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Wolf Rainer Wendt: Geschichte der Sozialen Arbeit 2

Cover Wolf Rainer Wendt: Geschichte der Sozialen Arbeit 2. Die Profession im Wandel ihrer Verhältnisse. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 395 Seiten. ISBN 978-3-658-15434-9. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Thema

In der auf zwei Bände angelegten Geschichte der Sozialen Arbeit setzt sich Wolf Rainer Wendt im zweiten Band (vgl. auch die Rezension zum 1. Band) mit den Etappen der Professionsentwicklung seit 1900 unter besonderer Berücksichtigung der Entfaltung methodischer Ansätze in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. In dem bearbeiteten Zeitraum etablierte sich die Soziale Arbeit zunehmend als akademische Disziplin. Wolf Rainer Wendt greift die sehr unterschiedlichen Verläufe dieses langen Prozesses auf, der in Deutschland beispielsweise mit der Gründung der Sozialen Frauenschulen verbunden ist, während in westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten vielfach schon in der Anfangszeit der systematischen Ausbildung universitäre Studiengänge etabliert wurden.

Autor

Wolf Rainer Wendt war Professor an der heutigen Dualen Hochschule Baden Württemberg, dort Leiter des Ausbildungsbereichs Soziale Arbeit. Überdies ist er Honorarprofessor an der Universität Tübingen. Er zählt u.a. zu den Mitbegründern der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA), deren Vorsitzender er lange war. Neben der Geschichte der Sozialen Arbeit gehören das Case Management und die Sozialwirtschaft zu seinen zentralen Arbeitsgebieten. Wolf Rainer Wendt zählt ausweislich seiner umfangreichen Publikationen und seines vielfältigen Engagements zu den zentralen Repräsentanten der Sozialen Arbeit in Deutschland.

Aufbau und Inhalt

In der acht Kapitel umfassenden Geschichte der Sozialen Arbeit dominieren Aspekte der Professionsentwicklung im 20. Jahrhundert, die nicht ohne Rückgriff auf gesellschaftliche und (sozial-)politische Rahmenbedingungen angemessen verstanden werden kann. Entsprechend breit sind die Ausführungen in diesem Band konzipiert. Sie umfassen detaillierte Hinweise auf gemeinschaftsorientierte Perspektiven in der Sozialen Arbeit, wie sie u.a. in der Reformpädagogik zum Ausdruck kamen, die längst nicht nur auf Deutschland beschränkt war.

Umfänglich wird überdies die „Progressive Era“ in den USA behandelt, die mit weitreichenden Reformen in den Bereichen Fürsorge für Mütter, der Straffälligenhilfe, der Schulsozialarbeit oder der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen einhergingen. In diesem Zusammenhang wird der Ausbau der klassischen Methoden der Einzelfallhilfe, der Gruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit rekonstruiert.

Die weitere Methodenentwicklung mit ihren vielfältigen Verästelungen bis hin zum Case Management, zur therapeutischen Sozialarbeit und zu sozialmanagerialen sowie sozialwirtschaftlichen Konzepten stellt eine direkte und indirekte Ausdifferenzierung der frühen Methoden dar. Auf diesen Prozess strahlten immer wieder gesellschaftliche Entwicklungen aus, so insbesondere die seit Mitte der 1960er Jahre aufkommenden Reform- und Protestbewegungen, die zu einer gesellschaftskritischen Sozialen Arbeit geführt haben mit neuen Methodenansätzen, in denen demokratische und partizipative Elemente einen zentralen Platz einnehmen.

In jüngster Zeit strahlen die Globalisierung, neue Steuerungsformen und eine zunehmende Ökonomisierung auf die Soziale Arbeit und ihre Methoden aus. Die Wechselwirkungen zwischen politischen, gesellschaftlichen und professionellen Entwicklungen werden ausführlich rekonstruiert. Sie verdeutlichen, dass die Soziale Arbeit immer nur in ihren jeweiligen Kontexten verstanden werden kann.

Diskussion und Fazit

Die quellengestützte und in internationaler Perspektive durchgeführte Analyse der Professionalisierung der Sozialen Arbeit unterstreicht, dass Handlungsmethoden kein Eigenleben führen, sondern ein integraler Bestandteil der Sozialen Arbeit mit ihren Theorien, Institutionen, gesetzlichen Grundlagen und ihrer gesellschaftlicher Eingebundenheit sind. Die Soziale Arbeit, auch dies wird eindrucksvoll herausgestellt, befasst sich mit Menschen in ihren im weiteren Sinn gesellschaftlichen Bezügen. Eine Abwanderung auf der Methodenebene in die Psychotherapie wird dem professionellen Anspruch der Sozialen Arbeit nicht annähernd gerecht.

Im Verlauf der Professionalisierung beobachtet Wolf Rainer Wendt eine immer weitere Ausdifferenzierung der sozialarbeiterischen Handlungsmethoden. Dieser Prozess ist, wie die historische Analyse zeigt, unvermeidlich, nicht zuletzt, um Menschen in ihren mehrdimensional geprägten Lebenslagen wirksam unterstützen zu können. Die Soziale Arbeit erfährt eine Ausdehnung in ihrem gesellschaftlichen und politischen Auftrag, sie wird zu einer immer bedeutsameren Säule der Daseinsvorsorge mit ihren personenbezogenen sozialen Dienstleistungen.

Ein historisches Bewusstsein und Erinnerungsvermögen trägt wesentlich dazu bei, die Welt der Sozialen Arbeit nicht immer wieder neu erfinden zu wollen oder zu müssen. Die Profession Soziale Arbeit blickt auf eine beeindruckende Geschichte, deren Kenntnis zu einer Identität führt, die davor bewahrt, sich immer wieder in Imitationsidentitäten zu verabschieden. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Wolf Rainer Wendt liefert dafür unverzichtbare Einsichten, die er ohne jedes Pathos, dafür aber äußerst solide recherchiert und einladend formuliert in den Diskurs in und über die Soziale Arbeit einbringt.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Ansen


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Zitiervorschlag
Harald Ansen. Rezension vom 28.02.2017 zu: Wolf Rainer Wendt: Geschichte der Sozialen Arbeit 2. Die Profession im Wandel ihrer Verhältnisse. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-658-15434-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22326.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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