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Wolf Rainer Wendt: Geschichte der Sozialen Arbeit 1

Cover Wolf Rainer Wendt: Geschichte der Sozialen Arbeit 1. Die Gesellschaft vor der sozialen Frage 1750 bis 1900. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. 475 Seiten. ISBN 978-3-658-15355-7. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Thema

In seiner auf zwei Bände angelegten Geschichte der Sozialen Arbeit erläutert Wolf Rainer Wendt im ersten Band in einer international vergleichenden Perspektive die Entwicklung der Sozialen Arbeit von 1750 bis 1900. Ideengeschichtliche, institutionelle und gesellschaftliche Einflüsse werden durchgängig quellengestützt aufgehellt und in ihrer Relevanz für das aktuelle Verständnis der Sozialen Arbeit erschlossen. Erzählt wird die Geschichte der Sozialen Arbeit in einer analytischen Strukturierung und Präzision, die ihresgleichen in den überwiegend eher kompilierenden Veröffentlichungen zu diesem Thema sucht.

Autor

Wolf Rainer Wendt war Professor an der heutigen Dualen Hochschule Baden Württemberg, dort Leiter des Ausbildungsbereichs Soziale Arbeit. Überdies ist er Honorarprofessor an der Universität Tübingen. Er zählt u.a. zu den Mitbegründern der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA), deren Vorsitzender er lange war. Neben der Geschichte der Sozialen Arbeit gehören das Case Management und die Sozialwirtschaft zu seinen zentralen Arbeitsgebieten. Wolf Rainer Wendt zählt ausweislich seiner umfangreichen Publikationen und seines vielfältigen Engagements zu den zentralen Repräsentanten der Sozialen Arbeit in Deutschland.

Aufbau und Inhalt

Die Breite der Argumentation, die zudem durch Tiefe, Sorgfalt und Dichte geprägt ist, macht es unmöglich, den Inhalt dieses monumentalen Werkes in wenigen Sätzen auch nur halbwegs angemessen zu skizzieren, vergröbernde Hinweise müssen insofern genügen.

In Band 1 der Geschichte der Sozialen Arbeit (zu Band 2 vgl. die Rezension) rekonstruiert Wolf Rainer Wendt in zwölf Kapiteln die vielfältigen Anlässe und gesellschaftlichen Bewegungen von 1750 bis 1900, die zur Entstehung der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession beigetragen haben. Breiten Raum nehmen hierbei der Pauperismus und die soziale Frage als ein europäisches Phänomen ein, die mit der voranschreitenden Industrialisierung, den Umbrüchen in der Arbeitswelt und der Urbanisierung einhergehen. Mit repressiven Maßnahmen, wie sie in zahlreichen Armenordnungen sowie den Zucht- und Arbeitshäusern zum Ausdruck kamen, ist es zu keiner Zeit gelungen, die Massenarmut zu überwinden.

Im weiteren Verlauf wurden zunehmend sozialpolitische Initiativen in Gang gesetzt, die zum sozialen Frieden beitragen sollten. Ein besonders prominentes Beispiel dafür ist die Sozialgesetzgebung Bismarcks im ausgehenden 19. Jahrhundert, die weitreichende Beachtung gefunden hat und als Grundlage der Sozialversicherung bis heute weiterwirkt. Mit Blick auf die Soziale Arbeit wurden zunehmend differenzierte Unterstützungsangebote entwickelt, in denen methodische Erwägungen immer mehr Bedeutung erlangten. Diese werden ausführlich gewürdigt, insbesondere die Charity Organization Societes mit ihren Ursprüngen in England und den USA einschließlich ihrer Vorläufer wie dem Elberfelder System, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt Elberfeld als eine quartiersbezogene, im Wesentlichen auf ehrenamtlichen Kräften basierende Armutsarbeit eingeführt wurde. Daneben wird die Settlement-Bewegung ausführlich behandelt, aus der grundlegende Impulse für die Gruppenarbeit und die Gemeinwesenarbeit hervorgegangen sind.

Diskussion und Fazit

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sozialen Arbeit erfolgt auf einem hohen historischen Niveau. Die übersichtliche Darstellung und die an jeder Stelle schnörkellose Sprache erleichtern die Lektüre des anspruchsvollen Textes. Wolf Rainer Wendt trägt mit seinem analytischen Zugang zur Geschichte der Sozialen Arbeit zu einer professionellen Identität bei, die der zuweilen mit ihrem Selbstverständnis hadernden Sozialen Arbeit gut tut.

Besonders verdienstvoll sind die umfangreichen Literatur- und Quellenangaben am Ende jedes Kapitels. Sie ermöglichen es, sich in Teilgebiete zu vertiefen, sei es in Eigenregie oder im Rahmen eines Studiums. Die vielfältigen Bezüge zur Geschichte der Sozialen Arbeit in westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten überschreiten eine immer noch vorherrschende deutsche Perspektive, die der Komplexität der Sozialen Arbeit nicht ansatzweise gerecht wird. Die Geschichte der Sozialen Arbeit kann einerseits, und das ist sehr zu empfehlen, als Monographie gelesen werden, andererseits ist sie auch kapitelweise in jeder Beziehung nachvollziehbar, so dass ihr Einsatz auch als historisches Nachschlagewerk uneingeschränkt möglich ist.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Ansen
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Zitiervorschlag
Harald Ansen. Rezension vom 28.02.2017 zu: Wolf Rainer Wendt: Geschichte der Sozialen Arbeit 1. Die Gesellschaft vor der sozialen Frage 1750 bis 1900. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-658-15355-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22325.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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