen) Tandems und Co-Mentor_innen variiert. Die Interviews werden mit Rückgriff auf die Grounded Theory und einzelne Interviewpassagen in Anlehnung an die Sequenzanalyse der Objektiven Hermeneutik ausgewertet.

„Die Ergebnisse der Begleitstudie“ werden im vierten Kapitel ausführlich vorgestellt. In einem ersten thematischen Vergleich quer durch alle Interviews gehen die Autorinnen dem Zusammenhang von Biographiearbeit, Frauenförderung und Inklusion nach. Daran anschließend werden unter der Überschrift „Komplexe Beziehungsgeflechte“ sechs umfangreiche und differenzierte rekonstruktive Analysen der Beziehungsgefüge der studentischen Tandems und deren Austausch mit den Co-Mentor_innen vorgenommen und deren Struktureigentümlichkeiten abschließend zusammenfassend diskutiert. Die einzelnen Unterkapitel folgen jeweils einem gleichen Aufbau, in dem die Perspektiven der einzelnen Beteiligten auf die Unterstützungs- und Netzwerksbeziehungen der studentischen Tandems und der jeweiligen Mentoringbeziehung sowie die jeweiligen Perspektiven auf die Bedeutung von Geschlecht und Behinderung dargestellt werden. In einer abschließenden Zusammenfassung wird das Beziehungsgefüge zwischen studentischem Tandem und Co-Mentor_innen interpretiert. Diese Analysen zeigen hervorragend die Themen, die die Studentinnen beschäftigen und verdeutlichen die Komplexität von dyadischen Peer- Beziehungen und der jeweils entstehenden Triade mit einer dritten und vierten älteren Person im intergenerationalen Kontext sowie die Auseinandersetzung mit Frauenförderung und Fragen von Behinderung und Nichtbehinderung.

In der Zusammenfassung der sechs Konstellationen (5. Kapitel) „Die intersubjektive Aushandlung und (De-) Konstruktion von Unterschieden und Gemeinsamkeiten“ bündeln und verdichten Mechthild Bereswill und Johanna Zühlke ihre Ergebnisse in theoretischen Kontexten von Ungleichheits-, Geschlechter- und Intersektionalitätsforschung.

Im ersten Gastbeitrag „Lebensweg inklusive – Der biographische Ansatz im Konzept der KompetenzTandems“ von Theresa M. Straub (Koordinatorin des Projekts „Lebensweg inklusive“ beim Hildegardis-Verein, 2013-2016) und Eva M. Welskop-Deffaa (bis 2015 stellv. Vorstandsvorsitzende im Hildegardis-Verein) beschreiben die Autorinnen das Anliegen des Mentoring-Programms und die Bedeutung der Auseinandersetzung mit den biographischen Erfahrungen der beteiligten Studierenden und Co-Mentor_innen.

Birgit Mock (Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins) und Monika Treber (Vorsitzende des Projektbeirats „Lebensweg inklusive“) formulieren auf der Grundlage der Ergebnisse der Studie „Empfehlungen für eine gendergerechte inklusive Hochschule“.

Fazit

Die Veröffentlichung leistet einen wichtigen Beitrag zur Bedeutung von Biographiearbeit und Intersubjektivität sowie Geschlecht und (Nicht-)Behinderung vor dem Hintergrund der Anforderungen an eine inklusive Hochschule. Durch die differenzierte Auswertung der Interviews ist die Studie allen zu empfehlen, die gute Beispiele für qualitative Forschung suchen. Die Autorinnen zeigen hervorragend, wie der Eigensinn der Befragten und theoretische Rahmungen im Kontext einer evaluativen Begleitforschung zu einer Weiterentwicklung von Erkenntnissen führen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 09.05.2017 zu: Mechthild Bereswill, Johanna Zühlke: Biographien (mit-)teilen. Qualitative Evaluierung des Programms "Lebensweg inklusive". Kassel University Press (Kassel) 2016. ISBN 978-3-7376-0102-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22324.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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