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Ursula Stenger, Doris Edelmann u.a. (Hrsg.): Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit

Cover Ursula Stenger, Doris Edelmann, David Nolte, Marc Schulz (Hrsg.): Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit. Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-3476-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Herausgeber/innen

  • Dr. phil. Ursula Stenger ist Professorin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Kindheit und Familie an der Universität zu Köln.
  • Dr. phil. Doris Edelmann ist Leiterin des Instituts Bildung und Gesellschaft der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.
  • David Nolte (MA), war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft Fachgebiet Elementarpädagogik/Frühkindliche Bildung an der Universität Osnabrück.
  • Dr. phil. Marc Schulz ist Professor für Soziologie der frühen Kindheit und Familie an der Technischen Hochschule Köln.

Thema

Die Autorinnen und Autoren des Buches beschäftigen sich mit theoretisch-systematischen und empirischen Zugängen zu Fragen der sozialen Differenz mit Blick auf die Kindheitspädagogik.

Die Beiträge dieses Bandes wurden auf einer Tagung der Kommission „Pädagogik der frühen Kindheit“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) im März 2015 an der Universität zu Köln präsentiert.

Aufbau und Inhalt

Die 16 Beiträge des Buches können zu vier Schwerpunkten zusammengefasst werden.

Die ersten vier Beiträge dienen der theoretischen Klärung und einer Systematisierung. Ulrike Hormel diskutiert die Begriffe Heterogenität, Diversity, Intersektionalität, Ursula Stenger stellt diesbezüglich Theorieansätze und Forschung im Kontext Frühe Kindheit vor und plädiert für einen phänomenologischen Zugang undCornelie Dietrich diskutiert Homogenität als kulturelle Fiktion und als empirische Herausforderung. Markus Dederich greift ein Dilemma der Behindertenpädagogik auf, das Spannungsfeld zweier werthaltiger Grundorientierungen zwischen dem Verzicht auf einen kategorisierenden Blick auf Schädigungen und Beeinträchtigungen und der Notwendigkeit dieses Blickes für die Identifikation und (präventiven) Bearbeitung von Entwicklungsrisiken.

In den weiteren Beiträgen geht es um Formulierungen und Verständnis von Differenzlinien und der Auswirkungen und Umsetzungen in der Praxis.

Der folgenden fünf Beiträge werden unter der Überschrift „Politik und Institutionen“ zusammengefasst und dargestellt und diskutiert, wie soziale Differenz konstruiert und dann alltagswirksam wird. Dazu werden zukünftige Forschungsbedarfe formuliert (Kerstin Jergus), die Thematisierung in den Bildungsplänen der Länder analysiert (Sarah Meyer) und Ergebnisse von Forschungsprojekten vorgestellt und diskutiert, bei denen Erzieherinnen, Leitungskräfte und Eltern befragt wurden: Es werden die programmatischen Ansprüche, deren Umsetzung und Brüche in einer Kita in einem sozialen Brennpunkt und in einer hochpreisigen Einrichtung (Marius Mader und Johanna Mierendorff) verglichen und die Differenzkonstruktion im Zusammenhang mit dem Erleben als Herausforderung oder Belastung mit dem Habitus der pädagogischen Fachkraft (Differenzlinien Leistung und Entwicklung) verknüpft (Tanja Betz und Stefanie Bischoff) sowie als historisch-kulturelle Konstruktion (mit den Differenzlinien kulturelle Zugehörigkeit und Generation; Friederike Schmidt) dargestellt und diskutiert.

Im nächsten Teil sind Beiträge zu den Themen Migration und Behinderung zusammengefasst. Julia Seyss-Inquart zeigt, wie sich politisches Sprechen über Kindertagesstätten in Österreich zwischen 1960 und 2010 veränderte und welche Differenzmarkierungen typischerweise bzgl. Kinder, pädagogisches Personal und Eltern bedeutsam waren. Anschließend wird wieder aus einem Forschungsprojekt berichtet, in dem exemplarisch an einer kurzen Gruppendiskussionssequenz das analytische Vorgehen aufgezeigt wird (kulturelle Differenz: islamisch/muslimisch; Gerald Blaschke-Nacak und Oktay Bilgi). In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts gehen Liane Pluto und Eric van Santen der Frage der Aufnahme von behinderten Kindern in Kindertageseinrichtungen nach und erörtern Voraussetzungen und Barrieren der Inklusion. Abschließend beschreibt Sven Werner in einem geschichtlichen Abriss den pädagogischen Umgang mit Krankheits- und Störungsbildern hin zu einer Medizinisierung sozialer Problemlagen.

Den letzten Teil (Sprache und Geschlecht) eröffnet Nathalie Thomauske; sie beschreibt (vor allem im deutsch – französischen Vergleich) den Umgang mit der Normsprache und anderen Sprachen im Kindergartenalltag. Dieses Thema wird auch im Beitrag von Kathrin Brandenberg, Melanie Kuhn, Sacha Neumann und Luzia Tinguely aufgegriffen, die über Feldbeobachtungen zur institutionellen Sprachwirklichkeit in konzeptuell bilingualen Settings in der Westschweiz berichten. Abschließend reflektiert Melanie Kubandt über ihre eigene Rolle als Geschlechtsforscherin in empirischen Untersuchungen und zeigt dies auch an Beispielen ihrer Promotionsstudie.

Diskussion

Der Verweis auf Diversität gehört zur aktuellen Diskussion um frühkindliche Bildung, vor allem werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich Geschlecht, Ethnie oder soziale Differenz angesprochen.

Nach einer theoretischen Klärung und Systematisierung werden, orientiert an grundlagentheoretischen Überlegungen, zu einzelnen Differenzlinien empirische Fragestellungen entwickelt und die Vorgehensweise differenziert veranschaulicht. Die Daten wurden häufig durch Einzelbefragungen und Gruppendiskussionen gewonnen. Es wird bei den besprochenen Differenzlinien deutlich, wie sie konstruiert werden und wie sie normative Kraft bekommen.

Im Bereich der Behinderung finde ich die Beiträge von Dederich sowie Pluto und van Santen sehr wichtig, die betonen, dass es für die Identifikation und Bearbeitung von Entwicklungsrisiken auch des Blickes auf das Kind, nicht nur auf seine Umwelt braucht, und ein Herausarbeiten der Differenzierungen Voraussetzung einer Inklusion ermöglichenden Praxis ist.

Insgesamt werden der Stand der fachspezifischen Diskussion und die empirische Herangehensweise deutlich. Lesenswert.

Fazit

Die Beiträge des vorliegenden Buches wurden auf einer Tagung präsentiert. Die thematische Gliederung, thematische Klärung und Systematisierung und anschließende Besprechung von Differenzlinien, Differenzherstellung und Differenzpraktiken in den Bereichen Politik und Institutionen, Migration, Behinderung, Sprache und Geschlecht ist gut gelungen und anregend.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 26.05.2017 zu: Ursula Stenger, Doris Edelmann, David Nolte, Marc Schulz (Hrsg.): Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit. Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3476-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22329.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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