socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Elisabeth Richter, Teresa Lehmann u.a.: So machen Kitas Demokratiebildung

Cover Elisabeth Richter, Teresa Lehmann, Benedikt Sturzenhecker: So machen Kitas Demokratiebildung. Empirische Erkenntnisse zur Umsetzung des Konzepts „Die Kinderstube der Demokratie“. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 278 Seiten. ISBN 978-3-7799-3415-8. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Erlernen von Demokratie ist ein wichtiger Bestandteil der politischen Sozialisation von jungen Menschen. Demokratie ist die einzige Lebensform, die erlernt werden muss (Oskar Negt); und zwar deshalb, weil der anthrôpos, der Mensch, ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, wie wir dies in der anthropologisch-aristotelischen Philosophie gelernt haben. Kinder und Demokratie sind demnach eineiige Zwillinge (Yvonne Blöcker / Nina Hölscher, Hrsg., Kinder und Demokratie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17953.php). Sie bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit im Erziehungs- und Bildungsprozess. Das ist, betrachtet man die erziehungs-, politikwissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Diskurse um die politische Bildung der Menschen, nicht selbstverständlich; wird doch in der Politikdidaktik den frühen Kindheitsjahren (bisher) keine allzu große Bedeutung zugemessen.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Diesen Defiziten wird u. a. mit dem schleswig-holsteinischen Landesmodellprojekt „Die Kinderstube der Demokratie“ begegnet, das in den Jahren 2001 – 2003 stattfand. Der Verein und anerkannte Träger der freien Jugendhilfe, das „Institut für Partizipation und Bildung“ in Kiel, hat mit dem von 2013 – 2016 durchgeführten bundesweiten Forschungsprojekt „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“ aufgewiesen, dass eine demokratische Entwicklung in einer freien, pluralistischen und multiethnischen Gesellschaft ganz früh beginnen und gefördert werden muss, und zwar in den alltäglichen und lebensweltlichen Prozessen des Auf- und Hineinwachsens in das demokratische Gemeinschaftsleben der Menschen. Mit dem Begriff „Kinderstube der Demokratie“ werden diese politischen Herausforderungen markiert, als eines der grundlegenden Selbst- und Mitbestimmungsrechte von allen Menschen in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft und „Partizipation als das demokratische Recht von Kindern…, in sie betreffenden Angelegenheiten selbst- oder mitzuentscheiden“.

Das Forschungsprojekt wurde von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Elisabeth Richter und Teresa Lehmann und vom Erziehungswissenschaftler Benedikt Sturzenhecker, alle von der Universität Hamburg durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung in die Thematik und wissenschaftlichen Fragestellungen wird der Abschlussbericht des Forschungsprojektes in weitere zehn Kapital gegliedert:

  1. „Die Kinderstube der Demokratie“ – Eckpunkte eines Konzepts zur Eröffnung von Demokratiebildung von Kindern.
  2. Forschungsstand: Demokratische Partizipation in Kindertageseinrichtungen.
  3. Demokratie und Bildung.
  4. Das Programm des Forschungsprojektes „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“.
  5. Wie wird demokratische Partizipation in Kindertageseinrichtungen hergestellt?
  6. Können Kinder deliberative Demokratie?
  7. Wie zufrieden sind Kinder mit der demokratischen Praxis?
  8. Empirische Gelingensbedingungen für deliberative Demokratie in Kindertageseinrichtungen.
  9. Kommentare der Beiratsmitglieder – das folgt aus den Ergebnissen.
  10. Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen – ein Fazit.

Das beim Kieler Institut für Partizipation und Bildung entwickelte, didaktische, frühkindliche Handlungskonzept „Die Kinderstube der Demokratie“ wird von den Vorstandsmitgliedern und Sozialwissenschaftlern Rüdiger Hansen und Raingard Knauer vorgestellt. Sie weisen darauf hin, dass es nicht die alleingültige Demokratiepraxis in Kitas gibt, weil „Demokratie von Kindern nur im konkreten Alltag erfahren und von pädagogischen Fachkräften unter den spezifischen Bedingungen ihrer Einrichtung gestaltet werden kann“. Sie zeigen auf, dass die mit dem pädagogischen Konzept der „Kinderstube der Demokratie“ entwickelten Aspekte hilfreich sein können, Demokratieerfahrung in den je konkreten Situationen und Arrangements in der Kita zu erleben.

Ein Überblick über die in der professionellen, theoretischen und praktischen Frühpädagogik vorliegenden, wissenschaftlichen Erkenntnisse über Partizipationsaufmerksamkeiten und Konzepte verdeutlicht, dass es sich dabei um ein junges Forschungsfeld handelt, das in der Aus-, Fortbildung und pädagogischen Praxis eine stärkere Beachtung erfordert und nach Antworten verlangt, „wie die demokratische Partizipation in der alltäglichen Wirklichkeit von Kitas, die ihre pädagogische Arbeit an dem Konzept ‚Die Kinderstube der Demokratie‘ ausrichten, realisiert wird“.

Elisabeth Richter, Helmut Richter, Benedikt Sturzenhecker, Teresa Lehmann und Moritz Schwerthelm fassen die strukturellen, institutionellen und pädagogischen Diskussions- und Kooperationsverläufe zusammen und subsumieren die Theorie- und Praxisaspekte unter dem Begriff „deliberative Demokratie“, bei der das Prinzip „Demokratie als Lebensform“ durch einen gleichberechtigten Austausch von Meinungen und Einstellungen möglich und pädagogisch wirksam wird.

Die erkenntnisleitenden Fragen, die dem Forschungsprojekt zugrunde liegen, lauten:

  • „Wie wird demokratische Partizipation in Kindertageseinrichtungen mit Verfassung hergestellt?“
  • „Können die Kinder deliberative Demokratie?“
  • „Wie zufrieden sind die Kinder mit der demokratischen Praxis?“.

Das Forscherteam hat dazu sechs Kitas in mehreren Bundesländern analysiert. Inwieweit sich dabei (Nach-)Fragen oder Imponderabilien ergeben, dass die Beteiligten bei den beforschten Einrichtungen im Abschlussbericht des Forschungsprojektes nicht namentlich genannt werden wollen und dadurch die Forscher genötigt waren, anonymisierte Benennungen, wie z. B.: „Kinderland“, „Spatzennest“, „Pöppenteich“, „Rappelkiste“, „Zwergenland“ und „Hanna Lucas“, vorzunehmen (etwa die Frage nach dem Selbstbewusstsein von „professionellen“ Beschäftigten in den Kitas), stellt sich dem Rezensenten – findet aber im Bericht keine Antwort!

Die Begriffsbestimmungen, die bei partizipativer und deliberativer Demokratie benutzt werden, sind darauf angewiesen, welches Demokratieverständnis in den Einrichtungen vorherrscht. Sie bedürfen der genauen Betrachtung und Analyse, die (Auftrags- und institutionelle) Forschung als Prozess und Aktivität gleichzeitig zur Aktions- und Fortbildungsforschung macht.

„Der Mensch (ist) zur lebensweltlich-sozialen Integration existentiell auf kommunikatives Handeln angewiesen“, was zur Folge hat, dass Demokratie als eine der bestmöglichen Lebensformen auf kognitive, emotionale und empathische Wertvorstellungen und Erfahrungen gründen muss. Es sind Tugenden, die im (lebenslangen) Erziehungs- und Bildungsprozess eingeübt und erlebt werden müssen, wie: „Konzentrationsfähigkeit – Erinnerungsfähigkeit – Kompetenzfähigkeit – Fähigkeit, sich an demokratische Regeln zu halten – Verantwortungsfähigkeit“. Die Forschungsergebnisse verdeutlichen: „Kinder können deliberative Demokratie unter Anleitung!“.

Der Wert „Zufriedenheit“ bedarf in den Aufgeregtheiten, dem Momentanismus, den Unverbindlichkeiten und Zufälligkeiten des interdependenten gesellschaftlichen Lebens eine besondere Beachtung. Die Forschungsergebnisse vermitteln ein positives Bild davon, „dass Vorschulkinder demokratische Partizipation gerne und kompetenz praktizieren und daher zufrieden sind mit den Interaktionsformen, den Rechten, Verfahren und Gremienstrukturen, die ihrer Meinung Respekt und … Geltung verschaffen“.

Die zahlreichen Ergebnisse, wie sie empirisch für deliberatives Denken und Verhalten in den untersuchten Kitas ermitteln wurden, verdeutlichen die nicht überraschenden Erkenntnisse, dass deliberative demokratische Einstellungen und Verhaltensweisen darauf angewiesen sind, mit welchem Selbstverständnis, welcher Intensität, Konsequenz und institutionellen Strukturen „eine dialogische und partizipative Haltung der Fachkräfte … die Demokratiepraxis in den Kitas immer weiter ausprägt“.

Bei vorliegenden (empirischen) Forschungsergebnissen stellt sich zwangsläufig die Frage: „So what?“. Es können Lösungsansätze sein, Perspektivenwechsel, Revisionsanlässe und Anregungen für Ausbildung, Fortbildung und Praxis sein. Die beim Forschungsprojekt beteiligten Beiratsmitglieder fragen im Schlussbeitrag: „Was folgt aus den Ergebnissen?“. Die Leiterin der Kindertageseinrichtung „Deelbögenkamp“ und Fachberaterin für Partizipation von „Kinderwelt Hamburg e.V.“, Malika Boukhedcha, rät zu: „Mehr Demokratie entwickeln“; die Sozialwissenschaftlerin von der Fachhochschule Kiel, Sylvia Kägi, bestätigt: „Demokratisches Alltagshandeln ist professionelles Handeln in der Kindertageseinrichtung“; der Hamburger Referent beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, Martin Peters, plädiert dafür, sich des eigenen Anspruchs bewusst zu sein, die Meinung der Kinder wichtig und ernst zu nehmen; die Erziehungswissenschaftlerin Ulrike Voigtsberger weist darauf hin, dass in der Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften politische und Demokratiebildung unverzichtbar ist; und der Geschäftsführer der Peter Gläsel Stiftung, Stefan Wolf, mahnt einen Perspektivenwechsel dahingehend an, dass „Partizipation von Kindern mehr ist als Demokratieerziehung“.

Fazit

Das Forschungsprojekt „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“ bestärkt das pädagogische, anthropologische und gesellschaftspolitische Bewusstsein, dass demokratische Partizipation für eine gelingende, individuelle und gemeinschaftsbildende Identität unverzichtbar ist und ganz früh beim Bildungs- und Erziehungsprozess der Menschen beginnen muss. Die bundesweit in ausgewählten Kindertageseinrichtungen ermittelten Ergebnisse, wie Demokratiebildung bereits in der frühen Kindheit gelingen kann und welche personellen, berufsspezifischen, institutionellen Bedingungen und Voraussetzungen dafür notwendig sind, vermitteln einen (neuen) Blick darauf, „dass bereits Kinder in Kindertageseinrichtungen gekonnt und engagiert Demokratie praktizieren, wenn sie die Möglichkeit zum Mit-Reden, Mit-Handeln und Mit-Verantworten erhalten“.

In der Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit, in der Aus- und Fortbildung von pädagogischen Kräften, in der pädagogischen Früh-Erziehung und in der politischen Bildung gilt es, diese Fragestellungen und Ergebnisse aufzunehmen und zu einem demokratischen Selbstverständnis weiter zu entwickeln!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1202 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.04.2017 zu: Elisabeth Richter, Teresa Lehmann, Benedikt Sturzenhecker: So machen Kitas Demokratiebildung. Empirische Erkenntnisse zur Umsetzung des Konzepts „Die Kinderstube der Demokratie“. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3415-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22328.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!